Stöbern nach Themen

Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Erzählungen

Herr Galonska
kriegt die Kurve

Von Sascha Josuweit

12.08.2013. Er ergriff die Flucht und wartete im Bus auf seine Mitreisenden, verwirrt und entsprechend froh, dass er kurz darauf auf dem heimischen Sofa erwachte, den Schreck noch immer in den Knochen und auf den Knien die aufgeschlagene Zeitung mit der Headline: »Mann mauert sich selbst ein«. Eine Erzählung

Am Tag nach dem Tod seiner Frau war Herr Galonska untätig. Der Spätsommerhimmel blaublau, und im Garten schwollen die Birnen. Bereits mittags fühlte er sich so melancholisch schlapp, dass er sich hinlegen musste. Später saß er in seiner Ecke auf dem Sofa und konnte den Blick nicht von der anderen Ecke lassen, wo seine Frau 25 Jahre Abend für Abend neben ihm gesessen hatte. All die Stunden vor dem Fernseher, in denen sie sich über die so in ihren Kosmos gesendeten und von ihnen beiden gern eingelassenen Ereignisse verständigt hatten, Barschel-Affäre, Papstwahl, Afghanistan- und Irak-Krieg, Skandale, Katastrophen und Revolutionen, DDR, NSU, NSA. Meist waren sie einer Meinung gewesen, selten hatte er ihr Hintergründe zu erläutern gehabt, die ihre anfängliche Skepsis in ein Nicken verwandelten, das ihm signalisierte, was immer da draußen auch geschehen mochte, hier drinnen bei ihnen jedenfalls war die Welt noch in Ordnung.
     Seit Jahren hatte er das nicht gemacht, nicht nichts gemacht, einfach herumgehangen, ohne Aufgabe, ohne Ziel, ohne ihre Stimme, die Befehle erteilte, Bedürfnisse weckte, Ideen, die einfach alles ins Wort setzte für ihn, sodass er schließlich aufgehört hatte, sich selbst darum zu kümmern. Während sie mehr oder weniger das Denken für ihn übernahm, vom flimmernden Weltgeschehen einmal abgesehen, da behielt er die Deutungshoheit, durfte er sich ganz der Lust des Handwerkens hingeben.
     In den auf ihr jähes Ableben folgenden Wochen hatte er erst mühsam wieder zu lernen, sich zu organisieren. Aufstehen, Anziehen, Einkaufen, Wäschewaschen, Hygiene, die allernatürlichsten Verrichtungen und ihre zeitliche Notwendigkeit und Abfolge hatte er wieder begreifen, ohne dass sie ihn eigens dazu aufgefordert hätte, diese umsetzen müssen. Das war ihm, er hatte es wirklich so empfunden, »absurd« schwer gefallen. Umso mehr, als, da er kaum einen Menschen sah, die einzige Tochter lebte mit Mann und Kindern in Australien, die Notwendigkeit des Waschens und Ankleidens, auch die des Denkens nicht immer ohne weiteres einleuchtete.
     Irgendwann kam ihm der Gedanke dennoch: Alles, was er getan hatte, hatte er für sie getan. Also nicht für sie eigentlich, in der Bedeutung »ihr zur Ehre«, wie sie ihm, merkwürdig genug, in den Sinn kam, sondern, weil sie es so wollte. Fast ausnahmslos war sein dies betreffendes Tätigkeitsfeld das Haus gewesen und der es hufeisenförmig umschließende Garten. Mal war es die Pergola, die einen frischen Anstrich benötigte, oder der Geräteschuppen, mal musste das Gäste-WC neu gekachelt, ein Gartenteich mit bunt illuminierter Wasserfontäne angelegt, ein Teppich verlegt werden; der alte war kaum fünf Jahre alt, doch nach der Anschaffung der neuen Couchgarnitur passte die Farbe nicht mehr, das war leicht zu begreifen. Bald gab es keinen Stein, kein Brett, keine Zarge mehr, an die er nicht, ihrer Weisung folgend, schließlich aber auch von sich aus in ihrem Sinn Hand angelegt, die er nicht erneuert und verbessert hätte. Kam, was selten war, doch einmal ein Handwerker ins Haus, etwa um die neue Küche einzubauen, einen Anschluss zu legen, wusste er meist besser, was zu beachten, wie vorzugehen war, sah er dem armen Menschen pausenlos über die Schulter, sparte mit Ratschlägen nicht, verdrehte die Augen, verließ, zum Zeichen seiner Missbilligung scharf die Luft einziehend, den Raum, kehrte gleich darauf zurück und so weiter, bis der so Gedemütigte nicht selten entnervt das Weite suchte und er es doch wieder selber anpackte. Nicht dass ihm das alles jetzt glasklar vor Augen stand, der Mechanismus des Ganzen, ihre subtile Herrschaft über alles ihn Betreffende, seine Zeit und Kraft vor allem, ihre passiv-aggressive Art, Zuckerbrot und Peitsche, das im Kreis der wenigen Freunde zu seiner und ihrer Verteidigung achselzuckend ausgegebene »ER würde es ja zu gerne machen lassen, aber ER kann es nun mal, was soll ER tun, soviel besser.«
     Ja, was sollte er tun? Das Netz war längst zu dicht gesponnen, sein Spielraum begrenzt auf die 80 Quadratmeter Wohnfläche plus Garten, die Leine kurz, und dann jenseits davon, auf der anderen Seite der festungsartigen, von ihm mit metertief ins Erdreich getriebenen Pfählen und doppelter Wandung gesicherten Umzäunung, spätestens jedoch am Ende des Zugangsweges, wo das Carport mit angeschlossenem Schuppen einen letzten Posten bildete, das Ungewisse, bedrohlich, unkontrollierbar, unhandlich sozusagen, sich seiner Hand, seinem Werk, seinem Handwerk entziehend.
