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Essay

Überirdisches Licht

Ein Gespräch mit Mircea Cartarescu Von Bert Rebhandl
10.12.2009. "Die rumänische Revolution ist das wichtigste historische Ereignis meines Lebens." Mircea Cartarescu über seine Romantrilogie "Orbitor", das absurde Leben im Kommunismus und das Fortwirken der Securitate. Ein Cargo-Interview.
Wir entnehmen das Interview mit freundlicher Genehmigung der neuen Nummer der Filmzeitschrift Cargo, die heute an die Kioske kommt (und die man hier abonnieren kann). Titel der neuen Nummer ist die amerikanische TV-Serie "Mad Men". (D.Red.)


Herr Cartarescu, ich habe begonnen, Ihre Bücher zu lesen, nachdem ich durch eine Reihe von bedeutenden rumänischen Filmen von Regisseuren wie Cristi Puiu oder Corneliu Porumboiu stärker auf dieses Land aufmerksam geworden bin. Besonders beeindruckt bin ich von Ihrem Projekt "Orbitor", dessen erster Band in deutscher Sprache unter dem Titel "Die Wissenden" veröffentlicht wurde. Können Sie mir zumindest, während ich auf die Übersetzung der beiden Folgebände warten muss, einen Eindruck von der Anlage des Gesamtwerks geben?


In "Orbitor" gibt es eine Verlauf von Metaphysik und Eschatologie zu Geschichte und Skatologie, vom Höchsten zum Niedrigsten. Das ist ein Fortschritt, der über den Eintritt, über die Verwicklung in die Geschichte verläuft. Es geht um die höchsten Teile der Seele und erstreckt sich bis in den dritten Teil, in dem alles Geschichte ist - die rumänische Revolution von 1989 wird aus kosmischer Perspektive erreicht. Es ist eine Umkehr des Schemas der "Göttlichen Komödie". Der dritte Band erzählt auf eine Swiftsche, satirische Weise von Geschichte.

Was bedeutet das Wort Orbitor?

Orbitor ist im Rumänischen ein besonderes Wort. Ich muss gestehen: Der ganze Roman hat mit diesem Wort begonnen, nur damit, und mit der Idee, mehr als tausend Seiten zu schreiben. Ich nahm dann eine Schuhschachtel, und habe "Orbitor" darauf geschrieben. Es ist aber nie etwas hineingekommen, sie ist immer noch leer. Ich habe also vollständig ohne Dokumente geschrieben, nur aus der Inspiration heraus, ich habe nie gewusst, was ich am nächsten Tag schreiben würde. Das Wort Orbitor ist rund, es hat etwas von Selbsthypnose, wenn man es betrachtet. Es bezeichnet ein starkes, überirdisches, blendendes Licht, wie das Licht der Wahrheit oder einer Offenbarung. In vielen Übersetzungen hat man es einfach belassen. Es ist ins Deutsche nicht übersetzt worden, weil Canettis Romantitel "Die Blendung" dagegensprach. Das klang zu ähnlich. Mein Übersetzer und mein Verleger haben dann den Titel "Die Wissenden" gewählt. Ich war einverstanden.

Als ich zu schreiben begann, dachte ich an einen sehr langen Roman, der mich zehn Jahre beschäftigen sollte. Tatsächlich habe ich über vierzehn Jahre daran gearbeitet, alles von Hand, ohne dass ich jemals etwas durchstreichen hätte müssen. Es ist eine Art Gedicht, aber es ist nicht zusammenhanglos. Es ist eine Landkarte meines Gehirns, meiner Traumata, meiner Beschäftigungen. Vieles ist onirisch, vieles habe ich tatsächlich geträumt. Ich bin wirklich sehr, sehr glücklich, dass ich dieses Buch abschließen konnte. Denn in der rumänischen Kultur gibt es diesen Fluch unvollendeter Werke. Viele Künstler haben große Werke begonnen und sie nie abgeschlossen. Deswegen bin ich erleichtert, dass es mir gelungen ist.

