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Magazinrundschau
Die Magazinrundschau
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
15.08.2006. Die Gazeta Wyborcza sieht die EU in Nationalismen versinken. Im Spiegel ruft Irene Dische dem norwegischen Schriftsteller Jostein Gaarder zu: Suchen Sie sich andere Objekte für Ihren Hass! Im New Yorker forscht Seymour Hersh nach den wahren Interessen Amerikas an Israels Militärschlag im Libanon. In Al Ahram warnt Haim Bresheeth vor der "jüdischen Lobby". In der London Review kritisiert Yitzhak Laor vor dem "jüdischen Goliath". In Heti Valasz fragt sich der Historiker Andreas Oplatka, ob Imre Nagy wirklich als Kommunist durchgehen kann. Il Foglio erzählt chinesisch-taiwanesische Spionagegeschichten. Im Spectator besteht Boris Johnson darauf, dass er ein britischer Fisch ist. Folio verbreitet ausschließlich Lügen. Und der Guardian porträtiert den großartigen australischen Künstler Ron Mueck.
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Gazeta Wyborcza (Polen), 12.08.2006
"Mit der EU-Verfassung ging die Ära der großen europäischen Projekte zu Ende. Ein Jahr nach der Katastrophe der beiden Referenden schweben wir immer noch im Vakuum", konstatiert Jacek Pawlicki, der Europa im Nationalismus versinken sieht. "Die europäischen Nationalismen sind bei weitem nicht so bedrohlich wie in den 1930-er Jahren, aber sie sind im Stande, die Integration des Kontinents zu gefährden. Das erste Opfer ist dabei das Prinzip der Solidarität, und die nächste Herausforderung ist ganz klar die Immigration." Eigentlich müsste die Antwort auf solche Probleme mehr Europa sein, aber "vielleicht ist der Niedergang der EU schon vorgezeichnet?"
Im Interview gesteht der Schriftsteller Pawel Huelle, dass es für ihn nichts Langweiligeres gibt als die Avantgarde, denn: "Nichts altert so schnell wie die Moderne." An die Zukunft mag er nicht glauben. "Ich möchte niemandem die Sommerferienlaune verderben, aber wir leben in einer Zeit, in der es mit der traditionellen europäischen Kultur zu Ende geht. Sie ist ein sinkendes Schiff, das sich immer weniger steuern lässt, und es ist kein Land in Sicht."
Weitere Artikel: Izabella Adamczewska und Aleksandra Hac prophezeit die Wiedergeburt des "Gelobten Landes". Aber nicht im Nahen Osten, sondern in der früheren Textilmetropole Lodz, im "Manchester des Ostens", das der Nobelpreisträger Wladyslaw Reymont 1899 als magischen Anziehungspunkt für unternehmerische Abenteurer beschrieb - als "Gelobtes Land" eben. Nach der Depression der De-Industrialisierung kehrt der Optimismus in die zweitgrößte Stadt Polens zurück, dank ausländischer Investitionen und Einheimischer, die neues Leben in alte Fabrikgemäuer einhauchen. (Diesen Artikel kann scheint man nur im Quelltext lesen zu können.) Und Anna Dudzinska und Bartlomiej Kuras stellen fest, dass immer mehr Polen im ukrainischen Lviv, dem früheren polnischen Lwow, (auf Deutsch heißt es Lemberg) gleich hinter der Grenze studieren. "Die Gebühren sind niedriger als in Polen und die Atmosphäre einmalig", wird die Entscheidung begründet.
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Der Spiegel (Deutschland), 14.08.2006
"Es reicht!", meint die deutsch-amerikanische Schriftstellerin Irene Dische in einem Kommentar zu Jostein Gaarder (mehr hier) und anderen Kritikern Israels, die sich nur höchst ungern über israelische Kriegsopfer, Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten oder den vulgären Antisemitismus im Libanon empören und nicht sehen wollen, dass Israel von Staaten umgeben ist, die ihm das Existenzrecht absprechen: "Kein anderes Land, das um sein Überleben kämpft, würde so beurteilt werden. Es ist gut möglich, dass der gegenwärtige Konflikt nur der Auftakt zu einem großen Drama ist, das mit dem Erlöschen des jüdischen Staates endet, der, wie in einer griechischen Tragödie, genau das heraufbeschwört, was er vermeiden will: den Untergang. Und wenn Israel schließlich ins Meer gestoßen ist, gibt es eine zugegebenermaßen krankhafte Genugtuung für mich: Leute wie Jostein Gaarder müssen sich andere Objekte für ihren Hass suchen."
