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Essay

immer abseits der Bahn -Thomas Kling zum Gedächtnis

Von Gabriele Weingartner

05.04.2005. Thomas Kling ist tot. Wir bringen ein biografisches Porträt, das die Autorin Gabriele Weingartner vor einem Jahr in der Anthologie "Schreibtisch. Leben" veröffentlicht hat. Außerdem haben wir ein kleines Dossier mit Links zusammengestellt.

Bild zum Artikel(Wir entnehmen dieses Porträt dankend dem Band "Schreibtisch. Leben" mit einer Reihe von Autorenporträts, den Gabriele Weingartner zusammen mit dem Fotografen Volker Heinle im Verlag Brandes & Apsel veröffentlichte, mehr hier. D. Red.)


Vielleicht war es ja doch nicht der Ortswechsel, sondern eher eine der typischen Fragen aus den "Bohnerwachsinstituten der deutschen Philologie", die uns aus der Stimmung warf. Bis dahin waren wir uns im Garten gegenüber gesessen, friedlich kommunizierend auf grauen Gartenbänken an einem grauem langen Gartentisch. Hinter oder vor uns: der Rittersporn, der Rittersporn und viele gelb blühende Büsche.

Dann aber hatte es angefangen zu regnen, schwere dicke Tropfen, die sich rasch in heftige Schauer verwandelten. Weswegen wir uns ins Haus zurückzogen, an den runden Tisch in Thomas Klings Arbeitszimmer. Dort war es dunkel und kühl nach der Helligkeit draußen. Und auch eine der "Bohnerwachsfragen" - die nach der absichtsvoll angestrebten Unverwechselbarkeit womöglich - trug wohl zum vorübergehenden Wärmeverlust bei. "Jetzt müssen Sie sehen, wie Sie mich wieder auf Betriebstemperatur bringen", sagt der Dichter.

Was eine Zeitlang dauert, zugegebenermaßen. Auf sanfte Erkundungen, warum er nie etwas anderes als Gedichte und keine Romane schreiben wollte, antwortet er jedenfalls eine Zeitlang nur noch wahlweise: "Das werden Sie nie in einem Interview herausfinden, nie!" oder "Das dürfen Sie mich nicht fragen. Ich bin der Produzent." Und andere, existenziell gründelnde oder auch von fern literaturwissenschaftlich angekränkelte Fragen werden gleich ganz abgewürgt: "Das geht nur die Germanistik an. Punkt."

Doch, draußen ging es uns besser. Da waren wir noch sicher im Biografischen, in der Vergangenheit. Thomas Kling erzählt Kindheitsgeschichten, umreißt Leseerfahrungen, freiwillige und unfreiwillige Entwicklungssprünge. Bis in die detailgenaue literarische Gegenwart hinein aber soll die home-story, an der wir da stricken, offensichtlich nicht reichen. Richtig gegenwärtig darf nur Hombroich sein.

Seit 1994 leben er und die Künstlerin Ute Langanky in dieser renaturierten Auenlandschaft, die in den achtziger Jahren von dem Kunstsammler und Immobilienmakler Karl-Heinrich Müller gekauft und - als Gesamtkunstwerk, als hinfort pulsierende Korrespondenz zwischen Kunst und Natur - begründet wurde. Und seit 1995 findet jedes Jahr das von Kling angestoßene Festival "Literatur X" dort statt: mit der Konzentration auf fünf oder sechs Dichter-Vorträge, ohne Diskussion, aber mit gemeinsamem Essen, wie bei Symposien üblich. Bloß nichts "staubtrocken Akademisches" hat sich Kling dazu in einem Interview geäußert, denn das "kann man andernorts auch haben".

Feldwege, schmale Fußpfade durchziehen die merkwürdig gelassen sich darbietende, sanft gewellte Ebene, die nur knapp drei Minuten hinter der Autobahnausfahrt liegt. Brücken und Stege führen über Gewässer, schneiden Schneisen in Wiesen und Felder, regulieren die Blicke. Auf dem Weg zu Klings Bungalow passieren wir drei von elf Pavillons des Bildhauers Erwin Heerich, einen hoch aufragenden Phallus von Chillida, die Großbaustelle des künftigen Internationalen Instituts für Biophysik. In einem Text auf der einschlägigen web-site (www.inselhombroich.de) sieht der Schriftsteller sein Leben auf der Museumsinsel als "Forderung, Förderung und Startrampe". Bevor sie als "augenfälliges Denkgelände" in das mit Ute Langanky erarbeitete Buch "gelände" eingegangen ist, war sie ein Moor, eine "aufquellende, blasenwerfende Gegend" und dann ein Nato-Sperrgebiet mit Hangars, Hallen und Bunkersystemen.

