Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Magazinrundschau

Hexenkessel der Debatte

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.

15.09.2009. In The Atlantic erklärt Robert D. Kaplan, warum er lieber Al Dschasira sieht als CNN oder BBC. Und Mark Bowden läutet das Zeitalter des Postjournalismus ein. In Tygodnik Powszechny erklärt der Theaterregisseur Jan Klata den Raubtierkapitalismus mit einem hundert Jahre alten Roman. Im Espresso schwingt sich John Berger aufs Motorrad. In Elet es Irodalom wünscht sich der Historiker Miklos Mitrovits, die Russen würden aufhören, den Zweiten Weltkrieg zur imperialen Machtdemonstration zu nutzen. In der New York Times versteht Leon Wieseltier nicht, warum Juden wie Episkopale wählen sollen.

The Atlantic (USA), 01.10.2009

Bild zum ArtikelDer Auslandsreporter Robert D. Kaplan schickt eine Liebeserklärung an den englischsprachigen Dienst von Al Dschasira: "Die Tatsache, dass Doha, die Hauptstadt von Katar, nicht die Hauptstadt einer Großstadt ist, erleichtert es Al Dschasira, sich auf alle vier Ecken der Welt gleichermaßen zu konzentrieren, statt nur auf die Brennpunkte imperialer oder postimperialer Interessen. Sender wie CNN oder BBC berichten weniger über das Ausland als vielmehr über die Auswirkungen, die die kollektiven Obsessionen Washingtons oder Londons im Ausland haben. Und sie heben oft Leute hervor, die zwar hervorragende Referenzen, aber wenig zu sagen haben. Al Jazeera dagegen hat den Dreh raus, Leute vors Mikrofon zu holen, die interessante Dinge sagen, wie den brillanten, unbekannten russischen Analysten, der erklärt hat, dass Russland und China das nordkoreanische Regime gleichermaßen brauchen, weil es einen Pufferstaat gegen das freie und demokratische Südkorea bildet."


Der Zusammenbruch des Journalismus in den USA hat Platz geschaffen für eine neue Spezies von Reportern, meint Mark Bowden und beschreibt das am Beispiel der beiden Videos mit Auszügen von Reden, die die Richterin Sonia Sotomayor vor ihrer Berufung zum Obersten Gericht vor Studenten gehalten hat (das eine findet man hier, das andere scheint aus dem Netz verschwunden zu sein.) Die Videos waren von einem Blogger ausgegraben, veröffentlicht und dann von allen großen Fernsehanstalten übernommen worden - ohne den Gesamtzusammenhang zu recherchieren und vor allem ohne die Quelle (das Blog VerumSerum.com) zu nennen. Für Bowden ist die Vorgehensweise des Bloggers "postjournalistisch. Sie sieht Demokratie, schon der Definition nach, als immerwährenden politischen Kampf. Die Rolle des Bloggers ist es, seiner Seite zu helfen. Verzerrungen und Ungereimtheiten, Fehlurteile, fehlender Kontext - all das zählt nur wenig, weil diese Sünden von beiden Seiten begangen werden, am Ende ist man meist quitt. Niemand hat mit irgendetwas Recht, egal wie sicher er zu sein behauptet. Die Wahrheit ist etwas, das sich im Hexenkessel der Debatte entwickelt. Nein, nicht Wahrheit: Sieg, denn gewinnen ist viel wichtiger als Recht haben. Macht ist die größte Errungenschaft. Daran ist nichts neu. Wir haben es nur nie für Journalismus gehalten."

Außerdem: "Gebt nicht dem Internet die Schuld am Niedergang der großen Medienkonzerne. Gebt unfähigen Geschäftsführern die Schuld", rufen Jonathan A. Knee, Bruce C. Greenwald und Ava Seave. In einem Offenen Brief bittet Andrew Sullivan George W. Bush, die Verantwortung für die Folterungen unter seiner Präsidentschaft zu übernehmen. Und Christopher Hitchens findet Jon Stewart, Al Franken und Stephen Colbert so selbstgefällig, dass er darüber jeden Humor verliert.

