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Außer Atem: Das Berlinaleblog
Kasuistische Fingerübung: Pia Marais' 'Layla Fourie' (Wettbewerb)
Von Elena Meilicke, 12.02.2013, 09:01

Südafrika, eine nächtliche Landstraße: Layla, alleinerziehende Mutter eines kleinen Sohnes, fährt seit Stunden Auto, es ist stockfinster, der Scheinwerfer rast über den Asphalt. Da steht plötzlich ein Auto quer auf der Fahrbahn, der kleine Sohn macht im Schlaf ein Geräusch, Layla ist eine Zehntelsekunde abgelenkt – und hat einen Mann angefahren, einen weißen, älteren, der kurz darauf stirbt.
Aus diesem Unfall mit (nicht einmal lupenreiner) Fahrerflucht konstruiert der Film von Pia Marais im folgenden geradezu genüßlich die nicht enden wollenden moralischen Prüfungen seiner Hauptfigur. "Layla Fourie", das ist wieder mal ein Film aus dem Genre "Mutterbestrafungsphantasie": Mater dolorosa in Südafrika. Wie eine Marienbildnis bewegt sich Darstellerin Rayna Campell auch durch den Film: ganz still und passiv schaut sie mit schmerzvollen Augen auf das, was sie angerichtet hat. Gelegenheiten, das Ausmaß ihrer Tat zu bedenken, hat sie viele. ... mehr lesen
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apartheid, deutschland, layla fourie, pia marais, südafrika, wettbewerb 2013
Ein Wunder von einem Film: Ramon Zürchers 'Das merkwürdige Kätzchen' (Forum)
Von Lukas Foerster, 11.02.2013, 17:02

Damit ich es gleich los bin: "Das merkwürdige Kätzchen" ist, in meinen Augen, ein Wunder von einem Film. Ich habe mich in den ersten fünf Minuten in ihn verliebt und wenn ich im Folgenden diese Liebe nicht zu fassen bekommen sollte, dann liegt das an mir und an der vielleicht blind machenden Liebe, nicht an dem Film.
Alltag, auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Menschen, Tiere, Dinge, Worte, Räume. Menschen: Die Mutter hat ein ernstes Gesicht, steht in der Küche, beobachtet, kommentiert. Der Vater ist mal da, mal weg, hat wenig Präsenz. Der Sohn ist ein Ironiker. Die ältere Tochter hat einen kleinen Gesundheitsfimmel. Die jüngere Tochter reißt gelegentlich den Mund weit auf und schreit, nur um Krach zu machen (aber lärmig wird der Film auch in diesen Momenten nicht). Die Oma schläft meistens. Ein Nachbarskind schaut zur Tür herein, ... mehr lesen
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berlin, das merkwürdige kätzchen, deutschland, forum 2013, ramon zürcher
Geld macht nicht glücklich in Asli Özges 'Lebenslang' (Panorama)
Von Lukas Foerster, 10.02.2013, 08:32
Was es heißt, kein Geld, oder zumindest eindeutig zu wenig Geld zu haben, im Alltag, im Familienleben, in Beziehungen, für Versuche, Beziehungen aufzubauen, potentielle Partner kennenzulernen: Das war eines der zentralen Themen von "Men on the Bridge", einer bedrückenden, realistischen Milieustudie, dem außergewöhnlichen ersten Spielfilm der in Berlin lebenden Türkin Aslı Özge. Ein Leben auf der Brücke, im Freien und doch bedrängt von allen Seiten. Das Paar, das im Zentrum des Nachfolgefilms "Hayatboyu" steht, lebt dagegen im durchgentrifizierten Istanbuler Stadtteil Nişantaşı. Wer sich da eine Wohnung leisten kann, hat keine Geldsorgen, zumindest keine drängenden. Was noch lange nicht heißt, dass er (beziehungsweise in diesem Fall vor allem: sie) ein entspanntes Leben führen kann.
Ela, eine Frau mittleren Alters, ist Künstlerin, eine, die zwar durchaus erfolgreich ausstellt, aber deren Installationen schwer verkäuflich sind. Wenn sie zum ... mehr lesen
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Post-Berliner-Schule-Western: Thomas Arslans 'Gold' (Wettbewerb)
Von Thomas Groh, 09.02.2013, 19:03

