Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Von Lesern empfohlene Bücher

Petur Gunnarsson: punkt punkt komma strich

Moti Kfir, Ram Oren: Sylvia Rafael

Mord und Ratschlag
Riverrun Raskolnikow
Mord & Ratschlag Von Ekkehard Knörer
23.10.2008. In "Citizen Sidel", dem zehnten Teil von Jerome Charyns grandioser fantasmagorischer Saga ist Isaac Sidel auf dem Sprung zur Vizepräsidentschaft und kämpft mit seiner Glock und einer zugelaufenen Ratte namens Raskolnikow gegen das Böse, um sein Leben und natürlich die mythische Geliebte Anastasia.
Schnell los mit der Kritik, denn wir sind spät dran. Im Original ist "Citizen Sidel" - gerade noch so - schon im letzten Jahrtausend erschienen, 1999, um genau zu sein. Es ist auch der zehnte Band bereits der Saga um Isaac Sidel, die Jerome Charyn lange vorher schon, 1974, um genau zu sein, zu schreiben begann, der Titel des ersten Romans, auch bei Rotbuch erhältlich: "Blue Eyes".
Jetzt, inzwischen, bzw. erst einmal, 1999, all die Jahre später, die mit normalem Menschenmaß schwerlich zu messen sind, ist Sidel, der Jude, der aus der Bronx kam, der ein alles andere als moralisch völlig einwandfreier Polizeikommissar wurde in New York und Bürgermeister gar, auf dem Sprung. Für das Amt des demokratischen Vizepräsidenten kandidiert er und er ist derjenige, den die Massen verehren, nicht der zwielichtige, blutarme Baseball-Zar mit dem sprechenden Namen J. Michael Storm. Rein geht's gleich zu Beginn des Buchs, das auf recht wenigen Seiten verdammt viel zu erledigen hat, in den Madison Square Garden, es ist der Nominierungsparteitag der Demokraten. Und raus geht's gleich wieder, denn Sidel hat viel, alle Hände voll, mehr als genug zu tun. Die Glock, mit der er schießt, wann es ihm passt, hat Sidel noch immer dabei, die Glock, die sein Markenzeichen ist und auch Insignie seiner Vigilante-haften Unbezähmbarkeit durch alle Institutionen auf dieser Erde.
Einen Mordfall, bei dem sich, wie man im Lauf der Erzählerung erfährt, alles anders verhält, als es scheint, muss er aufklären. New York muss er retten und seine eigene Haut und, wer weiß, von hier aus die ganze Welt. Fallen werden ihm gebaut, Kamikazekillerinnen auf ihn angesetzt, Intrigen um Intrigen werden gesponnen und wir, arme LeserIn, der oder die wir sind, erhaschen hier einen Vorfall, da einen Totschlag; hier einen Lauschangriff, da eine infame Schlinge, ausgelegt vom einen oder anderen Vertreter des Staatsapparats oder einer Todesengel-Gang aus der Bronx - aber was wir damit anfangen, wie wir uns darin zurechtfinden, wie wir Kopf oder Schwanz aus all diesen einander immerzu überkreuzenden Sachverhalten und Kabalen und versuchten und gelingenden Morden machen, das ist wirklich ganz und gar uns überlassen.
Allerlei Gelichter mit Macht ist mit üblen Machinationen im Spiel: der FBI-Chef zum Beispiel und ein Polizei-Chef im Revier der Elizabeth Street in Manhattan, das Charyn aber stets mit der Welt des Isaak Babel, der von diesem erfundenen Figur Benya Krik, dem untergegangenen Odessa von einst, dem dortigen Viertel Moldavanka einfach so überblendet. Am Rande taucht eine Literaturwissenschafts-Dozentin der New York University auf, als trauernde Geliebte mit Buckel, als Tochter eines kriminellen Polizisten, als Isaak-Babel-Kennerin - aber es ist in diesem Buch und der ganzen Sidel-Saga in Wahrheit natürlich so, dass alles Rand ist und nichts, dass alles ständig in rasendem Tempo auf Abgründe zugeht und darüber hinaus schießt und wie in den großen amerikanischen Zeichentrickfilmen macht es nichts aus: auch die Luft trägt eine Weile, wenn man nur schnell weitererzählt.
Karamelkekse muss und will Sidel essen, gebacken von Marianna, der 12-jährigen, aber nicht minder als der Rest des Personals völlig erwachsenen Tochter des Präsidentschaftskandidaten. Er versteckt sie vor ihren Eltern, die sie verabscheut. Wie ein Hund leidet Sidel, weil Margret Tolstoi, seine Anastasia, die Frau, die er immer schon liebt, im Weißen Haus, in den Gemächern des Präsidenten, der meist Prädi genannt wird, steckt. Was nicht heißt, dass sie nicht aus heiterem Himmel auftauchen könnte, Sidels Leben zu retten und selbst, später dann, einen bösen Schlag auf den Kopf zu bekommen, der sie ins Koma schickt. Schließlich ist, wer es mit wem oder was treibt, weiß der Teufel, ganz schwer auszumachen. Ebenso ist, wer auf wessen Seite steht und welche Seite, wenn man mal eine ausgemacht hat, die gute ist, welche die böse, naja, nicht immer so einfach zu sagen.