Und nun Worspwede? "Das glauben Sie besser nicht", fasst Thomas Kling die in Müllers Konzept nicht zwangsläufig vorgesehene Zusammenarbeit mit den anderen auf der Insel lebenden Künstlern in einen Satz. Lieber beschreibt er den einsamen Hombroich-Himmel als "Lichtdünung und alten Niederländerhimmel" und bekennt sich zu "Fragen vom Kaliber: Ist das nun ein Rotkehlchen oder doch ein Gartenrotschwanz?". Mit einem Vogelbestimmungsbuch kann er sie sich selbst beantworten.

Dennoch: in seinem web-site-Text fordert er indirekt auch dazu auf, die auf der Insel existent gebliebene "Geschichte der alten Bundesrepublik" nicht aus den Augen zu verlieren und identifiziert den mit einem Beobachtungsturm versehenen flachgestreckten Bau, in dem Langanky und er jetzt wohnen und (oft auch zusammen) arbeiten, als Hauptbunker der damaligen Raketenstation, "als Befehlsstand, in dem die GSG 9 zum Schluss noch ein bisschen geprobt hat". Angesichts des botanischen Friedens jedoch und der Stille, in der wir hier sitzen - den Autobahnlärm nimmt man bald nicht mehr wahr - verblassen der kalte Krieg, die kriegerische Vergangenheit, die potentiellen Bunkergänge unter unseren Füßen. Außerdem begeben wir uns ohnehin auf direktem Weg in Thomas Klings Kindheit. Die hat sich zwar in Düsseldorf abgespielt, unweit von Hombroich also. Der sensualistisch stärkere Teil aber fand in Bingen statt. Genauer: in Gaulsheim, wo Patentante Maria Haus und Garten hatte.

Von Bingen jedenfalls könnte Thomas Kling stundenlang erzählen. Behauptet er. Wie es da roch, wie es da aussah in den sechziger und siebziger Jahren, wie sich das veränderte im Verlauf der Jahreszeiten und Jahre. Das Grundstück der Tante, "die aus dem Allgäu kam", die "selber fremd war" wie der Junge aus der Stadt, lag in einer Straße, die nur an einer Seite bebaut war. Hinter den Häusern waren lange Gartenstücke, die auf die Eisenbahnlinie zuliefen. "Und da war dann nur noch ein staubiger Weg und die seinerzeit am meisten befahrene Eisenbahnstrecke Europas", sagt Kling. "Das Rauschen der Eisenbahnwaggons in der Ferne war mein sound beim Einschlafen, insbesondere im Hochsommer, wenn ich unter dem Dach schlief. Wenn?s ganz heiß da war und ich den Mückenterror überleben musste. Da gab?s noch die Auen, da war noch nicht alles mit Pestiziden kaputt gespritzt."

Haben Schriftsteller eine schlimmere Kindheit, eine bessere Kindheit, weil sie sie selbst erfinden? Sie können auf jeden Fall kongenial davon erzählen und haben sie - anderen Leuten gegenüber zumindest - besser im Griff.

Weiter also, im Originalton: "Im Haus wohnte ein Gärtnerbursche mit seiner Familie. Der hatte eine Voliere im Garten mit Goldfasan und Zebrafinken, und ich weiß nicht was. Der züchtete auch Kanarienvögel. Und zu einem bestimmten Zeitpunkt standen die in ihren kleinen Holzkäfigen übereinander gestellt mit Tüchern verdeckt im Treppenhaus. Auch das war ein unvergessliches Geräusch! Dann gab?s einen Hühnerstall und Hasenställe, damit auch mit Ostern alles klar ging für die kleinen Kinder, nä! Ja, und vor dem Haus waren bis zum Ende der sechziger Jahre bis zum Horizont nach Südosten hin Weizenfelder, Weizenfelder..."