Weiteres: Der Titel ist den jüngsten Attentatsplänen der al-Qaida gewidmet, die, so Yassin Musharbash, ihre früheren Ausbildungscamps längst durch Schulungskurse im Internet ersetzt hat. Zu lesen ist auch ein Vorabdruck aus Henryk M. Broders neuem Buch "Hurra, wir kapitulieren", eine Abrechnung mit der Appeasement-Politik des Westens gegenüber dem militanten Islam. Hans-Michael Kloth und Klaus Wiegrefe haben beim Blick in die Archive festgestellt, dass die Führungsspitze des Bundes der Vertrieben stärker mit Ex-Nazis besetzt war als bisher angenommen: Bis in die achtziger Jahre waren demnach von etwa 200 Funktionäre ein Drittel Mitglied der NSDAP oder anderweitig belastet.
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The New Yorker (USA), 21.08.2006
Seymour M. Hersh untersucht die "Interessen Amerikas an Israels Krieg". Trotz der bei Beginn der Auseinandersetzungen offiziell abwartenden Haltung des amerikanischen Außenministeriums stehe fest: "Die Regierung Bush war eng in die Pläne für die israelischen Vergeltungsschläge einbezogen. Präsident Bush und Vize Dick Cheney waren, wie mir derzeitige und frühere Geheimdienstleute und Diplomaten erzählten, davon überzeugt, dass eine erfolgreiche Bombenattacke der israelischen Luftwaffe gegen die Hisbollah ... Israels Sicherheitsbedenken beruhigen und zugleich als Auftakt zu einem möglichen amerikanischen Präventivschlag dienen könnte, um die Atomanlagen des Iran zu zerstören."
Zu lesen sind außerdem ein Kommentar von Hendrik Herzberg über den wachsenden Widerstand gegen den Irakkrieg und die Erzählung "The Spot" von David Means. Adam Kirsch bespricht unter der schönen Überschrift "Der bekiffte Philosoph" die englische Erstveröffentlichung von Walter Benjamins "Über Haschisch" und die "Berliner Kindheit". Joan Acocella schreibt über israelischen Tanz im Lincoln Center. Alex Ross stellt drei neue amerikanische Opern vor. Und David Denby sah im Kino Oliver Stones Film "World Trade Center" über den 11. September. Er fand ihn wider Erwarten gar nicht so schlecht: "Stone bahnt sich seinen Weg zu unseren Gefühlen mit dem gewöhnlichen Nachdruck, aber mit mehr Klarheit, Vernunft und Maß als in der Vergangenheit."
Nur im Print: ein Brief aus New Orleans über ein verlorenes Jahr, ein Text, der sich mit der sich nicht unmittelbar erschließenden Frage beschäftigt, ob Surfen je wieder sein wird, was es einmal war, eine Untersuchung, was Dirigenten Musikern eigentlich übermitteln, und Lyrik.
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Al Ahram Weekly (Ägypten), 10.08.2006
Der in London lehrende Kultur- und Medienwissenschaftler Haim Bresheeth wärmt eine alte Verschwörungstheorie auf. Eine die Spitzen US-amerikanischer und europäischer Medien dominierende "jüdische Lobby", so seine Vermutung, verbreite pausenlos israelische Propaganda und unterstütze so auch die "schlimmsten Gewaltexzessse Israels". "Was ist nur aus den Nachfahren der Propheten und der Holocaust-Überlebenden geworden?", fragt Bresheeth und entdeckt in meinungsbildenden "Koryphäen wie Bernard-Henri Levy oder Alain Finkielkraut" einen "neuen Typ des rechten jüdischen Intellektuellen": "Wie kann etwa die britische Öffentlichkeit eine korrekte und genaue Sicht der Ereignisse bekommen, wenn der Chor der Apologeten täglich einstimmig sein Lied singt, uns vor Fakten, Beweisen, der Wahrheit bewahrend und jeden Kritiker israelischer Gewalt als Antisemiten brandmarkend?"
Der Politikwissenschaftler Hassan Nafaa überlegt, warum die Hisbollah es vermochte, die libanesische Gesellschaft und die arabische Welt insgesamt "mit Stolz" zu erfüllen. Zunächst mal sei es 2000 "einer Widerstandsgruppe erstmals in der Geschichte des israelisch-arabischen Konflikts gelungen, die Israelis zum Rückzug aus besetztem arabischen Territorium zu zwingen". Und zum zweiten zeige der jetzige Krieg: "Ein Staat, der seine Bürger nicht beschützen kann, ist seinen Namen nicht wert... In der gegenwärtigen Konfrontation mit Israel sind wir mit gegensätzlichen Bildern konfrontiert. Das eine zeigt Israel, einen militärischen Behemoth ohne Moral. Das andere zeigt den Widerstand, der das Monster herausfordert und demütigt. Die Hisbollah geht aus dieser Konfrontation glänzender hervor als alle arabischen Regierungen zusammen. Und die Libanesen scheinen erfinderischer als alle anderen arabischen Gesellschaften."
