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Essay
Die schönen Dreißigjährigen
Von Adam Krzeminski
09.06.2005. In polnischen Kinos laufen gerade einige deutsche Filme, die die Rebellion der jungen Generation zum Thema haben. Eine Scheinrevolte, das wird schnell klar.
In diesen Tagen feiern die Deutschen den 200. Todestag von Friedrich Schiller. Das ist so, als begingen wir gerade das Slowacki-Jahr. Daher schwappt eine Welle von Gelegenheitsskizzen über den Vater des deutschen Idealismus durch die deutschen Medien - mit allen erdenklichen zeitgenössischen Bezügen. Darunter sind auch Überlegungen zu einem sehr deutschen Problem: Wann verwandeln sich die Helden der "Räuber" von edlen Terroristen in Banditen?
Es geht dabei nicht um das 18. oder 19. Jahrhundert, sondern um die jüngste Vergangenheit, etwa Ulrike Meinhof und Andreas Baader und ihre linke Rote Armee Fraktion. Außerdem: Wann hört der Marquis von Posa aus "Don Carlos" auf, vom Fürsten die Gewährung der Gedankenfreiheit zu erbitten und sich von der deutschen Unfähigkeit zum revolutionären Protest lähmen zu lassen? Und wieder geht es nicht um papierne Gestalten aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, sondern um das Verhalten der Deutschen gegenüber den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts. Das ist so, als fügten wir einen hamletisierenden Kordian (Slowackis gescheiterter Verschwörer gegen die Krönung von Zar Nikolaus I. zum polnischen König aus dem gleichnamigen Drama) in den Ausnahmezustand im Polen des Jahres 1981 ein.
Jahrestage gehen gewöhnlich vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen, aber die roten Fäden der nationalen Kulturen bleiben und ziehen sich in unterschiedlichen Inkarnationen über Generationen hin, selbst wenn sich die Autoren nicht immer darüber im Klaren sind, dass sie in die Fußstapfen der Klassiker treten. Im postmodernistischen Kaleidoskop fügen sich die bunten Glasscherben der zerschmetterten Mythen - in der Literatur, im Theater und im Film - zu immer neuen, unverbindlichen Mustern zusammen.
Es hat in der westdeutschen Nachkriegswirklichkeit einen Moment gegeben, an dem der Marquis von Posa aufhörte, die Obrigkeit um irgendetwas zu bitten, und sich auf die Seite der Räuber schlug. Die waren sich jedoch - wie die Brüder Moor bei Schiller - ihrer Sache nicht völlig sicher. Und jetzt kehrt der deutsche Rebell als literarischer oder filmischer Schatten zurück und denkt über den Sinn seiner Revolte nach.
Einige der neuesten deutschen Filme - manche von ihnen laufen gerade bei uns an - zeigen verschiedene Gesichter der deutschen Revolte, Rebellion oder zumindest einer inneren Emigration. Hier einige Beispiele: "Die fetten Jahre sind vorbei", "Sophie Scholl - Die letzten Tage", "Rosenstraße", "Napola" und - in gewissem Maße - auch "Gegen die Wand".
In allen geht es um Rebellion. In "Gegen die Wand" um die Rebellion einer deutschen Türkin, die weder in den europäischen noch den anatolischen Normen ihren Platz findet. "Rosenstraße" ist die sorgfältig, aber recht statisch verfilmte Geschichte einer stummen Rebellion deutscher Frauen, die 1943 beharrlich das Gebäude belagerten, in das ihre Ehemänner verschleppt worden waren. "Napola" ist ein schematischer Streifen über eine nationalsozialistische Eliteschule, der einerseits merklich von der faschistischen Ästhetik fasziniert ist, sich andererseits aber mit der simplen These rettet, dass ein Junge mit Charakter sich sogar dort aus der Falle befreien kann, indem er auf die Privilegien verzichtet und mit leeren Händen, aber Würde in die normale Gesellschaft zurückkehrt. Und schließlich die von Julia Jentsch bravourös gespielte "Sophie Scholl", die Geschichte einer Studentin aus der Organisation "Weiße Rose", die im Februar 1943 im Lichthof der Münchner Universität Flugblätter verstreute. Dafür wurde sie zum Tod durch die Guillotine verurteilt, obwohl sie sich hätte retten können, wenn sie sich während der Ermittlung von ihrem Bruder distanziert hätte.