Keine Emphase: Der dem Strom entrissene Nugget liegt auf einer Hand, bestaunt von einer Gruppe Pioniere. Es fällt kein und damit auch nicht dieses Wort - Gold. Darin liegt, im Norden Amerikas des späten 19. Jahrhunderts, auch ein Versprechen: Die Aussicht darauf, beengtesten und elendsten Verhältnissen (beschrieben wird einmal eine Unterkunft in New York: Vier Leute, ein Zimmer, dunkel, Feuchtigkeit und Kälte nagen an der Gesundheit) zu entkommen - sofern man die Strapazen meistert, die zwischen den jungen städtischen Zentren und dem Goldvorkommen in unwirtlichem Gebiet lauern. So finden sich in Thomas Arslans Post-Berliner-Schule-Western denn auch eine Gruppe deutscher Migranten ein, die dem Ruf des Goldes, genauer: der Annonce eines windigen Reiseführers, der zum geringen Preis eine weniger strapaziöse Passage zum neuen Reichtum in Aussicht stellt, folgen.
Im Grunde: Eine Migrantengeschichte, eine Geschichte, wie Menschen sich, allen Risiken ... mehr lesen
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Etwas Geklügeltes: Nicolas Wackerbarths 'Halbschatten' (Forum)
Von Ekkehard Knörer, 09.02.2013, 19:02

Wer kein Geld hat, dreht einen Hausfilm. Der Raum ist bühnenartig begrenzt, die Blickachsen liegen fest, die Blicke bleiben drinnen oder gehen nach außen oder gehen von außen nach innen. "Halbschatten", der Zweitling von Nicolas Wackerbarth, ist ein Hausfilm. Sein Debüt "Unten Mitte Kinn" war etwas anderes, ein Ensemble von Schauspielschülern, weitgehend improvisiert, ein Theaterfilm. Mit dem Improvisieren ist es vorbei. Die Dialoge sind sehr geschrieben, scheinen es jedenfalls. An die Stelle von Bernhard Kellers hochnervöser Kamera treten die hinreißend komponierten Bilder Reinhold Vorschneiders, die zwar das Licht schön haben, aber auch etwas leblos bleiben. So spielen sie leider dem Eindruck zu, den "Halbschatten" insgesamt macht. Er hat etwas Geklügeltes.
Das Haus liegt in Südfrankreich, Nizza. Am Hang. Vor dem Haus ein Swimmingpool, von dem ... mehr lesen
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Fraktionen des Bösen im Nazihauptquartier: Volker Schlöndorffs 'La mer à l'aube' (Panorama)
Von Lukas Foerster, 14.02.2012, 11:17

"La mer a l'aube", eine Fernsehproduktion von Volker Schlöndorff, die, was Ausstattung und filmische Mittel angeht, auch so aussieht, erzählt von der Hinrichtung 150 französischer Kriegsgefangener, die im Zweiten Weltkrieg auf Anordnung Hitlers als "Vergeltungsmaßnahme" für den Anschlag auf einen deutschen Offizier im Oktober 1941 von den deutschen Besatzern in Zusammenarbeit mit französischen Hilfstruppen geplant und durchgeführt wurde.
Wie obszön ist "La mer a l’aube"? Erste Antwort: schon ziemlich obszön, schließlich steckt auch Schlöndorff wieder deutsche Schauspieler in Naziuniformen und die deutschen Schauspieler fühlen sich da wohl: jetzt können sie endlich mal alle Register ziehen, vorführen, was sie auf der Schauspielschule so alles gelernt haben. Vielleicht schauen ja die richtigen Leute zu, dann könnte die SS-Uniform als Karrieresprungbrett dienen. Diesem Mechanismus kann sich ein deutscher Film, der im Modus des psychologischen Realismus über das Dritte Reich erzählt, kaum ... mehr lesen
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Am Meer ein Gefängnis: Christian Petzolds 'Barbara' (Wettbewerb)
Von Thomas Groh, 12.02.2012, 14:30

