Mein wahrer Name ist Elisabeth
auf der Suche nach einer Totgeschwiegenen

Berlin Verlag, Berlin 2026
ISBN
9783827015426
Gebunden, 432 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Sula Textor. Da ist dieses kleine Bild, ein Passfoto in einem Karton mit Familienpapieren. Sonst war Élisabeth nur eine Peinlichkeit, ein schmerzliches Gerücht, das hinter vorgehaltener Hand weitergegeben wurde. Weggesperrt, lobotomiert, gestorben. Erst ihre Urenkelin beschließt, Nachforschungen zu dieser Frau ohne Geschichte anzustellen, auch weil sie befürchtet, selbst "verrückt zu werden". Sie trägt Briefe, Diagnosen, Interviews und jede Menge Schweigen zusammen. Und bringt so den verheerten Körper einer Frau und die kollektiv betäubte Erinnerung und die verletzten Seelen von Generationen ans Licht.
Zum
Übersetzungs-Journal
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 05.10.2026
In Frankreich hat Adèle Yons Buch Furore gemacht, und auch Rezensentin Ann-Kristin Tlusty empfiehlt diesen Text als "aufwühlende Lektüre. Yon geht darin dem Schicksal ihrer psychisch kranken Urgroßmutter Betsy nach, die wegen Schizophrenie einer Lobotomie unterzogen wurde, jener grausamen Methode der Psychochirurgie, bei der Patienten die Frontallappen des Großhirns gekappt werden. Tlusty folgt der Autorin bei ihrer Spurensuche in der Familie, in Kliniken und Archiven ebenso wie bei den Spekulationen darüber, ob ihre Urahnin vielleicht gar nicht krank, sondern einfach nur eigenwillig gewesen sei. Den großen Erfolg des Buches erklärt sich die Rezensentin nicht unbedingt mit seinen literarischen Qualitäten, die ließen Wünsche offen, sondern mit seiner populär-feministischen Haltung, die in der Lobotomie ein weiteres Werkzeug patriarchaler Gewalt erkennt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 21.09.2026
Rezensentin Annabelle Hirsch lernt mit dem Buch von Adele Yon, dass man sich von seinen Geistern befreien kann. Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer schizophrenen Urgroßmutter und erkundet den "Fluch" und die Angst vor einer Erkrankung, die an die Frauen der Familie weitergereicht werden. Nebenher erzählt Yon auch die Geschichte der Psychiatrie in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, so Hirsch. Beeindruckend findet die Rezensentin, wie Yon die beiden Ebenen miteinander verschränkt, hier die Familiengeschichte in Briefen und Fragmenten, dort die medizinischen Gutachten und historische Abrisse. Für Hirsch entsteht ein Bild, das für alle Frauen Gültigkeit besitzt. Die literarische Verarbeitung von Yons Doktorarbeit findet Hirsch insofern überzeugend.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2026
Dass die Autorin am Schluss des Bandes ihrer Wut freien Lauf lässt, findet Rezensent Niklas Bender schade. Alles, was Adele Yon zuvor über ihre Urgroßmutter aufschreibt, die als junge Frau von der patriarchalisch gepägten Familie wegen einer diagnostizierten Schizophrenie in die geschlossene Anstalt abgeschoben wird, findet er dagegen lesenswert, als Beitrag zu MeToo, aber auch als kritische Rekonstruktion eines Frauenlebens und psychiatrischer Behandlungen Mitte des 20. Jahrhunderts. Dass Yons Urgoßmutter vor allem wegen ihres starken Charakters "bestraft" wurde, diesen Vorwurf macht Yon laut Bender in einer "suggestiven" wie überzeugenden Collage aus wissenschaftlicher Abhandlung, Autobiografie und bedrückenden Zeugnissen aus dem Familienarchiv. Wenn die Argumentation gegen Ende des Buches "schlichter" wird, so ist das auch den sich öffnenden familiären Abgründen geschuldet, findet Bender.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 29.07.2026
Rezensentin Sophia Zessnik annonciert ein wichtiges Buch mit dieser Mischung aus Literatur, Autobiografie und wissenschaftlicher Recherche der Französin Adele Yon. Yon fürchtet mit Mitte zwanzig, dem Wahnsinn zu verfallen, weil ihre Urgroßmutter Betsy in den Fünfzigern mit Schizophrenie diagnostiziert wurde und siebzehn Jahre lang in der Psychiatrie festgehalten wurde. Die Autorin beginnt zu recherchieren, durchforstet Briefe und Krankenakte, fasst das Material nie chronologisch, sondern in eigenem Rhythmus zusammen und schreibt darüber zugleich ihre Doktorarbeit, staunt die Kritikerin. Abgesehen von einigen etwas langen medizinhistorischen Passagen bewundert Zessnik vor allem, wie Yon das individuelle Schicksal der Ururgoßmutter, die einer Lobotomie unterzogen wurde, in einen größeren politischen Kontext setzt: Frauen, die sich den patriarchalischen Strukturen widersetzten, wurden mitunter als krank diagnostiziert und Lobotomien ausgesetzt, damit sie "geistig verkümmerten" und wieder in die "soziale Ordnung" eingegliedert werden konnten. Ein ergreifendes Buch ganz ohne Sentimentalität, schließt die Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 09.07.2026
Einen echten Pageturner sieht Rezensentin Marie Schoeß in Adèle Yons Familiengeschichte: Die Ich-Erzählerin wird kurz nach ihrem 18. Geburtstag von ihren Großeltern zum Gespräch gebeten, nachdem sie Cannabis geraucht hat. Die Großeltern, so erfahren wir, erklären ihr, es gebe psychische Vorbelastungen in der Familie, ohne das genauer zu erklären. Die Ich-Erzählerin macht sich auf die Suche und findet heraus, dass ihre Urgroßmutter jahrzehntelang in der Psychiatrie einsaß und lobotomisiert wurde. Für Schoeß ist hier besonders überzeugend, dass Yon hier nicht einfach eine kranke Frau für eine spannende Erzählung ausnutzt, sondern darüber reflektiert, was es im 20. Jahrhundert bedeutete, eine Frau in den Fängen der Psychiatrie zu sein und sich fragt, wie sich davon erzählen lässt. Das ist so feinsinnig wie fesselnd erzählt, findet die Kritikerin, ein paar schiefe Sprachbilder fallen da kaum ins Gewicht.