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Essay
Wo sind die deutschen Meinungsführer?
Von Sabine Pamperrien
06.02.2010. Von Vaclav Havel bis zum amerikanischen PEN: Viele unterstützen die Nominierung Liu Xiaobos für den Friedensnobelpreis. In Deutschland aber bisher nur Herta Müller. Und sonst regt sich kaum ein Hauch.
Mitte Februar findet die Berufungsverhandlung gegen Liu Xiaobo, statt, den prominenten Mitverfasser der Charta 08, die die chinesische Demokratiebewegung in die Tradition der Charta 77 stellt. Es ist kaum damit zu rechnen, dass die nächste Instanz das Urteil wegen "Subversion der Staatsgewalt" aufhebt. Weder Liu noch sein Anwalt werden an der Verhandlung teilnehmen, die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen.
International gibt es eine starke Solidaritätsbewegung für den Ehrenvorsitzenden des unabhängigen chinesischen P.E.N.. Der australische Dramatiker Frank Moorhouse sagte unter Protest seine bereits zugesagte Teilnahme an einer Lesereise anlässlich der Expo in Shanghai ab und rief seine Kollegen zum Boykott auf. Vaclav Havel forderte in einem Offenen Brief an das Nobelpreiskomitee, Liu mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen.
In dem Brief, der kurioserweise in Deutschland auszugsweise als "Gastkommentar" Havels für die Tageszeitung Die Welt veröffentlicht wurde, heißt es unter anderem: "Für seinen Mut und seine gedankliche Klarheit im Hinblick auf Chinas Zukunft verdient Liu den Friedensnobelpreis 2010. Denn er steht in der Tradition von Martin Luther King, Lech Walesa und Aung San Suu Kyi, um nur einige Beispiele zu nennen. Lius Ideale sind allgemeingültig und überzeitlich: die Achtung der Menschenrechte und der menschlichen Würde sowie die Verantwortung der Bürger dafür, sicherzustellen, dass ihre Regierungen diese Rechte respektieren. Sie stellen das höchste Streben der Menschheit dar."
Unterschrieben wurde der Offene Brief nicht nur von Havel, sondern auch von Desmond Tutu, dem Dalai Lama, dem französischen Philosophen Andre Glucksmann, dem Präsidenten der New Yorker Carnegie Corporation Vartan Gregorian, dem früheren Direktor der Welthandelsorganisation Mike Moore, dem früheren tschechischen Außenminister Karl Schwarzenberg und dem Ex-Vorsitzenden der russischen Mitte-links-Partei Yabloko, Grigori Jawlinski.
Havels Initiative folgte auf Betreiben des früheren Sprechers der Charta 77 und jetzigen Senators Alexander Vondra die offizielle Nominierung Lius durch mehr als 70 Mitglieder der tschechischen und slowakischen Parlamente, quer durch alle Parteien. Zahlreiche ehemalige Aktivisten der tschechoslowakischen Demokratiebewegung verliehen der Eingabe nach Oslo durch ihre Namen weiteren Nachdruck. In Norwegen nahm der Abgeordnete Jan Tore Sanner die Initative zum Anlass, seinerseits Liu für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen:
"Lius Zivilcourage, seine Prinzipien und sein langer Kampf gegen den repressiven Staatapparat stellen ihn in die stolze Reihe jener engagierten Menschenrechtsaktivisten, die den Geist von Nobels Testament verkörpern. Zusätzlich würde die Verleihung des Preises an Liu ein starkes Signal aussenden, dass keine Regierung, kein Staat unverhohlen die fundamentalen Menschenrechte wie die Freie Rede missachten darf. Eine solche Auszeichnung würde eine enorme Inspiration auch für andere sein, die für Freiheit und Menschenrechte kämpfen."
Der Präsident des US-P.E.N., Kwami Anthony Appiah, nutzte sein Vorschlagsrecht als Universitätsprofessor und nominierte Liu ebenfalls offiziell. Unterstützt wird seine Initiative von zahlreichen prominenten US-Autoren wie Paul Auster, Siri Hustvedt, Philip Roth, E.L. Doctorow und Ian Buruma. Die kanadische Autorin Marian Botsford Fraser, Vorsitzende des Writers in Prison Komitee des Internationalen P.E.N. teilte mit, man wäre hoch erfreut, wenn Liu den Preis erhielte. Als Organisation habe der Internationale P.E.N. allerdings kein Vorschlagsrecht und sammle deshalb auch keine Unterschriften. Der unterstützende Brief der US-Autoren sei eine private Initiative.