Ein bisschen abwesend sieht Thomas Kling aus, wenn er von "seinem" Bingen erzählt, das eigentlich Gaulsheim heißt und damals weder dichterisch noch germanistisch aufgeladen war. Nur seine Schulferien verbrachte er dort und davor all die unbegrenzte Zeit eines noch nicht zwangsverpflichteten Kindes. Der im benachbarten Büdesheim geborene Stefan George - als ein skeptisch rezipierter Vorläufer und Dichterkollege - wurde viel später von ihm entdeckt. Und um den Zyklus "mittel rhein" schreiben zu können (in "nacht.sicht.gerät"), musste der Dichter sogar "nachfassen" Anfang der neunziger Jahren: noch einmal bestimmte locations sehen, Gerüche wieder erkennen, Blicke und Blickrichtungen ausprobieren.

Einige Details aber scheinen ihm erst jetzt, in dieser Sekunde, wieder einzufallen, während er in den eigenen blühenden, grünen Garten blickt, der nirgendwo endet und keine Bahnlinie als Begrenzung hat. Die Dialekt sprechende Familie Mazza aus Norditalien, deren männliche Glieder im örtlichen Sägewerk arbeiteten beispielsweise: die war "ein Fall von gelungener Integration". Auch einen Inzestfall deutet Kling an, "da hat sich viel abgespielt unter der Hand". Der "Binger Bub ehrenhalber" kriegte ziemlich viel mit von Mai bis Oktober, von der Spargel- bis zur Schattenmorellen-Ernte. Für ältere Nachbarsleute ist er in die Birnbäume gestiegen. Und bei einer der damals noch seltenen Flutkatastrophen half er, die vollgelaufenen Keller leerzupumpen. "Bis zum Oberschenkel stand mir das Wasser, das hat mir ein unglaubliches standing eingetragen. Und sogar einen Dankesbrief kriegte ich, von jemandem, der seit seiner Schulzeit nicht mehr geschrieben hat. Das hat mich unglaublich berührt."

Idylle pur also? Ein Wärmebad für kindliche Gefühle, die auch im Nachhinein nicht mehr korrigiert werden brauchen? Na, irgendwie schon. Aber wenn er in Gaulsheim gelebt hätte, die ganze Kindheit und Jugend hindurch, hätte ihm das natürlich das Genick gebrochen, sagt Thomas Kling. "Das war ein katholisches Dorf. Und ich war evangelisch, also doch irgendwie ein Außenseiter."

Wenigstens wollte ihn dort niemand missionieren. Oder der mittelrheinische Katholizismus entwickelte vielleicht wirklich keinen solchen Sog, wie ihn der kleine Kling - immer an Ostern - in Ascona erlebte. In der Karwoche, im Kloster Madonna dell Sasso oberhalb von Locarno, gab es jedenfalls die "härteren Messen". Der "wahnsinnige" Barock-Kreuzweg dort mit seinen überlebensgroßen Apostelfiguren beeindruckte das aus der "protestantischen, wortzentrierten Bildlosigkeit" kommende Kind, verstärkte dessen "Anfälligkeit für den katholischen Ritus". Die zwei unverheirateten alten Damen in der Hitchcock-Villa an der Via Locarno, wo Großeltern und Mutter damals mit dem Jungen zu logieren pflegten, hätten es sicher nicht ungern gesehen, wenn der Feriengast aus Deutschland übergetreten wäre.

Nicht unwahrscheinlich, dass sie ihm dann sogar die Villa San Carlo vererbt hätten, diese mit "katholischem Bilderjunk" vollgestopfte Riesenvilla auf einem Riesengrundstück mit einem Riesenpark voller exotischer Bäume: Kampferbäume, Mimosenbäume, Magnolienbäume. "Magnolien gab es damals nicht am Rhein", sagt Thomas Kling, oft, wenn er vom Niederrhein spricht, wird auch sein Tonfall rheinisch. Er kneift die Augen zusammen, raucht, scheint sich immer wieder eine neue Zigarette anzuzünden, ohne dass er je eine ausmacht. Und warum ist er nicht katholisch geworden? "Ja, warum bin ich es nicht geworden? Ha!"

Hier in Hombroich ist Ascona fern, der die Sinne betäubende Katholizismus wenigstens, wenngleich die Vegetation nicht weniger verführerisch ist. Die Schmetterlinge fliegen, das Schilfgras weht, die Wespen summen, am Horizont beginnen sich dunkle Wolken aufzutürmen. "Ha! Da würden wir hier nicht mehr sitzen, weil ich kein Schriftsteller wäre. Ist doch klar. Da hätte ich keinen Finger mehr rühren müssen. Da wäre ich so ein zynisches Schwein geworden, das ..." Der Satz bleibt in der Luft hängen. Was hätte das zynische Schwein, von dem Kling spricht, wohl angestellt? Wäre es automatisch zum Verräter an der Literatur geworden?

