Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Die Beschneidungsdebatte: im Perlentaucher und in anderen Medien
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Im Kino
Äffische Posen
Von Thomas Groh, Elena Meilicke
20.02.2013. Wo sind Energie, Eleganz, Exzess? Lang und dünn sind nicht nur die Hauptfiguren in Tom Hoopers durchgesungenem Musical "Les Misérables". In Paul Thomas Andersons "The Master" liefert sich ein leidender Zweiter-Weltkriegs-Veteran (Joaquin Phoenix) einem dämonischen Zuchtmeister (Philip Seymour Hoffman) aus und wird am Ende von einer Frau kuriert.

Etwas Langweiligeres als diese knapp drei Stunden Miserablen-Musical habe ich selten gesehen. Hatte Musical nicht einmal etwas mit Tanz zu tun, mit Farbigkeit, mit einem diffizilen Verhältnis von Illusion und Illusionsbruch, mit Energie, Eleganz, Exzess? "Les Misérables" ist nichts davon. Es ist daher vielleicht bezeichnend, dass ein Großteil der bisherigen Presse zum Film sich an einem Akt totaler Askese abarbeitet: 25 Pfund soll Anne Hathaway in wenigen Tagen für ihre Rolle als tuberkulosekranke Prostituierte Fantine verloren habe. Lang und dünn ist auch der Film.
Tom Hoopers ("The King's Speech") Verfilmung hält sich ziemlich genau an Score und Libretto des 1980 in Paris uraufgeführten Musicals, dessen englische Fassung 1985 in London premierte und von dort aus die Welt eroberte. Mehr als 60 Millionen Menschen sollen "Les Misérables" als Bühnenmusical bislang gesehen haben. Diese 60 Millionen zumindest sind gewarnt und wissen: "Les Misérables" gehört - zusammen mit anderen Mega-Musicals der 80er Jahre wie "Cats", "Evita" und "Jesus Christ Superstar" - zu den sogenannten "sung-through" Musicals, das heißt: Sie werden von Anfang bis Ende durchgesungen, es gibt keinen gesprochenen Dialog. Das "sung-through" ist vielleicht die größte Prüfung von "Les Misérables" - Prüfung für die Darsteller, die alles live am Set eingesungen haben sollen, Prüfung aber auch für die Zuschauer. Ein unrhythmischer Sprechgesang, ein paargereimter Singsang in dünnen Stimmen und meist hohen Tonlagen - mir zumindest ging das "sung-through" ganz schnell gehörig auf die Nerven.
Das mag zu tun haben mit der nicht immer absoluten Stimmfestigkeit von Tom Hoopers Allstar-Ensemble, die in der britischen Presse fast so intensiv diskutiert wird wie Anne Hathaways Fantine-Diät: gelobt wird Eddie Redmayne als Marius, Hugh Jackman als Jean Valjean schlage sich passabel, Russell Crowe als Polizei-Inspektor Javert gehe gar nicht. Bleiben noch Sacha "Borat" Baron Cohen und Helena Bonham-Carter zu erwähnen, deren kurzweilige Auftritte als punkiges Gaunerpaar mir ein müdes Lächeln abgerungen haben, die aber den Film nicht retten können. Zu oft begnügt sich Hooper mit dem Abfilmen von singenden Schauspielergesichtern, er findet keine spezifisch filmische Ästhetik für das Musical und versucht diesen Makel mit ein paar panoramatischen und monumentalen CGI-Ansichten wettzumachen. Farblich ist das Elend (natürlich) düster, eine einzige blaugraue Soße, die Bilder wirken statisch und schwerfällig, dynamisiert einzig durch wahrscheinlich ebenfalls computergenerierten Nieselregen und Schneegeriesel.