Die Wissenden vereint tatsächlich eine enorme Menge Wissen aus allen Bereichen von der Neurowissenschaft bis zu Volkserzählungen. Wie hängt das alles zusammen?

Ich begann mit 17 ein persönliches Journal zu führen, seit über 35 Jahren schreibe ich also jeden Tag etwas auf, und das ist mein wichtigstes Werk. Meine Bücher sind Verzweigungen dieser Arbeit. Ich wurde mir meiner Sehnsucht zu schreiben bewusst, als ich ungefähr 20 Jahre alt war. Das war Mitte der siebziger Jahre. Ich hatte einen Vorteil gegenüber anderen rumänischen Schriftstellern, die nur Literatur lasen. Ich habe nämlich auch immer schon viel wissenschaftliche Literatur gelesen, und zwar quer durch alle Domänen des menschlichen Wissens: von der Quantenphysik bis zur Biologie. Mein Hobby ist die Neurophysiologie des Gehirns, und dann auch noch Insekten. Bis heute sammle ich Enzyklopädien über Insekten und versuche alles zu diesem Thema zu lesen.

Wissenschaft ist für mich aber eine Poesie, wie Philosophie oder Theologie auch. Eine Naturpoesie. Ich habe also geübt, Poesie überall zu finden, auch dort, wo die Leute nicht danach suchen. Die wirkliche Poesie ist die Welt selbst, nicht die Bücher darüber. Während des Studiums der rumänischen Literatur begann ich auch selbst zu schreiben. Es gab damals zwei literarische Zirkel, die entscheidend für mich waren - einer beschäftigte sich mit Dichtkunst, der andere mit Prosaformen. Ich ging zu beiden und wurde in beiden bald eine wichtige Figur. Ich habe nie aufgehört, Poesie zu schreiben - ich verstehe mich als Dichter, ganz gleich, was ich schreibe.

In "Die Wissenden", vor allem aber auch in dem Erzählband "Nostalgia", entwerfen sie fast so etwas wie ein Paradies der Kindheit, ein wie auch immer imaginäres, ursprüngliches Leben, in dem es eine strukturierende Abwesenheit zu geben scheint: das Rumänien der Diktatur Ceauscescus, der totalitäre Staat.

Wenn wir zurückschauen, dann war der ganze kommunistische Block eine absurde Gesellschaft. Das galt für Rumänien wie für die DDR oder die Sowjetunion. Aber wir waren damals ein Teil davon, wir hatten keine Hoffnung, das zu beenden oder gar ins Ausland zu reisen, um eine andere Realität kennenzulernen. Das war unsere Realität, sie war ohne Alternative. Unsere Eltern waren sehr bescheidene Leute ohne ausgeprägtes politisches Bewusstsein, sie wussten nichts über die Geschichte des Landes, sie reflektierten nicht über Werte. Wir mochten das alles nicht, aber wie schotteten uns dagegen ab. Wir haben in den schrecklichen Zeiten Ceausescus irgendwie untergründig gelebt, in Büchern, in Zirkeln. Morgens stellten wir uns um Waren an, am Nachmittag kamen wir irgendwo zusammen, fünf, sechs, zehn gute Freunde, und es war etwas anderes. Wir vergaßen alles und redeten über Literatur. Das war unser Leben, unser Traum. Wir wollten schreiben, wir wollten gute Literatur schaffen. Wir hatten kein politisches Bewusstsein, wir verhielten uns ironisch oder sarkastisch gegenüber der Wirklichkeit. Für uns war das System unsterblich, denn der sowjetische Riese war zu nahe, um auch nur daran denken zu können, dass man sich aus seinem Einflussbereich befreien hätte können. 1989 hat uns überrascht.

Diese Überraschung haben Sie inzwischen intensiv literarisch verarbeitet.

