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Virtualienmarkt

Der Pinguin im Random House

Von Rüdiger Wischenbart
30.10.2012. Kampf mit den Elefanten: Mit dem Zusammenschluss von Random House und Penguin entsteht der größte Buchverlag der Welt. Allerdings ist der Umsatz von Amazon fünfzehnmal größer als der des neuen Konzerns. Dennoch ist der Schritt der beiden Verlage ein symbolischer Moment in der Geschichte des Buchs.
München? Hat da nicht Amazon sein Deutschland-Büro? Ach ja, und auch dieser große Verlag aus New York oder London, nicht wahr?

Deutschland wurde nicht nur unlängst von China als der Welt größter Buchmarkt überholt. In Frankreich wird mehr Literatur aus allen Sprachen der Welt übersetzt. Seit Montag dieser Woche wissen wir auch, dass beim künftig größten, wichtigsten Buchverlag der Welt München der Einfachheit halber ausgeklammert wurde, weil für die wichtigen Deals und Strategien aus der Perspektive der Verlagsmetropolen New York und London Deutschland zwar ein wichtiger Absatzmarkt ist, gewiss. Aber keine Drehscheibe für Entscheidungen.

Auch so lässt sich die neue Weltordnung greifbar machen, wie sie in der Ankündigung vom Zusammenschluss zweier der vier größten Publikumsverlage, Random House und Penguin, erstmals wirklich sichtbar geworden ist. Denn die strategische Fantasie, die den Deutschen Markus Dohle in New York (als Boss von Random House), und den Briten John Makinson in London (als Master Mind von Penguin und dessen Mutter Pearson) beflügelt haben, begreifen Bücher und Leser in einem tatsächlich globalen Maßstab. Sie orientierten sich an zwei Sprachen, Englisch und Spanisch, die große Regionen der Welt miteinander verbinden, und sie inspirieren sich an Märkten wie China, Indien oder Brasilien, wo neue, bildungs- wie unterhaltungshungrige Mittelklassen entstehen, in denen neue Abnehmer für Lesestoff aller Art im zwei oder gar dreistelligen Millionenbereich gezählt werden können.

Die Geschäftszahlen können dann zwar in London oder auch in Gütersloh, in Ostwestfalen Lippe, zusammenlaufen. Aber erst einmal werden die lokalen Ergebnisse von Verlagen wie Goldmann, C. Bertelsmann oder Luchterhand nach New York gemeldet. Bei der Zukunftsgestaltung in dem neuen Verlagsriesen "House of the Random Penguin" - wie der Guardian schnippisch, doch nicht ohne Bewunderung kalauerte - ist für die Manager aus München kein Platz am Tisch, an dem die großen Entscheidungen fallen, vorgesehen. Das machten die Konzernleitungen von Bertelsmann und Pearson in ihren Aussendungen vom Montag kurz und bündig klar.

Dabei ist der Aufbruch ebenso gut als Aufbäumen des Random Penguin gegen Goliaths von einer ganz anderen Statur und Gewichtsklasse zu lesen. Der künftige Megaverlag wird einen Jahresumsatz von rund 2,5 Milliarden Euro machen. Der Online Buchhändler - und mit Abstand wichtigste Vertriebspartner der Verlage - Amazon bringt es mit 37 Milliarden auf das 15-fache. Die Börsenbewertung von Amazon von etwa 90 Milliarden Euro liegt etwas höher als die geschätzten Umsätze aller Verlage weltweit addiert. Und selbstverständlich ist Amazon nicht bloß Buchvermarkter, sondern Warenhaus für alles, was sich online ordern lässt, von DVDs bis Socken oder Kühlschränke. Wichtiger für die Buchbranche ist indessen nicht einmal so sehr die schiere Größe, sondern dass die Handelsplattform zugleich auch alle anderen angestammten Rollen der Buchbranche allein übernehmen will, also als Verlag agiert, der Autoren direkt mit Lesern und Buchkäufern zueinander bringt, Leihbücherei, Vertrieb, Nischenanbieter und Antiquar in einem. Und dies alles gilt noch mehr beim nun gerade auch in Deutschland rasch expandierenden Zukunfts-Segment Ebook.

Allein, es geht bei der aktuellen Neuerfindung des Buchgeschäfts nicht nur um Amazon. Es geht um neue Maßstäbe.

Amazon bietet insgesamt über eine Million Buchtitel als Ebooks an, darunter mehr als 115.000 in deutscher Sprache. Google hat 5,5 Millionen Titel, mit insgesamt 10 Millionen Bänden eingescannt und bereitet sich vor,  diese demnächst auch kommerziell zu vertreiben. Nach einem sieben Jahre dauernden Rechtsstreit in den USA hat sich Google mit den klagenden großen Verlagsgruppen darüber außergerichtlich geeinigt. Wer mit seinen Titeln nicht mitmachen möchte, kann diese aus dem Programm herausnehmen ("opt out"). Aber warum sollte dies ein Verlag tun, statt sich an den Erlösen zu beteiligen! Angeboten wird diese digitale Bibliothek über Googles Play Store, der damit auf einen Schlag zum weltweit größten Buchbestellkatalog avanciert.

