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Essay
Die Freiheit kann nicht staatlich verordnet werden
Von Ian Buruma
29.01.2007. Niemand verteidigt Ehrenmorde oder die Beschneidung von Mädchen. Straftaten sind Sache der Strafverfolgung. Viel verzwickter ist die Frage, wie man verhindert, dass gewalttätige Ideologien die durchschnittlichen Muslime anstecken. Eine Antwort auf Pascal Bruckner.
Ich kann nicht für Timothy Garton Ash antworten oder für "die Angelsachsen", ich werde daher nur für mich sprechen. Wenn Pascal Bruckner so freundlich war, für seinen Artikel mein Buch zu lesen, verstehe ich nicht, was ihn darauf schließen ließ, es sei eine Attacke auf Ayaan Hirsi Ali. Die letzten zwei Sätze von "Murder in Amsterdam" lauten: "Ayaan Hirsi Ali musste die Szene (die Niederlande) verlassen. Mein Land scheint kleiner zu sein ohne sie."
Ich bewundere Ayaan Hirsi Ali und bin mit fast allem einverstanden, wofür sie steht. Die liberale Demokratie muss gegen gewalttätigen Extremismus verteidigt werden, und Frauen sollten vor Missbrauch geschützt werden. Dafür gibt es keine religiöse Rechtfertigung. Meine Skepsis bezieht sich auf ihre Analyse der sozialen Probleme in den Europäischen Gesellschaften, die durch den Zuzug einer großen Zahl nicht westlicher Flüchtlinge und Immigranten verursacht wurden. Worin ich mich von Hirsi Ali unterscheide, ist vielleicht eine Sache der Emphase. Nachdem sie sich von einem strenggläubigen Islamismus zum Atheismus gewendet hat, scheint sie Religion, und vor allem den Islam, als Wurzel allen Übels anzusehen, ganz besonders was den Missbrauch von Frauen angeht. Kulturelle Traditionen, Stammessitten, historische Vorgeschichte, die alle sehr verschieden sind, selbst in der muslimischen Welt, werden zu einer monolithischen Bedrohung verflacht. Der Islam, der in Java praktiziert wird, ist nicht derselbe wie der in einem marokkanischen Dorf, im Sudan oder in Rotterdam. In ihrer Autobiografie beschreibt Hirsi Ali selbst die beachtlichen Unterschiede zwischen ihrem Geburtsland Somalia und Saudi Arabien.
In Europa kann selbst das Kopftuch nicht einfach als Symbol religiöser Bigotterie behandelt werden. Manche Frauen tragen es, um männliche Aggression abzuwehren, andere, weil ihre Eltern darauf bestehen, wieder andere tragen es aus eigener Entscheidung, als trotziges Zeichen ihrer Identität oder gar der Rebellion. Bruckner bewundert Rebellen. Sollten wir nur die Rebellen unterstützen, deren Ansichten und Praktiken wir mögen? Oder bedeutet in einer freien Gesellschaft zu leben nicht auch, dass Menschen frei sein sollten zu wählen, wie sie aussehen, sprechen, glauben - selbst wenn wir das nicht mögen - so lange sie keinen anderen dadurch verletzen? Ein freigeistiger Bürger toleriert andere Sitten nicht, weil er sie wundervoll findet, sondern weil er an die Freiheit glaubt.
Tolerant zu sein bedeutet nicht, keine Unterschiede zu machen. Ich würde nicht mal im Traum daran denken, im Namen der Toleranz gegenüber anderen Kulturen eine Diktatur zu verteidigen. Gewalt gegen Frauen, oder auch Männer, ist nicht tolerierbar und sollte vom Gesetz bestraft werden. Ich würde die Beschneidung von Kindern nicht verteidigen, ganz zu schweigen vom Verprügeln der Ehefrauen, egal, wie rational das begründet wird. Ehrenmorde sind Morde und müssen als solche behandelt werden. Aber das sind Fragen der Strafverfolgung. Viel verzwickter ist die Frage, wie man verhindert, dass gewalttätige Ideologien die durchschnittlichen Muslime anstecken und so die freien Gesellschaften bedrohen. Öffentliche Äußerungen wie die von Hirsi Ali, wonach der Islam generell rückständig und sein Prophet "pervers" sei, sind meiner Ansicht nach nicht hilfreich.
