Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Im Ententeich: Redaktionsblog

Die schöne Seite der Kostenlosmentalität

Von Thierry Chervel

15.05.2012. 6.000 Autoren sprechen sich gegen das Internet aus. Die Wucht, mit der der "Wir sind die Urheber"-Aufruf in die Debatte einschlägt, ist bemerkenswert. Es ist, als hätte sich die ganze tradierte Kulturwelt Deutschlands nach längerer Überlegung nun doch entschlossen, gegen den Medienwandel einzutreten. Vielleicht ließe sich ja eine Volksabstimmung dagegen lancieren - zum Beispiel auf epetitionen.bundestag.de?

Stichwörter: Urheber, Urheberrecht

6.000 Autoren sprechen sich gegen das Internet aus. Die Wucht, mit der der "Wir sind die Urheber"-Aufruf in die Debatte einschlägt, ist bemerkenswert. Es ist, als hätte sich die ganze tradierte Kulturwelt Deutschlands nach längerer Überlegung nun doch entschlossen, gegen den Medienwandel einzutreten. Vielleicht ließe sich ja eine Volksabstimmung dagegen lancieren - zum Beispiel auf epetitionen.bundestag.de?

Drei Punkte sind an dem Aufruf, aber auch an Debattenbeiträgen wie dem von Sibylle Lewitscharoff heute in der FAZ interessant: Der Aufruf wird im wesentlichen von Autoren und der Literaturszene getragen, obwohl gerade diese Szene bisher am wenigsten von illegalen Downloads und kostenlos zirkulierenden Kopien betroffen ist. Die Autoren verteidigen das Urheberrecht, obwohl sie gar nicht im wesentlichen vom Urheberrecht leben. Und das Internet wird in Aufrufen und Debattenbeiträgen - wie dem von Sibylle Lewitscharoff heute in der FAZ - ausschließlich als feindliche Sphäre wahrgenommen und dargestellt.

Der Medienrechtler Thomas Stadler hat in seinem Blog zuerst darauf hingewiesen, dass Autoren  an sich noch am wenigsten von den säkularen Verschiebungen in der Informations- und Kulturökonomie betroffen sind. Übrigens gehört die traditionelle Literaturbranche auch zu den kulturindustriellen Branchen, die noch am fairsten mit den Urhebern umgehen und in der die Notwendigkeit der Apparate – Lektoren, Übersetzer, Vertrieb – am ehesten zu begründen ist. In den Verlagen, die zumal in Deutschland noch weitgehend mittelständisch organisiert sind, bekommen Autoren einen messbaren und proportionalen Anteil an ihrem Werk. Total-Buy-Out-Verträge, wie sie in Zeitungen praktiziert werden, gibt es zumindest im literarischen Bereich nicht.

Die Branche funktioniert noch einigermaßen. Aber natürlich steht auch sie vor einem grundlegenden Wandel. Das anfangs ausgelachte Ebook wird sich durchsetzen und stellt traditionelle Arbeitsteilungen und Finanzierungsmodelle in Frage. Gleichzeitig verändert sich der Handel: Während intelligent operierende kleinere Buchhandlungen durchaus noch Chancen haben, geraten die traditionellen Buchhandelsketten wie Thalia und Hugendubel, die vor kurzem noch die Angstgegner de Verlage waren, durch aggressivere und innovativere Mitbewerber wie Amazon in die Krise (vergleiche hierzu Rüdiger Wischenbart in seinem Virtualienmarkt, hier und hier). Seltsamerweise wird in den Urheber-Aufrufen und Debattenbeiträgen aber viel häufiger Google als Amazon angegriffen: ist Amazon vielleicht auch eine Hand, die füttert und in die man nicht beißen will? Dabei lässt sich nicht bestreiten, dass Amazon gegenüber den Verlagen viel gefährlicher operiert als Google – zum Beispiel, indem es selbst als Verlag auftritt oder (in den USA) versucht, eine rigorose Preispolitik durchzusetzen.

Nichts davon hat aber mit der angeblichen "Kostenlosmentalität" im Netz zu tun.

Warum sind es also gerade die Autoren, die dagegen aufstehen?