     Als er Wochen nach ihrem Tod die Werkstatt zum ersten Mal wieder betrat, war es, als käme er von einer langen Reise. Vorsichtig blies er den Staub von den Regalen, ließ zum Spaß die Kreissäge aufheulen, prüfte die Ordnung der Werkzeuge an der Wand und in den Schubladen, faltete den Zollstock auseinander und wieder zusammen und überlegte. Dem Turnus der Ausbesserungsarbeiten nach war das Streichen der Gartenmöbel an der Reihe. Seltsam, dass er nun selbst darauf kam, noch seltsamer, dass er nicht den geringsten Antrieb dazu verspürte. Der Eifer, der ihn früher ergriffen hatte, sobald er die Werkstatt betrat, stellte sich nicht ein. Er sah die aufgebockten, bereits vorgestrichenen Fensterläden, doch das ihn sonst anschreiende Unfertige hatte überhaupt nichts Reizendes an sich. Ratlos schüttelte er den Kopf. Nein, das alles sprach nicht mehr zu ihm. Dann verschloss er die Tür, wie jemand, der nicht vorhat, so bald zurückzukehren.
     Dass er der Einladung der Tochter nachgebend kurz darauf ein Flugzeug nach Adelaide, Australien bestieg, war eigentlich nicht zu erklären. Im anders als bei ihm zu Hause naturbelassenen Garten der Tochter mit den exotischen Pflanzen und Tieren fand er jedoch überraschend Vergnügen daran, mit den Enkelkindern allerlei Blödsinn anzustellen. Schon galt er bei den Nachbarn als »the crazy old german«. Auf seine alten Tage lernte er sogar surfen … Nein, das nun doch nicht. Er machte einen Ausflug zum legendären Ayers Rock und war verblüfft. Er überlegte, wie viele Ziegel sich aus dem sandsteinernen Trumm herstellen ließen, doch allein die schiere Größe überwältigte ihn, und die Ohnmacht angesichts dieses nun wirklich allem menschlichen Formwillen sich entziehenden Naturereignisses jagte ihm mehr Angst ein, als alle um den Fels sich rankenden Mythen von Hasenkänguru- und Teppichschlangenmenschen zusammen. Er ergriff die Flucht und wartete im Bus auf seine Mitreisenden, verwirrt und entsprechend froh, dass er kurz darauf auf dem heimischen Sofa erwachte, den Schreck noch immer in den Knochen und auf den Knien die aufgeschlagene Zeitung mit der Headline: »Mann mauert sich selbst ein«.
     Beim Lesen des mit erstaunlicher Sachkenntnis verfassten Artikels geriet er wiederum ins Träumen. Lebhaft malte er sich aus, wie er seiner Frau zum Gedenken einen Schrein entwarf, baute, erweiterte, vom Tischaltar gut überschaubaren Ausmaßes über das wohnzimmergroße Denkmal bis zum Mausoleum, das dem der Großherzoge von Oldenburg, klassizistisch wuchtig, doch in den Abmessungen ausgewogen, das er einmal gesehen hatte, recht nahekam. Durchaus verlockend kam ihm das vor. Allein, die Vorstellung, sich selbst einzumauern, schien ihm anmaßend. Eitel war er nie gewesen, dafür hatte seine Frau ihm gar keine Gelegenheit gegeben.
     Die Idee mit dem Begräbnispfahl kam ihm nur einige Tage später. Ein erster Entwurf war schnell zu Papier gebracht. Ob er davon gelesen hatte und dieser seltene Ritus eines Aborigine-Stammes so in seinen Traum gelangt war, vermochte er nicht zu rekonstruieren. Es war auch nicht von Belang. Wichtig war nur, dass er wieder tätig wurde. Er fällte die alte Eiche hinter dem Schuppen, entrindete sie und ließ den Stamm trocknen. Nach dem Vorstreichen kam die eigentliche Arbeit, das Schnitzen wichtiger Stationen im Leben seiner Frau, Geburt, Lehre, Heirat, das Haus, goldene Hochzeit in Florida, zum Schluss die farbige Einfassung. Alles in allem benötigte er drei Monate. Er brach die Hauswand in einer Breite von zwei Metern weg, sägte eine ebenso breite Lücke in die Dachsparren und blinzelte schließlich, im nun leer geräumten, an das Deck eines Schiffes erinnernden Wohnzimmer stehend in das ungehindert einfallende Sonnenlicht. Dann hievte er den gut zehn Meter hohen Mast mittels eines Zugs in eine aufrechte Position und fixierte ihn in einem Stahlkorsett, das er mit riesigen Muttern im Wohnzimmerestrich verankerte, und sicherte ihn zusätzlich mit Spannschrauben und Stahlseilen.
     Als er fertig war, schaute Herr Galonska vom Garten her auf sein Werk und verspürte große Erleichterung. Er aktivierte den Selbstauslöser seines altmodischen Fotoapparates und stellte sich so gut es ging neben dem Mast in Positur. Auf Fotos wirkte er immer etwas linkisch, das war nicht zu ändern. Genau wie der Umstand, dass auf dem Foto nur ein kleiner Ausschnitt der ganzen Plackerei zu besichtigen sein würde. Dann packte er seinen Koffer.
     Der Flug nach Adelaide dauerte fast einen ganzen Tag. Bei Alice Springs flog der Pilot einen unerlaubten Schlenker. Tief unter ihnen glühte der Ayers Rock wie ein Brikett im langsam verlöschenden Sonnenlicht.
     Andere hatten ihre gesamte Energie darauf verwendet, eine Antwort zu finden. In seinem Leben hingegen war die Frage erst spät aufgetaucht: wozu das alles? Eine kleine, einfache Frage, jedoch mit Potenzial. Halb belustigt, dass ihm das jetzt widerfuhr, halb beunruhigt, ob er einer solchen Herausforderung gewachsen war, nahm er sich vor, da sie nun schon einmal da war, sie jetzt auch anzunehmen.