Gar nichts sagt die Ratte Raskolnikow, die sich davon abgesehen aber schon wie ein Mensch benimmt oder, um es etwas vorsichtiger zu formulieren, allemal wie eines der erratischen und von keiner Psychologie oder Wahrscheinlichkeit zu bremsenden Wesen, die den Roman sonst so bevölkern. Etwa, indem sie - die Ratte Raskolnikow - Augen auskratzt und Nasen abbeißt und so unter denen, die sie nicht leiden kann, Blutbäder anrichtet. Sidel hat von dem Mann mit den orangenen Hosen, dessen Tod er am Anfang zu klären versucht (ist aber alles viel komplizierter), die Ratte Raskolnikow geerbt und trägt sie, in der Bronx und anderswo unterwegs, auf der Schulter. Mit der Bronx und überhaupt all den Namen uns Straßen ist das so eine Sache. Zwar deuten sie bei Charyn auf den ersten Blick überdeutlich fast auf unsere Wirklichkeit, ohne deshalb aber je verlässliche Anhaltspunkte zu sein. Aus Literatur gespeiste Namen und Halluzinationen funken, die Realität überlagernd, konterkarierend, verdoppelnd dazwischen, nicht nur in dieser ganzen Elizabeth-Street-Moldavanka-Geschichte, sonder auch dann, wenn etwa eine psychiatrische Anstalt, aus der gegen Ende eine weitere, aus dem Sidel-Universum vertraute Figur geholt wird, den an "Finnegans Wake" gemahnenden Namen "Riverrun" trägt.
Aus dem zum Schein Realen und aus ganz einmaligem Wahnwitz erschafft Jerome Charyn - Professor für Film in Paris und Autor von unzähligen Büchern, in denen es um Babel, Hollywood, die eigene Kindheit in der Bronx, um Marilyn Monroe, um Tischtennis und immer wieder um Isaac Sidel geht - aus den wahrscheinlichsten und den unwahrscheinlichsten Zutaten also erschafft Charyn, um das zum Schluss einmal zusammenzufassen, seine das Hier und Jetzt in blühende Absurditäten transformierenden Fantasmagorien. Das Erstaunliche daran ist, dass er mit diesem Verfahren aus unserer Gegenwart einen Mythos macht, ohne die uns vertraute Welt dabei aus den Augen zu verlieren. Was er ihr entgegenzusetzen hat, diese Mixtur aus Traum, Altpraum, Gewalt und verzehrender Liebe, ist eine grandios und gewaltig verschrobene Vision, aber nicht einer anderen, sondern unserer Wirklichkeit.
Jerome Charyn: Citizen Sidel. New York knallhart. Roman. Übersetzt von Jürgen Bürger. Rotbuch Verlag. 189 Seiten. 16,90 Euro (Bestellen).
Archiv: Mord und Ratschlag
Erde im Blut
17.01.2012. In Parker Bilals "Die dunklen Straßen von Kairo" kämpft Privatdetektiv Makana für Aufklärung und bringt damit Magnaten und Sittenwächter gegen sich auf. In "Der achte Zwerg" lässt Ross Thomas einen Nazijäger durch das Deutschland im Jahre Null jagen. Mehr lesen
Hier ist alles Intelligenz
05.12.2011. In "Müllers Morde" setzt Monika Geier einen lebensuntüchtigen Historiker auf die Spur eines aus dem Ruder gelaufenen Hackers. Richard Stark lässt in "Verbrechen ist Vertrauenssache" ausschließlich professionelle Kräfte walten.
Mehr lesen
Kunst in Schwarzweiß
17.10.2011. Vom Lieben und Sterben in Padua singt Massimo Carlotto in seiner düsteren Mörderballade "Banditenliebe". In Dominique Manottis Politkrimi "Einschlägig bekannt" errichtet die Polizei in der Pariser Banlieue ein Besatzungsregime. Mehr lesen
Luxus und Kunst für jedermann
17.08.2011. Didier Daeninckx erklärt in seinem Historienkrimi "Tod auf Bewährung", für welche Verbrechen man sich einen Orden an die Brust heften darf. Uli Hufen erzählt in "Das Regime und die Dandys" von Odessa-Mama und seinen Gaunerchansons. Mehr lesen
Akte der Liebe
30.06.2011. "Manhattan Karma" eröffnet Walter Mosley neue Serie um den schwarzen Privatdetektiv und Ex-Boxer Leonid McGill, der rechtschaffen werden will, bloß nicht im Sinne des Gesetzes. In Patrick Pecherots Krimimärchen "Belleville - Barcelona" bilden Nestor Burma und Andre Breton eine surrealistische Waffenschmuggelfront für die spanische Republik. Mehr lesen
Darf ein Esel zum Pferderennen?