Sie hat natürlich jedes Recht, diese Dinge zu sagen, so wie Bruckner das Recht hat, Muslime als "Rohlinge" zu beschreiben. Ich bin nicht im geringsten "verlegen" angesichts ihrer Kritik des Islam, noch habe ich ihr je das Recht abgesprochen, sich "auf Voltaire zu berufen". Aber wenn eine islamische Reform das Ziel ist, sind solche Denunzierungen nicht das beste Mittel, sie zu erreichen - vor allem, wenn sie von einer bekennenden Atheistin kommen. Den Islam zu verurteilen, ohne seine vielen Variationen in Betracht zu ziehen, ist zu unüberlegt. Nicht jeder Muslim, nicht einmal jeder orthodoxe Muslim, ist ein Heiliger Krieger in spe. Die Dschihadisten zu isolieren und ihre gefährlichen Dogmen zu bekämpfen, ist zu wichtig, als dass man darauf mit kruden Polemiken reagieren sollte.
Bruckner, der ein bedeutender französischer Intellektueller ist, muss man dies nicht erklären. So wie ich nicht von ihm über die Risiken des kulturellen Relativismus belehrt werden muss. Aber er scheint weniger an einem scharfsinnigen Argument interessiert zu sein als an billigen rhetorischen Tricks. Dazu gehört der Strohmanntrick oder assoziative Schuldzuweisungen. Nehmen Sie das Beispiel von Ayaan Hirsi Ali, die mit Faschisten oder gar Nazis verglichen werde. Ich für meinen Teil habe sie nie beschuldigt, eins von beiden zu sein. Das von Bruckner zitierte Beispiel eines niederländischen Kritikers, der sie Nazi genannt hat, stammt aus meinem eigenen Buch. Tatsächlich hat der niederländische Autor, Geert Mak, den Ton ihres Films "Submission" mit Nazi-Propaganda verglichen, und ich habe ihn dafür kritisiert. Aber Bruckner benutzt dieses isolierte Beispiel, um zu suggerieren, dass ich und andere "Lehnstuhlphilosophen" die "Verteidiger der Freiheit" als Faschisten brandmarken und die Fanatiker als Opfer beschreiben.
Nebenbei, es ist eine interessante Erfahrung, von Bruckner Lehnstuhlphilosoph genannt zu werden. Und hier kann ich auch für Timothy Garton Ash sprechen; während er Jahre mit Dissidenten aus Mitteleuropa verbracht hat und ich mit chinesischen und südkoreanischen Rebellen, hat sich Bruckner soweit ich weiß kaum aus der Mitte von Paris wegbewegt. Aber das wie gesagt nur nebenbei.
In einem weiteren typischen Anfall von Übertreibung und assoziativer Anschuldigung erwähnt Bruckner die Eröffnung eines islamischen Krankenhauses in Rotterdam und für muslimische Frauen reservierte Strände in Italien. Ich verstehe nicht, warum das so viel schrecklicher sein soll als die Eröffnung koscherer Restaurants, katholischer Krankenhäuser oder für Nudisten reservierte Strände. Aber für Bruckner sind diese Zugeständnisse verwandt mit der Rassentrennung in den Südstaaten der USA oder sogar der Apartheid in Südafrika. Da ist es kein Wunder, dass ich - und andere - auch noch mit der Inquisition und mittelalterlichen Hexenjagd in Verbindung gebracht werde. Warum? Weil Timothy Garton Ash auf Ayaan Hirsi Alis unleugbare Schönheit und ihren Glamour hingewiesen hat. Vielleicht hätte er nicht darauf hinweisen sollen, aber muss man darum gleich mit der Inquisition kommen?
Die Frage ist, wie man mit dem radikalen Islam umgehen soll. Mit einem befremdlichen Taschenspielertrick unterstellt Bruckner Timothy Garton Ash und mir, dass wir uns in die US- und britische Politik "verliebt" haben, obwohl wir "diese Politik missbilligen". Ich verstehe nicht ganz, was er damit meint. Aber dann fährt er fort, Bush und Blair anzugreifen, weil sie "dem militärischen Kampf den Vorrang vor einem Kampf der Ideen" gegeben haben. Ich war in der Tat gegen diesen "Vorrang", vor allem im Fall des zweiten Irakkriegs, während Bruckner eifrig Petitionen unterschrieben hat, die diesen Krieg unterstützen. Er hat das Recht, seine Meinung zu ändern, aber es bleibt unklar, warum die Herren Blair und Bush sich der "Blauäugigkeit" schuldig gemacht haben, Bruckner hingegen nicht. Wie auch immer, jetzt glaubt er, unsere Regierungen sollten "den Kampf da austragen, wo es nötig gewesen wäre: auf dem Terrain des Dogmas, der Interpretation der Schriften und religiösen Texte".
