Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 21.04 Uhr

Bücherschau der Woche

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Vorgeblättert

Arno Widmann: Sprenger, Teil 1

[ ERSTES KAPITEL ]

Den ersten - jetzt weit zurückliegenden - kritischen Punkt hatte Gerhard Sprenger erreicht, als er begann seinen Hodensack ständig zu spüren. Ihm war sein Gehänge, das von den Oberschenkeln immer energischer gegen die straff gespannte Hose gepreßt wurde, seit Jahren nur noch lästig.

Er konnte seinen Hodensack nur mühsam zwischen den Fleischbergen seiner Oberschenkel hindurchzwängen. Das hatte ihm lange Zeit auf der Toilette große Schwierigkeiten gemacht. Inzwischen hatte Sprenger gelernt: Er erledigte das Geschäft routiniert in zwei Etappen: Er stellte sich unmittelbar vor die Kloschüssel, ihr den Rücken zugewandt, ließ die Hosen bis in die Höhe der Knie hinabfallen, warf sein Gehänge, sich auf der Kloschüssel niederlassend, nach hinten und gab erst jetzt, nachdem er auf dem Thron Platz genommen hatte, seiner Hose freie Fahrt.

Seine Beschwernisse waren anderer Art geworden. Er mußte Treppen meiden. Sein Herz konnte jäh versagen. Spätestens nach zweihundert Metern Fußweg brauchte er eine Pause. Meist setzte er sich in ein Cafe, bestellte ein Stück Torte - Flockensahne oder Engadiner Nuß, manchmal auch beides -, trank dazu Mineralwasser - ohne Eis und Zitrone, aber kalt - und sah der Erweiterung seines Leibesumfangs aus der Bequemlichkeit eines Armstuhles gelassen entgegen. Nach einer halben Stunde war er in der Regel wieder zu Atem gekommen. Er stand auf und bummelte weiter. So vergingen seine Tage. Sprenger hatte niemals das Gefühl, nichts getan zu haben, denn schon die geringste Bewegung kostete ihn größte Anstrengung. Außerdem genoß er das Herumsitzen in den Cafes, den Kuchen, die freundlichen Begrüßungen und Verabschiedungen der Serviererinnen.

Von solchen Ausflügen abgesehen, die selten mehr als zweimal in der Woche stattfanden, verbrachte er sein Leben auf seinem Kanapee und verzweifelte: an seinem Fett, seiner Unproduktivität, der misere, wie er es vorzugsweise nannte. Dieser Ausdruck half ihm hinaus: Misere, das war fast schon die misere allemand, jedenfalls ein Allgemeines. Es hatte nichts mit eigenem Versagen zu tun.

Jetzt lag Sprenger noch im Bett. Heiter und voller Tatendrang. Der Tag hatte gut angefangen. Mit der Post war das Skript eines befreundeten Kollegen gekommen. Sprenger wurde um sein Urteil gebeten. Nichts hatte er lieber. Er lagerte in dem überheizten Zimmer auf seinem Bett wie ein Reptil in der Mittagssonne. Wie dieses ohne die geringste Regung außer der seiner großen Augen die Beute gierig verfolgt, so konzentriert überflog Sprenger das Manuskript nach sachlichen Fehlern, nach logischen Widersprüchen, nach sprachlichen Unbeholfenheiten, nach irgend etwas, das es ihm erlaubt hätte, sich dem Autor überlegen zu fühlen. Plötzlich schoß seine Zunge hervor, doch statt sich eine Fliege zu schnappen, strich sie nach einem kurzen Augenblick des Zögerns genüßlich über die Innenseite seiner Oberlippe. Sprenger stöhnte. Vor Lust, denn das Manuskript hatte ihm gefallen, aber auch, weil er daran dachte, wie schön es war, Philosophieprofessor zu sein. Er hatte nichts zu tun, als Vorträge zu halten und Gutachten abzugeben.

Sprenger hatte nie die Mischung aus Neid und Bewunderung vergessen, mit der sein Vater seiner Mutter und ihm, dem nicht einmal Zehnjährigen, erzählt hatte, daß die Stadt ein Gutachten angefordert hatte, bevor sie dem Plan seines Vaters ihr Placet und damit der Firma, deren Angestellter er war, den Auftrag für die Brücke über die Aare gegeben hatte. Die Stadt überwies dem Experten dafür fast zwölfmal das Monatsgehalt seines Vaters. Der Mann hatte nichts getan, so sein Vater, als seiner Sekretärin, nach flüchtigem Durchblättern der einleitenden Bemerkungen des umfangreichen Bauplanes, drei DIN-A4-Seiten zu diktieren - alles in allem vielleicht eine halbe Stunde Arbeit.

Schon als Junge hatte Sprenger dergleichen geliebt. Es widersprach eklatant dem Arbeitsethos, den Idealen von Fleiß und Leistung, wie sein Vater sie ihm einzuimpfen versucht hatte. Der Gedanke hatte ihn amüsiert, amüsierte ihn auch heute wieder, daß dieser schwäbische Musterpreuße ganz abgehangen hatte von einem akademischen Luftikus, der keinen Finger krumm gemacht, nirgends sich morgens pünktlich eingefunden hatte, und einen Bauplan, von dessen Durchführung seines Vaters Existenz abhing, nur einmal mit spitzen Fingern anfaßte und dann darüber entschied.