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Tygodnik Powszechny (Polen), 13.09.2009

Bild zum ArtikelVor über hundert Jahren beschrieb Wladyslaw Reymont in seinem Roman "Das gelobte Land" (1898) am Beispiel der damaligen Textilmetropole Lodz wie der "Raubtierkapitalismus" im Kern funktioniert. 1974 hat Andrzej Wajda hat den Roman verfilmt, und jetzt hat ihn der Theaterregisseur Jan Klata fürs Theater bearbeitet und dabei nichts beschönigt", wie er im Interview versichert. "Man muss sich klar machen, was passiert ist, als im 19. Jahrhundert der Geist aus der Flasche gelassen wurde. Wie er sich immer mehr dematerialisiert, immer mehr von der von Reymont beschriebenen Fabrik getrennt wird, und zu einem Versprechen, einer puren Vision wird. All diese Betriebe sind doch heute geschlossen, und in etwas anderes verwandelt worden. Wir haben es hier mit einer Flucht von der Produktion zur Dienstleistung, von der Dienstleistung zum Konsum zu tun. In diesem Kontext wird der Titel 'Das gelobte Land' immer bedrohlicher - das Versprechen neuer Länder, neuer Attraktionen, neuer Wirklichkeit wird immer illusorischer: ein Wechsel ohne Deckung, eine Art Junk-Aktie". (Die Inszenierung kommt im Frühjahr 2010 nach Berlin, bei der Nachtkritik gab es bereits eine Kritik der Lodzer Premiere.)


Denkbar gelangweilt war Michal Olszewski von den Gedenkfeiern zum Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs: immer die gleichen Rituale. Gleichzeitig, so Olszewski, findet eine Banalisierung der historischen Erzählung statt. Während die letzten Zeitzeugen abtreten, nehmen Inszenierungen verschiedener Art einen immer wichtigere Rolle in der öffentlichen Darstellung der Kriegsereignisse ein. "Nicht mehr die Veteranen in Schulen, nicht Gedenksäle oder vergessene Museen für die Heldentaten der polnischen Armee gestalten unser historisches Bewusstsein. Je mehr Jahre vergehen, desto weniger Tabus bleiben, desto weniger Ereignisse, vor denen man die Augen verschließen möchte, desto weniger Worte, die man nicht auszuprechen vermag. Der Krieg wurde zum Spielfeld der Interpretationen, mit manchmal dummen, manchmal gnadenlosen Spielen. Was früher als Blasphemie galt, ist heute ein Scherz von kurzer Lebendauer, ein Diskussionsthema oder Antrieb für patriotische Gefühle. Die Grenzen dessen, was in der Kriegserzählung erlaubt ist, verschwimmen langsam."

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Rue89 (Frankreich), 12.09.2009

Auch in Frankreich gibt es Polemik ums Internet, das der (in anderen Dingen hellsichtigere) Philosoph Alain Finkielkraut als "Mülleimer der Information" bezeichnete und das ausgerechnet von Journalisten in Staatssendern wegen mangelnder Recherchen kritisiert wird - als seien nicht gerade die französischen Medien berühmt fürs kommunikative Schweigen über nicht genehme Informationen. Pierre Haski hält in rue89 dagegen. "Ich glaube, dass die geschätzten Kollegen lieber im Irrtum verharren statt zuzugeben, dass sie die Epoche des stillschweigenden Einverständnisses und der kleinen Gefälligkeiten bei weitem lieber mochten. Wenn das Internet etwas angerichtet hat, dann doch einen Aufruhr in einer abgeriegelten Welt, die in den Augen der Franzosen aus gutem Grund so schlecht dastand. Und das ist gut so: für die Presse, für die Journalisten, für die Information."

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The Guardian (Großbritannien), 12.09.2009

John Banville hat einen weiteren, gerade ins Englische übersetzten Roman von Roberto Bolano gelesen: "Amulet", mit nicht einmal 200 Seiten geradezu eine Kurzerzählung für Bolanos Verhältnisse. Es geht um das Massaker, das Militärs 1968 unter Studenten der Universität von Mexiko City anrichteten, und Banville ist wieder sehr begeistert. "Bolanos Ton ist einzigartig. Zu sagen, seine Bücher hätten eine traumgleiche Qualität vermittelt nur einen dürftigen Sinn für die Art, wie sich der Autor zwischen einer traumartigen Widlheit und seltsam konkreten Beobachtungen aus Lateinamerikas körniger Alltagsrealität bewegt. Ein wohlmeinender Kritiker verglich diese Methode geistreich mit einem Zusammenschnitt aus weißem Rauschen und epiphaniegleichen Absätzen. Bolanos scheint von dem ganzen literarischen Ballast, den er tragen muss, genauso abgestoßen zu sein wie Beckett, und er ist permanent an dem Punkt, alles hinzuschmeißen, sich noch eine Zigarette anzuzünden und seiner Wege zu gehen."