Letztlich macht es wahrscheinlich mehr Spaß, über "Les Misérables" zu lesen, als den Film anzuschauen. Die britische Presse schwingt sich zu ungeahnten Höhen auf und stellt ganz große Fragen, die notwendigerweise offen bleiben müssen: "Why is the film of Les Misérables provoking such emotion?" Keine Ahnung. Und: "Will America be able to stomach the Les Misérables film?" - die Frage zielt auf die dargestellte mangelnde Hygiene im Paris des 19. Jahrhunderts und die vielen schlechten europäischen Zähne. Ich weiß auch nicht, ob Amerika "Les Misérables" verkraften wird. Was ich weiß ist, dass Amerika definitiv besseren Sprechgesang produziert. Zum Beispiel das hier: R. Kelly findet einen Zwerg im Küchenregal. HipHopera statt Musical-Matsch.
Elena Meilicke
---
Das Wasser trägt er schon im Namen, aus Meeresrauschen geht er zu Beginn des Films hervor - begleiten wird es ihn den ganzen Film: Freddie Quell (Joaquin Phoenix), Weltkriegsveteran. Seine nackte Aphrodite baut sich der Schaumgeborene am Strand aus Sand. Anfangs johlen die Kumpels noch mit, als er sie lüstern zu fingern beginnt, als er nicht mehr damit aufhört, gehen sie irritiert auf Abstand. Später wichst er sich in äffischer Pose am Wasser.
Ein traumatisierter Körper, ungemaßregelt, linkisch-tierhaft in Haltung und Bewegung, aus dem es so verzwickt wie animalisch unbeherrscht heraus glotzt - Phoenix beherrscht seinen im Method Acting gestählten Körper aufs Sorgfältigste. Eine desorientierte Figur, die - als Berufsfotograf für nostalgisch-cremig patinierte Familienbilder - sich nach einer Zeit zurücksehnt, die im Zweiten Weltkrieg verschüttet wurde. Eine Figur, die, wie ihre Zeit, den Halt verloren hat und sich damit umso hündischer an die Leine des füllig-charismatischen, von Philip Seymour Hoffman deutlich Welles' Kane nachempfundenen Lancaster Dodd legen lässt, der mit kecker Rhetorik esoterischen Blödsinn und populärpsychologisch verbrämte Lebensberatung zum neuen Heilsversprechen amalgamisiert. Mit Quell findet Dodd jenen Menschen, an dem er seine Theorien und Therapieansätze in die Wirklichkeit umsetzen und damit deren Gültigkeit und Wirksamkeit zu beweisen gedenkt.
Der füllige Körper geißelt den hageren: In einer beeindruckend monomanischen Sequenz hetzt Quell von einer Wand zur nächsten, stundenlang, vor Publikum oder nicht - zur Geißelung des Fleisches, aufoktroyierte Selbsttechnik im Exzess. Ein (mit beträchtlichem Aufwand inszeniertes) Period Piece auf 70mm, in dem der Moment einer historischen Zäsur nach "Boogie Nights" und "There will be Blood" neuerlich im Drama eines einzelnen Akteurs auskonturiert wird. Nur dass das hochauflösende Filmmaterial nicht die Weite einer Landschaft oder die Detailfreude des Production Designs in den Blick nimmt: Die Tränen und nervösen Zuckungenn in Quells Gesicht werden zum eigentlichen Spektakel eines auf nahe Einstellungen hin konzipierten Films, der sein Material zudem im Bildseitenverhältnis von vergleichsweise schmalen 1:1,85 präsentiert.
Dass der Film nicht von Scientology handele, wie der Regisseur betont, ist nicht viel mehr als eine Nebelkerze - zu offensichtlich sind die (auch äußeren) Parallelen zwischen Dodd und Scientology-Begründer Ron Hubbard und die Anspielungen auf das Auditing und andere Psychotechniken der Karriere-"Religion" aus den USA. Am Ende des Films steht freilich ein großes Scheitern: Quell wird für Dodd, was der "Wolfsmann" für Freud wurde - ein hoffnungsloser Fall. Am Ende steht aber auch: einfacher, entspannter Sex - aus der Sand-Aphrodite wird eine Frau, die Ahnung von etwas Frieden schimmert in Quells Gesicht auf, das sexuelle Drama samt Erlösung als Klammer des Films. Man fragt sich nach diesem über weite Strecken virtuosen Film aber auch etwas ungläubig, ob es nach all den groß-cineastischen Gesten und Selbstverordnungen am Ende ernsthaft auf diesen Kubrick-ismus hinausläuft: Fuck the Pain away.
