Stöbern nach Themen

Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Im Ententeich: Redaktionsblog

Das Schweigen der Medien

Von Thierry Chervel

18.09.2012. Zum ersten Mal begegnete mir das Gerücht über Bettina Wulff lange Zeit vor der großen Jagd auf den Bundespräsidenten – nicht im Internet, sondern klassischer Weise in der Kneipe. Ein Freund servierte es mir im Brustton der Überzeugung. Bettina Wulff? Das weiß doch jeder! Als die Jagd auf den Präsidenten dann eröffnet war, hing dieses Gerücht wie eine üble Wolke in der Luft. Offiziell wurde sie beschwiegen. Aber wohin man man auch ging - irgendeiner zupfte einem immer am Ärmel. Am intensivsten war das Gerede in den Redaktionsstuben der deutschen Boulevard- und Qualitätsinstitute.

Zum ersten Mal begegnete mir das Gerücht über Bettina Wulff lange Zeit vor der großen Jagd auf den Bundespräsidenten – nicht im Internet, sondern klassischer Weise in der Kneipe. Ein Freund servierte es mir im Brustton der Überzeugung. Bettina Wulff? Das weiß doch jeder! Als die Jagd auf den Präsidenten dann eröffnet war, hing dieses Gerücht wie eine üble Wolke in der Luft. Offiziell wurde sie beschwiegen. Aber wohin man man auch ging -  irgendeiner zupfte einem immer am Ärmel. Am intensivsten war das Gerede in den Redaktionsstuben der deutschen Boulevard- und Qualitätsinstitute.

Dass die Bürger dann entsprechende Suchworte bei Google eingaben und dass die Suchmaschine die passenden Selbstergänzungen vorschlug, ist eine Folge der Neugier der Menschen, die durch seriöse Quellen nicht befriedigt wurde – auch und gerade nicht durch Widerlegungen des Gerüchts. So blieben die beiden obskuren Internetquellen, die die Gerüchte aktiv verbreiteten. Gewiss gab es zu vielen Zeitungsartikeln im Netz auch noch anonyme Kommentare, die das Gerücht anheizten. Wie im wirklichen Leben, nur dass solche Gerüchte im Netz eine gewisse physische Konsistenz erhalten.

Aber warum haben die Medien das Gerücht eigentlich nicht widerlegt? Die Jagd auf Wulff war ja viel mehr als etwa die Demontage Karl-Theodor zu Guttenbergs ihre Obsession. Bei Guttenberg hatten die traditionellen Medien zum Jagen getragen werden müssen – die eigentliche Arbeit lieferte das ach so anonyme Netz mit dem Guttenplag-Wiki. Den Medien war unbehaglich, denn Guttenberg war ihr Darling. Bei Wulff war es umgekehrt, und ich erinnere mich noch sehr gut, wie sich die Journalisten nach Wulffs Abgang auf die Schulter klopften und stolz darauf waren, dass sie es waren, die ihn erledigt hatten. Die Jagd auf Wulff hatte etwas von Machtbeweis und symbolischer Hinrichtung, vor allem auch deshalb, weil die Bild-Zeitung in Abstimmung mit anderen Zeitungen agierte. Wulff-Zitate, die die Bild-Zeitung nicht lieferte, standen in der FAZ oder SZ: Man hatte telefoniert. Die Zeitungen agierten nicht in Konkurrenz zueinander, sondern in Formation. Es war eine Kampagne, und sie hatte ein Ziel.

