Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 09.02.2010, 16.23 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.

28.12.2004. Die New York Review of Books sieht frisches Blut in den Adern Kalter Krieger. Outlook India sucht das Glück. Die London Review of Books amüsiert sich nicht über Tom Wolfes Homomanie. Literaturen rät von Schiller eher ab. In der Gazeta Wyborcza verlangt Benjamin R. Barber eine demokratische Zähmung der Marktwirtschaft. Im New Yorker kritisiert Ian Buruma die Naivität der Niederländer. Der Nouvel Obs verlässt schreckensstarr den "Untergang".

The New York Review of Books (USA), 13.01.2005

Hellauf begeistert feiert Colm Toibin Alan Hollinghursts bereits mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichneten Roman "The Line of Beauty". Nur mit dem Plot - die Abenteuer eines Provinz-Snobs in London - hat er seine Schwierigkeiten, aber was macht das schon: "Satz für Satz ist der Roman mit so viel Bedacht, mit so viel süßer Sorge für Details, Nuancen, Rhythmus und der blanken Komödie der Dinge geschrieben, dass seine Anstrengung, dies alles in eine Geschichte zu verweben, ganz unwichtig wird."


Frisches Blut sieht Jonathan Raban durch die Adern der Kalten Krieger fließen, die sich jetzt mit Titeln wie "Der vierte Weltkrieg" zurück melden. Raban hat sich durch alle hindurch gearbeitet, von Richard Pipes bis zu Norman Podhoretz, und fürchtet jetzt, den luzidesten Text über den "Krieg gegen den Terror" in der Marine Corps Gazette gefunden zu haben. Darin heißt es: "Kriege der vierten Generation werden wahrscheinlich weiträumig verteilt und nicht erklärt sein; die Trennlinie zwischen Krieg und Frieden wird unscharf bis unkenntlich werden. Es wird keine definierbaren Fronten mehr geben. Der Unterschied zwischen Zivilisten und Militärs könnte verschwinden. Kampfhandlungen werden die Parteien gleichzeitig in ihrer gesamten Tiefe treffen, einschließlich ihrer Gesellschaft, und zwar auch als kulturelle, nicht nur als physische Entität."

Zu lesen ist auch ein Text von Sister Helen Prejean, in dem die Autorin von "Dead Man Walking" und "The Death of Innocents" die Gnadenpraxis von George W. Bush in seiner Zeit als Gouverneur von Texas einer strengen Prüfung unterzieht: "Klar ist, dass er als Gouverneur kein Erbarmen kannte."

Charles Rosen und Henri Zerner sind gar nicht zufrieden mit dem umgebauten Museum of Modern Art, das einige seiner wichtigsten Arbeiten nicht mehr zeigt: "Generell lässt sich sagen: die europäische Kunst nach Miro wurde geopfert für Künstler aus New York." Und Daniel Mendelsohn senkt den Daumen über Oliver Stones Schlachtenepos "Alexander".

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Outlook India (Indien), 03.01.2005

Bild zum ArtikelZum Jahreswechsel eine echte Schmökerausgabe mit zwei Schwerpunkten. Der eine ist besonders schön: das Glück. Wie zum Beispiel wird man glücklich? Jedenfalls nicht durch Geld allein, erklärt uns der Psychologe Edward Diener, laut Outlook die weltweit größte Autorität in der Erforschung des "individuellen Wohlbefindens". Doch ohne wird es ebenfalls schwierig. Vielleicht noch schwieriger zu beantworten: Was soll das überhaupt sein, das Glück? Der Schriftsteller Sasthi Brata hat sich in der amerikanischen Verfassung den berühmten Satz über den "pursuit of happiness" näher angeschaut und ihn gegen die Lebenspraxis der Gründungsväter gehalten, wobei er plötzlich seltsam hohl klang. Oder man stelle sich vor, Europas oberste Ratsherren in Brüssel würden sich an einer Definition des Glücks für alle Bürger versuchen. "Der bloße Surrealismus des Gedankens genügt, um Joseph Conrads Verzweiflungsschrei aus dem Herz der Finsternis heraufzubeschwören: 'The horror! The horror!'" Es bleibt dabei, meint Brata: "Glück ist der Puddding, den man nicht an die Wand nageln kann."


