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Unsichtbare Kriege, sichtbare Vögel: Philip Scheffners 'Der Tag des Spatzen'
Von Lukas Foerster, 17.02.2010, 10:55

"Ich find's schwierig", meint Philip Scheffner in der einzigen Szene, in der er selbst im Bild auftaucht zu einem Freund, einem Antikriegsaktivisten, der gemeinsam mit zwei Mitstreitern vor Gericht steht, weil sie militärisches Gerät der Bundeswehr sabotiert haben sollen. Schwierig findet Scheffner, eine Antwort darauf zu geben, wann und vor allem wie man ein vages oder auch ein sehr spezifisches Unbehagen an den Verhältnissen - in diesem Fall an der Tatsache, dass Deutschland einen Krieg führt und niemand etwas davon wissen zu wollen scheint - in politisches Handeln übersetzen kann. Sein Freund hat diesen Schritt gewagt und sitzt inzwischen nach einem in mancher Hinsicht fragwürdigen Prozess im Gefängnis.
Philip Scheffner hat statt dessen mit der "Tag des Spatzen" einen sonderbaren, faszinierenden Film gedreht. Während er mit seinem Freund spricht, machen die beiden, gemeinsam mit dem Sohn des Freundes, das, was der Film auch sonst die ganze Zeit über macht: Sie beobachten Vögel. In dieser Szene sind es Greifvögel, ansonsten aber meistens Spatzen. Spatzen, nichts als Spatzen. In Bäumen, auf Wiesen, in Pfützen, auf Panzern. Eigentlich gibt es, so erfährt man an einer Stelle, gar nicht mehr so viele Spatzen in Mitteleuropa, ihr natürlicher Lebensraum weicht immer mehr der Kulturlandschaft. Der Spatz ist auf die erweiterte Liste der bedrohten Tierarten aufgenommen worden. Noch aber ist der Spatz sichtbar, er kann beobachtet, verfolgt, gefilmt werden. Der Krieg in Afghanistan kann das nicht, oder zumindest nicht so einfach. Man müsste dafür schon nach Afghanistan gehen und die Bilder, die aus Afghanistan nach Deutschland gelangen, stammen im Allgemeinen von Journalisten, die mehr oder weniger "embedded" sind. Wie dieses "embedding" funktioniert, das zeigt "Der Tag des Spatzen" auch, ganz beiläufig.
Der Film enthält nämlich sein eigenes Making of. Scheffner hatte bei der Bundeswehr angefragt, ob sie Interesse hätte, sein Filmprojekt zu fördern. Die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit ließ sich tatsächlich auf erste Koordinationsgespräche mit dem seltsamen Vogel Scheffner ein. Bei einem dieser Gespräche hatte ein Bundeswehrmitarbeiter, so berichtet der Voiceover des Films, eine "Bildidee": einen brennenden Busch in Afghanistan solle Scheffner filmen, davor deutsche Soldaten. Die Bundeswehr als Beschützer des Lebensraums afghanischer Vögel. Ein solches Bild findet sich nicht im fertigen Film. Und aus der Zusammenarbeit mit der Bundeswehr ist dann schließlich auch nichts geworden. Scheffner bleibt in Deutschland. Deutschland ist Kriegspartei, also muss es irgendwo Spuren oder Zeichen des Krieges geben. Die skandalöse Unsichtbarkeit des Afghanistan-Krieges auf der einen und die banale Sichtbarkeit des Spatzen auf der anderen Seite: Das ist die Ausgangsposition.
