Bücherschau der Woche

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Im Ententeich: Redaktionsblog

Das Schweigen der Medien

Von Thierry Chervel

18.09.2012. Zum ersten Mal begegnete mir das Gerücht über Bettina Wulff lange Zeit vor der großen Jagd auf den Bundespräsidenten – nicht im Internet, sondern klassischer Weise in der Kneipe. Ein Freund servierte es mir im Brustton der Überzeugung. Bettina Wulff? Das weiß doch jeder! Als die Jagd auf den Präsidenten dann eröffnet war, hing dieses Gerücht wie eine üble Wolke in der Luft. Offiziell wurde sie beschwiegen. Aber wohin man man auch ging - irgendeiner zupfte einem immer am Ärmel. Am intensivsten war das Gerede in den Redaktionsstuben der deutschen Boulevard- und Qualitätsinstitute.

Zum ersten Mal begegnete mir das Gerücht über Bettina Wulff lange Zeit vor der großen Jagd auf den Bundespräsidenten – nicht im Internet, sondern klassischer Weise in der Kneipe. Ein Freund servierte es mir im Brustton der Überzeugung. Bettina Wulff? Das weiß doch jeder! Als die Jagd auf den Präsidenten dann eröffnet war, hing dieses Gerücht wie eine üble Wolke in der Luft. Offiziell wurde sie beschwiegen. Aber wohin man man auch ging -  irgendeiner zupfte einem immer am Ärmel. Am intensivsten war das Gerede in den Redaktionsstuben der deutschen Boulevard- und Qualitätsinstitute.

Dass die Bürger dann entsprechende Suchworte bei Google eingaben und dass die Suchmaschine die passenden Selbstergänzungen vorschlug, ist eine Folge der Neugier der Menschen, die durch seriöse Quellen nicht befriedigt wurde – auch und gerade nicht durch Widerlegungen des Gerüchts. So blieben die beiden obskuren Internetquellen, die die Gerüchte aktiv verbreiteten. Gewiss gab es zu vielen Zeitungsartikeln im Netz auch noch anonyme Kommentare, die das Gerücht anheizten. Wie im wirklichen Leben, nur dass solche Gerüchte im Netz eine gewisse physische Konsistenz erhalten.

Aber warum haben die Medien das Gerücht eigentlich nicht widerlegt? Die Jagd auf Wulff war ja viel mehr als etwa die Demontage Karl-Theodor zu Guttenbergs ihre Obsession. Bei Guttenberg hatten die traditionellen Medien zum Jagen getragen werden müssen – die eigentliche Arbeit lieferte das ach so anonyme Netz mit dem Guttenplag-Wiki. Den Medien war unbehaglich, denn Guttenberg war ihr Darling. Bei Wulff war es umgekehrt, und ich erinnere mich noch sehr gut, wie sich die Journalisten nach Wulffs Abgang auf die Schulter klopften und stolz darauf waren, dass sie es waren, die ihn erledigt hatten. Die Jagd auf Wulff hatte etwas von Machtbeweis und symbolischer Hinrichtung, vor allem auch deshalb, weil die Bild-Zeitung in Abstimmung mit anderen Zeitungen agierte. Wulff-Zitate, die die Bild-Zeitung nicht lieferte, standen in der FAZ oder SZ: Man hatte telefoniert. Die Zeitungen agierten nicht in Konkurrenz zueinander, sondern in Formation. Es war eine Kampagne, und sie hatte ein Ziel.

Vielleicht war es der größte Fehler der Wulffs, in diesem Moment zu dem Gerücht zu schweigen. In der ganzen Affäre hatte man ja das Gefühl, dass Wulff nicht am Ausmaß des Skandals, sondern an der Ungeschicklichkeit seiner Verteidigung scheiterte. Im Fernsehinterview beschwerte er sich über das zirkulierende Gerede, blieb aber vage und befeuerte es nur um so mehr. Aber er hätte es benennen, und die Wulffs hätten mit allen Mitteln dagegen vorgehen müssen. Auch die Medien schwiegen zu dem Gerücht. Es war ein beredtes Schweigen. Mag sein, dass viele Redakteure fürchteten, das Gerücht durch seine Thematisierung anzuheizen. Aber das war ein Irrtum. Auch die Medien hätten es benennen müssen: Nur so hätte es sich festnageln und unschädlich machen lassen. Statt dessen zirkulierte es nur weiter.