Weiteres: Ein Jahr nach dem großen Crash hat Peter Clarke etliche Bücher zur Krise gelesen, die ihn allesamt enttäuscht haben und nach Rahm Emanuels Motto funktionierten: "Never let a good crisis go to waste" (Clarke empfiehlt Keynes). Philip Oltermann hat gar nicht ungern gelesen, wie der  deutsche Fußballreporter Raphael Honigstein die Mythen des "Englischen Fußballs" zerpflückt - sowie "einige nationale Eigenheiten in Bezug auf Sex (unterdrückt), Gefühle (verklemmt), Klasse (immer präsent), Reichtum (heuchlerisch) und Religion (alles durchdringend)". Von wegen bad seeds: Michel Faber entdeckte in Nick Caves neuem Roman "The Death of Bunny Munro" nicht nur Hinweise, dass Cave ein richtig guter Schriftsteller wird, sondern auch die Hoffnung, dass die "nächste Generation wohlgesinnter, vernünftiger und weniger beschädigt als die letzte". Christopher Tayler unterhält sich ausführlich mit dem Autor William Boyd, der gerade seinen zehnten Roman, den Thriller "Ordinary Thunderstorms", herausgebracht hat.

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L'Espresso (Italien), 11.09.2009

Bild zum ArtikelDer britische Schriftsteller John Berger erklärt im Interview, warum er das Motorradfahren liebt: Es erinnert ihn ans Zeichnen. "Eigentlich gefällt es mir immer besser: Die Liebe zum Motorrad scheint mir immer mehr mit meiner Leidenschaft für das Zeichnen zu tun zu haben. In beiden Fällen geht es darum, eine Linie zu ziehen auf einem Untergrund, der einem Widerstand entgegenbringt. Und wie die Hand dem Blick folgt, so tut es das Motorrad. Falls man sich ablenken lässt und eine Mauer betrachtet, fährt man rein. Das Zeichnen erfordert große Konzentration und auch beim Motorradfahren muss man auf Dutzende Sachen gleichzeitig achten." Hier kann man einen kurzen Ausschnitt aus dem Gesprächsmitschnitt anhören, den Codacci-Pisanelli gemacht hat. Berger live also.

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Przekroj (Polen), 10.09.2009

Bild zum ArtikelDer Rocksänger Pawel Kukiz hat schon über die Klerikalisierung Polens, die Machenschaften der Postkommunisten und über Erika Steinbach gesungen. Jetzt hat er ein Lied über die sowjetische Besatzung Polens im September 1939 und das Massaker von Katyn geschrieben. Im Interview erklärt er, warum: "Das Lied ist sehr persönlich, es ist weder historisch noch patriotisch, nur meinem Großvater gewidmet, der von den Sowjets in Lemberg ermordet wurde. (...) Dieser Krieg lebt noch in mir, denn ich glaube, dass seine Opfer nicht nur die Generation meiner Großeltern, Eltern, sondern auch meine Generation ist. Meine Eltern tragen den Krieg in sich nicht als Martyrologie, sondern in der Psyche. Wenn ich überlege, warum mein Vater so selten lächelt, irgendwie so kalt ist... Das wird übertragen".


Außerdem: Quentin Tarantinos Film "Inglourious basterds" kommt jetzt auch in Polen in die Kinos. In einem Porträt des Regisseurs erklärt Maciej Jarkowiec vorweg: "... diesen Film sollte man sehen, nur ist da kein bisschen historische oder andere Wahrheit drin. Es gibt keine Wirklichkeit. Es gibt nur Kino. So wie in Quentin Tarantino."