Thomas Groh
Les Misérables - Großbritannien 2012 - Regie: Tom Hooper - Darsteller: Russell Crowe, Hugh Jackman, Anne Hathaway, Amanda Seyfried, Eddie Redmayne - Laufzeit: 157 Min.
The Master - USA 2012 - Regie: Paul Thomas Anderson - Darsteller: Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Laura Dern, Kevin J. O'Connor - Laufzeit: 137 Min.
Archiv: Im Kino
Lutz Meier: Die Welt, in der das Böse einbricht
21.05.2013. Nach Berlin hatte Claude Lanzmann auch in Cannes einen großen Auftritt: allerdings mit einem neuen Film, in dem er - mit Material, das er in den Siebzigern drehte - den Wiener Rabbiner Benjamin Murmelstein porträtiert und die Frage nach der Rolle der Judenräte stellt. Außerdem zeigen die Coen-Brüder den traurigsten (und lustigsten) Loser seit langem und Alex van Warmerdam den Horror als Normalität. Mehr lesen
Elena Meilicke, Jochen Werner: Hyper, Hyper
15.05.2013. Großraumdissenkino statt Mittelstufenliteraturverfilmung bietet Baz Luhrmanns "Der große Gatsby". Ulrich Seidls Trilogieabschluss "Paradies: Hoffnung" gönnt uns das Nichteintreten des Allerschlimmsten. Und das ist auch mal schön. Mehr lesen
Lukas Foerster, Thomas Groh: Populärmythische Schmiere
08.05.2013. In J. J. Abrams "Star Trek Into Darkness" wird der Zierrat als Zierrat kenntlich - eine reine Leistung nach üblichen Parametern liefert der Blockbuster dennoch ab. Peter Mettlers essayistischer Dokumentarfilm "The End of Time" belohnt eine eher entspannte Rezeptionshaltung. Mehr lesen
Thomas Groh, Jochen Werner: Revolution in der Wiederholungsschleife
01.05.2013. Brian de Palmas Erotikthriller "Passion" montiert einen deutschen Kriminalinspektor, amerikanische Businesszicken und dann und wann ein rotes Telefonhäuschen mit italienischer Slasherästhetik in den Potsdamer Platz hinein. Benoît Delépine und Gustave Kervern drücken ihren ältlichen Helden in "Der Tag wird kommen" den anarchistischen Vorschlaghammer in die Hand. Mehr lesen
Lukas Foerster, Thomas Groh: Haptisches Verstümmelungskino
25.04.2013. Der Splatterfilm ist im Mainstream angekommen: Fede Alvarez' "The Evil Dead" wird nicht mehr auf Schulhöfen unter der Hand getauscht, sondern läuft in Multiplexen neben RomKoms und Pixar-Filmen. Neu auf DVD: Alma Har'els "Bombay Beach", ein ethnografischer Dokumentarfilm, dem der empathische Blick leider nicht genug ist. Mehr lesen
Elena Meilicke, Nikolaus Perneczky: Gute Mutter, böse Mutter
17.04.2013. In Andrés Muschiettis Horrorfilm "Mama" sucht ein anorektischer Muttergeist das hedonistische Hipsterleben eines jungen Paares heim. Kein Land in Sicht ist derweil in Moussa Tourés Flüchtlingsdrama "Die Piroge". Mehr lesen
Lukas Foerster, Jochen Werner: Atombombengefühle
10.04.2013. Sally Potters "Ginger & Rosa" erzählt eine Coming-of-age-Geschichte in zerbrechlich wirkenden Bildern entlang der Kubakrise. In der Werkschau, die das Berliner Kino Arsenal den Filmen des Frankokanadiers Denis Côté widmet, kann man das Kreatürliche in sich selbst entdecken.