Eine asymmetrische Ausgangsposition für einen asymmetrischen Film, der Dinge nebeneinander stellt, die nicht nebeneinander zu gehören scheinen. An einer Stelle expliziert der Voice-Over-Kommentar den Ursprung des Films noch deutlicher. Scheffner hat auf einer Zeitungsseite nebeneinander zwei Meldungen entdeckt: einer über einen getöteten Spatzen in einem niederländischen Einkaufszentrum, einen über den Tod eines deutschen Soldaten in Afghanistan. Es passt zu diesem Film, dem sehr wichtig ist, was sichtbar wird und was unsichtbar bleibt, was hörbar wird und wer stumm bleibt, dass die entsprechende Zeitungsseite nicht im Bild auftaucht, sondern nur auf der Tonspur erwähnt wird. Das eigentlich interessante an Scheffners Film ist allerdings, wie er diese selbst gelegte Spur eben gerade nicht konsequent weiterverfolgt, wie er die Frage, was denn nun der Spatz genau mit dem Krieg zu tun haben könnte, gerade nicht beantwortet. Und wie er statt dessen über weite Strecken einfach weiter Vögel beobachtet und dabei über den Krieg (und über Vögel) spricht, ohne, dass sich ein dialektischer Mehrwert einstellen würde. Wie da einer mit aller Macht den Krieg sucht und doch immer nur Vögel findet. Der Voice-Over-Kommentar teilt mit, dass Kampffliegerschwadrone Vogelexperten in die Länder aussenden, in denen sie Einsätze zu fliegen beabsichtigen, damit die Triebwerke der Flieger nicht durch Vogelflug gefährdet werden. An anderer Stelle beobachtet die Kamera, wie ein Mann, vermutlich ein Angestellter der Stadtverwaltung, unter einer Brücke zwei Spatzen erschießt. Wieder an anderer Stelle besteigen Scheffner und seine Kamera einen Segelflieger und betrachten die Mosellandschaft aus der Vogelperspektive. Aber aus alledem folgt zunächst einmal nichts. Der Vogel ist nah, der Krieg weit weg.
Scheffners ersten Langfilm "The Halfmoon Files" zog es in die Vergangenheit. Medium der Vergangenheit wurde das Lautarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin und unter dessen Anleitung schlug sich Scheffner auf gewundenen Pfaden durch die Technikgeschichte und die deutsche koloniale Vergangenheit. Scheffners neuer Film bleibt in der Gegenwart, in der ist alles noch viel komplizierter, die immerhin noch einigermaßen handfest archäologische Methode des Vorgängers greift nicht mehr. Entstanden ist ein Film, der seine eigene filmische Epistemologie endgültig und sehr gezielt kollabieren lässt. Ein Dokumentarfilm, der sein Objekt verloren hat. Und der auf den Verlust des Objekts reagiert, indem er stur weiter Spatzen filmt, die nichts über den Krieg zu sagen haben, aber anhand derer man eventuell etwas lernen kann über Bedingungen und Grenzen von Sichtbarkeit.
Philip Scheffner: "Der Tag des Spatzen". Deutschland 2010, 100 Minuten. (Vorführtermine)
2 Kommentare
Stichwörter:
17. februar 2010, afghanistan, der tag des spatzen, deutschland, dokumentarfilm, forum 2010, philip scheffner
Ekkehard Knörer
20.02.2010 um 14:29:48 Uhr
Ich glaube, Sie irren. Das ist kein Film über den Afghanistan-Krieg und will keiner sein. Der Regisseur weiß ganz sicher verdammt gut Bescheid über den Krieg und ist ebenso sicher alles andere als naiv. Ganz im Gegensatz zu Ihnen finde ich, dass der Film von Minute zu Minute besser und interessanter wird. Er funktioniert allerdings nicht als Thesenfilm, sondern als ehrliches Vexierspiel. Die Kanonen und die Spatzen sind sozusagen immerzu im selben Bild, aber man kriegt sie, wenn man es betrachtet, nie ganz zusammen. Und der Film fragt sich: Was fange ich mit dem Befund an? Er macht doch auch überhaupt nicht Stimmung gegen den Bundeswehreinsatz. Er führt vor, wie wahnsinnig empfindlich die Bundeswehr auf die Eindeutigkeit ihres Bilds in der Öffentlichkeit erpicht ist. So empfindlich, dass ihnen sogar das erkennbar "subtile" Projekt eines marginalen deutschen Autorenfilmers zu heiß ist. Sie, lieber Herr Welsch, sind doch hier derjenige, der Gewissheiten hat, über die Philipp Scheffner mit gutem Grund hinaus ist.