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La vie des idees (Frankreich), 11.09.2009

Bild zum ArtikelWarum sind uns vom 11. September, dem meistfotografierten Ereignis der Welt, lediglich ein paar Bilder beziehungsweise Motive geblieben, die endlos wiederholt werden? Dieses Paradox untersucht der Fotografiehistoriker Clement Cheroux in seinem von Gerome Truc rezensierten Buch "Diplopie - L'image photographique a l'ere des medias globalises : essai sur le 11 septembre 2001" (Cherbourg-Octeville). Seine Erklärung: Man suchte einen historischen Vergleichspunkt und fand ihn in einer Bildikone, die den 11. September mit seinem "historischen Doppelgänger" verknüpfte: Pearl Harbor. "Die Bilder vom 11. September wiederholen sich, sie wiederholen zugleich aber auch etwas anderes. Dieses Deja-vu-Gefühl ist der Schlüssel für den Erfolg des Fotos 'Ground Zero Spirit' von Thomas Franklin, das drei Feuerwehrleute beim Hissen der amerikanischen Flagge auf den rauchenden Trümmern von Ground Zero zeigt. Es wiederholt unverkennbar eine der berühmtesten Ikonen der amerikanischen Geschichte: 'Flags of our fathers' von Joe Rosenthal, worauf sechs Marines die gleiche Flagge auf der Insel Iwo Ima auf dem Gipfel des Bergs Suribachi aufstellen, zu Beginn jenes Krieges, den der Überfall auf Port Harbor ausgelöst hatte."

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Elet es Irodalom (Ungarn), 04.09.2009

Bild zum ArtikelZum 70. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts wurde im staatlichen russischen Fernsehsender Rossija ein "Dokumentarfilm" ausgestrahlt, in dem russische Historiker Polen für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verantwortlich machen: Polen habe die "helfende Hand" der Sowjetunion abgelehnt, die dann, mit ihrem Vorhaben einer antifaschistischen Koalition allein gelassen, zu diesem "genialen diplomatischen Schritt" (dem Pakt) "gezwungen" gewesen sei. Der Historiker Miklos Mitrovits sieht diese neuerliche Haltung im Kontext jenes Russlands, das in den Klub der Großmächte zurückgekehrt ist und nun das imperiale Bewusstsein wiederbeleben will: "Laut Polen ist es unabdingbar, dass die polnisch-russischen Beziehungen auf der vollen historischen Wahrheit und dem Eingestehen vergangener Fehler basieren. Die andere Seite sieht es genau umgekehrt. Die derzeitige russische Politik und die 'Geschichte-Macher' sprechen die einstige sowjetische Führung von fast jeder Verantwortung hinsichtlich des Krieges frei. Sie haben recht, wenn sie sagen, dass die Ereignisse in einem breiteren Kontext interpretiert werden können und müssen – dies kann aber nicht bedeuten, dass wir uns aus der historischen Verantwortung stehlen, indem wir die Verbrechen anderer hervorheben. [...] Wir sind hier Zeugen sowohl der imperialen Machtdemonstration als auch von Positionskämpfen, während die Geschichte weiterhin die Magd der Politik bleibt."


Dem australischen Medienmogul Rupert Murdoch, der die Internet-Seiten seiner News Corporation nicht mehr unentgeltlich anbieten will, wird vorgeworfen, den freien Fluss der Information weitestgehend kontrollieren zu wollen. Dabei könnten seine Kritiker in diesem Fall im Unrecht sein, findet Janos Szeky: "Wenn die Presse vom Staat kontrolliert wird und sich eine Vielzahl von Amateuren am Markt beteiligt, kann eine offene oder verdeckte politische Beeinflussung durch nichts mehr verhindert werden. Man kann Murdoch für seine Raubtier-Strategie zwar beschimpfen, aber es gibt einen Fall, in dem es ihm zu verdanken war, dass die Meinungsfreiheit auch unter autoritären Verhältnissen zu einem gewissen Grad erhalten blieb. [Der Fall des Imedi-Fernsehens in Georgien.] Es kann sein, dass das Vorhaben, Nachrichtenangebote nur noch kostenpflichtig anzubieten, für die News Corp. nach hinten losgehen wird. Doch dass die öffentlich-rechtlichen Medien Garanten der Qualität seien, ist ebenfalls nicht in Stein gemeißelt – wie auch der im Internet rumhängende und seine Text- oder Multimedia-Funde hochladende Amateur nicht der Garant der Wahrheit ist. Der aufrichtig funktionierende Markt ist immer noch die zuverlässigste Quelle der Wahrheit und der Freiheit."