Der Psychoanalytiker Sudhir Kakar (Bücher) versucht es dennoch und zitiert sich von chinesischer Weisheit bis zu Freud durch die Weltgeschichte, um seine These zu belegen: Glück liegt irgendwo im Bermudadreieck von Liebe, Arbeit und Hoffnung. Anil Thakraney ist 2500 Kilometer durch Indien gereist, um es zu suchen, und hat viele Momentaufnahmen in Text und Tusche gezeichnet. Und Namrata Joshi hat es im Kino gefunden.

Oder muss man den Schmerz des vergangenen Glücks spüren, um es zu erfahren? Im schönsten Text der Ausgabe geht Sandipan Deb (mehr) all den unbestimmten Gefühlen nach, die manchmal von etwas Heiligem und Hohem flüstern und manchmal von der absoluten Bedeutungslosigkeit - je nachdem. Und schließlich: Indien? Glück? Zwei verschiedene Galaxien, meint der Dichter C. P. Surendran, der keine Gedichte mehr schreibt, seit er weiß, dass die Realität nicht Glück heißt, sondern Unglück.

Der zweite Schwerpunkt ist ein thematisch gut gemischter Jahresrückblick - hier geht es zum Inhalt.

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London Review of Books (Großbritannien), 06.01.2005

Bild zum Artikel Nach der Lektüre seines neuen Romans "I am Charlotte Simmons" diagnostiziert Theo Tait bei Tom Wolfe gleich dreierlei Leiden: Informationszwang (den Leser mit großen Theorien zu bombardieren), Wiederholungszwang (Wörter zwanghaft zu wiederholen, um ihnen Nachdruck zu verleihen) und Homomanie. Wohin Wolfe "auch schaut, sieht er den Kampf um männliche Vorherrschaft, sieht er Wettstreit, sieht er Männer, die wie Hirsche aneinanderstoßen." Jedoch, lenkt Tait ein, kann man Wolfe die überzeichnete Stereotypisierung seiner Charaktere nur teilweise zum Vorwurf machen. Denn "das ist es, was in Wolfes Romanen passiert: Menschen finden sich mit der Tatsache ab, dass sie typisch sind". Charlotte Simmons "fällt über die Fleischtöpfe der modernen Universität her und erkennt (wenn auch etwas ungern): Sie will auch… einen Star… ficken."


Weitere Artikel: Frank Kermode beurteilt Michael Radfords Inszenierung von Shakespeares "Kaufmann von Venedig" als zufriedenstellendes Mittelmaß, nimmt sie jedoch zum Anlass, um über Shakespeares ungewöhnliche Darstellung des Juden Shylock und über die seltsame Traurigkeit, die über dem ganzen Stück hängt, nachzudenken. Nach Lektüre des "Arctic Climate Impact Assessment" (hier als pdf-Datei erhältlich), das von 300 führenden Klimaforschern verfasst wurde, bekommt es Michael Byers mit der Angst zu tun, gerade weil er es für unwahrscheinlich hält, dass die Großen dieser Welt sich der Umweltfrage ernsthaft annehmen werden. Und schließlich sieht sich Peter Campbell beim Spaziergang durch die Ausstellung "Faces in the Crowd" veranlasst, jenen Porträtkünstlern zu danken, "die es nicht aufgegeben haben (und die es um nichts in der Welt aufgegeben hätten), uns zu erzählen, wer wir sind".

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Literaturen (Deutschland), 01.01.2005

Bild zum Artikel Brauchen wir Klassiker? Vielleicht nicht alle. Hanna Leitgeb beugt sich über Schillers viel zitierte Briefe "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" vor und liest dort: "Es gehört also zu den wichtigsten Aufgaben der Kultur, den Menschen auch schon in seinem bloß physischen Leben der Form zu unterwerfen, und ihn … ästhetisch zu machen, weil nur aus dem ästhetischen, nicht aber aus dem physischen Zustande der moralische sich entwickeln kann." Hier ergreift Leitgeb das blanke Grausen. Für sie ist das "ein durch und durch fundamentalistischer Gedanke, der die Definitionshoheit darüber beansprucht, was vernünftig ist - und ein unendliches Totalisierungspotenzial birgt, das sich politische wie religiöse Regime und Terroristen aller Couleurs zu Eigen machen können." Schillers Briefe auch heute noch als philosophisch-pädagogischen Leitfaden zu empfehlen sei Zeichen historischer Blindheit.