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London Review of Books (Großbritannien), 17.08.2006
Der israelische Schriftsteller Yitzhak Laor geht harsch mit seinen Landsleuten ins Gericht: "Sobald Details über den Hinterhalt von Bint Jbeil, bei dem acht israelische Soldaten starben, öffentlich wurden, begannen Presse und Fernsehen in Israel kritische Stimmen zu marginalisieren. Die Medien fielen zurück in den Kitsch, an den Israelis sich von Kindheit an gewöhnen müssen: die bedrohlichste Armee der Region wird hier beschrieben, als sei sie der David gegen den arabischen Goliath. Tatsächlich hat der jüdische Goliath den Libanon zwanzig Jahre zurückgeworfen und die Israelis noch weiter: Wir erscheinen nun als eine Lynchmob-Kultur, am Fernseher klebend, angestachelt von einem Premier, der seine Führung mit einem Feuersturm und Zerstörung auf beiden Seiten der Grenze gestartet und legitimiert hat."
In einem wundervoll Haken schlagenden Text ergründet der Wissenschaftshistoriker Steven Shapin eine bedeutsame gesellschaftliche Entwicklung: die Transformation der Köche von "Leuten, die für billiges Geld für Reiche kochen, in Menschen, für die einige Reiche liebend gern umsonst arbeiten arbeiten würden". Anlass ist "Heat", das Buch von New-Yorker-Autor Bill Buford, über "An Amateur's Adventures as Kitchen Slave, Line Cook, Pasta-Maker and Apprentice to a Butcher in Tuscany".
Weiteres: Charles Glass beschreibt die Hisbollah als allem äußeren Anschein entgegen moderne militärische Truppe. Und in seinem Tagebuch stellt August Klein fest, dass Tony Blair seinen Karikaturen immer ähnlicher wird.
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Heti Valasz (Ungarn), 10.08.2006
Zum 50. Jahrestag des ungarischen Volksaufstandes von 1956 sind unveröffentlichte Archivmaterialien erschienen. Andreas Oplatka, Historiker und ehemaliger Redakteur der Neuen Zürcher Zeitung, analysiert die Tagebücher des inhaftierten Anführers Imre Nagy. Er sei auch nach dem Aufstand ein Kommunist geblieben, aber "seltsamerweise waren seine Ansichten auch mit Standpunkten vereinbar wie: Die bedingungslose Treue zur Sowjetunion ist kein Prüfstein der Politik eines sozialistischen Landes. Der echte Internationalismus des Proletariats bedeutet Gleichrangigkeit, nicht demütige Dienerschaft gegenüber Moskau. Mehrparteiensystem und Sozialismus sind kompatibel. Nagy betonte, dass das Volk die Neutralität Ungarns fordere - auch das war mit seinen kommunistischen Ansichten vereinbar. Der Warschauer Pakt, aus dem Ungarn am 1. November 1956 austrat, war für ihn grundsätzlich negativ, ein Instrument der Blockpolitik. Die Revolution sei der Unabhängigkeitskampf eines gekränkten Volkes gewesen, das vom chauvinistischen russischen Imperialismus niedergeschlagen worden sei. Noch einmal: War er wirklich ein Kommunist?"
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Il Foglio (Italien), 12.08.2006
Seit Ende Juni wird Top-Beamten der chinesischen Regierung zur Abschreckung ein Video von dem Prozess gegen den - später hingerichteten - taiwanesischen Spion Tong Daning gezeigt. Antonio Talia nimmt den Fall zum Anlass, die aufsehenerregendsten Fälle des andauernden Spionagekriegs zwischen China und Taiwan zu beschreiben. "Zhu Gongxun etwa ist ein Angehöriger des taiwanesischen Geheimdienstes. Die Chinesen haben ihn im vergangenen Mai in der Provinz Guangxi gefasst, im Südwesten des Landes, nachdem er über die Grenze zu Vietnam herein gekommen war, mit einem weiteren Agenten, von dem man nur den Nachnamen weiß, Li. Die Details der Operation sind diffus. Zhu sei in die Falle eines fiktiven chinesischen Verräters gegangen, heißt es. Zhu ist kein gewöhnlicher Agent. Er ist der Vizechef der Abteilung, die für alle taiwanesischen Zellen im südöstlichen asiatischen Raum verantwortlich ist."