Vielleicht war es der größte Fehler der Wulffs, in diesem Moment zu dem Gerücht zu schweigen. In der ganzen Affäre hatte man ja das Gefühl, dass Wulff nicht am Ausmaß des Skandals, sondern an der Ungeschicklichkeit seiner Verteidigung scheiterte. Im Fernsehinterview beschwerte er sich über das zirkulierende Gerede, blieb aber vage und befeuerte es nur um so mehr. Aber er hätte es benennen, und die Wulffs hätten mit allen Mitteln dagegen vorgehen müssen. Auch die Medien schwiegen zu dem Gerücht. Es war ein beredtes Schweigen. Mag sein, dass viele Redakteure fürchteten, das Gerücht durch seine Thematisierung anzuheizen. Aber das war ein Irrtum. Auch die Medien hätten es benennen müssen: Nur so hätte es sich festnageln und unschädlich machen lassen. Statt dessen zirkulierte es nur weiter.

Das Problem war also nicht das Internet, in dem die Leute nach Auskunft suchten – wie will man zwischen morbider Neugierde und legitimem Informationsbedürfnis unterscheiden? - das Problem war das Schweigen der Wulffs und der Medien. Und die Frage ist, ob dieses Schweigen nicht manchen Medien ganz genehm war, denn solange das Gerücht zirkulierte, solange zirkulierte auch das Gerücht, dass die Zeitungen nachlegen können. Die Wulffs wussten es besser, handelten aber nicht. Fürs Publikum zog sich über ihnen eine dunkle Wolke zusammen. Und die Medien ließen es geschehen. Nun wehrt sich Bettina Wulff, zu spät. Und es ist auffällig, wie schlechte Presse sie bekommt.

Auch die islamistischen Ausschreitungen in den arabischen Ländern werden dem Internet angelastet, als stelle sich nicht einmal die Frage, warum das Internetvideo, das den Vorwand abgibt, nach monatelanger Randexistenz ausgerechnet am Jahrestag des 11. September für Aufruhr sorgt. Das Unheimlichste an den Ereignissen ist doch, dass die vermutlich Al Qaida zuzuschreibende Ermordung des amerikanischen Botschafters in Libyen und die von Salafisten inszenierten Empörungsorgien gleichzeitig stattfanden.

Den Medien aber geht es um die Konstruktion einer Symmetrie: Hier das Hassvideo – dort die Empörung, ein Reiz-Reaktions-Schema, das die Verantwortung gleich verteilt und und zu tiefsinnigem Unken der Leitartikler Anlass gibt. Iin der SZ, bei Stefan Kornelius, klingt es so: "Es ist müßig, hier nach Tätern und Opfern zu unterscheiden. Diesmal ging die Provokation von amerikanischen Extremisten aus, islamistische Fanatiker haben sie angenommen und nicht minder radikal zurückgezahlt."

Die Konstruktion ist falsch. Und für diese falsche Konstruktion sind viel mehr die Medien verantwortlich als das Internet – schon weil sie älter ist als das Internet. In Wirklichkeit lassen sich gerade die traditionellen Medien seit der Rushdie-Affäre von bewusst agierenden Kräften in islamischen Ländern zu Propagandisten dieser falschen Symmetrie erniedrigen. Es sind die Islamisten, die nichts dringender wollen als den Krieg der Kulturen. Osama bin Laden stimmte Huntington in seiner Diagnose ausdrücklich zu.

Schon bei Rushdie hieß es, er habe den Aufruhr provozieren wollen, und die Affäre wurde ganz ohne Internet zu einem Tsunami der Gewalt. Bei den Mohammed-Karikaturen unterstellte man ebenfalls, sie hätten es auf die Empörung abgesehen. In beiden Fällen war aber gerade die Behauptung einer spontanen Empörung nicht haltbar. Die "Satanischen Verse" hatte niemand gelesen, und der Karikaturenstreit brach Monate nach deren Erscheinen los. Die Empörung folgte bloßer Agitation. Und so war es auch bei diesem Video, das zwar in konfliktueller Komplizenschaft auf den Clash aus gewesen sein mag, aber doch erst durch die Instrumentalisierung der Gegenseite Sprengkraft bekam. Wichtig ist an der Sache, dass die Gegenstände austauschbar sind: Die "Satanischen Verse" sind einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhundert. Das Video mag ein Machwerk sein. Daraus zu schließen, dass man nun die Meinungsfreiheit aber endgültig unterdrücken sollte, ist gerade das Missverständnis. Denn die Struktur der beiden Ereignisse ist gleich, unabhängig vom angeblichen Auslöser.