Weitere Artikel: Im Kriminal hat Franz Schuh reichlich Lob parat für Alice Blanchards "Sturmfieber". Julian Schütt berichtet aus Zürich, was die Eidgenossen unter Klassikerpflege verstehen, nämlich genau das zu pflegen, was sich für sie lohnt. In der Netzkarte erfreut sich Aram Lintzel am subversiven Potential des Bundesverbands Schleppen & Schleusen mit seiner Website www.schleuser.net, die sich die der hippen Sprache des Neoliberalismus bedient, um diesen zu untergraben. Und schließlich verrät uns Lars Gustafsson, was er liest, nämlich Descartes' "Meditationen". Dabei will Gustafsson der vermeintlich unbestechlichen Logik des Franzosen auf die Schliche gekommen sein.

Nur im Print: Kultur-Staatsministerin Christina Weiss, der Weimarer Goethe- und Schiller-Archivar Jochen Golz und der Germanist Norbert Miller streiten über den Gedenk-Rummel, der um die Klassiker veranstaltet wird. Moritz Baßler stellt drei Thesen zum Umgang mit kanonischen Meistern auf. Und Sigrid Löffler erklärt, warum der Klassiker Shakespeare nicht veraltet.

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Gazeta Wyborcza (Polen), 24.12.2004

Bild zum ArtikelDer amerikanische Politologe Benjamin R. Barber ("Coca-Cola und Heiliger Krieg") prophezeit in der Weihnachtsausgabe der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza, dass noch in diesem Jahrhundert eine Weltregierung entstehen wird, da selbst die größten Staaten nicht in der Lage seien, mit globalen Problemen fertig zu werden. Da sich nur der Kapitalismus und nicht die Demokratie globalisiert hat, so Barber, muss die Marktwirtschaft einer demokratischen "Zähmung" unterzogen werden. Denn: "Privatisierung reicht nicht aus, um Demokratie herzustellen. Der Bürger ist das Salz der Demokratie, nicht der Konsument. Wenn jemand glaubt, er sei ein guter Bürger, weil er ein guter Konsument ist, dann ist die Demokratie in Gefahr."


Wie viel vom Barbaren steckt im modernen Europäer, fragt sich im Interview der Mittelalterhistoriker und frühere Dissident Karol Modzelewski. Er unterstreicht die Tatsache, dass in diesem Jahr vor allem solche Staaten der EU beigetreten sind, die am stärksten mit dem barbarischen Erbe des Kontinents verbunden sind. Im Gegensatz zu den Mittelmeerländern, die in die post-römische Welt integriert waren, übernahmen die Slawen und Skandinavier anfänglich nur jene Institutionen und Traditionen, die ihnen von Nutzen waren. Paradoxerweise brachte ausgerechnet das Christentum den Barbaren, Individualismus und die Säkularisierung. "Die barbarischen Europäer hatten keine seperaten Begriffe für den säkularen, rechtlichen Schutz, und den sakralen. Dieser Unterschied kam erst mit dem Christentum, indem das Heilige vom Alltag abgehoben wurde, und die alltägliche Realität von sakralen Element befreit wurde. Auch die Abkehr vom allgegenwärtigen Kollektivismus der Barbaren hatte weit reichende zivilisatorische und kulturelle Folgen. Man kann sagen, dass die Christianisierung den Europäer als individuelles Subjekt der Geschichte erschaffen hat."