Immerhin, Hugo Ball, dessen avancierte Vortragskunst der Schriftsteller früh schätzen lernte, Hugo Ball, der 1917 mit Emmy Hemmings ins Tessin gegangen war, galt in Ascona als Volksheiliger, war eine Art New-Born-Christ und als Dichter unbekannt. Else Lasker-Schüler dagegen, so hat es der Großvater dem Enkel erzählt, so steht es in den "Botenstoffen", wo der Sehnsuchtsort deutscher Exilanten eine zarte, gefühlvolle, ganz und gar unironische Würdigung erfährt, sei im Teatro San Materno mit ihrer Dichtung aufgetreten.

Wenn jemand dafür sorgte, dass der junge Kling aufs richtige literarische Gleis kam, war es jedenfalls der Großvater. So fragte ihn denn auch sein Enkel im Alter von Vierzehn, nachdem er die Kinder- und Jugendliteratur auf den Regalen über seinem Bett ausgeschmökert hatte, sich überhaupt als manischer Leser, als "Allesfresser" entpuppte, Comic-Hefte liebte und die Feuilletonisten, Tucholsky, Polgar: "Was für ein Erwachsenen-Buch soll ich denn jetzt lesen?" Und bekam von dem promovierten Historiker prompt die "Menschheitsdämmerung" in die Hand gedrückt, jene 1920 von Kurt Pinthus herausgegebene Sammlung expressionistischer Dichter, "von denen ja viele verschwunden und auch mit Recht verschwunden sind".

Womit wir - bei einer literarischen homestory gehört dies einfach dazu - zu den frühen Schreib- und Lesejahren des Thomas Kling gekommen wären. Noch regnet es nicht, noch müssen wir nicht weichen. Nur Ute Langanky ist aus der Stadt zurückgekommen, hat uns kurz begrüßt und Thomas Kling am Revers seines sandbraunen Hemdes gezupft. "Macht Spaß" ruft er ihr zu, bevor sie ins Haus verschwindet, "läuft gut gerade, besser also nicht stören." Und spricht weiter, erzählt, dass er in dieser Anthologie Benn und Trakl gefunden habe, "Trakl war damals der Wichtigste für mich und bedeutet mir heute noch viel". Auch den "Demian" habe er damals vom Großvater erhalten, "einen der klügeren Hesse-Bände, so ein Psychoanalyse-Buch mit Weichzeichner, nä!" Als Kontrastprogramm habe er sich dann noch Döblins "Berlin Alexanderplatz" gekauft. "Ja, so war das", beschließt er den Parcours durch die eigene Lese-Vergangenheit und muss lachen, "so kam ich auf die Bahn. Mit fünfzehn oder sechzehn stieß ich dann noch zufällig auf einen Artmann-Band, auf die deutschsprachige Nachkriegsavantgarde also. Und so ging auch das Wiener Schneeball-System los."

War er ein widerständiger, ein einsamer Schreiber, der junge Thomas Kling? Existierte damals eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten? Nein, abgesehen von der Kunstakademie sei Düsseldorf eine "total a-kulturelle Umgebung" gewesen. Immerhin, mit zwei Mitschülern habe er sich gelegentlich getroffen, "dann wurde geschrieben, und man las sich das vor". Und wie war das mit der Kritik? "Na, klar, dass ich der Weltmeister war! Wenn man sitzengeblieben war, ist man schließlich schon mal ein Jahr älter. Da ist man eine Kapazität, da ist man ein Outlaw."

Nein, Thomas Kling stilisiert sich nicht, was angenehm ist, wenn man bedenkt, dass er als Deutschlands aufsässigster, unangepasstester, authentischster, insofern "gefährlichster" Dichter gehandelt wird. Jetzt, wo wir - erzählenderweise - auf das Ende seiner Kindheit zusteuern, von seiner - später sehr hilfreichen - Stimmbildung als Chorknabe in einer Düsseldorfer Kantorei reden, vom leidenschaftlichen Radiohören, von seiner Mutter, die Lehrerin war und "dem Rest des Bildungsbürgertums" entstammte, bringt er es fertig, von sich zu sprechen, ohne der eigenen Person allzu nahe zu treten. Fröhlich erscheint er, unlarmoyant, verschont von frühen Verletzungen, man weiß nicht genau, ob es stimmt. Wahrscheinlich nicht. Selbst in den Gedichten, die den Rhein bedenken, hat Norbert Hummelt in seinem wunderbaren Aufsatz "Kleiner Grenzverkehr, Thomas Kling als Dichter des Rheinlands" (in Text und Kritik 147) ja anstelle des "lyrischen Ich" nur eine Leerstelle gefunden, zu schweigen von einem "biografisch interpretierbaren Ich". Die Kind-Frage zu stellen, ist auf diesem Hintergrund natürlich riskant, vielleicht sogar sinnlos. Dennoch: Wie war Thomas Kling als Kind? Und wie mögen ihn andere empfunden haben?