Desweiteren erinnert Andro Fusina an Richard Hamilton, der der Pop-Art vor fünfzig Jahren mit einer Collage ihren Namen gab.
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The Spectator (Großbritannien), 11.08.2006
Boris Johnson, zufällig in New York geboren, aber so britisch wie Roastbeef und Königin, verkündet, dass er keinen Wert mehr auf seinen amerikanischen Zweitpass legt, weil er gefälligst auch als Brite in die USA einreisen dürfen will. "Welches andere Land besteht darauf, dass man sein Staatsbürger sein muss, nur weil man es sein kann? Stellen Sie sich vor, alle in Großbritannien geborenen Amerikaner dürften nur in dieses Land reisen, wenn sie ihren britischen Pass benutzen. So etwas krankhaft Besitzergreifendes habe ich nicht mehr erlebt seit den Verhandlungen um die EU-Fischfangquoten, als die Iren darauf bestanden, dass der Kabeljau des Atlantiks in seiner Fischseele immer noch irisch sei, auch wenn er längst in portugiesischen Gewässern schwimmt."
Man könne zwar fragen, ob Israels Vorgehen gegen die Hisbollah im Libanon politisch klug ist, meint Paul Robinson, aber vom militärgeschichtlichen Standpunkt aus entspreche Israels Kriegsführung den Standards des gerechten Krieges - und genau der Taktik der Nato gegenüber Serbien 1999. "Die Absicht der israelischen Armee (eine fremde Macht einzugrenzen, indem man ihrer Infrastruktur unwiderruflichen Schaden zufügt), die Ziele (Straßen, Brücken, Fernsehstationen) und die Folgen (angesichts der Länge der Kämpfe ungefähr die gleiche Anzahl an unschuldigen Toten) sind sehr ähnlich. Diejenigen, die Israel jetzt kritisieren, aber die Nato-Schläge guthießen, sollten entweder ihre jetzige Opposition oder ihre damalige Unterstützung überdenken."
Weiteres: David Cameron hat die britischen Tories auf einen israelkritischen Kurs geführt, Fraser Nelson fragt sich, ob es Zufall ist, dass das neue Logo der Partei - ein grüner Baum - aussieht wie die Flagge des Libanon. Und Rod Liddle erklärt Großbritannien für übervölkert.
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HVG (Ungarn), 09.08.2006
Der konservative Bürgermeister eines Budaer Edelbezirks hat im Oktober 2005 den Opfern des Zweiten Weltkriegs ein Denkmal gestellt. Der riesige Turulvogel stammt aus dem ungarischen heidnischen Mythenkreis, und ist einem Adler ähnlich. Das Denkmal ist umstritten: als Symbol der ungarischen Nazis in den 1930er Jahren und heutiger Rechtspopulisten sei der Turulvogel als Denkmal ziviler Opfer des Zweiten Weltkriegs unakzeptabel. Da er ohne Genehmigung der Hauptstadtverwaltung aufgestellt wurde, muss er jetzt innerhalb von 30 Tagen wieder entfernt werden. Eine konservative Bürgerinitiative will mit einer Menschenkette den Abbau verhindern. Zoltan Horvath fordert trotzdem, dass das Denkmal entfernt wird: "Beim Anblick des Turulvogels befällt viele Budapester ein Unbehagen, weil er nicht nur an die ehrenhafte Geschichte der ungarischen Nation, sondern auch an ein würdeloses Kapitel unserer Geschichte erinnert. Für viele bedeutete diese Zeit Erniedrigung und Lebensgefahr, der Anblick des Denkmals ist für sie einfach unerträglich."
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Le point (Frankreich), 10.08.2006
In seinen Bloc-notes vergleicht Bernard-Henri Levy den Krieg in Nahost mit alten Fotos, auf denen das Bild zunächst verblasst und unscharf erscheine und sich erst mit der Zeit "Schatten, Konturen, Schwarzflächen, Töne und Halbtöne, Kontraste" abzeichneten. Diese Figur dekliniert er an der Hisbollah, dem Libanon, den Palästinensern, dem Iran und dem Islam durch. So habe man natürlich zwar gewusst, dass die Hisbollah im Süden des Landes einen "Staat im Staate" etabliert habe. "Aber so viele Waffen? (...) Dieses unglaubliche Tunnelnetz in den Hügeln? Diese uneinnehmbaren Bunker? Diese Waffenlager in Privathäusern und Moscheen? Das ist die erste Enthüllung dieses Kriegs." Der Libanon, der sich nun offenbart, sei "nicht mehr die Ausnahme, das Wunder, die Oase der Kultur und des Friedens, die uns in unserer Jugend begeistert hat - die moralischen Bomben des Fundamentalismus haben das Land leider entstellt."
