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Außer Atem: Das Berlinaleblog

Cinephiles Profil

Von Lukas Foerster

06.02.2013.
Bruno Dumont, Steven Soderbergh, Ulrich Seidl, Danis Tanovic


Bruno Dumont, Steven Soderbergh, Ulrich Seidl, Danis Tanovic

So ganz hat man sich noch immer nicht daran gewöhnt, aber es scheint sich zu verstetigen: Der Berlinale-Wettbewerb ist seit letztem Jahr - und zwar ohne jede Vorankündigung - keine Leistungsschau des cineastischen Mittelstandes mehr, keine zusammengewürfelte Auswahl, die so ausschaut, als sei sie zur einen Hälfte in der Vorauswahl für Cannes ausgesiebt, zur anderen Hälfte dort aus guten Gründen gar nicht erst eingereicht worden. Statt dessen tauchten letztes Jahr wagemutige, erstaunliche Filme von Miguel Gomes, Brillante Mendoza und Alain Gomis in der zentralen Sektion auf, allesamt Regisseure, von denen man nicht vermutet hatte, dass Kosslicks Team sie auf dem Schirm haben würde. Dazu noch Christian Petzolds wunderschöner "Barbara" und außer Konkurrenz einer der besten Actionfilme (ach, eigentlich kann man das "Action-" da weglassen) der letzten Jahre: Tsui Harks Schwertkampfspektakel "Flying Swords of Dragon Gate".

Auch dieses Jahr lassen die Vorankündigungen auf eine mindestens ebenso ambitionierte Auswahl hoffen. Vor allem überrascht die große Anzahl von - im Festivalkontext - "großen Namen": Der einstige Skandalregisseur Bruno Dumont ist dabei, mit "Camille Claudel, 1915", einem starbesetzten, von Juliette Binoche angeführten Biopic. Steven Soderbergh präsentiert den letzten Kinofilm vor seiner angekündigten Frühverrentung in Berlin: "Side Effects", ein Pharmaindustrie-Thriller. Der Österreicher Ulrich Seidl zeigt "Paradies: Hoffnung", den Abschluss seiner jüngsten Trilogie. Außerdem: Gus van Sant, Richard Linklater, Danis Tanovic.


Thomas Arslan, Pia Marais, Hong Sang-soo, Denis Cote

Nur zwei (mehr oder weniger) deutsche Filme sind diesmal dabei, dafür aber zwei hochinteressante. Schon längst überfällig ist Thomas Arslans Einladung. Dass einer der interessantesten Autorenfilmer dieses Landes erst mit seinem siebten langen Spielfilm den Weg in den Wettbewerb findet, sagt einiges aus über die Versäumnisse der Vergangenheit. Umso schöner, dass es nun doch geklappt hat und zwar mit Arslans bislang ungewöhnlichstem und zumindest in mancher Hinsicht ambitioniertestem Projekt: "Gold" ist ein Western mit Nina Hoss und Uwe Bohm, gedreht wurde in Kanada. Auch Pia Marais, der deutlich schneller, mit ihrem dritten Film, der Sprung in den Wettbewerb geglückt ist, hat nicht in Deutschland gedreht, sondern in ihrem Geburtsland Südafrika: "Layla Fourie" ist laut Festivalwebsite ein "klassischer Thriller", aber wer die beiden ersten Filme der Regisseurin kennt, weiß, dass Marais sich von Genre- und anderen Grenzen nur sehr ungern einengen lässt.

Fürs cinephile Profil des erneuerten Wettbewerbs sprechen außerdem zwei weitere Einladungen: Der Südkoreaner Hong Sang-soo kehrt nach fünf Jahren - und sieben zwischendurch fertiggestellten Filmen - nach Berlin zurück. "Nobody's Daughter Haewon" heißt der jüngste Streich eines der ganz großen Idiosynkraten des Weltkinos. Zum ersten Mal im Wettbewerb eines A-Festivals vertreten ist der Kanadier Denis Cote. Letztes Jahr zeigte das Forum seinen umwerfenden Dokumentarfilm "Bestiaire", der einige Lust gemacht hat auf das Drama "Vic et Flo ont vu un ours", das dieses Jahr zu sehen sein wird. Ergänzt wird das Programm mit einer Reihe von Filmen, die man vorab schwer einschätzen kann, Arbeiten junger oder bislang wenig auffälliger Regisseure. In einem (Fredrik Bonds "The Necessary Death of Charlie Countryman") spielt Til Schweiger mit.


Emmanuelle Bercot, Fredrik Bonds, Małgośka Szumowska, Wong Kar-wai

Ach ja, es hilft alles nichts: der Eröffnungsfilm. Es besteht natürlich die winzig kleine Chance, dass Wong Kar-Wai plötzlich wieder an seine Großtaten aus den späten Achtziger und frühen bis mittleren Neunziger Jahren anknüpft. Doch spricht leider der Trailer mit seinem Kopfschmerzen induzierenden colour grading, dass er mit seinem zweiten Martial-Arts-Spektakel "The Grandmaster" den Weg fortführt, den er mit "Ashes of Time: Redux", der mutwilligen Selbstzerstörung seines ersten Martial-Arts-Spektakels, eingeschlagen hat: Totgestyltes, wehleidiges Designerkino statt manisch flirrender Extravaganz, die exakte Antithese also zu "Flying Swords of Dragon Gate".