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The New York Times (USA), 13.09.2009

In seinem neuesten Buch "Why Are Jews Liberal" verzweifelt der neokonservative Denker Norman Podhoretz an der Tatsache, dass seit 1928 im Durchschnitt 75 Prozent der amerikanischen Juden demokratisch wählen. Das sei "gegen ihre eigenen Interessen", meint Podhoretz (mehr hier). Rezensent Leon Wieseltier versteht das nicht. Was jüdische Interessen in Bezug auf Israel sind, kann er ja noch ahnen, nicht aber in Bezug auf Steuern, Waffen, Abtreibung, Umwelt. "Podhoretz' Buch wurde als die Lösung des Rätsels ausgegeben, dass Milton Himmelfarb vor einigen Jahren so formulierte: 'Juden verdienen wie Episkopale und wählen wie Puertorikaner.' Ich habe die Reputation dieses Witzes nie verstanden. Warum sollten Juden wie Episkopale wählen? Wir sind keine. Die Implikation ist, dass politische Zugehörigkeit von der sozialen Position bestimmt werden sollte, durch den Grad des Wohlstands. Wenn sie also reich leben und arm wählen, beweisen die Juden Amerikas keine Solidarität mit ihrer Klasse." Aber, meint Wieseltier: "Es ist kein Irrtum, kein Verrat, gegen die eigenen ökonomischen Interessen zu wählen. Es trägt der Vielzahl von Interessen und Zielen Rechnung, die das Leben eines Bürgers ausmachen."


Louisa Gilder feiert Graham Farmelos Biografie des Physikgenies Paul Dirac "The Strangest Man": "Wir begegnen hier einem Mann mit einem fast wundersamen Verständnis für die Struktur der physikalischen Welt, gepaart mit mildem Unverständnis für die weniger logische, ungeordnetere Welt anderer Menschen."

Besprochen werden unter anderem auch E.L. Doctorows neuer Roman "Homer and Langley" über die beiden wohlhabenden New Yorker Ur-Messies, die Collyer-Brüder, die 1947 in einem gigantischen Gängesystem aus Müll tot aufgefunden wurden, und Adam Bradleys Anthologie "Book of Rhymes", das Rap als Dichtung erklärt, "deren Popularität darauf gründet, dass sie nicht als solche erkannt wird".

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Archiv: Magazinrundschau

Morbid-intimes Sentiment

07.02.2012. Der Economist und Himal schildern die unerfreuliche Lage Homsexueller in islamischen Ländern. Wired porträtiert die Pariser Untergrundbewegung Urban eXperiment. Dem Guardian läuft in Wien ein Proustscher Schauer über den Rücken. Caffe Europa betrachtet die verführerische Unordnung in Japan. In Russland können Linke, Rechte und sogar Liberale Nationalisten sein, notiert Nicu Popescu in Open Democracy. Sony untergräbt die langsame Liberalisierung der indischen Zensur, fürchtet Outlook India. Die NYRB fühlt mit kleinen mutlosen Italienern. Mehr lesen

Pakt des Nicht-Lesens

31.01.2012. In der französischen Huffington Post erklärt die Philosophin Catherine Clement, warum der Griot Youssou N'Dour kaum Chancen hat, Präsident des Senegal zu werden. Womit haben wir Pitchfork verdient, fragt N+1. Businessweek porträtiert den Albtraum amerikanischer Verleger, Amazons Larry Kirshbaum. Peter Sloterdijk (in Le Monde) und Umberto Eco (im Espresso) denken über das Vergessen nach. Al Ahram begutachtet die Depression der jungen Revolutionäre in Ägypten. Das New York Magazine findet die neuen Dekabristen auch nicht gerade in Hochstimmung vor. Das TLS flüchtet zu den Kaminfeuern des britischen Landadels. Mehr lesen