Das Problem war also nicht das Internet, in dem die Leute nach Auskunft suchten – wie will man zwischen morbider Neugierde und legitimem Informationsbedürfnis unterscheiden? - das Problem war das Schweigen der Wulffs und der Medien. Und die Frage ist, ob dieses Schweigen nicht manchen Medien ganz genehm war, denn solange das Gerücht zirkulierte, solange zirkulierte auch das Gerücht, dass die Zeitungen nachlegen können. Die Wulffs wussten es besser, handelten aber nicht. Fürs Publikum zog sich über ihnen eine dunkle Wolke zusammen. Und die Medien ließen es geschehen. Nun wehrt sich Bettina Wulff, zu spät. Und es ist auffällig, wie schlechte Presse sie bekommt.

Auch die islamistischen Ausschreitungen in den arabischen Ländern werden dem Internet angelastet, als stelle sich nicht einmal die Frage, warum das Internetvideo, das den Vorwand abgibt, nach monatelanger Randexistenz ausgerechnet am Jahrestag des 11. September für Aufruhr sorgt. Das Unheimlichste an den Ereignissen ist doch, dass die vermutlich Al Qaida zuzuschreibende Ermordung des amerikanischen Botschafters in Libyen und die von Salafisten inszenierten Empörungsorgien gleichzeitig stattfanden.

Den Medien aber geht es um die Konstruktion einer Symmetrie: Hier das Hassvideo – dort die Empörung, ein Reiz-Reaktions-Schema, das die Verantwortung gleich verteilt und und zu tiefsinnigem Unken der Leitartikler Anlass gibt. Iin der SZ, bei Stefan Kornelius, klingt es so: "Es ist müßig, hier nach Tätern und Opfern zu unterscheiden. Diesmal ging die Provokation von amerikanischen Extremisten aus, islamistische Fanatiker haben sie angenommen und nicht minder radikal zurückgezahlt."

Die Konstruktion ist falsch. Und für diese falsche Konstruktion sind viel mehr die Medien verantwortlich als das Internet – schon weil sie älter ist als das Internet. In Wirklichkeit lassen sich gerade die traditionellen Medien seit der Rushdie-Affäre von bewusst agierenden Kräften in islamischen Ländern zu Propagandisten dieser falschen Symmetrie erniedrigen. Es sind die Islamisten, die nichts dringender wollen als den Krieg der Kulturen. Osama bin Laden stimmte Huntington in seiner Diagnose ausdrücklich zu.

Schon bei Rushdie hieß es, er habe den Aufruhr provozieren wollen, und die Affäre wurde ganz ohne Internet zu einem Tsunami der Gewalt. Bei den Mohammed-Karikaturen unterstellte man ebenfalls, sie hätten es auf die Empörung abgesehen. In beiden Fällen war aber gerade die Behauptung einer spontanen Empörung nicht haltbar. Die "Satanischen Verse" hatte niemand gelesen, und der Karikaturenstreit brach Monate nach deren Erscheinen los. Die Empörung folgte bloßer Agitation. Und so war es auch bei diesem Video, das zwar in konfliktueller Komplizenschaft auf den Clash aus gewesen sein mag, aber doch erst durch die Instrumentalisierung der Gegenseite Sprengkraft bekam. Wichtig ist an der Sache, dass die Gegenstände austauschbar sind: Die "Satanischen Verse" sind einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhundert. Das Video mag ein Machwerk sein. Daraus zu schließen, dass man nun die Meinungsfreiheit aber endgültig unterdrücken sollte, ist gerade das Missverständnis. Denn die Struktur der beiden Ereignisse ist gleich, unabhängig vom angeblichen Auslöser.