"At last, I am free - I can hardly see in front of me!", singen Chic über die präzise gesetzte Schwarzblende mit der Christian Petzold "Barbara" enden lässt. Ein Auftakt übertönt das Schwarz, ein Knoten, auf den "Barbara" kontinuierlich hingearbeitet hat, ist mit einem Mal gelöst - der Film, der zwar unweit der Meeresküste spielt, aber eigentlich ein Gefängnis beschreibt, öffnet sich schlagartig zu der weltumarmenden Weite, die nur der Soul der 70er Jahre auf diese Weise in Klang gegossen hat. Es gehört viel Mut dazu, einen Film über latente Paranoia, angespannte Kiefermuskeln, suchende Blicke in leere Augen und, schlussendlich auch, ethische Dilemmata mit derart zärtlichem Schmelz ausklingen zu lassen. Petzold, mit "Barbara" in einer Meisterschaft seiner Kunst angelangt, die nichts mit Routine oder gar Abgeklärtheit zu tun hat, gelingt dies glatt.
Vom Soul der 70er, ... mehr lesen
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Beim Barte des Führers: Nazi-Ufos in Timo Vuorensolas 'Iron Sky' (Panorama Special)
Von Thomas Groh, 12.02.2012, 14:02

Kommen zwei Nazis nach 72 Jahren nach New York und finden ein Pornoheft. Sagt der eine: "Die entwickeln sich ja wie unsere Weiber. Aber da unten haben sie keine Haare, wie die Mädchen seh'n die aus." Sagt der andere: "Und wenn sie da Haare haben, seh'n die aus wie der Bart unseres geliebten Führers!" Oder aber: Greifen Nazis vom Mond völlig krass die Erde an. Die Leute in der UNO so voll am Abstreiten, keiner ist's gewesen. Meldet sich Nordkorea: "Wir sind's, wir sind's gewesen!" Alle anderen voll so am Ablachen: "Als ob!!"
Seinen Ursprung kann "Iron Sky" kaum verhehlen: Seit Jahren geistern Trailer und Teaser (siehe auch unten) mit Nazi-Ufos durchs Netz, meist auf der Suche nach Geldgebern und einer spendewilligen Community, die den Film nicht nur finanziell, sondern auch mit Ideen und ... mehr lesen
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Untersucht den ungeklärten Tod zweier Roma: Philip Scheffners Dokumentarfilm 'Revision' (Forum)
Von Lukas Foerster, 12.02.2012, 12:58

Ein Weizenfeld nahe der polnischen Grenze. Im Sommer 1992 war das Feld Tatort eines im juristischen Sinne bis heute unaufgeklärten Verbrechens. Gut 19 Jahre später, im Herbst 2011, filmt Philip Scheffner denselben Ort für seinen Film "Revision". Der gelbe Weizen rauscht sanft im Wind, die Schatten der Rotorblätter einer Windkraftanlage ziehen über das Feld. Die Windräder und ihr Schattenwurf tauchen immer wieder auf im Film, sie wirken in ihrer gleichmäßigen Bewegung leitmotivisch rhythmisierend, aber in ihnen steckt noch mehr: In den Windkraftanlagen materialisiert sich die zeitliche Differenz, die 19 Jahre zwischen dem inzwischen historischen Kriminalfall um zwei erschossene Roma und ihrer filmischen Revision. Tatsächlich stellt der (insbesondere im Osten Deutschlands evidente) Siegeszug der Windparks den größten Einschnitt in das Landschaftsbild Deutschlands in den letzten zwei Jahrzehnten dar (vermutlich ist das sogar noch untertrieben). Dass sie aufmerksam sind für solche ... mehr lesen
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Ups and Downs einer Beziehungskiste: Andres Veiels 'Wer wenn nicht wir'
Von Thomas Groh, 18.02.2011, 08:00