Das Missverständnis lautet, dass der "Missbrauch der Meinungsfreiheit" im Westen die Empörung im Orient auslöst. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Die inszenierte Empörung im Orient dient dazu, die Freiheit im Westen einzuschränken. Chomeini wollte mit seiner Morddrohung zeigen, dass der Bannstrahl seiner Macht bis in diese Länder reicht. So groß ist der Islam! Und wie gesagt: Es sind die klassischen Medien, die sich zu Propagandisten dieses von den Islamisten bezweckten Einknickens machen. Das Internet ist will sich einfach in seiner Freiheit nicht einschränken lassen, es "fördert bestimmte Verhaltensweisen", schreibt Reinhard Müller in einem bodenlosen Leitartikel der FAZ. Medien wie diese Zeitung dagegen halten Maß. Die Zeitungen zensieren nicht, sie redigieren, sagt er weiter. Und die Rücksichtnahme von Medien, die sich nicht trauen, harmlose Karikaturen zu zeigen, nennt er "selbstbewusste Toleranz". Das ist der Newspeak der vorauseilenden Unterwerfung.

Je mehr ich solchen Medien zuhöre, desto dankbarer bin ich fürs Netz.

Thierry Chervel

twitter.com/chervel

Archiv - Im Ententeich

Newsletter abonnieren

Möchten Sie über unsere neuen Artikel, die Feuilletons und die besten Bücher informiert sein? Abonnieren Sie unsere Newsletter!
Drucken | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Presseschauen

Das beste Kino der Welt

23.10.2014. Die HuffPo.fr würdigt die Schwärze des Universalkünstlers Topor. Die Welt erlebt einen Kulturschock beim Filmfestival von Busan. In der taz erklärt die südkoreanische Regisseurin Cho Sung-Hyung, wie man in Nordkorea dreht. Die Zeit und Martha Agerich feiern einen neuen russischen Pianisten: Daniil Trifonow. Mehr lesen

In der gegenwärtigen Situation fatal

23.10.2014. Laut Slate hat das Google-Auto ein "schmutziges Geheimnis": Es kann nur innerhalb von Google Maps fahren. Eine rote Ampel, die es nicht kennt, wird konsequent überfahren. Die taz fragt: Ist die Empörung über die IS-Miliz ungerecht? Die VG Media gibt gegenüber Google klein bei. Ihre Zeitungen wollen auf die Klicks von Google vorerst nicht verzichten. Andere Medien fordern mehr Vertrauen in folgende drei Player: Gott, Kultur und Journalismus. Mehr lesen

Der beste Job der Welt

23.10.2014. IT-Gipfel: Warum Merkel eine wertelose Digitalpolitik macht - Vertrauensvorschuss: Krautreporter vor dem Start - Journalismus: Christian Lüscher erklärt, warum Journalisten nerven & Fritz Dittlbacher weiß, warum Journalismus der beste Job der Welt ist - Jürgen Neubauer stellt sich vor, es ist (Amazon-)Flatrate und keiner geht hin - Theater-Nachtkritik: Erzählen und erzählen lassen oder "Der Argentinier" in Aargau - Gesetzentwurf. Ungarn plant eine Gigabyte-Steuer + In Ewigkeit Elvis: Zum Tod des Fotografen Alfred Wertheimer, der das Bild vom "King of Rock'n'Roll" prägte. Mehr lesen

