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Eine Saison in der Medienhölle
Von Rüdiger Wischenbart
27.11.2012. Nicht "Gratiskultur" und linker Hedonismus schaden dem traditionellen Qualitätsjournalismus, sondern eine Reihe von Großkonzernen. Sie heißen Reed Elsevier, ThomsonReuters oder Wolters Kluwer.
Flüchtig überflog ich die Überschriften am Bildschirm und las: "Heute in den Feuilletons: Die Schöpferische Zerstörungskraft des InFernets." Ich schmunzelte, denn in diesen Tagen der etwas verquälten Analysen zur Einstellung von Frankfurter Rundschau, Financial Times Deutschland und, ja, nicht zu vergessen, Prinz, wollte das Wortspiel aus "Inferno" (bezihungsweise französisch: "Enfer - Hölle") und Internet eigentlich prima passen.
Originell, dachte ich mir mit einem Schmunzeln, und schlug nach bei Arthur Rimbaud: "Eine Zeit in der Hölle" ("Une saison en enfer"). Die legendären Anfangszeilen des Bändchens mit lyrischer Prosa von 1873 reißen einen immer wieder vom Stuhl - aber jetzt, im aktuellen Zusammenhang, waren sie geradezu unverschämt zweideutig:
"Jadis, si je me souviens bien, ma vie était un festin où s'ouvraient tous les cœurs, où tous les vins coulaient.
Un soir, j'ai assis la Beauté sur mes genoux. - Et je l'ai trouvée amère. - Et je l'ai injuriée (…)"
("Einst, ich erinnere mich gut, war mein Leben ein Fest, es öffneten sich alle Herzen, der Wein floss. Eines Abends setzte ich mir die Schöne auf die Knie. - Und sie schien mir bitter. - Und ich beschimpfte sie...")
So wie Rimbauds Schönheit fühlt sich dieser Tage der Leitartikel-Qualitätsjournalismus - aufs Knie gesetzt, und dann schnöde weggeschickt, von einem blöden Bengel namens InFernet.
Aber es ist nun nicht die Aufgabe der Kinder, das unvollkommene Leben der Väter - und auch mal der Mütter - nachzustellen und zu vervollkommnen. Nach dem furiosen Einstand hörte Rimbaud mit zwanzig auf, Gedichte zu schreiben, schlug sich als Abenteurer bis nach Aden auf der arabischen Halbinsel durch, handelte wohl auch mit Waffen, starb bald elend in Marseille - und hatte doch die europäische Literatur verändert.
Aber wir wollen es mit den Vergleichen (und meinem Lesefehler - denn natürlich stand in der Überschrift ganz korrekt "Internet") nicht übertreiben, und das durchaus ernsthafte Zeitungstrudeln nüchtern, also vorhöllisch betrachten.
Das Geschäftsmodell der Zeitungen - wie auch, in abgewandelter Form, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks - basiert auf der Vorstellung, dass in einer bürgerlichen Gesellschaft, aus dem Geist des späten 19. Jahrhunderts, die aktuellen Nachrichten und Meinungen sich eine Plattform schaffen, und dies möglichst unabhängig von der Selbstbetrachtung der herrschenden Instanzen - König, oder gewählte Regierung. Von Beginn an waren dabei Unabhängigkeit und Geschäft sowie Beeinflussung der Gesellschaft durch die Medien sowie deren Vernetzung mit den Mächtigen Teil eines labilen Ungleichgewichts.
Die Attraktivität der Medien als vierter Macht - neben Regierung, Parlament und Justiz - erlaubte, immer höhere Auflagen von den gedruckten Erzeugnissen zu verkaufen, darüber Macht und Einfluss auszuüben, die Einnahmen durch Abonnements zu stabilisieren, und die Reichweite zusätzlich durch Einnahmen aus Werbung zu ergänzen. Als moderne Predigtkanzeln fungierten diese Massenmedien indessen auch als Kitt zwischen den unterschiedlichsten Gruppierungen der Gesellschaft, was ihren symbolischen - ideellen - Wert immer höher schraubte.
Dieser Kitt aber taugt seit gut einer Generation immer weniger. Darin liegt nicht wirklich ein Versagen der Medien. "Fragmentierung der Gesellschaft" lautet die entsprechende Überschrift bei den Soziologen. "Zielgruppen" das entsprechende Zauberwort bei der Kommerzialisierung.