In "Die fetten Jahre sind vorbei" macht sich der dreißigjährige Österreicher Hans Weingärtner zum einen über das selbsttäuschende Manifest seiner eigenen Generation lustig, einer Generation, die keinerlei erhabene und düstere Zukunft vor sich hat. T-Shirts mit der Ikone Che Guevaras kann man schließlich in jeder zweiten Boutique kaufen, und jedes neue Programm einer Revolte ist nur noch ein Zitat aus einer langen Reihe missglückter Programme irgendeines Vorgängers. Zum anderen schießt er der Generation der 68er eine Salve vor den Bug. Die war einst aufgebrochen, um die Welt zu verändern, zund hatte sich den eigenen Eltern entgegengestellt. Schließlich begann sie aber, Karriere zu machen. Und heute wäre es nötig, gerade sie in die Enge zu treiben.
Doch auch das ist nicht mehr möglich, weil sämtliche Ideologien der Revolte verschlissen und in Museen, multimedialen Ausstellungen und Kult-Hauskapellen verwahrt wurden. Selbst für die Rote-Armee-Fraktion gab es eine eigene Ausstellung in Berlin, wo man sich bis vor kurzem die Kassiber der zu lebenslanger Haft verurteilten Terroristen sowie Dokumente über die Entführung (und Ermordung) des Präsidenten des Bundesverbands der deutschen Arbeitgeberverbände und ehemaligen SS-Mannes Hanns Martin Schleyer ansehen konnte.
"Die fetten Jahre sind vorbei" erzählt von einer grotesken Scheinrevolte. Die knapp Zwanzigjährigen Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) kämpfen gegen die globale Ungerechtigkeit. Sie brechen in Berliner Luxusvillen ein. Sie stehlen nichts und sie zerstören nichts. Sie stellen lediglich die Möbel um. Meißner Porzellan packen sie in die Toilette, Stereotürme in den Kühlschrank. Und aus Sesseln und Lampen errichten sie Pyramiden. Neben ihren antikapitalistischen Installationen hinterlassen sie die warnende Aufschrift: "Sie haben zuviel Geld." Unterzeichnet - ganz im Geiste der ästhetischen Pädagogik Schillers - mit "Die Erziehungsberechtigten".
Und so würden sie sich wahrscheinlich endlos amüsieren, wenn da nicht Jule (Julia Jentsch) auftauchte. Ein klassisches Liebesdreieck sprengt die Gemeinschaft idealistischer Weltverbesserer. Ihre Aktionen werden chaotischer, schließlich gleiten sie in Terrorismus ab. Vom Besitzer einer der umfunktionierten (wie es im Jargon der 68er hieß) Villen überrascht, entführen sie ihn in einem klapprigen Kleinbus nach Tirol. Der postmodernistische Anschlag auf die Intimsphäre eines Reichen schlägt plötzlich um in ironische Zitate der Jugendrevolte der siebziger Jahre: RAF-Terrorismus, Polizeirazzien, ideologische Dispute. Nur dass alles Schein ist.
Jan und Peter sind keine entschlossenen "Kinder Hitlers", und der von ihnen entführte Millionär ist kein ehemaliger SS-Mann, sondern ein ehemaliger Mitstreiter aus dem Jahr 1968 und sogar ein Freund des damaligen Jugendidols Rudi Dutschke. Der Entführte und die Entführer tragen untereinander lange Debatten über die globale Ungerechtigkeit, die freie Liebe, den Unsinn des Terrorismus und den Verrat an den revolutionären Idealen durch die Generation 68 aus.