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The New Yorker (USA), 03.01.2005

Bild zum Artikel In einem sehr persönlichen "Brief aus Amsterdam" berichtet der britisch-niederländische Publizist Ian Buruma über die Folgen der Ermordung des Filmemachers Theo van Gogh für das soziale und politische Klima in den Niederlanden. Er schreibt: "Nach dem Zweiten Weltkrieg - und besonders seit den sechziger Jahren - rühmten sich die Niederländer, eine Insel der Toleranz geschaffen zu haben, wo jeder nach seiner Fasson leben konnte. Endlich befreit von religiösen Restriktionen und sozialem Anpassungsdruck, sonnten sich die Niederländer, besonders in Amsterdam, in der Erwartung, dass der Rest der Welt die Fundamente ihrer perfekten Demokratie nicht erschüttern könnte. Jetzt hat die stürmische Welt Holland doch erreicht und brach dabei in eine Idylle ein, welche die Bürger weniger begünstigter Nationen erstaunte. Es ist ein Jammer, dass dies geschehen ist, aber Naivität ist die falsche Einstellung, um eine der ältesten und liberalsten Demokratien gegen diejenigen zu verteidigen, die sie zerstören wollen."


Weiteres: Alix Spiegel porträtiert den Psychiatriereformer, Psychoanalytiker und Reich-Schüler Robert Spitzer. Und Elizabeth Kolbert untersucht die Faktenlage von Michael Crichtons neuestem, "ernst zu nehmenden" Thriller "State of Fear".

Anthony Lane sah im Kino "Andrew Lloyd Webber's The Phantom of the Opera" unter der Regie von Joel Schumacher und Michael Radfords Shakespeare-Verfilmung "The Merchant of Venice" mit Jeremy Irons, Joseph Fiennes und Al Pacino. Malcolm Galdwell stellt die Studie "Collapse: How Societies Choose to Fail or Succeed" (Viking) vor, in der untersucht wird, wie Gesellschaften sich selbst zerstören. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer Biografie über den englischen Porzellanhersteller Josiah Wedgewood.

Nur in der Printausgabe: ein Porträt von Tony Kushner und seinem politischen Theater, eine Reportage über den Preis, den man für Ferien im Paradies zahlen muss, die Erzählung "I am a Novelist" von Ryu Murakami und Lyrik von Carl Phillips und Lawrence Raab.

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Al Ahram Weekly (Ägypten), 23.12.2004

Bild zum ArtikelVor einhundert Jahren starb eine der bemerkenswertesten Figuren der neuzeitlichen ägyptischen Literatur und Politik: Mahmoud Sami El-Baroudi (1839-1904), der nicht nur als Pate der modernen ägyptischen Dichtkunst - die nach einer Periode der Dominanz des Türkischen an ihre arabischen Wurzeln anknüpfte - gilt, sondern auch eine zentrale Figur der nationalen Renaissance in den Jahrzehnten nach dem Tod von Mohamed Ali und bis zur britischen Besatzung 1882 war. Für Youssef Rakha ist das weder Widerspruch noch Zufall: Als Dichter wie als Staatsmann und Offizier war El-Baroudi Aktivist einer neuen nationalen Identität. "Beides macht Sinn: der Dichter als eloquenter Ritter in Rüstung und der Dichter als säkulärer Prophet." (Mehr über den Dichter hier, über den Politiker hier)


Weitere Artikel: Der arabisch-amerikanische Journalist Ramzy Baroud analysiert die kulturelle Identitätskrise der arabischen Jugend in Zeiten der Globalisierung, sucht aber die Schuld nicht allein bei äußeren Einflüssen, sondern innerhalb der arabischen Gesellschaften. Immanuel Wallerstein betrachtet das seit Nixons Regentschaft andauernde "eigenartige bilaterale Arrangement" von China und den USA - eine "semi- freundschaftliche" Beziehung zum Vorteil beider Seiten, die allerdings gegenwärtig aus ihrer prekären Balance zu fallen droht, weil die Mächte in entgegengesetzte geopolitische Richtungen ziehen. Und Samir Sobhi hat den international renommierten, aber zurückgezogen lebenden Schriftsteller Magueed Tobia besucht.