Und Stimmen aus Deutschland?
Der deutsche P.E.N. bezieht sich ebenfalls auf die formale Position. Für Liu unternehme die deutsche Sektion zahlreiche Initiativen im Hintergrund, besonders beim Auswärtigen Amt. Eine Aktion wie die der US-Autoren hätte jetzt nur noch einen Show-Effekt, so P.E.N-Generalsekretär Herbert Wiesner auf die Frage, ob vom deutschen P.E.N.-Präsidenten ein ähnlich leidenschaftliches Plädoyer für westliche Werte wie das Appiahs kommen könnte.
Ein Stilfrage? Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller sieht das anders. Sie ist seit der umstrittenen Vereinigung der beiden deutschen P.E.N.-Zentren nicht mehr Mitglied in der Schriftstellervereinigung. Es gehe darum, deutliche Zeichen nach Außen zu setzen, sagt sie. Hinterzimmerdiplomatie sieht sie sehr kritisch. Die chinesische Reaktion auf die Nominierung Liu Xiaobos ist denn auch schon der beste Beweis für die Bedeutsamkeit solcher Zeichen in Richtung repressiver Regime: Reuters India meldete, dass China bereits protestierte.
Müller hat an das Nobelkomitee geschriebe und ihren Brief im Perlentaucher zuerst veröffentlicht: "Liu Xiabo setzt sich seit Jahren für die Verwirklichung der Menschenrechte in China ein, mit allen den dazugehörenden Risiken. Er wurde schon mehrfach inhaftiert. Und mit ihm wurden auch andere Unterzeichner der CHARTA 08 festgenommen. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" nennt etwa Zhang Zhuhua in Peking oder Chen Xi, Shen Youlin oder Du Heping. (?) ich weiß, daß ich als Literaturnobelpreisträgerin keinen Kanditaten für den Friedensnobelpreis vorschlagen kann. Aber ich möchte Sie bitten, meine Unterstützung für Liu Xiabo nach Norwegen weiterzuleiten." Ihr Gefühl der Verbundenheit mit Liu fasst sie im Gspräch mit einem einfachen Satz zusammen: "Heimat ist nicht die Sprache, sondern das, was gesprochen wird."
Der Präsident des deutschen P.E.N., Johano Strasser und andere deutsche Schriftsteller wie Günter Grass hätten eigentlich Anlass, ebenfalls deutliche Zeichen zu setzen. Es ist erst ein gutes Jahr her, dass die beiden den chinesischen Dissidenten bei der Debatte über die China-Redaktion der Deutschen Welle in den Rücken fielen. Die Dissidenten hatten die Deutsche Welle damals für eine viel zu Regime-nahe Berichtertattung kritisiert, darum sammelte eine SPD-nahe Initiative prominente Nemen wie die Grass', um die Kritik zurückzuweisen.
Liu Xiaobo war damals Mitunterzeichner eines Protestschreibens gegen diese Aktion. In diesem Protestschreiben wurde den deutschen Intellektuellen von der chinesischen Opposition gesagt: "Wir sind enttäuscht und empfinden Bedauern. (?) Obliegt Euch nicht, Eure Aufmerksamkeit auf jene zu richten, die um ihre grundlegendsten Menschenrechte gebracht werden?"
Herta Müller erinnert diese Episode an den Umgang mit Dissidenten aus der DDR. Und nun das: Wieder mahnt die ganze Welt angesichts eines eklatanten Verstoßes und in Erinnerung an erfolgreiche Bürgerrechts- und Demokratiebewegungen die Universalität der Menschenrechte an. Und bisher schloss sich nur die deutsche Literaturnobelpreisträgerin der Forderung nach einem deutlichen Signal an. Aber vielleicht kommen ja mit diesem Vorbild endlich ein paar andere deutsche Meinungsführer in die Puschen.
Sabine Pamperrien
Archiv: Essay
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