Für Katzen ist das kein guter Berlinalewettbewerb: In "The Future" (unsere Kritik) stirbt eine im Heim über Beziehungskrisen nicht abgeholte Katze den Tod durch Einschläferung, bei "Wer wenn nicht wir" wird gleich zu Beginn eine Katze standesgemäß erschossen. Das Jahr ist 1949, auf der anderen Seite des Gewehrs steht Will Vesper, Literat im Dienste des Dritten Reiches, und hält eine pädagogische Rede an den Sohn, Bernward Vesper: Die Katzen gehören nicht zu uns, sie stammen aus dem Orient und sind damit die Juden unter den Tieren und insbesondere diese Katze, die des Sohns, tötete die schönen Nachtigallen.
Den Weg von der hingerichteten Katze bis zum hingerichteten Schleyer geht "Wer wenn nicht wir" als Spielfilm über die Wiegenzeit der RAF zwar nicht, doch bleibt die tote Katze prägend. Bernward (August Diehl) studiert Germanistik, lernt Gudrun ... mehr lesen
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andreas baader, andres veiel, bernward vesper, deutschland, gudrun ensslin, politisches kino, raf, wer wenn nicht wir, wettbewerb 2011
Raunen und Staunen: Wim Wenders und Werner Herzog in 3D
Von Ekkehard Knörer, 14.02.2011, 09:02

Die erste Einstellung von Wim Wenders "Pina" simuliert den Guckkastenblick aufs Theater aus den hinteren Reihen. An der Bühnenwand trifft der Blick auf ein hingekrakeltes "Alles vorbei. 2009". Ein Anfilmen gegen den Guckkastenblick ist dieser Film, der sich als Aufhebung von Pina Bauschs choreografischen Arbeiten in 3D-Bilder geriert, dem stolz ausgestellten eigenen Verständnis nach. Es gibt manchen Grund dafür, dass "Pina" schwer erträglich ist: das erwartbare Weihevolle seines Herangehens, das komplett analysefreie Gerede der Pina-Tänzerinnen und -Tänzer. Ein komplett hagiografischer Blick auf alles und jedes, das Pina Bausch je tat. Das fernsehkultursendungstaugliche Geschnipsel aus Tanz, Talking Head, Archivaufnahmen und Bedeutung behauptendem, aber nirgends historisch, theoretisch oder sonstwie begründendem oder unterfütterndem Geraune. All das ist schlimm, das eigentliche Scheitern von "Pina" hat seinen Grund anderswo: Wenders übereignet den theatralen und choreografierten Raum einem Verständnis von Film (a fortiori in 3D), ... mehr lesen
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3d, Cave of Forgotten Dreams, chauvet-höhlen, deutschland, pina, pina bausch, tanz, usa, werner herzog, wettbewerb 2011, wim wenders
Steht da licht: Ulrich Köhlers 'Schlafkrankheit'
Von Ekkehard Knörer, 13.02.2011, 15:40

Im Anfang steht da licht. Auf schwarzer Leinwand erscheint aus dem Nichts dieses Wort. Weitere dann: ton, schnitt, regie und so weiter. Die Credit-Sequenz wie ein Saal, der sich nach und nach füllt. Dann kann es losgehen.
Zu Beginn ist es Nacht. Eine Straßensperre, die der Film klug nutzt zur Vorstellung seiner Protagonisten. Eine Kleinfamilie in Afrika. Ebbo, Vera, Helen Velten. Der Vater Entwicklungshelfer und Arzt, die Tochter nur zu Besuch. Bevor steht die Rückkehr nach Wetzlar. Was sich zwischen den dreien tut, wie der Vater, die Mutter sich zu Kamerun, ihrer Heimat gewordenen Fremde, verhalten, darum geht es - zunächst. Sie gehen Schwimmen, sie sitzen am Ufer, sie essen mit dem französischen Kollegen, der sich wie ein Kolonialherr aufführt. Wir müssen nicht gehen sagen sie, wir können auch bleiben. Ein Abschied, der sich hinzieht. Menschen, die sitzen ... mehr lesen
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Hommage.
Von Thomas Groh, 19.02.2010, 00:02
"... und diese letzte Strophe sing' ich nur für Dich, Rainer:
Aus dem stillen Raume,
Aus der Erde Grund,
Hebt mich wie im Traume
Dein verliebter Mund.
Wenn sich die späten Nebel dreh'n,
Werd' ich bei der Laterne steh'n
Wie einst, Lili Marleen."
Für eine Minute lang kann man im vollgepackten Kino International zwischen den papieren gehauchten Wörtern Stecknadeln fallen hören. Am Abend hat Hanna Schygulla hier den Goldenen Ehrenbären erhalten. mehr lesen
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deutschland, dies und das, hanna schygulla, hommage 2010, r.w. fassbinder
Ein Monstrum, aber ein amüsantes: Oskar Roehlers 'Jud Süß - Film ohne Gewissen'
Von Thomas Groh, 18.02.2010, 21:00