Hier stolpern wir vielleicht wirklich über einen kulturellen Unterschied. In einem Anfall von gallischem Chauvinismus erklärt Bruckner die "Überlegenheit" des französischen Modells. Dieser nationale Stolz ist auf kuriose Art altmodisch, ja sogar erfrischend. Aber was findet Bruckner so überlegen? Laicite, vermute ich, und den Republikanismus. Ich bin sofort bereit einzugestehen, dass es viel Bewundernswertes an Frankreich und seinem "Modell" gibt. Bruckners Bemerkung, dass der Staat sich mit Dogmen befassen sollte oder mit der Interpretation Heiliger Schriften, mag mit der Geschichte des postrevolutionären Frankreich zu tun haben. In jedem Fall halte ich das für eine schlechte Idee. Es gibt viele Gründe, warum es für Muslime, oder jeden anderen, wünschenswert wäre, ihre religiösen Schriften frei zu interpretieren, und für uns alle, Dogmen in Frage zu stellen. Aber das ist sicher nicht Aufgabe des Staates, denn es würde den Weg für einen Autoritarismus bereiten.
Was sollen wir nach Bruckner überhaupt mit den Millionen muslimischen Gläubigen tun, die in Europa leben? Sollen wir ihnen sagen, wie ihre Heiligen Schriften zu interpretieren sind? Sollen wir sie zwingen, Ayaan Hirsi Alis Beispiel zu folgen und ihren Glauben aufzugeben? Vielleicht wäre es besser, wenn sie das täten, aus freien Stücken, aber vom Staat zu erwarten, er solle sie dazu bringen, passt nicht ganz zu Bruckners Selbstimage eines aufklärten Freiheitskämpfers.
Ein wiederkehrendes Motiv in Bruckners Polemiken ist der regelmäßige Gebrauch der Worte "Appeasement" und "Kollaborateur". Diese Worte werden selten unschuldig gebraucht. Dahinter steckt der Versuch, Menschen, die eine Übereinkunft mit der Mehrheit der Muslime suchen, mit Nazi-Kollaborateuren in Verbindung zu bringen. Wenn er nicht einfach bösartig ist, dann kann das nur bedeuten, dass Bruckner die Ausbreitung des Islamismus mit der Entstehung des Dritten Reiches vergleichbar findet. Wenn ja, steht er damit nicht allein. Obwohl ich die Gefahren des Islamismus sehe, halte ich das für zu alarmistisch.
Und hier kommen wir zum letzten Brucknernianischen Taschenspielertrick. Nach all seinem Ärger und Hochputschen, dass man den Muslimen keinen Zentimeter nachgeben soll, der Verteidigung Ayaan Hirsi Alis gegen "Feinde der Freiheit" - wie mich - zieht er plötzlich den Schluss, es gebe "nichts, was der übermächtigen Gefahr des Dritten Reiches ähnlich wäre" und das "selbst das Regime der Mullahs in Teheran ein Papiertiger" sei. Nein, wir sind es, die Lehnstuhlphilosophen sind die von Panik ergriffenen Alarmisten, die den Mut verloren haben, "Europa zu verteidigen". Also wo haben wir so etwas schon mal gehört? Die Notwendigkeit, Europa gegen fremde Bedrohungen zu verteidigen, die müden, selbstzweifelnden, knieweichen Intellektuellen... aber nein, jetzt begebe ich mich auf das Niveau von Pascal Bruckner, dem Rebellenkönig des linken Ufers.
*
(Aus dem Englischen von Anja Seeliger)
Ian Buruma wurde 1951 in Den Haag geboren. Er studierte chinesische Literatur und Geschichte an der Leyden Universität und über den japanischen Film an der Nihon Universität in Tokio. 1981 - 1983 Arbeit als Journalist, Übersetzer, Dokumentarfilmer und Schauspieler in Tokio. 1983 - 1986 Kulturredakteur bei der "Far Eastern Economic Review" in Hongkong. Heute ist er am amerikanischen Bard College Professor für Menschenrechte und Journalismus. Von Ian Buruma zuletzt erschienen sind die Bücher "Murder in Amsterdam", "Chinas Rebellen" und "Okzidentalismus" (zusammen mit Avishai Margalit).
Pascal Bruckner hat mit seiner Polemik gegen Ian Burumas Buch "Murder in Amsterdam" und einen Artikel Timothy Garton Ashs eine internationale Debatte ausgelöst. Alle Artikel zu dieser Debatte finden Sie auf Deutsch hier, auf Englisch hier.
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