Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Mord und Ratschlag
Vom Wert der Recherche
Die Krimikolumne. Von Michael Schweizer
01.08.2002. Die Krimikolumne. Heute: Petra Hammesfahrs Serienmörder-Roman "Das letzte Opfer" ist schlecht geschrieben, fesselt aber mit beunruhigender Seelenkenntnis.
Das Unwichtigste an einem Roman ist sein Thema. Egal worüber: Gut Geschriebenes interessiert, schlecht Geschriebenes langweilt. Das gilt auch für Krimis, Thriller und andere Verbrechensromane, die man schließlich als Kunstanstrengung ernst nehmen sollte. Stiehlt jemand zehn Euro aus der Kasse des Briefmarkensammlervereins, so bildet ein guter Autor daraus eine aufregende Geschichte; Stümpern, auch bestimmter Bestseller-Schulen, nützt es nichts, wenn sie in ihre Bücher alles hineinstopfen, was das Leben dramatisch macht. Sie bleiben öde.
Es gibt aber Ausnahmen. Petra Hammesfahr hat mit "Das letzte Opfer" einen Roman geschrieben, gegen den sich künstlerisch einiges einwenden lässt, der aber fesselt. Man liest diagonal, weil man möglichst schnell erfahren will, wie es weitergeht, dann möchte man auf keine Einzelheit verzichten und blättert zurück. Wie hat die 1951 geborene Autorin das geschafft?
Das letzte Opfer ist Karen Stichler. Als der Roman im Frühjahr 2000 in Köln einsetzt, ist sie 28 Jahre alt und hat viel erlitten. Sie war das begabte Kind einer quengelnden Friseuse und eines herzlichen, zugewandten Monteurs, wollte eine begeisternde Schauspielerin werden und brillierte schon auf der Schulbühne. Aber dann wird sie nach einem Discobesuch vergewaltigt, ohne den Täter zu erkennen, und bringt mit 16 Jahren ihr erstes Kind zur Welt, Jasmin. Zwei Jahre später, am 14. September 1990, überfährt sie einen alten Radfahrer, der daran stirbt. Was vorher geschehen, warum sie so panisch gerast ist, hat sie verdrängt.
Weitere vier Jahre später heiratet sie den Fotografen Marko Stichler, richtet sich kleinbürgerlich leidlich ein, bekommt Kevin, ihr zweites Kind. Auch für Marko wiegt der 14. September schwer: 1979 ist an diesem Tag seine Halbschwester Rabea im Rhein ertrunken. Und Thomas Scheib, Profiler beim Bundeskriminalamt, stößt auf noch eine Bedeutung des Datums: Seit 1982 verschwindet alle zwei Jahre an diesem Tag eine junge Frau. Manche werden tot gefunden, andere gar nicht. Karens Bruder Norbert fährt jeden zweiten September alleine in Urlaub. Er oder Marko, einer von diesen Männern, die so wichtig für sie sind, ist ein Serienmörder.
In vielem ist die Geschichte überladen und unplausibel. Petra Hammesfahr flicht einen Mord ein, der mit den Serientaten nichts zu tun hat: Ein enttäuschter junger Liebhaber aus der Münchner Gegend tötet die Frau, die ihn verlassen will. Statt die Leiche in einem bayerischen Wald zu verstecken, transportiert er sie in ihr Haus nach Köln. Der Bruder der Toten lässt sich, man weiß nicht, warum, vom Serienmörder zu einem Anschlag auf Karen bewegen. Polizisten fragen nicht nach dem Namen eines wichtigen Zeugen. Eine andere, in den Fall nicht verstrickte Zeugin erzählt immer gerade die Lügen, die die Ermittlung aufhalten. Hammesfahr hat bemerkt, dass das alles viel zu viel ist, und reicht für gröbere Ungereimtheiten Erklärungen nach, von denen aber nichts besser wird.