Klar, dass er nicht kneift, aber er will es auch schnell hinter sich bringen. "Ich habe ein deutliches Gefühl für mich als Kind. Ich galt als schwer berechenbar: Einerseits weil ich Entertainer-Qualitäten hatte, die auch als Selbstschutz funktionierten, andererseits ewig Fragen stellte und die bürgerlichen Grenzen offenbar doch sehr früh überschritt. Meine Umgebung - nicht meine Familie - wusste nie so recht, wie der Junge denn einzuschätzen war. Man war also immer ein bisschen vorsichtig mit mir. Das hat sich ja bis heute gehalten. Und da bin ich auch ganz froh drum. Mehr sag ich dazu nicht. Punkt."

Offensives Dialektsprechen habe ihm häufig als Selbstschutz gedient, erzählt Kling, in Rheinhessen bei der Patentante genauso wie in Düsseldorf oder Wien, wo er später diese "Chamäleonhaftigkeit" ganz bewusst aktivierte. Zweiundzwanzig war er da und auf den Spuren des Wiener Aktionismus. Als Deutscher in Wien sei man in der Szene wie ein Ostanatolier in Deutschland behandelt worden, damals. So habe er lieber gleich zwei Sorten Wienerisch gelernt, vorsichtshalber. Und auch sehr schnell herausgefunden, "wo man wie keinesfalls reden darf, damit man keinen auf die Schnauze kriegt."

Der Kontakt zu Friederike Mayröcker kam dann um ein paar Ecken zustande, ihre Telefonnummer erhielt der bisweilen in der Vorlesung von Wendelin Schmidt-Dengler aufkreuzende Student von dem renommierten Professor höchstselbst. Aber erst nach vier Jahren hat er es gewagt, die Dichterin anzurufen, da lebte er längst wieder in Deutschland und kam nur noch einmal jährlich nach Wien.

Und wie verlief der Beginn dieser literarischen Freundschaft, die - auch äußerlich glanzvoll - darin gipfeln sollte, dass der Verehrer von damals der Büchner-Preisträgerin die Laudatio hielt? Mit einer Lüge ganz offensichtlich. "Wirklich, ich habe sie angelogen", erklärt Thomas Kling. "ich hab gesagt, ich sei Journalist und möchte gerne etwas über Konrad Bayer erfahren, und da hat sie gesagt, nein, um Gottes Willen, den hab ich ja gar nicht gekannt. Sie war keine sechzig damals, ein Greta-Garbo-Typ, hatte das Image der Unnahbaren, wollte mich einfach nur ablenken, mich hinhalten. Ich solle sie noch einmal anrufen, meinte sie."

Und weiter?

Weiter im Originalton: "Zufällig aber traf ich sie im Cafe Museum, ich war gerade von einem Auftritt zurückgekommen, vollgepumpt mit Drogen. Friederike Mayröcker hatte eine eigene Sitzecke dort. Und man wurde von einem Ober, der damals noch weiße Handschuhe trug, aufgerufen und zu ihr hingeführt. Fünfundvierzig Minuten lang haben wir miteinander geredet. "
Und dann?

Dann gibt Thomas Kling Friederike Mayröcker und fragt sich selbst im schönsten Wienerisch: "Sagen Sie, schreiben Sie auch sölber? Entschuldigen Sie, dass ich nichts von Ihnen kenne." "Aber Sie können mich ja auch gar nicht kennen", habe der junge Kling damals im originalen, noch nicht relaunchten Cafe Museum in der Operngasse ausgerufen, sie von aller Schuld entlastend, "mein erstes Buch war doch ein Privatdruck, das können Sie doch gar nicht kennen." "Ja, dann schicken Sie mir doch mal was", habe Mayröcker geantwortet. Kleines Rollenspiel in Hombroich.