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NZZ Folio (Schweiz), 07.08.2006
Alles Lügen im neuen Folio! Reto U. Schneider besucht die New Yorker Zeitung Weekly World News, die jede Woche 48 Seiten voller Lügen verbreitet - mit Erfolg. "Damals wie heute teilt sich die Leserschaft in zwei gegensätzliche Gruppen. Da sind einerseits Städter, Studenten, Intellektuelle, Künstler, die Weekly World News als surrealistische Sozialsatire lesen und die Schlagzeilen neben Gary-Larson-Cartoons an die Bürotür hängen: 'Nonne will sich von Gott scheiden lassen und verlangt das halbe Universum.' Auf der anderen Seite sind da die Leser in ländlichen Gebieten im Süden der USA, Bewohner von Wohnwagenparks, Verschwörungstheoretiker, religiöse Fundamentalisten, wild entschlossen, an nichts zu zweifeln, was in dieser Zeitung steht."
Constantin Seibt amüsiert sich darüber, wie sein erlogener Brecht-Text von 1979 offizielle Anerkennung erfahren hat ."Zum guten Schluss erschien das gesamte Kernstück von Brechts Fußballtheorie auf Seite 41 im offiziellen 'Kunst- und Kulturprogramm der Bundesregierung Deutschland zur Fifa-WM 2006' (Vorwort: Franz Beckenbauer und der ehemalige Innenminister Otto Schily). Zitiert wurde es unter dem Titel 'Theater muss wie Fußball sein' vom Bundesfilmpreisträger Peter Lohmeyer, dem es nicht zuletzt meine Brecht-Passage über die besondere kritische Qualität des Fußballpublikums angetan hatte: 'So ist auch Kritik Markenzeichen dieses Publikums. Während der Smokingträger in Konzerten oder im Theatersaal aufs Maul sitzt, treffen wir in den Sportstadien auf einen Menschen, der pfeift, raucht, singt, aber nicht jede Darbietung zu ertragen gewillt ist.'" Der Beweis als pdf.
Weiteres: "Niemand hat vor, eine Mauer zu errichten." Christian Ankowitsch präsentiert weltbekannte und weltpolitische Lügen. Martin Lindner untersucht anhand einiger bekannter Fälle, warum Hochstapler sich oft bewusst um Kopf und Kragen lügen. Lügendetektoren haben noch nie funktioniert, stellt Ken Alder in seiner Geschichte des Geräts fest. Im Gespräch mit Gudrun Sachse verteidigt der Undercover-Journalist Günter Wallraff seine Täuschungsmanöver. Sachse erzählt außerdem die Geschichte des ostdeutschen CIA-Agenten Eberhard Fätkenheuer, der auch jetzt nicht ohne Lügen leben kann.
In seiner Duftnote findet Luca Turin die Parfums Balmain "mit verbundenen Händen auf dem Henkerskarren, der sie für immer ins 9. Arrondissement bringt".
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Le Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 11.08.2006
Neal Ascherson stellt David Blackbourns "The Conquest of Nature: Water, Landscape and the Making of Modern Germany" vor, ein Buch über "das 250 Jahre währende Bemühen der Deutschen, sich ihre Landschaft zu unterwerfen": "An der Art von Historiografie, wie sie Blackbourn vorführt, sind zwei Aspekte entscheidend: Erstens wird der Begriff 'Kulturlandschaft' eingeführt, in dem die strikte Trennung zwischen 'Mensch' und 'Natur' aufgehoben ist... Die zweite originelle Fragestellung besteht darin, dass es nicht nur darum geht, herauszufinden, was die Menschen und die Regierungen ihren Flüssen, Wäldern und Mooren angetan haben, sondern auch darum, zu erforschen, was sie jeweils zu tun glaubten und wie ihr Handeln mit den vorherrschenden Ideologien zusammenhing. Während des größten Teils der von Blackbourn untersuchten Periode (von 1750 bis heute) war die Idee im Schwange, dass man der Natur Fesseln anlegen müsse. Und wichtiger noch: 'In Deutschland stand die 'Eroberung der Natur' in engstem Zusammenhang mit der Eroberung anderer Länder.'"