Um den Roman spannend zu machen, offenbart, tarnt und verschweigt der allwissende Erzähler seine Kenntnisse in einer Weise, die man autoritär nennen kann. Oft demonstriert er, dass er ex post berichtet und das Geschehen komplett überblickt ("Aber bis dahin waren es noch zwei Jahre"). Er rückt jedoch immer nur mit dem heraus, was ihm hilft, im Wechsel Marko und Norbert als Täter erscheinen zu lassen. Das ist im Krimi und im Thriller völlig in Ordnung, wenn es nicht nur dem Nervenkitzel des Lesers dient, sondern auch den beschriebenen Charakteren gerecht wird. Der traumatisierten Karen aber, die verständlicherweise vieles verdrängt hat, fällt alles Häppchen für Häppchen genau in dem Rhythmus wieder ein, den Hammesfahr für ihre Spannungsbögen benötigt.
Dass die Romanpersonen manchmal als erzähltechnische Manövriermasse missbraucht werden, zeigt auch der Stil. Drei Perspektiven wechseln sich ab und gehen ineinander über: die Sicht Karens, die des Ermittlers und die des allwissenden Erzählers Scheib. Der Ton ist aber immer derselbe: Er klingt nach Sachbearbeitung ("die Kosten der gemeinsamen Lebensführung") mit Ausschlägen ins Klischeehafte ("eine wahre Flut von Tränen") und Therapeutische ("Sie lernte zu diskutieren, ihren Standpunkt zu vertreten und sich kritisch mit der Realität auseinander zu setzen"). Das ist keine Rollenprosa, sondern die Autorin selbst, die es versäumt, ihren Figuren eine je eigene Sprache zu geben.
Warum fesselt "Das letzte Opfer" trotz alledem? Gegen die Regel eben doch: wegen des Themas, der Fakten, der mehr journalistisch-wissenschaftlichen als künstlerischen Recherche. Der Kern von allem, die Seele des Serienmörders, stimmt. Man versteht den Mann und ist beunruhigt und fasziniert, dass das so gut geht. Denn wer wäre nicht in einer schwierigen Familie aufgewachsen: schwacher oder abwesender Vater, anstrengende Mutterfigur, der Aufmerksamkeitskampf gegen die Geschwister - solche oder vergleichbare Gewichte trägt doch jeder. Die Grenze zum gewalttätigen Psychopathen ist für die meisten Menschen sicher. Aber sie ist auch schmal.
Petra Hammesfahr: "Das letzte Opfer". Roman. Wunderlich Verlag, Hamburg 2002, 395 Seiten, gebunden, 19,90 Euro (Bestellen)
Archiv: Mord und Ratschlag
Das ist also Reichtum
14.05.2012. Oliver Harris holt mit "London Killing" den englischen Krimi zurück in die Metropole und lässt seinen Detective Belsey sehr riskant, aber vornehm gegen die City zocken. Giancarlo de Cataldo und Mimmo Rafele decken in "Zeit der Wut" den Plan zur Abschaffung Italiens auf. Mehr lesen
Schönheit in den Gesten
02.04.2012. In Oscar Urras Madrid-Trilogie raffen sich erschöpfte Männer noch einmal auf, um gegen die Mafia, einen korrumpierten Apparat und ihre Abschiebung aufs Abstellgleis zu kämpfen. Fred Vargas lässt in ihrem neuen Roman "Die Nacht des Zorns" die Wilde Jagd durch die Normandie reiten. Mehr lesen
Verbrechen und Erlösung
06.03.2012. In Georg M. Oswalds Roman "Unter Feinden" versuchen ein Junkie und ein Spießer, ihre Haut und ihren Polizistenjob zu retten, während Dealer, Terroristen und eine Staatsanwältin hinter ihnen her sind. Yves Ravey erzählt in "Bruderliebe" von einem kalten, aber sehr eleganten Verbrechen. Mehr lesen
Erde im Blut
17.01.2012. In Parker Bilals "Die dunklen Straßen von Kairo" kämpft Privatdetektiv Makana für Aufklärung und bringt damit Magnaten und Sittenwächter gegen sich auf. In "Der achte Zwerg" lässt Ross Thomas einen Nazijäger durch das Deutschland im Jahre Null jagen. Mehr lesen
Hier ist alles Intelligenz
05.12.2011. In "Müllers Morde" setzt Monika Geier einen lebensuntüchtigen Historiker auf die Spur eines aus dem Ruder gelaufenen Hackers. Richard Stark lässt in "Verbrechen ist Vertrauenssache" ausschließlich professionelle Kräfte walten.