Die großen Medien haben genau davon lange Zeit hindurch prächtig gelebt. Ihre breite Aufstellung bei den Konsumenten wurde mit üppigen Kleinanzeigen, Stellenanzeigen, Image-Großanzeigen, Advertorials, sowie bezahlten Beilagen reich belohnt. Die Großjournalisten sonnten sich in einer Aufmerksamkeit, die sie mit Mächtigen, Reichen und Trägern des Glamours auf gleicher Augenhöhe zu teilen glaubten.
Wenn sich aber eine solch überwiegend geschlossene Gesellschaft - nicht zuletzt auch dieser etwas selbstgefälligen Eliten - aufspaltet in immer mehr Unterabteilungen, mit drastisch abnehmender Vorbild- oder Wegweiserfunktion, dann bröckelt auch zunehmend der Zement im Fundament.
Und dann kam auch noch das InFernet. Einerseits vervielfältigte dieses Netz die Möglichkeiten, nicht nur von der erhöht das Kirchenschiff dominierenden Predigtkanzel aus ans Volk zu sprechen. Zunehmend schnattern viele wild durcheinander (per Blog, Facebook, Twitter, sonstwas).
Ein kurzes medienhistorisches Abdriften sei erlaubt: Als der Rundfunk aus dem Feldfunk im Ersten Weltkrieg seinen Anfang nahm, gab es durchaus Stimmen, die eine vernetzte Funkkommunikation als das eigentlich Revolutionäre an dem neuen Medium ausbauen wollten. Doch setzte sich vorerst stattdessen ein System zentraler Sender ("Kanzel-Funk") ans passive Massenpublikum durch. Das veränderte nun das Internet.
Noch wichtiger am InFernet aber ist, dass es rasch den traditionellen Hauptmedien auch noch ganz andere Wässerchen und Legitimationen abgrub. Zum ersten schafften es die Zeitungen nicht, die wirtschaftlich so zentralen Kleinanzeigenmärkte innovativ zu organisieren. Zum anderen aber, vielleicht strategisch noch bedeutender, sahen sie - mit ganz wenigen Ausnahmen - nur passiv gebannt zu, wie ihre Kernkompetenz von Fressfeinden einer ganz anderen Größenordnung übernommen wurde. Und da geht es gerade nicht um irgendeine "Gratiskultur", sondern um hochkommerzielle, wirklich teure Bezahlangebote.
Das Destillat des täglich auflaufenden Wissens - also das, was sich erst einmal flüchtig in der Tageszeitung oder in der Tagesschau abbildet - baut sich gerade nicht in den Archiven der Zeitungen, Radio- und TV-Anstalten zum immens reichen, wertvollen, öffentlich zugänglichen Wissensspeicher zum Nutzen der gesamten Gesellschaft auf (siehe oben: der Kitt, der aus den Bruchstücken ein Ganzes macht).
Ganz im Gegenteil. Das komplexe Wissen, das sich aus den auflaufenden Informationen erzeugen lässt, läuft in mächtigen Datenbanken überwiegend gänzlich anders ausgerichteter Medienkonzerne zusammen, wird da organisiert, angereichert und mit hoher Kreativität kompiliert, visualisiert, kommerzialisiert - und vertrieben, letzteres selbstverständlich über das genial flexible Internet!
Die größten auf solche Wissensaggregation spezialisierten Fachverlage besetzen auf dem "Global Ranking of the Publishing Industrie" Platz 2, 3 und 4 und machen gemeinsam rund 40 Prozent des Umsatzes der Top 10. Diese Konzerne - an der Spitze Reed Elsevier, ThomsonReuters und Wolters Kluwer - sind global aufgestellt und vertreiben ihre Wissensbestände fast nur noch digital und im teuren Abonnement an Firmengroßkunden.
Das aktuelle Erscheinungsbild hat sich innerhalb kurzer Zeit - im wesentlichen im vergangenen halben Jahrzehnt - durch mehrere Fusionen und Restrukturierungen auf globaler Konzernebene in völlig neuen Maßstäben herausgebildet (und dieser Prozess deutet zugleich an, was nun wohl im Bereich der Publikumsverlage ansteht: Digitalisierung, Internationalisierung, und ein kräftiger Schub in Richtung Konsolidierung, aber auch technologischer Innovation. Auch am dritten großen Standbein, "Education" - was viel mehr umfasst als nur Bildungsmittel - ist dieselbe Revolution gerade schon voll im Gange).