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Tygodnik Powszechny (Polen), 07.08.2006
Mit der Nominierung von Wiktor Janukowytsch zum ukrainischen Premierminister hat sich Präsident Juschtschenko auf ein gefährliches Spiel eingelassen, meint Andrzej Brzeziecki. "Wer jetzt vom Verrat der Orangen Revolution und der Ideen vom Unabhängigkeitsplatz spricht, sollte bedenken, dass diese schon längere Zeit hinterfragt werden. Spätestens als sich nach den Wahlen im März die Helden von damals auf peinlichste Art und Weise gezankt haben, statt eine Koalition zu formen. Jetzt musste Juschtschenko den Frosch schlucken, den er selbst mit aufgezogen hat."
Weitere Artikel: Arkadiusz Stempin schreibt über die Schweriner Breker-Ausstellung: "Ob bewusst oder weniger bewusst: Sie entdämonisiert Brekers Werk, indem zum Beispiel die riesigen Ausmaße der Skulpturen verkleinert dargestellt werden. Statt sich des Themas objektiv, mit wissenschaftlicher Distanz anzunehmen wählte man den Aktionismus, für den Preis eines Skandals." Und Anna R. Burzynska hofft auf ein Brecht-Revival in Polen: "Die Faszination der jüngeren Generationen von polnischen Theatermachern für deutsche Kollegen wie Castorf oder Pollesch lässt auch bei uns auf eine Renaissance hoffen - des frühen Brecht vermutlich."
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The Guardian (Großbritannien), 12.08.2006
Er ist der Hans Holbein unserer Tage, rühmt Craig Raine den hyperrealistischen australischen Künstler und Bildhauer Ron Mueck, dem die National Galleries of Scotland in der Royal Scottish Academy gerade eine Ausstellung widmen. Großartig, irritierend, anrührend findet Raine die Arbeit "Spooning Couple", ein Meisterwerk aber "Dead Dad": "Gerade seine absolute Vollständigkeit sagt uns, dass etwas fehlt. Leidenschaftslos nimmt der Bildhauer alle delikaten und undelikaten Körperdetails auf - Details die durch ihre Genauigkeit lebendig werden. Nichts fehlt. Sehnen, Zehennägel, das dunkle Haar auf den Waden, das sorgsame graue Haar, der glänzende, bescheidene, unbeschnittene Penis auf vier Uhr - ein Echo auf die Stellung der Daumen... Alles ist noch da, doch etwas Wichtiges fehlt. Die Verkleinerung im Maßstab deutet diesen Verlust an. Der Tod ist leichter als das Leben - 21 Gramm, das Gewicht der Seele und die angebliche Differenz im Körpergewicht vor und nach Eintritt des Todes."
Weitere Artikel: Margaret Drabble erinnert an John Cowper Powys, das fast vergessene Genie der englischen Literatur, einen Autor, der mit "tragischer Grandeur und Alltagswitz über sexuelle Perversionen und eine Tasse Tee" schreiben konnte. Hadley Freeman porträtiert die Autorin Louise Welsh, der man nicht vorschnell die Etiketten "schottisch", "lesbisch" oder "Krimi" anheften sollte. Zum Buch der Woche erhebt Kevin Rushby Jason Roberts' Geschichte eines weitsichtigen Blinden "A Sense of the World". Besprochen werden auch Walter Mosleys neuer Roman "Fortunate Son", Patrick Marnhams Biografie der spät gestarteten Autorin Mary Wesley, "Wild Mary", und William St Clairs Studie "The Grand Slave Emporium".