Unter den 5,5 Millionen Google Scans ist übrigens weniger als die Hälfte der Buchtitel in englischer Sprache. Mit gut einer halben Million Titeln, oder 9 Prozent, liegt Deutsch auf Platz zwei, vor Französisch, Spanisch und Chinesisch. Mehr arabische Titel (114.602) finden sich in digitaler Form derzeit wohl nirgendwo anders. Die Aufarbeitung dieser Bestände obliegt einer Stiftung mit dem klingenden Namen HathiTrust. "Hathi" bedeutet Elefant auf Urdu und Hindi, und spielt auf das sprichwörtlich lange Gedächtnis der klugen Tiere an. Dass es wenig ratsam ist, die geselligen Dickhäuter zu reizen, ist indessen jedem Kenner von Tierfabeln ebenso gut bekannt.

Auch ein dritter Meilenstein in der Auseinandersetzung um den kommerziellen Umgang mit Büchern und Lesern (genauer: Konsumenten) wurde unlängst zugunsten eines möglichst niederschwelligen Zugangs entschieden - in diesem Fall: eines Zugangs zu möglichst niedrigen Preisen für die Konsumenten: Nicht die Verlage dürfen in Hinkunft in den USA den Endverkaufspreis von Ebooks bestimmen, sondern die Händler, und da hat Amazon eine massive Vormachtstellung für seine Plattform aufgebaut, und erweitert diese Dominanz alle paar Monate um Angebote auf weiteren attraktiven Märkten weltweit, etwa in Indien, und nun auch in Japan. Amazon kann sich auch gut leisten, ein paar Quartale lang, wie eben jetzt erst, schrumpfende Gewinne zu bilanzieren, wenn dadurch in dieser kritischen Phase des Machtkampfs um die Buchverteilung im globalen Maßstab strategisch entscheidende Marktanteile errungen werden.

In diesem megalomanen All-In Poker sitzen die Verlage auf einem vergleichsweise kurzen wie auch brüchigen Ast. So betrachtet ist der Schritt von Random House und Penguin schlichte Vorwärtsverteidigung. Oder Dohle und Makinson spielen gar offensiv, im Vertrauen darauf, dass ihr gemeinsamer Riesenfundus an bewährten Inhalten tatsächlich ein Blatt ist welches, richtig ausgespielt, auch in Zukunft der übermächtigen Konkurrenz am Medientisch trotzen kann. Es geht in dieser neuesten Runde der aktuellen Buchrevolution schon recht kaltschnäuzig zur Sache.

Für Leser und Konsumenten verwandeln sich darüber Bücher jedenfalls von einer knappen Ressource - einem besonderem Kulturgut, aus Sammlerleidenschaft, mit Bürgerstolz, aber auch als Ziel gesellschaftlicher Obsorge in Gestalt von vermindertem Mehrwertsteuersatz und Preisbindung bis zu symbolisch überhöhten Auszeichnungen für Autoren inklusive Laudatio durch hohe Politiker - in ein Gebrauchsgut, das immer und überall, in Fülle, verfügbar ist. Zu bedenken, und zu gewährlisten ist da nun allein der gute, möglichst barrierefreie Zugang. Breitest möglicher "Access" ersetzt eine komplizierte, abgestufte Verteilung.

Der Schritt von Amazons einer Million Ebook Titel zu Googles 5 Millionen ist der Unterschied, ob vorwiegend populäre Neuerscheinungen und gängige Klassiker digital jederzeit und von überall aufgerufen und gekauft werden können, oder ob wir plötzlich Jorge Luis Borges' mythische Universalbibliothek insgesamt einfach in der Rocktasche bei uns haben.

Wo aber in dieser weiten Rocktasche ist dann der Platz für das Besondere? Gibt es da eine spezielle Falte für die Suhrkamp Kultur, oder die Literatur von Hanser?

Reichtum bei Büchern ist stets ein Synonym auch für Vielfalt, für das Nebeneinander von elitärer Auswahl und Massengeschmack, für Individualität und Profil. Wenig spricht dafür, dass dies nun verschwindet. Im Gegenteil, in den immer umfassenderen Katalogen und Angeboten rücken gerade die Nischenangebote ein gutes Stück weit in den Vordergrund. Mehr bedeutet gerade nicht notwendigerweise, oder ausschließlich "mehr vom Gleichen" - siehe etwa die Sprachenvielfalt in Googles Bibliothek.

Entscheidend für die Gestaltung der neuen Bücherordnung sind nicht allein die großen Zahlen. Viel bedeutender sind wohl die neuen Entscheidungsstrukturen, die Perspektiven und Gewichtungen. Im "House of the Random Penguin", und noch mehr in den neuen universalen Digitalbibliotheken gelten ganz andere Hausordnungen, die eben erst aufgesetzt werden. Das Bücherland, dessen Räume bislang kulturell weitgehend zwischen New York und allenfalls Sankt Petersburg angeordnet waren, erstreckt sich nun über fünf Kontinente. Das relativiert notgedrungen auch den Rang Münchens - definiert aber auch Herausforderungen "München" - oder andere Orte auf der Landkarte der Bücher - völlig neu zu erfinden. Das Gerangel um die Zukunft hat eben erst begonnen.

Rüdiger Wischenbart 
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