Mehr lesen
Kunst in Schwarzweiß
17.10.2011. Vom Lieben und Sterben in Padua singt Massimo Carlotto in seiner düsteren Mörderballade "Banditenliebe". In Dominique Manottis Politkrimi "Einschlägig bekannt" errichtet die Polizei in der Pariser Banlieue ein Besatzungsregime. Mehr lesen
Luxus und Kunst für jedermann
17.08.2011. Didier Daeninckx erklärt in seinem Historienkrimi "Tod auf Bewährung", für welche Verbrechen man sich einen Orden an die Brust heften darf. Uli Hufen erzählt in "Das Regime und die Dandys" von Odessa-Mama und seinen Gaunerchansons. Mehr lesen
Akte der Liebe
30.06.2011. "Manhattan Karma" eröffnet Walter Mosley neue Serie um den schwarzen Privatdetektiv und Ex-Boxer Leonid McGill, der rechtschaffen werden will, bloß nicht im Sinne des Gesetzes. In Patrick Pecherots Krimimärchen "Belleville - Barcelona" bilden Nestor Burma und Andre Breton eine surrealistische Waffenschmuggelfront für die spanische Republik. Mehr lesen
Darf ein Esel zum Pferderennen?
18.05.2011. In seinem großartigen Thriller "Wahrheit" zeigt Peter Temple, mit welcher Geschmeidigkeit das Geld sich die Politik kauft, und Medien und Polizei gleich mit. In John Harveys Krimi "Das Fleisch ist schwach" untersucht der melancholische Inspector Charlie Resnick noch einmal soziale Grundsatzfragen. Mehr lesen
Er kämpfte fair. Ich nicht.
30.03.2011. In Stuart Nevilles Nordirland-Thriller verlieren sich alte IRA-Kämpfer zwischen Terror und Politik, Wahnsinn und Vernunft, Alkohol und Drogengeschäft. In Ken Bruens "London Boulevard" verliert ein ausgekochter Profigangster gegen eine alternde Diva und ihren ungarischen Butler. Mehr lesen
Wer öffnet heute noch nackt die Tür?
17.01.2011. Thomas Willmann zeigt in seinem Alpenwestern "Das finstere Tal", dass man einen Kampf nicht aufgeben darf, bevor er begonnen hat. Ross Thomas führt mit seinem Thriller "Der Yellow-Dog-Kontrakt" hinab in die höchsten Kreise des Wahlkampfmanagements. Mehr lesen
La Muerte, Die Knochige, Die Magere
25.11.2010. Seine Hauptfiguren sind zwar etwas grob geschnitzt, aber in der Schilderung des mexikanischen Drogenkriegs ist Don Winslows Thriller "Tage der Toten" präziser und wahrhaftiger als eine ganze Jahresproduktion deutscher Regionalkrimis. Mehr lesen
Literat und Leser
18.10.2010. Silvina Ocampos und Adolfo Bioy Casares' Krimi "Hass der Liebenden" dekliniert die verschiedensten Arten des Giftmords durch. Guillermo Orsi liefert mt "Im Morgengrauen" einen aktuellen Politthriller, der wirr genug ist, dass man seinen Staatsstreich selbst planen muss.
Mehr lesen
Die Farbe von Kopfweh
26.08.2010. Louise Welsh zeichnet in ihrem Krimi "Das Alphabet der Knochen" ein wenig charmantes Bild vom Universitätskader. Selbst Kindermörder sehen besser aus. Jedediah Berry pflanzt uns das "Handbuch der Detektive" ins Unterbewusstsein. Mehr lesen
Wie man eine Lerchenpastete backt
08.07.2010. Dominique Manottis Wirtschaftsthriller "Letzte Schicht" verarbeitet in bester Costa-Gavras-Manier die Affäre um die Privatisierung des französischen Riesenkonzerns Thomson. In Domingo Villars Krimi "Strand der Ertrunkenen" ermittelt ein empfindsamer galicischer Inspektor gegen den Geist eines alten Kapitäns. Mehr lesen