Wie umgehen mit diesem Film? Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" mangelt es an eben diesem ganz gehörig und dies, aber nur vielleicht, zum Glück. Ein Monstrum ist dieser Film, zwischen deutsch-mehlspeisigem Melodram aus Opas Kino, bizarrer Clownerie und einer den Produzenten, wenn auch nur sacht, untergejubelten Prise Punk.
Dass Roehler wahrscheinlich selbst nicht ganz genau weiß, was er mit dem Stoff des Theater- und Filmschauspielers Ferdinand Marian (Tobias Moretti) anfangen soll, den Goebbels zur Darstellung des Joseph Süß Oppenheimer in Harlans Propaganda-Melodram "Jud Süß" vermutlich zwang (der Film spitzt hier drastisch zu, was wohl zahmer abgelaufen ist) und diesen Jud Süß fortan nicht mehr los wurde, ist vielleicht das beste, was ihm, dem Film, geschehen konnte. Was als Stoff einlädt zur zweiten Runde "Untergang" und Herumhitlern (oder eben: -goebbeln), zu einem weiteren pathosschwangeren Spiel ... mehr lesen
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deutschland, drittes reich, jud süß - film ohne gewissen, oskar roehler, wettbewerb 2010
Hat es Dir gefallen? Es ist verboten!: Burhan Qurbanis 'Shahada' im Wettbewerb
Von Lukas Foerster, 17.02.2010, 17:20
Jetzt hat Dieter Kosslick mich also doch erwischt, es war wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit. Bisher hatte ich wenig Grund, mich über den diesjährigen Berlinale-Wettbewerb zu ärgern. Teilweise deshalb, weil ich einigem, vor allem den Alterswerken Polanskis und Scorseses, mehr abgewinnen konnte als meine Mitstreiter Thomas Groh und Ekkehard Knörer. Vor allem aber, weil ich dank unserer internen Arbeitsteilung verschont geblieben bin von dänischer Miserabilismuspornografie, norwegischer Zynik und ähnlichem. Burhan Qurbanis Debütfilm "Shahada" aber konnte ich leider nicht entgehen.
Das "Shahada" ist das muslimische Glaubensbekenntnis. Vor Zeugen ausgesprochen genügt es, einen Ungläubigen in einen Muslim zu verwandeln. In Qurbanis Film gibt es eine Szene, in der zwei Muslime einen Nicht-Muslim zwingen wollen, das Bekenntnis aufzusagen. Doch als Samir über Daniel kniet und ihm am Boden festhält, greift er plötzlich dessen Hand. Samir und Daniel sind schwul und ... mehr lesen
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Unsichtbare Kriege, sichtbare Vögel: Philip Scheffners 'Der Tag des Spatzen'
Von Lukas Foerster, 17.02.2010, 10:55

"Ich find's schwierig", meint Philip Scheffner in der einzigen Szene, in der er selbst im Bild auftaucht zu einem Freund, einem Antikriegsaktivisten, der gemeinsam mit zwei Mitstreitern vor Gericht steht, weil sie militärisches Gerät der Bundeswehr sabotiert haben sollen. Schwierig findet Scheffner, eine Antwort darauf zu geben, wann und vor allem wie man ein vages oder auch ein sehr spezifisches Unbehagen an den Verhältnissen - in diesem Fall an der Tatsache, dass Deutschland einen Krieg führt und niemand etwas davon wissen zu wollen scheint - in politisches Handeln übersetzen kann. Sein Freund hat diesen Schritt gewagt und sitzt inzwischen nach einem in mancher Hinsicht fragwürdigen Prozess im Gefängnis.
Philip Scheffner hat statt dessen mit der "Tag des Spatzen" einen sonderbaren, faszinierenden Film gedreht. Während er mit seinem Freund spricht, machen die beiden, gemeinsam mit dem ... mehr lesen
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Bleibt immer trocken: Benjamin Heisenbergs 'Der Räuber'
Von Lukas Foerster, 15.02.2010, 19:55