Archiv: Magazinrundschau
Morbid-intimes Sentiment
07.02.2012. Der Economist und Himal schildern die unerfreuliche Lage Homsexueller in islamischen Ländern. Wired porträtiert die Pariser Untergrundbewegung Urban eXperiment. Dem Guardian läuft in Wien ein Proustscher Schauer über den Rücken. Caffe Europa betrachtet die verführerische Unordnung in Japan. In Russland können Linke, Rechte und sogar Liberale Nationalisten sein, notiert Nicu Popescu in Open Democracy. Sony untergräbt die langsame Liberalisierung der indischen Zensur, fürchtet Outlook India. Die NYRB fühlt mit kleinen mutlosen Italienern. Mehr lesen
Pakt des Nicht-Lesens
31.01.2012. In der französischen Huffington Post erklärt die Philosophin Catherine Clement, warum der Griot Youssou N'Dour kaum Chancen hat, Präsident des Senegal zu werden. Womit haben wir Pitchfork verdient, fragt N+1. Businessweek porträtiert den Albtraum amerikanischer Verleger, Amazons Larry Kirshbaum. Peter Sloterdijk (in Le Monde) und Umberto Eco (im Espresso) denken über das Vergessen nach. Al Ahram begutachtet die Depression der jungen Revolutionäre in Ägypten. Das New York Magazine findet die neuen Dekabristen auch nicht gerade in Hochstimmung vor. Das TLS flüchtet zu den Kaminfeuern des britischen Landadels. Mehr lesen
So roch die Welt der Männer
24.01.2012. Wie schnell man sogar als Ingenieur arbeitslos werden kann, lernt die NYT. Eh alles nur bezahlte Bourgeoisie, schnaubt Slavoj Zizek in der London Review. Il Sole weint über einen lachenden Vincenzo Consolo. In Newsweek warnt Simon Schama die Amerikaner vor der kulturellen Nekrophilie der Briten. In Babelia ruft Javier Goma Lanzon: Lobt mich! Outlook India ärgert sich über die Feigheit indischer Politiker vor religiösen Fanatikern. GQ erzählt von einem gruseligen Fall von Webcam-Hijacking. In der NYRB sucht Simon Leys mit Liu Xiaobo die Wurzeln des heutigen Zynismus. Quo vadis, Hungaria, fragt Osteuropa. Mehr lesen
Ständige Verwirrung
17.01.2012. Im Guardian blicken arabische Autoren nach vorn. The Atlantic betrachtet eine Jammergestalt im Chanelkostüm. In Nepszabadsag erkennt der Dramatiker György Spiro im heutigen Ungarn das Frankreich des 19. Jahrhunderts. In Open Democracy wünschen sich Boris Akunin und Alexej Nawalnyj, Russland hätte die gleiche Anziehungskraft wie Amerika - oder China. Businessweek findet Microsofts Steve Ballmer nicht so irrelevant wie Steve Jobs. The Awl verkündet das grünste Ding in Sachen Bestattung. Mehr lesen
Archiv: Magazinrundschau
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Archiv: Magazinrundschau
Hm, das ist komisch
10.01.2012. Werden Bücher bald eine Art Wiki von Autor und Übersetzer, fragt Il Sole 24 Ore. Rue 89 berichtet aus dem Tangokrieg in Buenos Aires. Wie wurde Luther populär? Mit Hilfe sozialer Netzwerke, weiß der Economist. In Guernica spricht die koreanische Dichterin Kim Hyesoon mit der Stimme des Außenseiters. Die Boston Review denkt mit Michael Nielsen über wissenschaftliche Evidenz nach. In Vanity Fair lässt Christopher Hitchens ein, zwei Dostojewskis fallen. Der New Yorker schildert den Einstieg Youtubes ins TV-Geschäft. Mehr lesen
Das Ohr des Präsidenten
03.01.2012. Es ist ja doch was dran an diesem französischen Philosophen mit der üppigen Haarmähne, staunen New York Magazine und TLS. Die Revista Piaui porträtiert einen irakischen Geologen, der die Norweger vor ihrer Ölindustrie beschützt hat. Die New York Review of Books stellt nach Lektüre der Briefe von Georgia O'Keefe und Alfred Stieglitz fest: schlechte Behandlung macht die Frau zum Charakter. Al Ahram veröffentlicht das Manifest eines ehrenwerten Bürgers. Slate.fr meldet: Auf kanadischen Webseiten kann man jetzt legal und kostenlos Celine runterladen. Wired begutachtet das United Artists des Internets. Mehr lesen
Blicken Sie ins Dunkel
20.12.2011. In der Lettre erklärt Peter Nadas, an welcher Station die Ungarn auf ihrem langen Marsch in die Demokratie gerade angekommen sind. Im New Statesman rühmt Slavoj Zizek die Mordmaschine Coriolanus. Im Guardian staunt Julian Barnes über den Unterschied zwischen Essay und Essai. In Elet es Irodalom erkennt Adam Michnik keinen Unterschied zwischen lechts und rinks mehr. Nonfiction.fr fordert eine Liberalisierung der Migration. Prospect skizziert die Zukunft der Literatur: Sie ist kurz, aber ernst. Mehr lesen