Das Missverständnis lautet, dass der "Missbrauch der Meinungsfreiheit" im Westen die Empörung im Orient auslöst. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Die inszenierte Empörung im Orient dient dazu, die Freiheit im Westen einzuschränken. Chomeini wollte mit seiner Morddrohung zeigen, dass der Bannstrahl seiner Macht bis in diese Länder reicht. So groß ist der Islam! Und wie gesagt: Es sind die klassischen Medien, die sich zu Propagandisten dieses von den Islamisten bezweckten Einknickens machen. Das Internet ist will sich einfach in seiner Freiheit nicht einschränken lassen, es "fördert bestimmte Verhaltensweisen", schreibt Reinhard Müller in einem bodenlosen Leitartikel der FAZ. Medien wie diese Zeitung dagegen halten Maß. Die Zeitungen zensieren nicht, sie redigieren, sagt er weiter. Und die Rücksichtnahme von Medien, die sich nicht trauen, harmlose Karikaturen zu zeigen, nennt er "selbstbewusste Toleranz". Das ist der Newspeak der vorauseilenden Unterwerfung.

Je mehr ich solchen Medien zuhöre, desto dankbarer bin ich fürs Netz.

Thierry Chervel

twitter.com/chervel

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02.09.2014. Dicker Fisch: Burda-Offensive mit BuzzFeed? - Foren-Kürzung: Süddeutsche.de beschneidet Leserdiskussion - Der WDR & der Kulturauftrag: Friert die Musik nicht ein! - Angezählt: Peter Praschls Nachruf auf den Chefredakteur - Klicks & Traffic: Wie sich der Journalismus verändern wird erklärt Roger Taiber - Großedition: Hannah Arendt elektronisch + Robinsonade auf Hiddensee & Ein kleines Stück Freiheit: Ein Gespräch mit Lutz Seiler über seinen ersten Roman "Kruso". Mehr lesen

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02.09.2014. Die SZ liest beglückt Tanguy Viels amerikanischen Roman "Das Verschwinden des Jim Sullivan". Die NZZ freut sich über Roland Butis Roman "Das Flirren am Horizont". Einfach hingerissen ist Silke Scheuermann in der FAZ von Jean-Philippe Toussaints Roman "Nackt" über die Mode und die Liebe. Eine bittere Lektion über die Folgen von Realpolitik entnimmt die FAZ Antony Beevors "Der Zweite Weltkrieg". Peter Hammerschmidt verfolgt sie die Nachkriegskarriere des Klaus Barbie. Mehr lesen

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01.09.2014. Edgar Bendler strandet im Juni 1989 auf der Insel Hiddensee. Er wird Abwäscher im Klausner, wo er Alexander Krusowitsch - Kruso - kennenlernt und in die Rituale der Saisonarbeiter eingeweiht wird. Geheimer Motor dieser Gemeinschaft ist Krusos Utopie, die verspricht, jeden Schiffbrüchigen des Landes (und des Lebens) in drei Nächten zu den Wurzeln der Freiheit zu führen. Mehr lesen

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25.08.2014. Nic Pizzolatto erzählt in seinem Männerdrama "Galveston" von der Läuterung des todgeweihten Gangsters Roy Cady und seiner großen Liebe zur kindlichen Hure Rocky. Mike Nicol schließt mit "Black Heat" seine Südafrikasaga um die Rachegöttin Sheemina February ab. Mehr lesen

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Die Buchkultur und der leere Stuhl

21.08.2014. Der Streit um Amazon in den USA und Deutschland ist Symptom einer säkularen Veränderung der Buchbranche. Der Appell an den Staat gegen die Internetgiganten wird nicht weiterhelfen: Die Impulse müssen aus der Gesellschaft kommen. Manifest für eine soziale Marktwirtschaft im Buch-Business. Mehr lesen

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30.07.2014. Die Diskussion über Sterbehilfe in den Niederlanden in den letzten dreißig Jahren zeigt, dass eine Grenze immer schwieriger zu finden ist: Wie weit reicht die Liberaliserung? Mehr lesen

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10.06.2014. Warum wir die Spätaffäre einstellen, die Magazinrundschau weiter liefern und Stichwörter einführen. Mehr lesen

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06.02.2014. In der Türkei hat das Parlament gestern Nacht ein Gesetz verabschiedet, das das Abschalten unliebsamer Webseiten erleichtert. Befürworter loben es als Schutz der Bevölkerung, Gegner sprechen von Zensur. Präsident Erdogan findet: Twitter ist der größte Unruhestifter in heutigen Gesellschaften. Mehr lesen

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