Der erste Schnitt ist gleich einer in die Bewegung: Johann Rettenberger (Andreas Lust) rennt, mit beachtlicher Geschwindigkeit in Sportkleidung. Um ihn herum sind Menschen, Alltagslärm vermischt sich mit seinem Atemgeräusch. Erst als Rettenberger zu rennen aufhört, erkennt man, dass er sich auf einem Gefängnishof befindet. Er sitzt ein wegen versuchtem Bankraub und steht kurz vor seiner Entlassung. Die freie Zeit im Knast nutzt er fürs Lauftraining. Auch in seiner wenige Quadratmeter großen Zelle kann er kilometerweit laufen: ein wohlmeinender Wächter hat ein Laufband installiert. Dieser wohlmeinende Wächter ist es auch, der Rettenberger noch einmal vor der Entlassung ins Gewissen redet. Dass Rettenberger sich draußen Mühe geben müsse. Sonst könne er schnell wieder im Gefängnis landen. Rettenberger antwortet, das glaube er nicht, er werde sicherlich nicht wieder im Gefängnis landen. Sehr sicher scheint er seiner Sache in diesem Moment zu ... mehr lesen
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Patrone für Patrone: Thomas Arslans 'Im Schatten'
Von Lukas Foerster, 15.02.2010, 15:12
Die Titelsequenz liegt über einem Straßenzug in Berlin Mitte. Ampeln und Leuchtreklamen dominieren das Bild und werfen bunte Schlieren, die nahelegen, dass die Kamera hinter einer Glasscheibe positioniert ist. Danach, in kurzer Folge, drei Einstellungen von Trojan (großartig in seiner körperlichen Präsenz: Misel Maticevic, zuletzt unter anderem in den beiden tollen Dominik-Graf-Filmen "Eine Stadt wird erpresst" und "Das Gelübde" und auf der Berlinale außerdem in Grafs sehnsüchtig erwarteter Serie "Im Angesicht des Verbrechens" zu sehen). Er steht an einer Häuserfassade, blickt sich um und macht sich schließlich auf den Weg in einen Berliner Gangsterfilm. Trojan, gerade aus dem Gefängnis entlassen, betritt zunächst einen Hausflur, dann eine Wohnung, bald darauf eine weitere, er wartet in Straßencafes, er besorgt sich ein Auto, ist damit auf Berliner Straßen und in Berliner Parkhäusern unterwegs, bezieht ein Hotelzimmer mit denkbar unglamouröser Aussicht, funktionalisiert sein Leben wie der Film ihn und die Stadt funktionalisiert. Ziel der ... mehr lesen
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Eine weitere Möglichkeitsdimension: Angela Schanelecs Orly
Von Lukas Foerster, 13.02.2010, 09:02
Nach der Godardistischen Titelsequenz beginnt der Film "Orly" in den Straßen von Paris. Ein nicht enden wollender Schwenk begleitet eine Frau durch einen Pariser Straßenzug. Gefilmt ist diese Einstellung - wie ein Großteil des restilichen Films - mit einem Teleobjektiv, einem Objektiv mit langer Brennweite und geringer Schärfentiefe, das dazu benutzt wird, Objekte zu filmen, die weit von der Kamera entfernt positioniert sind. Die Bilder des Teleobjektivs haben oft etwas Suchendes, Investigatives, in der Filmgeschichte prägten sie unter anderem die paranoiden Politthriller der siebziger Jahre. Manchmal haben sie auch ganz im Gegenteil etwas Zurückhaltendes, dezidiert Unaufdringliches, wie in den Filmen Hou Hsiao-hsiens, der ganze Melodramen aus weiter Entfernung und durch enge Türöffnungen hindurch gefilmt hat. Angela Schanelec nutzt das Teleobjektiv in ihrem neuen Film wiederum völlig anders. 
Nach zwei kurzen, einführenden Szenen gelangt ... mehr lesen
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