Dieser völlig unangestrengt gedrehte und gespielte Film wurde mit Sympathie aufgenommen und als Spott über die rebellischen Haltungen verstanden, die heutzutage jedweder Ideologie entbehren. Doch fehlte es auch nicht an sehr kritischen Stimmen. Gustav Seibt bezeichnete "Die fetten Jahre sind vorbei" in der Süddeutschen Zeitung als dreisten Schwindel und brutale Popularisierung kleinbürgerlicher Ressentiments gegen Reiche. Empörend ist seiner Meinung nach die politische Botschaft des Films, die einer schwarzen Pädagogik huldige, derzufolge die Verletzung der Privatsphäre nur ein symbolischer Akt sei. Es sei schließlich bekannt, empört sich Seibt, dass ein Einbruch ein Trauma hinterlasse, das dem einer Vergewaltigung gleiche. Im Film werde die Situation durch "Moralschleim" zugekleistert und verfälscht. Hier werde nicht das wilde und gefährliche Leben gezeigt, nach dem sich Jule in ihren pubertären Träumen sehnte, gezeigt werde vielmehr der "Faschismus des kleinen Mannes", der auf der Sublimierung des Kampfs zwischen den Generationen beruhe, selbst wenn der nur vorgetäuscht sei (hier eine Übersicht über die Reaktionen in der Presse).
Warum gleich Faschismus, könnte man Seibt entgegnen. Regen sich beim Deklamieren romantischer Oden an die Jugend und der Sehnsucht nach irgendwelchen Robin Hoods, die Recht und Gerechtigkeit mit Gewalt durchsetzen, die Reflexe junger SA-Männer oder Baader-Meinhof-Terroristen? Nein, meint Seibt, abstoßend an diesem Film sei die nietzscheanische Selbstgerechtigkeit der Rebellion um der Rebellion willen, ohne jede Moral. Wenn diese jungen Täter nicht früh sterben, würden sie, weil sie sich von ihren Trieben leiten lassen, zu erbarmungslosen Chefs werden. Das ist eine niederschmetternde These zum Kultfilm einer Generation, die sich selbst bemitleidet, weil sie jeglicher revolutionärer Utopien beraubt wurde.
Zur Rebellion braucht man keine Utopie, es reicht, zwischen den Mühlsteinen von zwei schwer miteinander zu vereinbarenden, aber dennoch nebeneinander existierenden Kulturen festzustecken. Während die Revolte in "Die fetten Jahre sind vorbei" im Schillerschen Sinne konstruiert ist, täuscht der - ebenfalls in unseren Kinos laufende - Film "Gegen die Wand" von Fatih Akin die psychologische Wirklichkeit türkischer Immigranten vor, Opfer des alltäglichen Zusammenpralls der Zivilisationen zwischen Hamburg und Istanbul.
Diese Revolte ist ein Melodram. Zwei verhinderte Selbstmörder gehen kühlen Kopfes eine Ehe ein, um einander in der klebrigen Welt türkischer Familien und der kalten europäischen Umgebung beizustehen. Sie rebelliert gegen die anachronistische Moral der Eltern, er gegen das kleinbürgerliche Glücksversprechen. Ehe sie begreifen, daß sie sich lieben, führt ihr Eifersuchtsdrama zu einer Eskalation wilder Gewalt: Er wird zum Mörder, sie dagegen vergewaltigt und mit dem Messer niedergestochen. Die Revolte endet wie die Liebe - sie scheitert; er bleibt nach der Entlassung aus der Haft allein, sie zieht ihr Kind groß, verheiratet mit dem Mann, der sie auf der Straße aufgelesen hat.
"Gegen die Wand" ist heute der bekannteste deutsche Film neben "Good Bye, Lenin!" und "Die fetten Jahre sind vorbei". 2004 errang er auf der Berlinale den Goldenen Löwen und später den europäischen Filmpreis. Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt er nicht nur durch die Enthüllung des Boulevardblatts Bild, daß Sibel Kekilli auch in Pornofilmen mitgespielt hat, sondern auch durch die große Debatte über muslimische Kopftücher, Ehrenmorde in türkischen Familien an Mädchen, die europäisch leben möchten, die Existenz deutscher und türkischer Parallelgesellschaften, die kaum Berührung miteinander haben sowie die Methoden, mit denen man Immigranten die deutsche Kultur aufdrängen will.
