Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Im Kino

Äffische Posen

Von Thomas Groh, Elena Meilicke

20.02.2013. Wo sind Energie, Eleganz, Exzess? Lang und dünn sind nicht nur die Hauptfiguren in Tom Hoopers durchgesungenem Musical "Les Misérables". In Paul Thomas Andersons "The Master" liefert sich ein leidender Zweiter-Weltkriegs-Veteran (Joaquin Phoenix) einem dämonischen Zuchtmeister (Philip Seymour Hoffman) aus und wird am Ende von einer Frau kuriert.

Bild zum Artikel

Etwas Langweiligeres als diese knapp drei Stunden Miserablen-Musical habe ich selten gesehen. Hatte Musical nicht einmal etwas mit Tanz zu tun, mit Farbigkeit, mit einem diffizilen Verhältnis von Illusion und Illusionsbruch, mit Energie, Eleganz, Exzess? "Les Misérables" ist nichts davon. Es ist daher vielleicht bezeichnend, dass ein Großteil der bisherigen Presse zum Film sich an einem Akt totaler Askese abarbeitet: 25 Pfund soll Anne Hathaway in wenigen Tagen für ihre Rolle als tuberkulosekranke Prostituierte Fantine verloren habe. Lang und dünn ist auch der Film.

Tom Hoopers ("The King's Speech") Verfilmung hält sich ziemlich genau an Score und Libretto des 1980 in Paris uraufgeführten Musicals, dessen englische Fassung 1985 in London premierte und von dort aus die Welt eroberte. Mehr als 60 Millionen Menschen sollen "Les Misérables" als Bühnenmusical bislang gesehen haben. Diese 60 Millionen zumindest sind gewarnt und wissen: "Les Misérables" gehört - zusammen mit anderen Mega-Musicals der 80er Jahre wie "Cats", "Evita" und "Jesus Christ Superstar" - zu den sogenannten "sung-through" Musicals, das heißt: Sie werden von Anfang bis Ende durchgesungen, es gibt keinen gesprochenen Dialog. Das "sung-through" ist vielleicht die größte Prüfung von "Les Misérables" - Prüfung für die Darsteller, die alles live am Set eingesungen haben sollen, Prüfung aber auch für die Zuschauer. Ein unrhythmischer Sprechgesang, ein paargereimter Singsang in dünnen Stimmen und meist hohen Tonlagen - mir zumindest ging das "sung-through" ganz schnell gehörig auf die Nerven.

Bild zum Artikel

Das mag zu tun haben mit der nicht immer absoluten Stimmfestigkeit von Tom Hoopers Allstar-Ensemble, die in der britischen Presse fast so intensiv diskutiert wird wie Anne Hathaways Fantine-Diät: gelobt wird Eddie Redmayne als Marius, Hugh Jackman als Jean Valjean schlage sich passabel, Russell Crowe als Polizei-Inspektor Javert gehe gar nicht. Bleiben noch Sacha "Borat" Baron Cohen und Helena Bonham-Carter zu erwähnen, deren kurzweilige Auftritte als punkiges Gaunerpaar mir ein müdes Lächeln abgerungen haben, die aber den Film nicht retten können. Zu oft begnügt sich Hooper mit dem Abfilmen von singenden Schauspielergesichtern, er findet keine spezifisch filmische Ästhetik für das Musical und versucht diesen Makel mit ein paar panoramatischen und monumentalen CGI-Ansichten wettzumachen. Farblich ist das Elend (natürlich) düster, eine einzige blaugraue Soße, die Bilder wirken statisch und schwerfällig, dynamisiert einzig durch wahrscheinlich ebenfalls computergenerierten Nieselregen und Schneegeriesel.

Letztlich macht es wahrscheinlich mehr Spaß, über "Les Misérables" zu lesen, als den Film anzuschauen. Die britische Presse schwingt sich zu ungeahnten Höhen auf und stellt ganz große Fragen, die notwendigerweise offen bleiben müssen: "Why is the film of Les Misérables provoking such emotion?" Keine Ahnung. Und: "Will America be able to stomach the Les Misérables film?" - die Frage zielt auf die dargestellte mangelnde Hygiene im Paris des 19. Jahrhunderts und die vielen schlechten europäischen Zähne. Ich weiß auch nicht, ob Amerika "Les Misérables" verkraften wird. Was ich weiß ist, dass Amerika definitiv besseren Sprechgesang produziert. Zum Beispiel das hier: R. Kelly findet einen Zwerg im Küchenregal. HipHopera statt Musical-Matsch.

Elena Meilicke

---

Bild zum Artikel

Das Wasser trägt er schon im Namen, aus Meeresrauschen geht er zu Beginn des Films hervor - begleiten wird es ihn den ganzen Film: Freddie Quell (Joaquin Phoenix), Weltkriegsveteran. Seine nackte Aphrodite baut sich der Schaumgeborene am Strand aus Sand. Anfangs johlen die Kumpels noch mit, als er sie lüstern zu fingern beginnt, als er nicht mehr damit aufhört, gehen sie irritiert auf Abstand. Später wichst er sich in äffischer Pose am Wasser.