Die rumänische Revolution ist das wichtigste historische Ereignis meines Lebens (das zweite ist 9/11, aber das habe ich nicht persönlich erlebt, ich war nicht in New York zu der Zeit). Die meisten von uns wurden über die politischen Kräften getäuscht, die in den Ereignissen versteckt waren. Wir hielten das für eine genuine Revolution. Die Leute revoltierten gegen eine Diktatur, die sie nicht mehr aushielten. Es war die glücklichste Zeit meines Lebens, als Ceauscescu mit seiner Frau im Hubschrauber flüchtete. Ich war unter der Million Menschen, die damals am 22. Dezember 1989 vor dem Zentralkomitee standen. Davor gab es nur zwei Stunden Fernsehen täglich, und es gab immer nur das Präsidentenpaar bei seinen offiziellen Auftritten zu sehen. Während der Revolution sendete das Fernsehen ununterbrochen, und wir saßen die ganze Zeit davor.

Wir schliefen nicht, wir aßen nicht, wir wollten nichts versäumen. Es fiel uns nicht gleich auf, dass sie uns anlogen, das sie uns manipulierten. Irgendwann gab es Stimmen, vor allem aus dem Ausland, die das ganze in Zweifel zogen. Das brachte uns zuerst einmal auf, es ging nur Schritt für Schritt, dasss wir durchschauten, dass die ganze Revolution eine Inszenierung geworden war und dass die Kommunisten und die Securitate immer noch an der Macht waren. Wir besetzten dann den Universitätsplatz und blieben dort drei Monate, um gegen Ion Iliescu, den ersten nachkommunistischen Machthaber, und seine Entourage zu demonstrieren. Sie haben immer noch die ganze Macht, es sind nur inzwischen andere Namen, die im Vordergrund stehen. Das ist übrigens weitgehend das Muster in allen Ostblockländern. Wir haben jetzt einen stinkenden Kapitalismus, damals hatten wir einen stinkenden Kommunismus. Es ist wie in Südamerika. Vierhundert Familien haben alles, der Rest hat nichts.

In den Filmen aus dem postkommunistischen Rumänien geht es häufig auch darum, dass die Securitate, der kommunistische Geheimdienst, nie richtig abgewickelt wurde. Ich denke an "La chene" von Lucian Pintilie oder einige Szenen aus "12:08 Östlich von Bukarest" von Corneliu Porumboiu.

Die Securitate war ein komplexer Organismus. Nur ein Teil war unterdrückerisch, nur ein Teil beschäftige sich mit Dissidenten und legte Akten über die Leute an. Viele Mitglieder der Securitate waren geschäftlich tätig, die ganze Wirtschaft war in deren Händen, vor allem der Außenhandel der Staatsfirmen. Überall, wo es Geld gab, waren Leute von der Securitate. Es handelte sich also nicht einfach um eine Gruppe, die überwachte und Dissidenten verhaftete. Die meisten waren Buchhalter des Staates, zudem gab es eine Armee von Informanten. Ich weiß, dass in der DDR einer von fünf oder sieben Menschen Informant war, in Rumänien hatte ungefähr jeder zehnte einen Pakt mit der Securitate geschlossen. Jetzt gibt es Institutionen zur Dekonspiration, aber diese Institutionen funktionieren nicht, sie stehen unter politischem Einfluss und werden manipuliert, bzw. sie manipulieren selbst das politische Leben. Sie erpressen Menschen und beenden deren politische Laufbahn, wenn es opportun scheint. Enge Vertraute von Ceauscescu wiegen sich in Sicherheit, sie besitzen Milliarden, sie sitzen im Parlament, niemand hat sich jemals mit ihnen beschäftigt. Dagegen sind respektable Leute aus dem Bereich der Kultur belastet worden. Diese Institutionen erfüllen nicht ihre Aufgabe, sondern sie hintergehen die Menschen. In Deutschland kamen die Akten nach der Wiedervereinigung der Staatssicherheit in den Besitz des Staates und sie wurden zugänglich gemacht, in Rumänien bleibt das meiste ein Mysterium. Die Situation ist chaotisch, und ein Skandal.

Interview: Bert Rebhandl
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