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Le Nouvel Observateur (Frankreich), 23.12.2004

Bild zum Artikel Auch in Frankreich läuft jetzt Oliver Hirschbiegels Film "Der Untergang" an. Der Nouvel Obs widmet dem Ereignis mehrere Artikel. In seiner Besprechung des Films stellt Claude Weill fest, die Vorwürfe gegen den Film - Hitler werde darin vermenschlicht und zum Opfer gemacht, seine Schuld und die seiner Anhänger relativiert - folgten "immer noch lebendigen antideutschen Vorurteilen". In Bezug auf den Film sei "diese Kritik jedoch völlig unbegründet". "Keinerlei Nachsicht auf Seiten der Autoren. Von dieser Reise ins Herz der hitler'schen Finsternis, aus diesem morbiden Verlies, diesen einhundertfünfundfünzig unendlichen Minuten, bis die Bestie tot ist, kehrt man schreckensstarr zurück. Das also war Hitler? ... Abgesehen von ein paar verrückten Neonazis kann man sich niemanden vorstellen, der sich auch nur ansatzweise in diesen Hitler einfühlen könnte."


Bruno Ganz darf noch einmal sein Rollenverständnis darlegen, Günter Grass erklären, warum er den Film für "tendenziös und unauthentisch" hält und der Historiker Ian Kershaw in einem Kurzinterview begründen, weshalb der Film zwar atmosphärisch stimmig sei, aber nicht im geringsten zu einem "besseren Verständnis Hitlers oder der Shoah" beitrage. Zu lesen ist weiter ein Hinweis auf die im März erscheinenden Erinnerungen von Bernd Freytag von Loringhoven, der als junger Wehrmachtsoffizier die letzte Woche im Hitlerbunker verbrachte ("Dans le bunker de Hitler", Perrin).

Im Debattenteil analysiert die amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Autorin Alison Lurie (mehr) in einem Essay den weltweiten Siegeszug von Elefantenkönig Babar.

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The New York Times (USA), 26.12.2004

Köstlich zu lesen ist Walter Kirns Lobpreisung der grandiosen Sammlung der "Complete Cartoons of the New Yorker". 2000 sind im Buch abgedruckt, der Rest findet sich auf den beiden beigelegten CDs (eine kleine Auswahl hier). Nach Ansicht der jüngeren Beispiele scheint es Kirn, dass das Genre seine Reifezeit erreicht hat. "Obwohl es dumm wäre anzunehmen, dass ... eine Renaissance und ein Wiederaufleben nicht immer noch möglich wären (Amerika wählt vielleicht auch mal wieder einen demokratischen Senat), beschleicht einen das Gefühl, dass die Cartoons den Job erledigt haben, den zu erfüllen sie einst angetreten sind: ihrem relativ gut betuchten Publikum jeglichen Rest an Puritanismus auszutreiben und ihn mit einer klugen Selbstwahrnehmung zu ersetzen, die sich plötzlich - schauen sie sich einfach mal um - nutzlos, einsam und lähmend anfühlt. Aber trotz allem amüsant."


Weitere Besprechungen: Der Kapitalismus ist genial, und das nicht nur an Weihnachten, lernt Richard B. Woodward aus der von Maud Lavin herausgegebenen Essaysammlung zum Thema Feiertagskommerzialisierung. Warum ist Deutschland nach der Landung der Alliierten nicht viel schneller zusammengebrochen, fragt sich Max Hastings in seiner "großartigen" Darstellung der letzten acht Kriegsmonate des Zweiten Weltkriegs in Europa, wie James Sheehan berichtet. Und Steven Merritt Miner empfiehlt Richard Overys "gründlichen und überzeugenden" Vergleich der Diktaturen von Hitler und Stalin. Nur eine Gegenüberstellung der unterschiedlichen internationalen Reputation vermisst Miner.