So roch die Welt der Männer

24.01.2012. Wie schnell man sogar als Ingenieur arbeitslos werden kann, lernt die NYT. Eh alles nur bezahlte Bourgeoisie, schnaubt Slavoj Zizek in der London Review. Il Sole weint über einen lachenden Vincenzo Consolo. In Newsweek warnt Simon Schama die Amerikaner vor der kulturellen Nekrophilie der Briten. In Babelia ruft Javier Goma Lanzon: Lobt mich! Outlook India ärgert sich über die Feigheit indischer Politiker vor religiösen Fanatikern. GQ erzählt von einem gruseligen Fall von Webcam-Hijacking. In der NYRB sucht Simon Leys mit Liu Xiaobo die Wurzeln des heutigen Zynismus. Quo vadis, Hungaria, fragt Osteuropa. Mehr lesen

Ständige Verwirrung

17.01.2012. Im Guardian blicken arabische Autoren nach vorn. The Atlantic betrachtet eine Jammergestalt im Chanelkostüm. In Nepszabadsag erkennt der Dramatiker György Spiro im heutigen Ungarn das Frankreich des 19. Jahrhunderts. In Open Democracy wünschen sich Boris Akunin und Alexej Nawalnyj, Russland hätte die gleiche Anziehungskraft wie Amerika - oder China. Businessweek findet Microsofts Steve Ballmer nicht so irrelevant wie Steve Jobs. The Awl verkündet das grünste Ding in Sachen Bestattung. Mehr lesen

Archiv: Magazinrundschau

Hm, das ist komisch

10.01.2012. Werden Bücher bald eine Art Wiki von Autor und Übersetzer, fragt Il Sole 24 Ore. Rue 89 berichtet aus dem Tangokrieg in Buenos Aires. Wie wurde Luther populär? Mit Hilfe sozialer Netzwerke, weiß der Economist. In Guernica spricht die koreanische Dichterin Kim Hyesoon mit der Stimme des Außenseiters. Die Boston Review denkt mit Michael Nielsen über wissenschaftliche Evidenz nach. In Vanity Fair lässt Christopher Hitchens ein, zwei Dostojewskis fallen. Der New Yorker schildert den Einstieg Youtubes ins TV-Geschäft. Mehr lesen

Das Ohr des Präsidenten

03.01.2012. Es ist ja doch was dran an diesem französischen Philosophen mit der üppigen Haarmähne, staunen New York Magazine und TLS. Die Revista Piaui porträtiert einen irakischen Geologen, der die Norweger vor ihrer Ölindustrie beschützt hat. Die New York Review of Books stellt nach Lektüre der Briefe von Georgia O'Keefe und Alfred Stieglitz fest: schlechte Behandlung macht die Frau zum Charakter. Al Ahram veröffentlicht das Manifest eines ehrenwerten Bürgers. Slate.fr meldet: Auf kanadischen Webseiten kann man jetzt legal und kostenlos Celine runterladen. Wired begutachtet das United Artists des Internets. Mehr lesen

Blicken Sie ins Dunkel

20.12.2011. In der Lettre erklärt Peter Nadas, an welcher Station die Ungarn auf ihrem langen Marsch in die Demokratie gerade angekommen sind. Im New Statesman rühmt Slavoj Zizek die Mordmaschine Coriolanus. Im Guardian staunt Julian Barnes über den Unterschied zwischen Essay und Essai. In Elet es Irodalom erkennt Adam Michnik keinen Unterschied zwischen lechts und rinks mehr. Nonfiction.fr fordert eine Liberalisierung der Migration. Prospect skizziert die Zukunft der Literatur: Sie ist kurz, aber ernst. Mehr lesen

Die Treppe für Texte

13.12.2011. Alles hat sich in den letzten dreißig Jahren verändert, nur in den Künsten herrscht Stillstand, meint Vanity Fair. Manchmal ändern sich die Dinge auch im Untergrund, meint die NYT mit Blick auf das Alphabet N'Ko. In der LRB meldet Jenny Turner den Tod der Schwesterlichkeit. Guernica stellt das Festival LagosPhoto vor. Der Kindle ist ein Buch, freut sich Martin Caparros in Letras Libres. In The Nation setzt sich Jorge Volpi mit dem Liberalismus Enrique Krauzes auseinandern. In Le monde diplomatique feiert Tim Parks die mobilisierende Kraft des Wuchers. Mehr lesen