Es hat mit einem tief sitzenden Widerwillen zu tun. Die wenigsten Autoren, die den Aufruf unterzeichnet haben, sind bisher dadurch aufgefallen, dass sie sich mit dem Internet auseinandergesetzt haben. In dem Aufruf dominieren die Autoren, die Jahr für Jahr oder alle zwei Jahre ihr neues Buch bringen, die vom Betrieb in bewährter Weise getragen, von den Zeitungen rezensiert und von den Literaturhäusern eingeladen werden. Sie funktionieren nach einem jahrzehntealten verbürgten Modell.

Das Problem dieser Autoren mit dem Netz ist weniger, dass es ihre Einnahmen als dass es ihr Selbstbild als Autor in Frage stellt. Als Autor auf dem bewährten Modell bestehen, heißt tatsächlich, sich nicht mit neuen Formen des Schreibens zu beschäftigen. Lewitscharoff spricht in ihrem FAZ-Beitrag von "haltlosem Internetgequassel" und von der Verhöhnung von Autorenleistungen durch von ihr nicht benannte Quellen im Netz (auch dies übrigens eine alte, im Netz nicht mögliche Technik des Schreibens: einen Gegner nicht benennen, ein Machtgestus, der dem Gegner erst gar keinen Status zubilligt - im Internet wird der direkte Bezug erwartet, Insiderspielchen werden in den Kommentaren durch Hyperlinks ausgebremst). Sie fühlt sich alles in allem vom Netz als Autorin einfach herabgewürdigt.

Aber die Autoren ahnen natürlich, dass der Begriff des "Autors" vom Netz - wie so vieles - radikal neu formuliert wird. Und daran ist etwas Wahres: Das Netz hat längst eine andere Praxis und einen anderen Begriff der Autorschaft entwickelt, mit dem sich so gut wie keiner der bekannteren Schriftsteller in Deutschland (Rainald Goetz ausgenommen) überhaupt nur gedanklich auseinandergesetzt hat, geschweige denn, dass deutsche Autoren damit experimentieren würden.

Ich meine damit nicht unbedingt irgendwelche Hypertextspielchen. Ich frage mich eher und viel konkreter, warum deutsche Autoren zum Beispiel nicht bloggen, warum sie so selten auf Facebook sind oder gar twittern. Man muss gar nicht groß mit Schreibweisen experimentieren um zu kapieren, dass Bloggen tatsächlich eine neue Form des Schreibens ist, die die alte Ästhetik der Geschlossenheit, die mit Buch und Zeitungsartikel verknüpft war, aufbricht.

Entgegen den Romantisierungen des "haptischen" Buchs könnte man glatt behaupten, dass ein Text im Netz physischer ist als ein Text im Buch oder in der Zeitung: Denn ein Text im Netz ist über Links stets sozusagen körperlich verbunden mit anderen Texten und mit Kommentaren, Gegenkommentaren und Aktualisierungen. Text im Netz ist Text in Bewegung. Was im Buch ein Zitat ist, wird im Netz zum Sprung in eine andere Welt.

Der Autor als Künder, als isoliert schwebende und schillernde und von unten angestaunte Blase der Originalität, wie ihn Lewitscharoff in ihrem FAZ-Artikel noch versteht, wird im Netz relativiert: Er ist Teil eines unendlichen Dialogs, durch Links damit verbunden wie ein Glied in einer Kette oder ein Knoten in einem Netz oder eine Zelle in einem Hirn. Das heißt nicht, dass einer Autorin nicht Autorität zuwachsen kann: Aber sie ist nicht mehr vermittelt über einen institutionell gedachten Betrieb: über die Pünktlichkeit und Größe der Kritik, die Zahl der Einladungen und Höhe der Honorare in den Literaturhäusern, die Reaktion in Funk und Fernsehen und am Ende vielleicht sogar - aber das ist im deutschen Betrieb gar nicht so ausschlaggebend - die Zahl der Buchverkäufe (und also ein sich auszahlendes Urheberrecht). Autorität wächst im Netz dagegen informell und anti-institutionell zu, durch Links, Kommentare, Pagerank.

Der deutsche Literaturbetrieb sollte sich einmal dringend und unter Verzicht auf das ständige apokalyptische Wehgeschrei damit auseinandersetzen, wie das Netz das Bild des Schreibens und des Autors verändert. Nur dann kann er auch seine eigene Rolle neu definieren.