Ein traumatisierter Körper, ungemaßregelt, linkisch-tierhaft in Haltung und Bewegung, aus dem es so verzwickt wie animalisch unbeherrscht heraus glotzt - Phoenix beherrscht seinen im Method Acting gestählten Körper aufs Sorgfältigste. Eine desorientierte Figur, die - als Berufsfotograf für nostalgisch-cremig patinierte Familienbilder - sich nach einer Zeit zurücksehnt, die im Zweiten Weltkrieg verschüttet wurde. Eine Figur, die, wie ihre Zeit, den Halt verloren hat und sich damit umso hündischer an die Leine des füllig-charismatischen, von Philip Seymour Hoffman deutlich Welles' Kane nachempfundenen Lancaster Dodd legen lässt, der mit kecker Rhetorik esoterischen Blödsinn und populärpsychologisch verbrämte Lebensberatung zum neuen Heilsversprechen amalgamisiert. Mit Quell findet Dodd jenen Menschen, an dem er seine Theorien und Therapieansätze in die Wirklichkeit umsetzen und damit deren Gültigkeit und Wirksamkeit zu beweisen gedenkt.

Bild zum Artikel

Der füllige Körper geißelt den hageren: In einer beeindruckend monomanischen Sequenz hetzt Quell von einer Wand zur nächsten, stundenlang, vor Publikum oder nicht - zur Geißelung des Fleisches, aufoktroyierte Selbsttechnik im Exzess. Ein (mit beträchtlichem Aufwand inszeniertes) Period Piece auf 70mm, in dem der Moment einer historischen Zäsur nach "Boogie Nights" und "There will be Blood" neuerlich im Drama eines einzelnen Akteurs auskonturiert wird. Nur dass das hochauflösende Filmmaterial nicht die Weite einer Landschaft oder die Detailfreude des Production Designs in den Blick nimmt: Die Tränen und nervösen Zuckungenn in Quells Gesicht werden zum eigentlichen Spektakel eines auf nahe Einstellungen hin konzipierten Films, der sein Material zudem im Bildseitenverhältnis von vergleichsweise schmalen 1:1,85 präsentiert.

Dass der Film nicht von Scientology handele, wie der Regisseur betont, ist nicht viel mehr als eine Nebelkerze - zu offensichtlich sind die (auch äußeren) Parallelen zwischen Dodd und Scientology-Begründer Ron Hubbard und die Anspielungen auf das Auditing und andere Psychotechniken der Karriere-"Religion" aus den USA. Am Ende des Films steht freilich ein großes Scheitern: Quell wird für Dodd, was der "Wolfsmann" für Freud wurde - ein hoffnungsloser Fall. Am Ende steht aber auch: einfacher, entspannter Sex - aus der Sand-Aphrodite wird eine Frau, die Ahnung von etwas Frieden schimmert in Quells Gesicht auf, das sexuelle Drama samt Erlösung als Klammer des Films. Man fragt sich nach diesem über weite Strecken virtuosen Film aber auch etwas ungläubig, ob es nach all den groß-cineastischen Gesten und Selbstverordnungen am Ende ernsthaft auf diesen Kubrick-ismus hinausläuft: Fuck the Pain away.

Thomas Groh

Les Misérables - Großbritannien 2012 - Regie: Tom Hooper - Darsteller: Russell Crowe, Hugh Jackman, Anne Hathaway, Amanda Seyfried, Eddie Redmayne - Laufzeit: 157 Min.

The Master - USA 2012 - Regie: Paul Thomas Anderson - Darsteller: Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Laura Dern, Kevin J. O'Connor - Laufzeit: 137 Min.

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Im Kino

Lukas Foerster, Thomas Groh: Leben trotz allem

03.09.2014 . Ein aufgepumpter Dwayne Johnson jagt als "Hercules" einen Haufen schmaler Hemden durch die griechische Pampa. In Uberto Pasolinis "Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit" entgeht ein Angestellter nur knapp der Selbstsedierung durch Routine. Mehr lesen

Thomas Groh, Jochen Werner: Ordentlich Schauwerte

27.08.2014 . James Gunn knüpft mit "Guardians of the Galaxy" und einem sprücheklopfender Kleinganoven-Waschbär an das goldene Jahrzehnt des Hollywood-Blockbusters an. In Hitoshi Matsumotos "R100" geht ein allein erziehender, masochistischer Vater einen unkündbaren Vertrag ein. Mehr lesen

Lukas Foerster, Jochen Werner: Höhenflüge

21.08.2014 . Unerwartetes Kinoglück dank genialem Casting beschert Patrick Hughes' Meta-Actionfilm "The Expendables 3". In die Fänge des ländlichen Kanadas gerät man in Xavier Dolans queerem Backwood-Drama "Sag nicht, wer du bist!". Mehr lesen