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Erzählungen

Sascha Josuweit: Club Med

21.05.2013 . Marseille, Kulturhauptstadt 2013. Mit ihrem hohen Migrantenanteil ist die Mittelmeermetropole ein Vorreiter der Integration. Fünfzig Jahre später haben sich die Hoffnungen zerschlagen, die Segregation ist in vollem Gang. Die Vereinten Progressiven Territorien sichern ihre Sektorengrenzen mit aller Macht ... Eine Erzählung Mehr lesen

Sascha Josuweit: Stefan The Gun

26.10.2011 . Mit jedem neuen Treffer wuchs die dunkle, schmierige Masse in ihm, erhaben und abstoßend zugleich, wie ein Fettauge. Er war wie elektrisiert ... Im Augenblick hielt er sich für ein unkalkulierbares Risiko. Ein falsches Wort, eine erniedrigende Situation und er würde hochgehen wie ein Fass Benzin. Eine Erzählung Mehr lesen

Sascha Josuweit: So wohnt Mark Zuckerberg

22.03.2011 . Einer wie Zuckerberg musste einen wie McBeath zwangsläufig mit Geringschätzung betrachten, davon war McBeath überzeugt. In Wirklichkeit betrachtete Zuckerberg ihn mit dem denkbar größten Respekt, schließlich stand McBeath keine fünf Meter von ihm entfernt und zielte mit einer Winchester Safari auf Zuckerbergs Eier... Eine Erzählung Mehr lesen

Sascha Josuweit: Gezwitscher

18.03.2010 . Das Telefon klingelte und der Anrufbeantworter sprang an, das Notebook meldete ein Twitter-Update und an der Haustür klopfte es unerhört selbstbewusst... Eine Erzählung Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Erzählungen