Dazu gehört, darüber zu staunen, wie sehr das Netz von der Großzügigkeit seiner Einwohner lebt, das heißt, die schöne Seite seiner "Kostenlosmentalität" endlich mal zur Kenntnis zu nehmen: Jemand, der eine Website über seine Briefmarkensammlung oder sein Heimatdorf macht oder der nur einen Wikipedia-Artikel über sein Fachgebiet korrigiert, lässt andere an seinem Wissen und seiner Leidenschaft teilhaben, ohne etwas dafür zu verlangen. Das Netz verdankt sich und huldigt einer Ökonomie der Partizipation: In den USA tasten Autoren wie Kevin Kelly, Lawrence Lessig, Yochai Benkler und so viele das Potenzial des Netzes auf Demokratisierung von Wissen und Kultur ab. In Deutschland gibt es nichts als kulturkonservatives Genöle: von links, aus der Mitte und von rechts, von unten und von oben, in Dolby 5.1. und in 3D.

Und außerdem sollten die Autoren ihre Angst vom Netz ablegen. Sie leben doch gar nicht vom Urheberrecht. Die meisten der Autoren des Aufrufs leben vom Betrieb. Der Verkauf ihrer Bücher bringt ihnen allenfalls einen Anteil ihrer Einnahmen, der nur bei prominenten Autorinnen wie Charlotte Roche oder bei Daniel Kehlmann wirklich zum Eurostrom anschwillt. Meistens verkaufen die Autoren ein paar tausend Exemplare ihres neuen Buchs und leben von Stipendien, Preisen und Lesungen mit 500 bis 1.000 Euro Abend Honorar pro Abend, je nach Rang im Betrieb und Positionierung der Kritik in der FAZ-Beilage. In Wahrheit leben sie bereits jetzt auch von der Kulturflatrate der in Deutschland fließenden Subventionen. Für die Verlage, deren Verteidigung der Urheber-Aufruf in erster Linie gilt, sieht die Situation natürlich anders aus. Sie sind darauf angewiesen, dass sie ihr Preismodell auch durchsetzen können. Aber werden die Verlage wirklich von "Nutzern" und Piraten bedroht? Und nicht wie gesagt von einem Moloch wie Amazon, der gleichzeitig - denn das Leben ist paradox und komplex - für einen immer größeren Teil ihrer Einnahmen sorgt?

Nicht das Netz ignoriert die Urheberrechte, sondern die Autoren haben keine Ahnung vom Netz. Zeit, dass sie sich damit befassen.

Thierry Chervel

twitter.com/chervel

Archiv - Im Ententeich

Newsletter abonnieren

Möchten Sie über unsere neuen Artikel, die Feuilletons und die besten Bücher informiert sein? Abonnieren Sie unsere Newsletter!
Drucken | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Presseschauen

Ohh!

31.07.2014. Nicht mal in Gaza denken die Menschen pausenlos an den Krieg, es gibt auch Träume, lernt die NZZ aus einem Kurzgeschichtenband von Atef Abu Seif. Der SZ eröffnet sich in Kairo Literatur als Raum des Vorpolitischen. Die Berliner Zeitung tanzt zu Clint Eastwoods "Jersey Boys" und bestaunt Christopher Walkens zitternde Unterlippe. Salzburg hat in diesem Jahr kein Glück: Auch Georg Schmiedleitners Inszenierung von Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" zündet nicht. Die FAZ bewundert das Unscheinbare an Louis de Funes.
Mehr lesen

Rudelverhalten und Grenzüberschreitungen

31.07.2014. Was die Isis tut, hat mit dem "wahren Islam" durchaus etwas zu tun, schreibt Hamed-Abdel Samad in der Zeit. Christopher Clark arbeitet nur den Revisionisten in die Hände und soll die Kriegsschuldfrage bitte nicht antasten, meint Heinrich August Winkler in der Zeit. Auch Wladimir Putin will Tor knacken und hat laut Gawker sehr gute Gründe dafür. Der neue Antisemitismus ist nicht neu, meint Detlev Claussen im Freitag. Vor hundert Jahren wurde Jean Jaurès ermordet. Und Louis de Funès wurde geboren.
Mehr lesen