Auch dieses Jahr ist die letzte Ausgabe des New York Times Magazine wieder voll mit Nachrufen auf in diesem Jahr dahingeschiedene Persönlichkeiten. Zum Beispiel auf Koose Muniswamy Veerappan. Suketu Mehta porträtiert den Bandit aus dem indischen Dschungel, der als Robin Hood des Subkontinents galt und der Polizei zwanzig Jahre lang entkommen konnte. "Veerappans Schnurrbart, in Indien ein Zeichen der Männlichkeit, streute Angst in die Herzen der Haarlosen. Sein Bart bedeckte großzügig seinen Mund und seinen Kiefer; es sah so aus, als ob ein kleines pelziges Tier dort gestorben wäre."

Mit einem Artikel bedacht werden unter anderem die Kolumnistin Mary McGrory, die Fotografen Avedon, Cartier-Bresson und Newton, der Schauspieler Tony Randall und der Mann, der die Frauen "wirklich, wirklich liebte", Russ Meyer.

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Archiv: Magazinrundschau

Struktur ist Inhalt, Geometrie ist alles

09.02.2010. England, nicht Nigeria gehört auf eine Liste mit Terrorstaaten, ruft der nigerianische Nobelpreisträger für Literatur, Wole Soyinka, in The Daily Beast. In Prospect bittet Tim Berners-Lee: Spielt mit unseren Daten! In Rue 89 erklärt Beppe Grillo, warum er Sarkozy gefährlicher findet als Berlusconi. In Tygodnik Powszechny trauert Stefan Chwin um die polnischen Idealisten. In The Nation erklärt Lawrence Lessig blitzklar, warum Großspenden den Parlamentarismus zerstören. Polityka erzählt, an wen ein Pole sich wendet, wenn er nicht heiraten darf. In Salon spaziert Olga Tokarczuk mit einem Weichselzopf durch Amsterdam. Der Guardian denkt an armenische Frauen, die ihre nackten weichen Brüste an einem Stein reiben. Mehr lesen

Alle Guten sind lustig

02.02.2010. Alle Macht den Garagenfirmen! In Wired feiert Chris Anderson die nächste industrielle Revolution. Im Espresso erklärt Umberto Eco, warum einige Leute immer noch glauben, die Erde sei eine Scheibe. Der Boston Globe besingt sein Kamel - im Nabati-Stil. In El Pais Semanal beklagt der Soziologe Edgar Morin die Trägheit Europas. Outlook India fragt, warum die Aussies die Inder hassen. Odra und Tygodnik diskutieren immer noch den Wert der Freiheit für die Literatur. In open democracy klagt Salome Surabischwili über die welken Blüten der georgischen Rosenrevolution. In Prospect erklärt Martin Amis haargenau, was einen guten Autor ausmacht. Die NYT porträtiert einen waschechten Dschihadisten aus Alabama. Mehr lesen

In die Provinz!

26.01.2010. Das Magazin beschreibt in einer Reportage die zunehmenden Amokdrohungen von Schülern. Der Spectator warnt die Londoner City vor den mörderischen Dominas in der Schweiz. In Sinn und Form erinnert Marc Fumaroli an einen, dessen Name nicht genannt werden darf: Mario Praz. Im New Humanist erinnert sich Laurie Taylor an die heiligen Männer, die ihn als Kind missbrauchten. Der Guardian fragt, warum Piet Mondrian so viel bekannter ist als Theo von Doesburg. Und in der NYRB fragt Garri Kasparow die Schachprogrammierer: Warum seid ihr so uninspiriert? Mehr lesen

Das ist besser als Sex

19.01.2010. Open Democracy erzählt, warum ein Roman des weißrussischen Autors Victor Martinovich wieder aus den Buchhandlungen verschwand. Prospect fürchtet, ein Verbot von Islam4UK könnte die Demokratie in Großbritannien untergraben. Die Gazeta Wyborcza untersucht das Verhältnis von Polen und Juden. Le Monde diplomatique beobachtet die Zerstückelung Afrikas. Und Gerhard Richter beschert The Nation eine Überraschung. Mehr lesen