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Shane Carruth, Asli Özges, Nanouk Leopold, Arvin Chen

Was die ziemlich radikale Trendwende im Auswahlprozess verursacht hat, ist weitgehend unklar. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob Kosslick inzwischen stärker auf seine BeraterInnen - oder: auf andere BeraterInnen - hört (worauf Ekkehard Knörer im Freitag tippt), ob sich sein eigener Geschmack gewandelt hat, oder ob das Ganze mit (Film-)Marktmechanismen zusammenhängt, auf die ein Auswahlkomitee gar keinen Einfluss hat. Idealerweise sollte sich jedenfalls der Innovationsdruck, wie auch immer er zustande gekommen ist, demnächst auf die Nebensektionen verlagern. Insbesondere aufs Panorama. Wie jedes Jahr gibt es da ein paar Filme (namentlich Shane Carruths lang erwartetes Zweitwerk "Upstream Color", Asli Özges Ehedrama "Hayatboyu" oder Nanouk Leopolds Literaturverfilmung "Boven is het still"), die man sich auch sehr gut im Wettbewerb hätte vorstellen können. Und wie immer wird man sich hinterher bei einer ganzen Menge Filme fragen, warum sie überhaupt von auch nur irgendeinem Festival eingeladen werden. Jedes Jahr auf den Queer-Cinema-Schwerpunkt zu verweisen, der in sich ebenso beliebig ist, wie der Rest, führt auch nicht weit. Ein Vorschlag, auf den eh niemand hören wird: Wie wäre es denn mit einer eigenen, ambitioniert kuratierten Queer-, bzw. Teddy-Sektion? Das real vor sich hin existierende Panorama könnte man dann guten Gewissens dicht machen.

Erst recht, weil die Trennschärfe zum Forum ohnehin fast komplett verloren gegangen ist. Da kann man sich auch dieses Jahr wieder auf die Mini-Retrospektive freuen, die diesmal dem japanischen Meisterregisseur Keisuke Kinoshita gewidmet ist. Und einige merkwürdige Kätzchen lassen sich sicherlich auch im Hauptprogramm auftreiben. Worin aber unterscheidet sich, nur zum Beispiel, ein verkitschter, strukturkonservativer asiatischer Forumsfilm ("Cold Bloom" von Atsushi Funahashi) von einem verkitschten, strukturkonservativen asiatischen Panoramafilm ("Will You Still Love Me Tomorrow?" von Arvin Chen)? Und bei aller berechtigten Kritik an den "talking heads"-Dokumentation im Panorama: Die "ästhetisch ambitionierten Dokumentarfilmen", denen sich das Forum verschreibt, sehen zwar etwas schicker und zeitgenössischer aus, gehorchen jedoch immer öfter genauso willkürlichen und ihrem Gegenstand äußerlichen Poetiken.


Claude Lanzmann, Keisuke Kinoshita, Deepa Dhanraj, Kent MacKenzie

Doch, bevor dieser Einführungstext wieder in alte Muster zurückfällt, lieber noch ein kurzer Blick auf andere, vielversprechende Programmsegmente: Das Gesamtwerk Claude Lanzmanns zum Beispiel. Oder die Retrospektive, die dieses Jahr den Spuren gewidmet ist, die das Weimarer Studiokino der zwanziger Jahre in der Filmgeschichte hinterlassen hat, im amerikanischen und europäischen Exil, aber auch, gelegentlich, im nationalsozialistischen Kino. Präsentiert werden, neben einer Handvoll kanonisierter Klassiker, jede Menge Raritäten. (Weniger sympathisch: Das neu hinzugekommene Edelsegment "Berlinale Classics", das aufs Haar einer traurigen Entwicklung entspricht, auf die Olaf Möller neulich im Filmdienst hingewiesen hat). Und versteckt, ganz hinten im Programm, eine Sektionspremiere: "NATIVe – A Journey into Indigenous Cinema" versammelt, dem Titel entsprechend Filme, die, zumeist aus deren eigener Perspektive, über indigene Völker berichten. Den Anfang machen dieses Jahr Nordamerika und Australien. Unter anderem mit dabei: Kent MacKenzies "The Exiles", ein herzzerreißender Film über eine Gruppe Amerikaner indianischer Abstammung, die versuchen, sich im Los Angeles des Jahres 1961 über Wasser zu halten.

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Da sich der vorsichtige Optimismus des letzten Jahres durchaus bestätigt sehen konnte, darf man dieses Jahr vielleicht etwas weniger vorsichtig sein: Es wird eine sehr schöne Berlinale werden.

Lukas Foerster


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