Die Treppe für Texte
13.12.2011. Alles hat sich in den letzten dreißig Jahren verändert, nur in den Künsten herrscht Stillstand, meint Vanity Fair. Manchmal ändern sich die Dinge auch im Untergrund, meint die NYT mit Blick auf das Alphabet N'Ko. In der LRB meldet Jenny Turner den Tod der Schwesterlichkeit. Guernica stellt das Festival LagosPhoto vor. Der Kindle ist ein Buch, freut sich Martin Caparros in Letras Libres. In The Nation setzt sich Jorge Volpi mit dem Liberalismus Enrique Krauzes auseinandern. In Le monde diplomatique feiert Tim Parks die mobilisierende Kraft des Wuchers. Mehr lesen
Diese glühbirnenköpfige Kreatur
06.12.2011. Wired porträtiert den neuen Steve Jobs: Jeff Bezos. Telerama empfiehlt eine neue Lektüre von Frantz Fanon. Die Columbia Journalism Review verteidigt den institutionellen Journalismus. In MicroMega geißelt Roberto Saviano die Omerta in Norditalien. Für Salon.eu.sk blickt Viktor Jerofejew in den Kreml-Himmel. In der NYRB setzt Daniel Kahnemann ganz klar auf System Zwei. Im Guardian erzählt der Kinderbuchautor Shaun Tan, was Australier mit Finnen gemeinsam haben. Und in Guernica erklärt Occupy-Erfinder Kalle Lassn, warum er heute eher die Zionisten als die Juden der Kriegstreiberei bezichtigen würde. Mehr lesen
Lesen, aber nicht berühren
29.11.2011. Marokkaner sind genauso freiheitshungrig wie Tunesier, erklärt der Aktivist Hisham Almiraat in open Democracy. Aber ihre Eliten sind feige, fürchtet der marokkanische Journalist Driss Ksikes in Le Monde. Im Merkur verabschieden sich Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel. Die LRB reist nach Griechenland. El Pais Semanal unterhält sich mit dem Sohn des letzten spanischen Scharfrichters. Der New Yorker bescheinigt der Fantasyliteratur einen Sinn für Verlust. Mehr lesen
Ein veritabler Brocken
22.11.2011. Die Columbia Journalism Review erzählt am Beispiel der Zeitung San Jose Mercury News, wie man kämpfen und trotzdem verlieren kann. Capital New York erzählt, wie die Huffington Post zum journalistischen Schwergewicht werden will. Prospect überlegt, wie man Computerspiele für den Film fruchtbar machen kann. Elet es Irodalom warnt vor der Vertreibung des sozialistischen Fußballs aus der ungarischen Geschichte. Der Berlusconismus funktioniert auch ohne Berlusconi, fürchtet MicroMega. Vorsicht vor pakistanischen Kleintransportern, warnt The Atlantic. Mehr lesen
Aber man vibriert
15.11.2011. Den Buchhandlungen geht es gut, meldet Bloomsberg Businessweek, solange sie klein sind. Telerama stellt französische Pioniere des Internetjournalismus vor. Im New Yorker geht Jane Kramer ihr Essen sammeln. In El Espectador denkt Hector Abad positiv, John Gray in The New Republic negativ. In Eurozine beruhigt Charles Taylor einen polnischen Linkskatholiken: der Klassenkampf ist ausgetragen. In der Boston Review möchte Lawrence Lessig, dass die Amateure regieren. Im Walrus Magazine sucht Toni Jokinen mit Richard Strauss den Italiener in sich. Mehr lesen
Das Kulturerbe der Muppets
08.11.2011. Eltern können sich ändern, sogar, wenn sie irisch-katholisch sind, erzählt Anne Enright in der Montreal Gazette. Im Iran redet man, um zu schweigen, erklärt Amir Hassan Cheheltan in Guernica. Das TLS liest, wie sich Samuel Beckett gegen James Joyce behauptete. 1000 Belgier schaffen mehr als eine Regierung, behauptet das Manifest des G1000. "Das System gefällt uns nicht!" ruft Magyar Narancs. Mehr lesen
Die Früchte der Revolution
01.11.2011. Der New Yorker reist nach Libyen. Ohne Universalismus gibt es keine Menschenrechte, erklärt Caroline Fourest in Le Monde. Der Grüne ist klassenlos, behauptet der Merkur. Il Sole 24 Ore findet nur noch Italiener, aber kein Italien mehr. Die New York Times erklärt am Beispiel von Pauline Kael, wann es für Kritiker Zeit ist aufzuhören. Mehr lesen
Warum nicht alles?
25.10.2011. In Ägypten ist die Opposition mit dem Beifahrersitz zufrieden, erzählt The Daily Beast. Al Ahram plädiert dafür, dass die Kopten nicht so für sich bleiben. Haaretz interviewt Salman Rushdie. Fast Company kündigt den Großen Krieg 2012 an. In Babelia erklärt der Philosoph Jose Luis Pardo, wie wir ganz leicht aus der Finanzkrise herauskommen. Die NYT besucht Haruki Murakami. Mehr lesen