Die fetten Jahre sind für die Deutschen vorbei. Aber nicht so, wie Weingärtner suggeriert, der sich neidisch nach großen weltanschaulichen Auseinandersetzungen sehnt, nach der echten Revolte von 1968 oder den echten Verführungen der Hitlerjugend-Generation, die in Dennis Gansels "Napola" dargestellt werden. Den Regisseur der "Fetten Jahre" scheint die Tatsache zu grämen, dass die heute Zwanzigjährigen die "Generation Gebrauchtwagen" sind, Zuschauer und Nachahmer, die von sich aus nichts zu sagen haben, voller Unsicherheit und missgünstigem Narzissmus.
Die fetten Jahre sind für die Deutschen nicht nur deshalb vorbei, weil sich das bis vor kurzem noch so glänzende Modell des deutschen Sozialstaats verbraucht hat, sondern weil die Ideologien, die die gesellschaftliche Dynamik und die Energie der jungen Generation angetrieben haben, ausgebrannt sind. Es gibt ein Ressentiment gegen die Generation der 68er oder eine - von politischer Korrektheit leicht verhüllte - Faszination für die Großelterngeneration, die zwar schwer gesündigt, aber wenigstens fanatisch an etwas geglaubt hatte, diesen Glauben später verlor, um dann mit den Gespenstern ihrer Jugend zu ringen?
Und so spielen diese schönen Dreißigjährigen mit fremden Spielzeugen, stöbern in den Familienalben und stellen sich vor - wie auch der dreißigjährige Regisseur von "Napola", Dennis Gansel -, dass man aus Neugier ein wenig "Heil Hitler" schreien kann, weil man doch jederzeit imstande sind, rechtzeitig die Uniform abzustreifen und das Dritte Reich zu verlassen wie das Kino.
Das Kino schon, die deutsche Geschichte wohl kaum. Schillers Drama der Deutschen - eine erfolglose Revolte gegen den Dämon -, das Drama edler Räuber, die sich am Ende als gemeine Mörder erweisen, dauert weiter an. Wir sind es gewöhnt, in jeder Geste, in jedem Schrei und Zitat, das der Vergangenheit entnommenen wurde, einen deutschen Rückfall zu suchen. Das ist wohl ein Fehler. Eine Flucht in die Vergangenheit ist in der Regel - auch bei uns - ein Zeichen von Ratlosigkeit gegenüber der Geschichte. Und die scharfsinnigeren Deutschlandkenner sind der Ansicht, dass eine gewisse Renationalisierung und das Selbstmitleid im deutschen gesellschaftlichen Diskurs ein Zeichen von Schwäche ist, nicht von Stärke und Überheblichkeit.
Selbst Marc Rothermunds bewegender Film "Sophie Scholl" über den Protest einer Handvoll Münchner Studenten gegen den Krieg und das Dritte Reich ist in gewisser Weise anrührend, wegen der Unbeholfenheit in den Aktionen dieser Studenten, wegen des edlen schillersches Pathos' (in ihren Flugblättern beriefen sie sich auf Schiller) und zugleich wegen der antiken Dimension des realen Dramas, dessen Akteure sie sind. Sophie hätte sich retten können, geht aber auf die Guillotine wie Antigone, um den Bruder bei seiner Hinrichtung nicht im Stich zu lassen.
Dies ist eine Facette der deutschen Revolte, die eher eine hilflose Geste christlicher Demut darstellt und von großer Charakterstärke zeugt, ganz anders als die vor Hochmut strotzende Baader-Meinhof-Episode, jene düstere Wiederholung von Schillers "Räubern" im wirklichen Leben.
Aus dem Polnischen von Silke Lent.
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