Der kanadische Fachverlag Thomson etwa übernahm vor ein paar Jahren den führenden Nachrichten- und Wirtschaftsdienst Reuters, um - allerdings hinter einer hohen Pay-Wall - eine faszinierende Wissensplattform globalen Ausmaßes zu schaffen, ThomsonReuters. Reed Elsevier ist nicht nur der führende Wissenschaftsverlag - dessen Journals und Preispolitik etwa die ganze Debatte um Open Access zu wissenschaftlichen Publikationen losgetreten hat. Zum Konzern gehört auch die Wirtschaftsdatenbank LexisNexis. Wolters Kluwer ist der mit Abstand größte Anbieter von allerlei wirtschaftspraktischen Wissensquellen in Bereichen wie Recht oder Finanzwesen. McGraw Hill hat eben beschlossen, seinen großen Bildungsbereich an einen Investor weiterzugeben um sich nur noch auf Finanzwissen (über den Konzernkern, die Ratingagentur Standard & Poors) zu konzentrieren.
Auch etliche journalistische Medien haben, soweit sie in globalen Maßstäben zu agieren vermögen, entsprechende Wissensangebote im Angebot. Die Financial Times etwa, zugleich Halbeigentümerin des Economist, macht Ähnliches als Tochterunternehmen des weltweit führenden Bildungsverlags Pearson. Dem gegenüber hat eine nationale Wirtschaftszeitung, oder ein klassisches Zeitungsarchiv nur arg beschränkte Werte anzubieten. Die wichtigen Firmenkunden geben dann ihre Informationsbudgets lieber gleich bei den Weltmarktführern ab. Information und Wissen sind zu einer globalen Schlüsselindustrie gewachsen. Das bringt natürlich lokale Anbieter ins Schlingern.
Kurzum, es war keine Verschwörung von Gratiskultur und linkem Hedonismus, die dem Quali-Journalismus ein Bein stellte. Es waren vielmehr einerseits mehrere neue, junge, respektlose, wenn auch hoch ambitionierte wie auch hoch begabte Talente, die da auf die Tanzfläche stürmten, sich die Schöne aufs Knie hoben, und dann doch, schnöselig, nassforsch, ganz andere Wege einschlugen. Und andererseits gab es einen - klassisch kapitalistischen - Konzentrationsprozess, über den die Schlüsselressourcen nun eben nicht mehr von regionalen, mittelständigen Anbietern organisiert werden, sondern von global agierenden Konzernen, die aus ihren ursprünglichen Nischen ausgebrochen sind, weil sie verstanden, wie wertvoll ihr Angebot in einer globalen Welt geworden waren.
Das Trio des aktuellen Kahlschlags, also FR, FTD und Prinz, spiegelt das zugrundeliegende Muster eigentlich so perfekt, dass es als Exempel fast schon unglaubwürdig konstruiert wirkt:
Die einst weltanschaulich wie lokal verschworene Leserschaft der FR verlief sich wohl immer mehr tatsächlich zwischen Sub- und Substitutiv-Angeboten am Internet, und der lokale Anzeigenmarkt fand eine Vielfalt an neue Plattformen. en die FTD ansprechen wollte, der las dann doch eher die Financial Times fürs Globale, und das bewährte Handelsblatt für Deutschland - und investierte darüber hinaus erheblich Extrageld in jene Datendienste hinter den Zahlschranken, wie Genios (vom Handelsblatt) oder eben ThomsonReuters.
Wer aber sollte dann auch noch im Ernst für einen Prinzen Geld ablegen, wenn Cineplexx-Werbung und Partykalender als Beigabe von so vielen Seiten an Konsumenten mit so viel mehr Lokalflair heran geworfen werden.
Das sind alles Spielanlagen, die kaum zu gewinnen sind. Und mal ehrlich, wer unter solchen Vorgaben, plus Konzernerwartungsdruck obendrein antritt, kann obendrein fast nur noch Managementfehler anhäufen, um dann auch noch den Spott oder, noch schlimmer, moralinsaure Kommentierungen aller Umstehenden einzusammeln.
Ich habe keinen versöhnlichen Schlusssatz anzubieten. Zeitenwechsel wie auch Generationsablösen sind brutal. Deshalb ist es am besten, sie klar zu benennen.
Rüdiger Wischenbart
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