Aus dem Polnischen von Herbert Ulrich, Bernhard Hartmann, Myrrha Holzapfel, Karl Dedecius und Alfred Loepfe. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Christoph Haacker, mit einem Vortrag Stanisław Vincenz' "Begegnung mit Chassidim" und Dariusz Morawskis Essay "Das Bild des Juden in Vincenz' Epos Auf der hohen Karpathenalp". Stanisław Vincenzs "Auf der Suche nach dem Taubenbuch des Baal Schem Tow" führt in die Karpathen, einen der geheimnisumwittertsten Landstriche Europas. Nach Bram Stoker und Jules Verne konzentrierte sich das Interesse zunächst nur auf Transsylvanien und alles, was mit Dracula zusammenhing, ehe im 20. Jahrhundert eine andere Region Autoren und Journalisten wie Karl Emil Franzos, Ivan Olbracht, Fritz Beer oder zuletzt Karl-Markus Gaus und Martin Pollack unwiderstehlich anzog: die halbzivilisierte Karpathoukraine. Dort, zwischen Galizien und der Bukowina, lebte das Volk der Huzulen - vermeintlich letzte europäische "Wilde" - lange mit "Waldjuden" und archaischen deutschen Siedlern in Nachbarschaft. Kaum bekannt ist, wie sich huzulische und jüdische Kultur hier begegneten, wie die Mythen der Chassiden, die hier ihre Wurzeln hatten, und die der Huzulen mit ihrer "fast schamanistischen Naturverbundenheit" (Herbert Ulrich) sich durchdrangen, bis hin zu Geschichten über Rachmanen, die mythischen Bewohner eines utopischen Landes nahe dem Paradies: "gutmütige Magier" oder "auch nur Menschen und dennoch gleichsam Übermenschen und Heilige". Zum Erzähler und Bewahrer dieser kulturellen Vermischung wurde der Pole Stanisław Vincenz: mit Geschichten wie um "Jekely, den Einfältigen", den "Judenstein", "Die rachmanische Adelsrepublik", die "Prinzessin mit den kalten Augen", den Räuber Dobosz oder den Baal Schem Tow.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.07.2026
Rezensent Ulrich M. Schmid empfiehlt Christoph Hackers "sorgfältige" Auswahl aus der Prosa des polnischen Philosophen und Schriftstellers Stanislaw Vincenz. Die in der mündlichen Sagentradition stehenden Erzählungen um huzulische Bauern in den Karparten, um Priester und mythische Räuberfiguren, die der Autor mit jiddischem und ungarischem Sprachgut und Märchenhaftem anreichert, findet Schmid lesenswert, da strotzend vor Fabulierlust und Weisheit. Hackers Übersetzung und Nachwort weiß Schmid gleichfalls zu schätzen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2026
Der Journalist und Philosoph Stanislaw Vincenz hat diese Sagen über die Huzulen, ein Bergvolk nahe Czernowitz, in der Zwischenkriegszeit gesammelt und aufgeschrieben. Jetzt kann Rezensent Jörg Plath erstmals eine Auswahl auf Deutsch entdecken. Staunend liest er sich durch eine ziemlich überwältigende Themen- und Stilmischung; eine Holztrompete als volkstümliches Instrument, entstanden aus einem "blitzzerspaltenen" Baumstamm kommt ebenso vor wie Baal Schem Tow, der Gründer der Chassidim, aber auch Hungersnöte, die die Huzulen ihre Höfe verpfänden lassen, lesen wir. Plath ist erfreut, dass Vincenz dabei ohne das Stereotyp des edlen Wilden auskommt und erklärt noch einiges Biografisches: Das Kindermädchen des Autors war huzulisch, er selbst war kulturell divers interessiert, wurde vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und ging nach dem Krieg in die Schweiz. Die Publikation dieser Geschichtensammlung wurde lange verhindert, erfahren wir, in Polen kam sie erst nach 2000 raus. Plath hätte noch interessiert, wie der deutsche Verleger seine Auswahl getroffen hat, um aus über 3000 Seiten auf rund 400 zu kürzen. Insgesamt ein "seltsames, sperriges und überraschendes" Buch, erklärt er.
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