Nachdem sich Kling - wiederum Monate später, Annäherungen zwischen lebenden Dichtern vollziehen sich offensichtlich langsam, sehr langsam - getraut hatte, ihr Werkproben zu senden, begann sich ein Briefwechsel zu entwickeln. Und auch Ernst Jandl kam er näher, der ihm ein - via Mayröcker - mit der Bitte um Signatur zugesandtes Buch gleich mit mehreren anderen Jandl-Bänden und herzlichen Widmungen retournierte. So erwies sich die sanft insistierende Belagerung des Wiener Kosmos von Deutschland aus als ein Erfolg.

Aber auch Reinhard Priessnitz gelang es Kling in den frühen Achtzigern kennenzulernen, einen der radikalsten Dichter und Sprachkritiker Österreichs, einen, der gleichfalls der dadaistischen Bewegung viel abgewinnen konnte und gegen alle literarischen Konventionen anrannte. Und dass sich der existenzielle Probeläufer aus Düsseldorf damals oft "unter Schauspielern aufhielt, dabei nicht sehr viel weniger begabt war als sie, auch ohne Unterricht", und eine Zeitlang als Dramaturg an einer Off-Bühne arbeitete, blieb gleichfalls nicht ohne Wirkung. Nicht zuletzt durch diese Erfahrungen, verrät er, habe er die drögen, damals in Deutschland gängigen literarischen Lesungen radikal aufmischen, neue Vortragsweisen und aggressive Sprechtempi entwickeln können.

Riecht die Frage, ab wann Thomas Kling sozusagen hauptberuflich "Poet" werden wollte, wirklich so sehr nach Bohnerwachs? Die Antwort darauf klingt jedenfalls entrüstet. Da kündigt sich der Klimawechsel schon an, da sind wir gerade auf dem Rückzug ins Haus, haben uns rasch Notizbücher, Tonband, Aktentasche gegriffen und rennen. "Also! Poet schon mal gar nicht, weil ich ja nicht Andre Heller bin. Ich bin auch kein Liedermacher und kein Barde. Diesen ganzen Siebziger-Jahre-Mist habe ich immer bekämpft. Nein, ich habe mich das nie gefragt, ob ich Dichter oder Schriftsteller werden sollte, denn das war ich ja. Das war ich. Es war klar, dass ich es nie sein lassen würde."

Und nie gab es Krisen? Jetzt stöhnt er sogar auf. "Sie sind schon hart, hier geht?s ja zu wie in Psychoanalyse. Also, mit Anfang Zwanzig habe ich durchaus den Eindruck gehabt: Das war?s jetzt. Da habe ich dreißig, vierzig Fassungen eines einzigen Gedichts geschrieben und nur noch die Interpunktion geändert. Und wenn ich in Wien früh morgens aus den Kneipen zurückkam und mit den dort geklauten Zeitungen das Montageprinzip der Wiener Nachkriegsavantgarde ausprobierte, hab ich manchmal gedacht: Ich schreib gar nicht mehr. Ich hab was anderes zu tun..."

Aber er hat ja weitergemacht, Gott sei Dank, obwohl es schwer ist, die restliche Zeit seines Lebens mit ihm durchzusprechen, jene Jahre, als nacheinander, fast Schlag auf Schlag seine Gedichtbände erschienen: "Erprobung herzstärkender Mittel", "geschmacksverstärker" "brennstab", "nacht.sicht.gerät", "morsch", "Sondagen", um nur diese zu nennen; er Leser und Feuilletonisten mit seiner exzessiven Sprachartistik, seinen orthografischen Verfremdungen und apokryphen Zitaten verwirrte, sie schockierte mit seinen inszenierten O-Tönen, ratlos zurückließ, bisweilen auch angriff, wenn er auf Genauigkeit bestand und der Kritik Fehler nachweisen konnte. Und sich trotzdem unaufhaltsam in die vorderste Reihe deutschsprachiger Lyrik schrieb. "Poesie Gratwanderer, Poesie Lunatiker", so hat Friederike Mayröcker Thomas Kling in der Zeit beschrieben, "mit dem Selbstauslöser Sprachbilderkataloge generierend, er selbst in kunstanarchischer Pose davor, nämlich als Magier einer ins nächste Jahrtausend weisenden Sprachverwirklichung."