Nikolaus Perneczky: Der richtige Gebrauch des Raums

19.08.2014 . Lav Diaz reflektiert in "From What Is Before" die philippinische Gewaltgeschichte und nimmt sich dafür sehr viel Zeit. Auch die anderen in Locarno ausgezeichneten Filme haben sich als sehenswert erwiesen. Mehr lesen

Lukas Foerster, Friederike Horstmann: Sphärisch flirrende Akkorde

14.08.2014 . Kelly Reichardt macht in ihrem Ökoterrorismus-Thriller "Night Moves" Störungen des Sehens sichtbar. Eine kleine Werkschau erlaubt einen Einblick in die Körperschauplätze der Filme von Peter Kern. Mehr lesen

Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky: Bizarr beweglich

07.08.2014 . Am enttäuschendsten am neuen "Planet der Affen"-Film ist, dass ein Mensch Regie führte. Die "Step Up"-Tanzfilme mögen ungeniert vulgär sein, aber sie gehören zu den wenigen, die mit 3D etwas anzufangen zu wissen, und die Protagonisten sind akrobatisch elegant. Mehr lesen

Lukas Foerster, Jochen Werner: Die innere Alm

31.07.2014 . Ein Besuch beim 13. Kongress des Hofbauer-Kommandos in Nürnberg und Fürth: Drei Schwedinnen versetzen Oberbayern in Schwingung; und eine brünette Intrigantin macht ein statisch fotografiertes Strandhaus unsicher. Mehr lesen

Lukas Foerster, Jochen Werner: In den Klauen des Stadttheaters

23.07.2014 . Ein famoses Stück Bewegungskino gelingt dem wahlindonesischen Waliser Gareth Evans mit "The Raid 2". Joss Whedons Shakespeareadaption "Much Ado About Nothing" bleibt auf lauwarmer Halbdistanz zur literarischen Vorlage. Mehr lesen

Lukas Foerster, Rajko Burchardt: Im Off der Fantasie

16.07.2014 . Das gibt es nicht alle Tage: Gleich zwei asiatische Animationsfilme starten in den Kinos. Altmeister Hayao Miyazaki gelingt mit seinem Biopic "Wenn der Wind sich hebt" ein ambivalentes Meisterwerk. Und Yeon Sang-hos "The King of Pigs" lotet Abgründe der koreanischen Gesellschaft aus. Mehr lesen

Lukas Foerster, Jochen Werner: Das Flüstern der Toten

10.07.2014 . In "Wara no tate" inszeniert der japanische Vielfilmer Takashi Miike mit kalter Eleganz eine ferngesteuerte Menschenjagd. Dem DIY-Künstler Zachary Oberzan genügt derweil für sein Rambo-Remake "Flooding With Love for the Kid" ein Budget von 95 Dollar.
Mehr lesen

Thomas Groh: Mädchenlippen im gedimmten Glanz

03.07.2014 . Gia Coppola kann in "Kids" den Einfluss ihrer Tante Sofia kaum verleugnen. Wesentlich rätselhafter wirkt da Scarlett Johansson in "Under the Skin". Impressionen vom Münchner Filmfest Mehr lesen

Nikolaus Perneczky: Bewaffnetes Lächeln

02.07.2014 . Weiter Flaute in den deutschen Kinos. Aber ein interessanter Film startet doch: In "The Unknown Known" rückt der amerikanische Dokumentarist Errol Morris mittels seines patentierten Interotron-Verfahrens Donald Rumsfeld auf die Pelle.
Mehr lesen

Thomas Groh: Mit Fischaugenkamera aus Ameisenperspektive

30.06.2014 . Erotischer Rausch, eine dreckstarrende Fremderfahrung im Mittelalter und der Wahnsinn des Nicolas Cage im texanischen Hinterland: Eindrücke vom Filmfest in München.
Mehr lesen

Rajko Burchardt, Jochen Werner: Individuelle Wahnhaftigkeiten

26.06.2014 . Da das Kinoprogramm derzeit von der Fußballkonkurrenz gründlich ausgedünnt wird, werfen wir statt dessen zwei Blicke ins DVD-Regal. Den ersten auf "I Am Divine", einen anrührenden Dokumentarfilm. Und den zweiten auf "Das Grauen kommt nachts", einen deliranten Serienkillerfilm aus den 1970er Jahren. Mehr lesen

Lukas Foerster: Die Sturheit der Körper

18.06.2014 . Katell Quillévéré ist in seinem berückenden Zweitwerk "Die unerschütterliche Liebe der Suzanne" dem Diskontinuierlichen am Leben auf der Spur. "Cuban Fury" von James Griffiths lädt dagegen zu einer eher anstrengenden Tanzstunde. Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Im Kino