Mehr lesen
Thomas Groh, Jochen Werner: Ein Film wie eine Scherbe
04.04.2013. Joachim Triers "Oslo, 31. August" erzählt von der problematischen Rekonvaleszenz eines Drogenabhängigen und verweigert sich dabei simplen Erklärungsmustern. Eher nicht in der Kinogegenwart, dafür auf DVD entdecken kann man freie, lässige, lakonische deutsche Filme wie Ulrich Schamonis "Chapeau Claque". Mehr lesen
Lukas Foerster, Thomas Groh: Bärtige Männer in der Trutzburg
27.03.2013. Tomas Vinterbergs reaktionärer Film "Die Jagd" wird gespeist aus dem Widerwillen gegen die Zumutungen der demokratisch-freiheitlichen Moderne. Dann doch lieber "Peak": Hannes Lang wirft einen essayistischen Blick auf die gutgelaunten Oberflächen des alpinen Kapitalismus - und auf dessen morsche Rückseite.
Mehr lesen
Lukas Foerster, Elena Meilicke: Unheilsatmosphäre
20.03.2013. Harmony Korines Teeniebopper-Fantasie "Spring Breakers" hat die dringliche Qualität eines intensiv erlebten (Alp-)Traums. Einen mittelständischen Betrieb, der sein Geschäft mit dem Tod macht, lernt man in Thomas Heises neuem Film "Gegenwart" kennen. Mehr lesen
Lukas Foerster, Jochen Werner: Das Geld ist weg
14.03.2013. Judd Apatow ergründet in seinem neuen, in Deutschland unglücklich "Immer Ärger mit 40" betitelten Film die Schwierigkeiten, zwei grundverschiedene Leben miteinander zu synchronisieren. In Bryan Singers "Jack and the Giants" wartet man vergebens auf den Überschlag ins entfesselt Fantastische. Mehr lesen
Thomas Groh, Nikolaus Perneczky: Zweimal als Farce
06.03.2013. Pablo Larraíns "No" erzählt davon, wie ein Werbefachmann das Pinochet-Regime zu Fall brachte und leistet dabei historische Rekonstruktionsarbeit an der filmischen Oberfläche. In Sam Raimis Klassiker-Wiederaufnahme "Die fantastische Welt von Oz" fängt man sich derweil Digital-Diabetes ein. Mehr lesen
Lukas Foerster, Thomas Groh: Gründlich auf die Zwölf
27.02.2013. Nick Loves Polizeifilm "The Crime" ist verliebt in die kraftmeierischen Posen seines bulligen Protagonisten. Mel Gibsons Karriere ist derweil, wenn man Adrian Grunbergs Actionkomödie "Get the Gringo" zum Maßstab nehmen kann, im Untotenstadium angekommen. Mehr lesen
Lukas Foerster, Thomas Groh: Silhouettenspiele
30.01.2013. In "Zero Dark Thirty" fächert Kathryn Bigelow das Bilderregime der letzten zehn Jahre auf. Steven Spielberg spürt Abraham Lincoln unterdessen mit den Methoden eines schummrigen Piktorialismus nach. Vorenthaltene Bilder: Der gekürzte Schwarzenegger-Film wird nicht besprochen. Mehr lesen
Thomas Groh, Nikolaus Perneczky: Zittriges Eigenleben
23.01.2013. Tim Burtons Horrorfilm-Hommage "Frankenweenie" begeistert durch charmante und romantische Verstöße gegen das Dogma des geglättet perfektionistischen Bilds. Ruben Östlund ist zwar nicht der Sarrazin des schwedischen Kinos, sein neuer Film "Play" hat trotzdem wenig Interesse daran, die Welt besser zu verstehen. Mehr lesen
Am häufigsten kommentierte Bücher
Wolfgang Herrndorf: Tschick
"Ich muss dir ein Geheimnis verraten", sagte ich. "Ich bin der größte Feigling unter der Sonne. … mehr lesen
Robert Louis Stevenson: Die Ebbe
Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Klaus Modick. Herrick, Huish und Davis, drei zerrüttete … mehr lesen
Petter Lidbeck: Vinnie macht Ferien
Aus dem Schwedischen von Kathrin Hägele. Mit Bildern von Barbara Nascimbeni. In den Sommerferien besucht Vinni ihren … mehr lesen