Dagegen anzufragen oder Rätsel aufzulösen, die Thomas Kling gar nicht aufgelöst haben will, ist kaum möglich. Außerdem haben sich doch längst auch Legenden gebildet um diesen prekären David Bowie der deutschen Poesie (A. Brüggemann in manuskripte), dessen sandblondes Haar ihm immer noch jungenhaft in die Stirn hängt und sich hinter den Ohren kringelt. Geschichten gibt es wirklich zuhauf über ihn, fast jeder mit Literatur befasste, gar nicht einmal Szene-Verdächtige kann irgend etwas über diesen Dichter erzählen, vielleicht nicht immer Selbsterlebtes, eher Angelesenes und Weitergereichtes. Diese eifrig reproduzierte chronique scandaleuse der Gekränkten, der Erheiterten, der Schadenfreudigen hält sich schon lange selbst am Laufen.

Da ist es schön, wenn der Verursacher derselben zu deren Korrektur oder gar Nivellierung en detail beitragen kann: Zum Beispiel, dass er nie zur so genannten Kölner Autorenwerkstatt gehört habe, nie eine "Schule" habe begründen wollen, obgleich dies in jeder zweiten Rezension behauptet würde, - da geht es ihm wie H.C. Artmann, der die Zugehörigkeit zur Wiener Gruppe gleichfalls weit von sich wies. Und er, Thomas Kling, und kein anderer sei es gewesen, der den Ausdruck "Spracharchäologie" geprägt habe, obwohl der jetzt bei fast jedem mittelmäßigen Lyriker im Klappentext prange.

Alle anderen Vorlieben und Besessenheiten lassen sich in "itinerar" und in den köstlich substanzhaltigen "botenstoffen" nachlesen, na klar, was muss man da fragen. Dort kann man seine Forschungswege begleiten ("immer abseits der Bahn, immer abseits", sagt Kling), mit ihm auf Abraham a Sancta Claras, Christine Lavants, Oswald von Wolkensteins Lebensspuren wandeln. Und sich unschwer erklären auf diese Weise, warum er die Gruppe 47, die in seinen Augen so magersüchtige westdeutsche Nachkriegspoesie, Enzensberger, zuvorderst aber Ingeborg Bachmann überhaupt nicht liebt. Und sich wenigstens ansatzweise die Terminologien, die etymologischen Ableitungen, die ethnologischen Fingerzeige, kurz, den prallvollen, den vor untergründigen Potenzen geradezu strotzenden sprachlichen Boden erarbeiten, den Thomas Kling, poeta doctus furioso, mit jedem neuen Zyklus, jedem neuen Poem sondiert, umschichtet, abscannt und neu komponiert.

Nein, Fußnoten zur Erklärung rätselhafter oder abgelegener Zitate würde er seinen Gedichten nie beigeben, sagt er, nie und nimmer. Er sei seinen Lesern nichts schuldig. Aber ein Gedicht müsse die "Verfasstheit von Gegenwart und von Tradition widerspiegeln", ein "Wahrnehmungsinstrument" sein, das nicht nur die gesprochene Sprache, sondern auch die Fachsprachen aus jedem Zeitalter und jeder Zunge" in sich aufnehmen könne.

Und was ist aus seinen hinreißenden Auftritten geworden, seinen "Sprachinstallationen", seinen Feldzügen gegen die "grottenschlechten" Rezitatoren der "Neuen Subjektivität"? Den Gedichtbänden "Fernhandel" und "Sondagen" liegen mittlerweile CDs bei, mit Klings gesprochener "Interpretationshilfe" versehene, gebrannte Performances sozusagen. Haben die etwa substitutiven Charakter? "Ach, nein", sagt der Dichter, er wirkt müde und irgendwie abgeklärt auf seinem ergometrischen Drehstuhl, er streckt seine Arme von sich, jetzt, da wir alle Interview-Fragen abgearbeitet haben und er seine immer wieder aufflackernde Ungeduld nicht mehr unterdrücken muss. Seine Blicke gehen zur Tür hinaus in den rauschenden Regen. "Für mich ist heute wichtig: gutes Licht, ein Tisch, ein Stuhl, Mikro. Alle anderen Requisiten: nein! Also nichts, was der so genannten Event-Kultur Vorschub leisten würde. Tralala-Veranstaltungen versuche ich, aus dem Weg zu gehen. Das kommt nicht in Frage, weil es nicht dem Lesen dient. Nicht dem Lesen. Punkt."

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