Archiv: Magazinrundschau

Eigelb auf der Krawatte

12.01.2010. Der Spectator sagt leise Servus zum Shabby Chic. In Le Monde lehnt Bernard-Henri Levy jede staatlich verordnete Debatte ab. Qantara ahnt, wer an der Misere in den arabischen Ländern schuld ist: der Vater. Im Espresso findet Umberto Eco heutige Tageszeitungen viel zu aufgebläht. The Nation will den Journalismus mit jährlich 30 Milliarden Dollar Subventionen retten. In Tygodnik Powszechny erklärt der Schriftsteller Wojciech Albinski, warum Polen exotisch ist. Der New Yorker entdeckt arabisches Leben in der Literatur. Mehr lesen

Ihr Gewicht war das ideale Gewicht

05.01.2010. In der New York Review of Books fragt Wyatt Mason die Pleiade, warum er nicht den ganzen - und eben auch den antisemitischen - Celine lesen darf. In Tygodnik Powszechny denkt der Soziologe Marek Kucia darüber nach, wie man Auschwitz als Erinnerungsort erhalten kann. In Slate stellt John Maxwell Hamilton die interessantesten Auslandskorrespondenten seit Benjamin Franklin vor. Im Express erinnert Philippe Gavi daran, dass der Prophet Mohammed kein verrückter Killer war. In NZZ Folio wundert sich eine Kalifornierin über die Reinkarnation eines Fabrikarbeiters. Die jüngere Autorengeneration mag nur noch Kuschelsex, klagt die New York Times und ruft nach Philip Roth. Mehr lesen

Verzweifeltes Verlangen nach Licht

29.12.2009. In der New York Review of Books schreibt Tony Judt über seine ALS-Erkrankung. Im Merkur beschreibt Wolfgang Ullrich einen neuen Künstlertypus: den Auftraggeber. Der Economist erzählt, wie Fans Harry Potter weiterschreiben. In Prospect erklärt Cristian Mungiu, warum man über den Kommunismus lachen muss. In Nepszabadsag denkt Peter Nadas über die Krise in Ungarn und ihr mögliches Ende nach. Im NouvelObs erklärt Francis Ford Coppola, warum DVDs kostenlos sein sollten. Eurozine führt ein in die Literatur Litauens. Mehr lesen

Ja, das ist ein Werk

22.12.2009. Wired erzählt, wie James Cameron den Lucas haut. Im Nouvel Obs fetzen sich Alain Finkielkraut und Alain Badiou über Immigration und nationale Identität. Tygodnik Powszechny stellt den Künstler Miroslaw Balka vor. Warum untergrabt ihr die Demokratie?, fragt Andras Bozoki seine Landsleute in Elet es Irodalom. Im The New Statesman erklärt Leo McKinstry, warum die Bombardierung von Coventry eine Inspiration für die britische Luftwaffe war. Die Künstlerin Marina Abramovic erklärt in ArtNews welche Folgen es hat, wenn man nie von Mutter geküsst wird. Mehr lesen

Nicht einmal primär sexuell

15.12.2009. Vanity Fair sucht den Superpartner. Elet es Irodalom liest neue Essays von Imre Kertesz. Outlook India beklagt die Korruption im Journalismus. Der New Yorker liest eine neue Koestler-Biografie. Die nächste Revolution bricht in Frankreich aus, glaubt Nepszabadsag. Der Spectator begegnet auf einer Kostümparty einer Vagina dentata. In The New Republic feiert Moshe Halberthal die sublime Bescheidenheit Amartya Sens. Mehr lesen

Multitasking gedeiht, so wie wir

08.12.2009. Im Wilson Quarterly liebt der Ökonom Tyler Cowen sein Multitasking. Prospect kennt die Monster der Linken. Der Boston Globe entdeckt mit James C. Scott das neue Shangri-La in den Bergen "Zomias". Die Weltwoche empört sich über die Kritik an der Minarett-Abstimmung. Im Nouvel Obs macht sich Pierre Nora Gedanken über den Bestseller. New Criterion weiß, warum die Preise für Pop-Art nicht sinken. NZZ-Folio untersucht Chicken Nuggets. Al Ahram fragt: Was will der politische Islam? Walrus bedauert das erste Opfer von C-58. In Resetdoc erklärt Joseph Massad, den arabischen Homosexuellen zu einer Erfindung des Westens. Mehr lesen