Einmischen statt denken

31.07.2014. Aktualisiert: Tägliches Best-Of: Kleine New York Times soll neue Leser anlocken - Zeitungen oder Quelle: Dinos sterben langsam - Ende der Pressefreiheit: Konsequenzen des NSA-Spitzelwahns - Plagiatsfall Schavan: Ein Fall für Wissenschaftsfunktionäre, meint Jürgen Kaube - Meinen die das ernst? Theresia Enzensberger über die Revolution im Realitätsfernsehen - Zu wenig Murdoch-Money: Sky Deutschland geht nicht komplett an BSkyB + The Breeze: Dieses Schnalzen hält seine Gitarre gerade noch aus. Mehr lesen

Der Leser, den ich liebe

29.07.2014. The New Republic jagt einen Sturm namens William T. Vollmann. In der New York Review of Books lernt Jonathan Freedland von Ari Shavit, was linker Zionismus ist. Die London Review of Books porträtiert einen doppelt impotenten Alain Robbe-Grillet. Hairpin porträtiert eine Giftmörderin des 17. Jahrhunderts, die Marquise de Brinvilliers. Pacific Standard fragt: Was ist Ihre DNA wert? Der New Yorker sucht das weibliche Hirn bei Radikalfeministinnen und Trans-Frauen. Mehr lesen

Archiv: Bücher

Der letzte eingefrorene Posthornton der Postmoderne

31.07.2014. Ein Leben ohne regelmäßige Henry-James-Lektüre kann sich die Zeit gar nicht mehr vorstellen. Und arbeiten will sie auch nicht mehr, nachdem sie bei Andrea Komlosy gelesen hat, dass "Arbeit" eine Last ist. Die SZ findet George Packers "Die Abwicklung" ist keine Erzählung, keine Novelle, sondern: ein exzellentes Sachbuch. Punkt. Die FR liest interessiert Eric Vuillards Erste-Weltkriegs-Ballade. Und die NZZ jubelt: Literaturnobelpreis für John Banville, bitte!
Mehr lesen

Esther Kinsky: Am Fluß

31.07.2014. Esther Kinsky erzählt von Spaziergängen an Flusslandschaften, an der Grenze zwischen Stadt und Land, Menschen und Wildnis. Sie nutzt diese Terrains vagues als Freiraum für Erinnerung und Reflexion. Lesen Sie hier drei Geschichten aus dem Roman "Am Fluß".
Mehr lesen

Blitzschach gegen sich selbst

23.07.2014. Oliver Bottini erzählt in seinem Politthriller "Ein paar Tage Licht" vom deutsch-algerischen Waffenhandel und dem Kampf gegen alte Mächte in Algier und Berlin. Olen Steinhauers  Spionageroman "Die Kairo-Affäre" untersucht, wer eigentlich Gaddafis Sturz vorbereitet hat: Die CIA, die Ägypter oder doch die Serben? Mehr lesen

Hörnerschwung

12.07.2014. Walliser Schwarzhalsziegen, ein Melklied, Clarice Lispector und "fremd sprechen" - Beobachtungen vom 19. Internationalen Literaturfestival im Walliser Leukerbad. Mehr lesen

Archiv: Magazin

Du sollst mich töten

30.07.2014. Die Diskussion über Sterbehilfe in den Niederlanden in den letzten dreißig Jahren zeigt, dass eine Grenze immer schwieriger zu finden ist: Wie weit reicht die Liberaliserung? Mehr lesen

Adieu Spätaffäre, Willkommen Stichwörter

10.06.2014. Warum wir die Spätaffäre einstellen, die Magazinrundschau weiter liefern und Stichwörter einführen. Mehr lesen

Flirt mit dem chinesischen Modell

06.02.2014. In der Türkei hat das Parlament gestern Nacht ein Gesetz verabschiedet, das das Abschalten unliebsamer Webseiten erleichtert. Befürworter loben es als Schutz der Bevölkerung, Gegner sprechen von Zensur. Präsident Erdogan findet: Twitter ist der größte Unruhestifter in heutigen Gesellschaften. Mehr lesen

Ein Platzhirsch bricht zusammen

13.01.2014. Ein mögliches Ende mit Schrecken für den Weltbild-Konzern bedeutet für die Branche nicht unbedingt das Ende des Schreckens ohne Ende. Mehr lesen