18.05.2011. In seinem großartigen Thriller "Wahrheit" zeigt Peter Temple, mit welcher Geschmeidigkeit das Geld sich die Politik kauft, und Medien und Polizei gleich mit. In John Harveys Krimi "Das Fleisch ist schwach" untersucht der melancholische Inspector Charlie Resnick noch einmal soziale Grundsatzfragen. Mehr lesen
Er kämpfte fair. Ich nicht.
30.03.2011. In Stuart Nevilles Nordirland-Thriller verlieren sich alte IRA-Kämpfer zwischen Terror und Politik, Wahnsinn und Vernunft, Alkohol und Drogengeschäft. In Ken Bruens "London Boulevard" verliert ein ausgekochter Profigangster gegen eine alternde Diva und ihren ungarischen Butler. Mehr lesen
Wer öffnet heute noch nackt die Tür?
17.01.2011. Thomas Willmann zeigt in seinem Alpenwestern "Das finstere Tal", dass man einen Kampf nicht aufgeben darf, bevor er begonnen hat. Ross Thomas führt mit seinem Thriller "Der Yellow-Dog-Kontrakt" hinab in die höchsten Kreise des Wahlkampfmanagements. Mehr lesen
La Muerte, Die Knochige, Die Magere
25.11.2010. Seine Hauptfiguren sind zwar etwas grob geschnitzt, aber in der Schilderung des mexikanischen Drogenkriegs ist Don Winslows Thriller "Tage der Toten" präziser und wahrhaftiger als eine ganze Jahresproduktion deutscher Regionalkrimis. Mehr lesen
Literat und Leser
18.10.2010. Silvina Ocampos und Adolfo Bioy Casares' Krimi "Hass der Liebenden" dekliniert die verschiedensten Arten des Giftmords durch. Guillermo Orsi liefert mt "Im Morgengrauen" einen aktuellen Politthriller, der wirr genug ist, dass man seinen Staatsstreich selbst planen muss.
Mehr lesen
Die Farbe von Kopfweh
26.08.2010. Louise Welsh zeichnet in ihrem Krimi "Das Alphabet der Knochen" ein wenig charmantes Bild vom Universitätskader. Selbst Kindermörder sehen besser aus. Jedediah Berry pflanzt uns das "Handbuch der Detektive" ins Unterbewusstsein. Mehr lesen
Wie man eine Lerchenpastete backt
08.07.2010. Dominique Manottis Wirtschaftsthriller "Letzte Schicht" verarbeitet in bester Costa-Gavras-Manier die Affäre um die Privatisierung des französischen Riesenkonzerns Thomson. In Domingo Villars Krimi "Strand der Ertrunkenen" ermittelt ein empfindsamer galicischer Inspektor gegen den Geist eines alten Kapitäns. Mehr lesen
Siegelringzellen-Krebs
12.05.2010. In seinem grandiosen Noir-Krimi "Der sichere Tod" lässt Adrian McKinty einen Kleingangster, der Yeats, Koestler und die Frankfurter Schule zitiert, gegen seinen eifersüchtigen Boss antreten. In Josh Bazells Krimi-Comedy "Schneller als der Tod" nimmt es ein ehemaliger Profi-Killer mit der Mafia und dem amerikanischen Gesundheitssystem zugleich auf. Mehr lesen
Gehobene Koks-Klasse
07.04.2010. Eigentlich wollte Roxanne Palmer nur ihren miesen Mann loswerden. Leider tritt sie mit ihrem kleinen Mord auch einigen Gangsterbossen auf die Füße und deshalb einen veritablen Bandenkrieg in Kapstadt los. Zwischen die Fronten geraten in Roger Smith' Thriller "Blutiges Erwachen" außerdem Huren, Tik-Junkies, Zulu-Zauberer und Kannibalen. Mehr lesen
Emotional labiler Federfetisch
19.01.2010. Wäre Inspektor Jensen nicht von einem Feticheur mit einem Fluch belegt worden, dann wäre er nicht nach Island gefahren, nicht von einer Fremden im Bett gebissen worden und würde nicht von einem Psychopathen verfolgt. Dies alles und noch etwas Quantenphysik findet man in Linus Reichlins "Assistent der Sterne". Jochen Schmidt präsentiert mit "Gangster, Opfer, Detektive" eine 1.100 Seiten starke Typengeschichte des Kriminalromans. Mehr lesen