Dieser Mangel an Befremden

01.12.2009. In Eurozine plädiert der slowenische Dichter Ales Debeljak für die Vermischung der Kulturen. Umberto Eco sekundiert in Le Monde. The Nation porträtiert den salvadorianischen Autor Horacio Castellanos Moya, der wiederum in Babelia erklärt, warum es 200 Jahre nach der Unabhängigkeit einer Reihe von lateinamerikanischen Staaten nichts zu feiern gibt. Polityka legt die Polen auf die Couch. La vie des idees liest ein Buch über die Resistance und die Juden. Amerikaner lesen mehr als Europäer, kontert der Historiker Peter Baldwin im Merkur. Und in der The New York Review of Books macht Robert Darnton zwei kühne Vorschläge für ein neues Book Settlement. Mehr lesen

Seid psycho!

24.11.2009. Der New Yorker sucht den entscheidenden Unterschied zwischen männlich und weiblich. Elet es Irodalom kommentiert das Kertesz-Interview in der Welt. Prospect begutachtet die Entwicklung des schwedischen Krimis. Walrus lässt sich von dem Dirigenten Yannick Nezet-Seguin, warum Werktreue manchmal etwas Gewalt braucht. In Polityka bittet der Historiker Jerzy W. Borejsza, die Angepassten, Assimilierten und Kollaborateure nicht aus der Geschichte zu werfen. Im Guardian verteidigt Zadie Smith den Roman gegen den Essay. Mehr lesen

Mehrgängig essen

17.11.2009. In Open Democracy verzweifelt die Moskauer Lyrikerin Tatiana Shcherbina an der russischen Stalin-Obsession. Polityka freut sich über einen Film, in dem es endlich mal keine Schande ist, kein Held gewesen zu sein. Die London Review of Books liest mit Vergnügen Roland Barthes. Im Espresso schlägt Umberto Eco vor, künftig nur das nackte Kreuz in die Klassenzimmer zu hängen. In der New York Review of Books überlegt Timothy Garton Ash, was die Samtene Revolution von anderen Revolutionen unterschied. Magyar Narancs will einmal ganz offen über die Roma zu reden. Der New Yorker begleitet eine Michelin-Testerin ins Jean Georges. In Letras Libres erklärt der Schriftsteller Cesar Aira, warum er nichts von offizieller Leseförderung hält: sie verstößt gegen die Freiheit. Mit den USA als Land der Erfindungen geht es bergab, glaubt Newsweek. Mehr lesen

Homer der Huzulen

10.11.2009. In Open Democracy wünscht Neal Ascherson den Europäern etwas vom revolutionären Geist der Franzosen. Tygodnik dokumentiert, dass die polnische Dissidenten schon 1954 und auch noch in den Siebzigern auf die deutsche Wiedervereinigung hofften. In Newsweek findet Niall Ferguson 1989 welthistorisch nicht so bedeutend wie 1979. In Eurozine treibt Laszlo Borhi Österreichs Sozialdemokraten die Schamesröte ins Gesicht. Outlook India fährt nach Arunachal. Wired besucht den Henry Ford des Informationszeitalters. The New Republic pilgert zu den Bauten Peter Zumthors. Mehr lesen

Fürchtet den Wandel nicht. Umarmt ihn!

03.11.2009. Open Democracy erzählt von russischen Störsignalen, die iranische Spatzen vertreiben. Die London Review liest neue Bücher über Ehrenmorde. Walrus weint auf das gedruckte Buch. The Nation sucht nach Dusan Makavejev. Der Guardian deutet Michael Hanekes Oeuvre. Polityka erklärt den Polen, dass Ethik auch ohne Katholizismus und sogar ohne Gott zu haben ist. In Dawn verteidigt Arundhati Roy die maoistische Guerilla in Indien. In Frontline plaudert der maoistische Guerillero Koteswar Rao über den Nutzen von Hinrichtungen für eine Revolution. In Le Monde wundert sich Vaclav Havel immer noch über seine Kritiker. HVG erklärt, warum der Kapitalismus für die Ungarn eine kommunistische Angelegenheit ist. Mehr lesen

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