Diese glühbirnenköpfige Kreatur

06.12.2011. Wired porträtiert den neuen Steve Jobs: Jeff Bezos. Telerama empfiehlt eine neue Lektüre von Frantz Fanon. Die Columbia Journalism Review verteidigt den institutionellen Journalismus. In MicroMega geißelt Roberto Saviano die Omerta in Norditalien. Für Salon.eu.sk blickt Viktor Jerofejew in den Kreml-Himmel. In der NYRB setzt Daniel Kahnemann ganz klar auf System Zwei. Im Guardian erzählt der Kinderbuchautor Shaun Tan, was Australier mit Finnen gemeinsam haben. Und in Guernica erklärt Occupy-Erfinder Kalle Lassn, warum er heute eher die Zionisten als die Juden der Kriegstreiberei bezichtigen würde. Mehr lesen

Lesen, aber nicht berühren

29.11.2011. Marokkaner sind genauso freiheitshungrig wie Tunesier, erklärt der Aktivist Hisham Almiraat in open Democracy. Aber ihre Eliten sind feige, fürchtet der marokkanische Journalist Driss Ksikes in Le Monde. Im Merkur verabschieden sich Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel. Die LRB reist nach Griechenland. El Pais Semanal unterhält sich mit dem Sohn des letzten spanischen Scharfrichters. Der New Yorker bescheinigt der Fantasyliteratur einen Sinn für Verlust. Mehr lesen

Ein veritabler Brocken

22.11.2011. Die Columbia Journalism Review erzählt am Beispiel der Zeitung San Jose Mercury News, wie man kämpfen und trotzdem verlieren kann. Capital New York erzählt, wie die Huffington Post zum journalistischen Schwergewicht werden will. Prospect überlegt, wie man Computerspiele für den Film fruchtbar machen kann. Elet es Irodalom warnt vor der Vertreibung des sozialistischen Fußballs aus der ungarischen Geschichte. Der Berlusconismus funktioniert auch ohne Berlusconi, fürchtet MicroMega. Vorsicht vor pakistanischen Kleintransportern, warnt The Atlantic. Mehr lesen

Aber man vibriert

15.11.2011. Den Buchhandlungen geht es gut, meldet Bloomsberg Businessweek, solange sie klein sind. Telerama stellt französische Pioniere des Internetjournalismus vor. Im New Yorker geht Jane Kramer ihr Essen sammeln. In El Espectador denkt Hector Abad positiv, John Gray in The New Republic negativ. In Eurozine beruhigt Charles Taylor einen polnischen Linkskatholiken: der Klassenkampf ist ausgetragen. In der Boston Review möchte Lawrence Lessig, dass die Amateure regieren. Im Walrus Magazine sucht Toni Jokinen mit Richard Strauss den Italiener in sich. Mehr lesen

Das Kulturerbe der Muppets

08.11.2011. Eltern können sich ändern, sogar, wenn sie irisch-katholisch sind, erzählt Anne Enright in der Montreal Gazette. Im Iran redet man, um zu schweigen, erklärt Amir Hassan Cheheltan in Guernica. Das TLS liest, wie sich Samuel Beckett gegen James Joyce behauptete. 1000 Belgier schaffen mehr als eine Regierung, behauptet das Manifest des G1000. "Das System gefällt uns nicht!" ruft Magyar NarancsMehr lesen

Die Früchte der Revolution

01.11.2011. Der New Yorker reist nach Libyen. Ohne Universalismus gibt es keine Menschenrechte, erklärt Caroline Fourest in Le Monde. Der Grüne ist klassenlos, behauptet der Merkur. Il Sole 24 Ore findet nur noch Italiener, aber kein Italien mehr. Die New York Times erklärt am Beispiel von Pauline Kael, wann es für Kritiker Zeit ist aufzuhören. Mehr lesen

Warum nicht alles?

25.10.2011. In Ägypten ist die Opposition mit dem Beifahrersitz zufrieden, erzählt The Daily Beast. Al Ahram plädiert dafür, dass die Kopten nicht so für sich bleiben. Haaretz interviewt Salman Rushdie. Fast Company kündigt den Großen Krieg 2012 an. In Babelia erklärt der Philosoph Jose Luis Pardo, wie wir ganz leicht aus der Finanzkrise herauskommen. Die NYT besucht Haruki Murakami. Mehr lesen

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