Marcus Welsch
20.02.2010 um 14:02:59 Uhr
Eigentlich könnte dieses Filmprojekt ein interessanter Ansatz sein, über sichtbare und unsichtbare Bilder zu einem gegenwärtig Brisanten Thema einen klugen Dokumentarfilm zu realisieren. Die präzisen Bilder der kleinen grauen Vögel versprechen auch anfangs eine neue Bildsprache, die sich in experimenteller Manier von der routiniert illustrativen Bebilderung politischen Dokumentarfilms bewusst absetzt. Im ersten Akt schafft es der Film auch einen lakonischen Ton zu finden, der die absurd komische Situation, dass sich die medial verknüpfte Welt an dem Abschuss eines Spatzen erhitzt. Leider wird dieses Bild zum unfreiwilligen Leitbild des restlichen Films. Er schießt mit Kanonen auf Spatzen, weil er großes will und an allem wesentlichen vorbeizielt. Lange versuche ich dem Film in seiner Langsamkeit und seiner etwas trägen Dramaturgie im Mittelteil noch wohlwollend die zunehmende Harmlosigkeit zu verzeihen. Zu Sympathisch ist die Bildwahl, wie er an den Naturaufnahmen festhält, die sich wohltuend von bekannten Dokumentarfilmstrategien absetzt. Filme wie ?hat wolf von amerongen konkursdelikte begangen? waren so ein Ansatz, der die Recherche über eine interessante Industrie-Biografie mit vom Inhalt völlig entkoppelten Landschafts- und Stadtaufnahmen montierte. Der Spatzenfilm folgt einem anderen Ansatz und versucht das Spatzenthema bildlich-inhaltlich zu verknüpfen. Nur wie? Die Souveränität geht stückweise verloren und endet in einer Katastrophe. Umso mehr der Film Farbe bekennen und inhaltlich sich für sein Thema um den Krieg in Afghanistan bemühen muss, umso ärgerlicher und hilfloser wird der ganze experimentelle Ansatz. Noch hofft man um eine erzählerisch lakonische Fortführung, wenn er sein eigenes Bemühen um eine Drehgenehmigung bei der Bundeswehr dokumentiert. Es sind dies aber zugegeben Standardeffekte auf die er spekuliert, wenn man offizielle Institutionen um die Freigabe brisanten Filmmaterials oder eine Drehgenehmigung bittet und dabei die routinierten Antworten der telefonischen Nachfrage mit beobachtenden Aufnahmen vor den Toren einer Bundeswehrkaserne montiert. Das ist nichts Neues, ein kalkulierter Zuschauer-Effekt. Schlimm wird es erst, wenn die zögerlichen und im Vergleich zu täglichen Diskussionen in Zeitungen harmlosen und uninformierten Fragen nach dem Kriegszustand in Afghanistan beginnen. Es ist eigentlich eine Banalisierung um die wichtige Frage, wie sich dieses Land in die globalen Konflikte einmischt. Es wird nicht besser, wenn er dann einen "Freund" aus der militanten Szene, der wegen eines Anschlags auf militärisches Gerät auf dem Boden der Bundesrepublik zu dessen Verweigerungshaltung interviewt. Dabei verstören weniger die dramaturgisch überraschenden Abbrüche. Viel mehr verärgert die hanebüchende Autorenhaltung, hier verschieden Komplexe auf naive weise zusammen zu mischen. Er verwechselt eine fragwürdige Verweigerungshaltung mit der eigenen Ratlosigkeit, die erzählerisch den Eindruck von politischem Topfschlagen übrig lässt. Es bleibt eine deprimierende und verärgernde Einsicht am Ende des Films zurück, wie hilflos der Grad der Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Thema der Gegenwart tatsächlich ist. Warum hat das Filmteam keine wichtigen Fragen zu dem Krieg in Afghanistan parat und warum muss es auf nervtötende Weise in einem peinlichen suggestiven Verfahren eine Stimmung gegen einen Auslandseinsatz der Bundeswehr bemühen? Die erinnert eigentlich nur an die Hilflosigkeit, wie viele ehmals politischen linken Gruppierungen der BRD mit der veränderten Weltlage nach dem Kalten Krieg umgehen. Die Reflexe des Antimilitarismus kommen einem vor, wie ein schlecht gedrucktes Flugblatt aus einem Schaukasten eines Museums. Die letzten Aufnahmen vor der Absperrung eines Bundeswehrgeländes erscheinen wie die eigene gefangene Situation des Autors, der ein Feindbild sucht, wo längst nur noch Spatzen sind.
Marcus Welsch
selbst Kriegsdienstverweigerer aus den Achtziger Jahren, arbeitet als Dokumentarfilmer.
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