Raum für ein paar härtere Fragen

20.10.2014. Nicht das Virus, sondern das katastrophale Gesundheitswesen in Liberia ist schuld an Ebola, schreibt Harvard-Experte Paul Farmer in der LRB. Micromega verortet Papst Franziskus zwischen Sein und Schein. Vice betreibt die Archäologie des Northern Soul. In Quietus verlangt Teju Cole mehr Gehör für Nigeria. Télérama schüttet die Gräben zwischen den Generationen zu. Wenn Hector Abad mit nur einer einzigen Website auf eine einsame Insel surfen dürfte, dann wäre das die Wikipedia, erklärt er in El Espectador. Mehr lesen

Archiv: Bücher

Die sich selbst erklärende Erstursache

23.10.2014. Genuss und Gewinn der Lektüre des großen Rolling Stone-Interviews mit Susan Sontag von 1978 wird für die FAZ nur von der Bildungshuberei des Gesprächspartners Jonathan Cott gestört. Gar nichts auszusetzen hat sie hingegen an der Interviewtechnik von Giovanni di Lorenzo, dessen im Band "Vom Aufstieg und anderen Niederlagen" gesammelte Gespräche sich ihr zu einem zeithistorischen Roman der jüngeren Vergangenheit fügen. Die Zeit lässt sich indessen von Jim Holt so plausibel wie unterhaltsam auseinandersetzen, warum die Welt existiert. Mehr lesen

Anne Carson: Anthropologie des Wassers

20.10.2014. Erkundungsreisen über das Leben, die Liebe, die Verschiedenheit von Männern und Frauen und die Kunst, im Wetterleuchten Karten zu studieren. Lesen Sie hier einen Auszug aus Anne Carsons "Anthropologie des Wassers". Mehr lesen

Flucht nach innen

06.10.2014. Eduardo Halfon erweist sich als der Woody Allen Guatemalas. Nino Harataschwili führt durch hundert Jahre georgischer Geschichte. Scholastique Mukasonga erinnert an den Völkermord in Ruanda. Brendan Simms erzählt Europa als Beziehungsgeschichte zwischen Nachbarn. Ulrich Raulff blickt auf die Intellektuellenszene der siebziger Jahre zurück. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Oktober. Mehr lesen

Schwarzer Gürtel in Charme

22.09.2014. Die grandiose Liza Cody meldet sich mit "Lady Bag" zurück und lässt eine verrückte alte Obdachlose gegen Ritter, Tod und Teufel antreten. Declan Burke erledigt in seinem Metakrimi "Absolut Zero Cool" einen schrecklich schlechten Schriftsteller mit morbiden Metaphern. Mehr lesen

Archiv: Magazin

Aufruhr im Zwischenreich - Teil 4

17.10.2014. Gegen das antisuizidale "Dammbruch"-Argument: Wenn der Staat die Pflicht hätte, die Bürger zu ihrem eigenen Wohl vor sich selbst zu schützen, dann müsste man auch Rauchen, Motorradfahren und Currywürste verbieten. Mehr lesen

Die Buchkultur und der leere Stuhl

21.08.2014. Der Streit um Amazon in den USA und Deutschland ist Symptom einer säkularen Veränderung der Buchbranche. Der Appell an den Staat gegen die Internetgiganten wird nicht weiterhelfen: Die Impulse müssen aus der Gesellschaft kommen. Manifest für eine soziale Marktwirtschaft im Buch-Business. Mehr lesen

Adieu Spätaffäre, Willkommen Stichwörter

10.06.2014. Warum wir die Spätaffäre einstellen, die Magazinrundschau weiter liefern und Stichwörter einführen. Mehr lesen

Flirt mit dem chinesischen Modell

06.02.2014. In der Türkei hat das Parlament gestern Nacht ein Gesetz verabschiedet, das das Abschalten unliebsamer Webseiten erleichtert. Befürworter loben es als Schutz der Bevölkerung, Gegner sprechen von Zensur. Präsident Erdogan findet: Twitter ist der größte Unruhestifter in heutigen Gesellschaften. Mehr lesen

Blogtags