Kants "Kritik der Urteilskraft" war darum wohl nicht ganz zufällig das Thema des ersten Seminars, das Sprenger als junger Dozent in Heidelberg hielt. Er versuchte seinen Studenten klarzumachen, die dritte Kritik sei nicht einfach ein Lückenstopfer im System, sondern habe mit dem Göttlichen im Menschen zu tun. Damals hatte er nicht gewußt, warum ihn das Thema reizte. Heute betrachtete er sein Vorhaben als den Versuch, die Arbeitsmoral seines Vaters ausgerechnet mit Hilfe von dessen Hausheiligen zu untergraben. Das Seminar war ein Debakel gewesen. Die meisten Studenten hatten kein Interesse an Sprengers spekulativen Ausschweifungen - er sprang in einem Satz vom mittelalterlichen Gottesurteil zum decisionmaking in der Kubakrise -, sondern verlangten Information über Kants Ästhetik, zur Stellung der dritten gegenüber der ersten Kritik und ähnliche Beckmessereien. Sprenger galt als Spinner.

Als es diesen Morgen geklingelt hatte, war er wütend gewesen. Sprenger hatte mit einer Familienpackung Pistazieneis vor dem Fernseher gesessen und sich an den komplizierten Umwegen gefreut, die Katharine Hepburn und Cary Grant in die Ehe führen sollten. Wenn jetzt der Mann vom Gaswerk käme, um seinen Zähler zu konsultieren, und, wie es seine Gewohnheit war, ein kleines Schwätzchen zu halten, er würde ihn erschlagen.

Sprenger hatte oft solche Gewaltanwandlungen. Er liebte es, mit großen Worten, Kraftausdrücken und Beleidigungen um sich zu werfen. Er glaubte, das seiner Statur schuldig zu sein. Er wäre sich lächerlich vorgekommen aus einem Leib, der die Drei-Zentner-Marke schon lange hinter sich gelassen hatte, hinauszusäuseln. Eine imposante Erscheinung brachte bestimmte Verpflichtungen mit sich: In jahrelanger Arbeit hatte er sich zum Beispiel angewöhnt, seine Stimmlage zu senken. Er fand es widerlich, wenn aus einem Berg weißen, unbehaarten Fleisches ein zartes Stimmchen piepste. "Kastrat" pflegte er über solche Leute vorzugsweise Damen ins Ohr zu zischen.

Aber natürlich hätte er den Gasmann niemals angebrüllt. Schon auf dem Weg zur Tür hatte er seine Wut vergessen, und als der Postbote ihm ein Einschreiben überreichte, war er schon wieder so weit, ihn zu einer Tasse Kaffee einzuladen. Als er, da dieser das bedauernd ablehnte, wieder unter die Daunendecke kroch, stellte er den Fernseher leiser, um im Skript seines Kollegen zu blättern. "Peirce?s Triade: Ein Beitrag zur Zahlenmystik in den USA des neunzehnten Jahrhunderts."

Sprenger war begeistert von der Chuzpe, mit der sein Freund - so nannte er den Autor jetzt, da dessen Arbeit ihn faszinierte - die fixe Idee des Amerikaners, alles dreizuteilen, was ihm zwischen die Finger kam, aufs Korn nahm und den betrügerischen Angestellten des "United States Coast and Geodetic Survey", Charles Sanders Peirce, einen der founding fathers des modernen Pragmatismus, als eingefleischten pythagoreischen Zahlenmystiker. Peirce stand plötzlich nicht mehr am Anfang einer ruhmreichen Moderne, sondern verloren in einer langen Kette obskurer Philosophen, Sektengründer, Sozialapostel und anderer Sonderlinge, die an der amerikanischen Ostküste des neunzehnten Jahrhunderts mehr oder weniger erfolgreich auf Seelenfang aus waren.

Sprenger mußte die sechzig Seiten kopieren. Vor fünfzehn Jahren, als es noch nicht an jeder Ecke Fotokopierer gegeben hatte, hatte er ein Vorlesungsmanuskript mit in den Garten des Heidelberger Schlosses genommen, dort in der Abendsonne noch ein wenig daran gearbeitet und es, als Freunde ihn abholten, im Trubel des Aufbruchs liegengelassen. Als er eine halbe Stunde später zurück kam, war das einzige Exemplar seiner Vorlesung über "Die Atomistik und das Problem der Bewegung" spurlos verschwunden.

Sprenger hatte oft daran gedacht, eine Geschichte des "spurlosen Verschwindens" zu schreiben. Sein Verdacht ging dahin, daß diese Redensart trotz Poes "Verlegtem Brief" ein Produkt der Freitagabendkrimis war. Eine ganze Nation hatte sich so daran gewöhnt, daß alles Spuren hinterließ - neunzig Prozent der Krimis hätten sonst nach fünf Minuten aufhören müssen - und daß diese Spuren zur Wiederauffindung des Vermißten führten, daß von nun an nur als verschwunden galt, was "spurlos" verschwunden war. Diesem spurlosen Verschwinden hatte er das Tilgen der Antike gegenüberstellen wollen, also etwa die Ausmeißelung der Königskartusche der Hatschepsut oder das "solo aequare" Cäsars, deren Ziel ja gerade nicht das spurlose Verschwinden, sondern im Gegenteil die markante, augenfällige Tilgung war, die nichts mehr übrigließ, so daß jedermann wußte: Hier muß einmal etwas gewesen sein. Das Ganze, so hatte er es sich gedacht, sollte ausklingen in die von Virilio propagierte "Ästhetik des Verschwindens". Von der Realisierung dieses Planes hatte er Abstand genommen. Sein zunehmender Leibesumfang und eine "Ästhetik des Verschwindens": für jeden Rezensenten ein gefundenes Fressen.

Der "Bericht aus Bonn" langweilte ihn diesmal so sehr, daß er die Zeit fand, ein paar Zeilen an den Kollegen zu schreiben, und als um dreizehn Uhr die Tagesschau kam, hatte er auch schon den Umschlag mit der Aufschrift "Zurück an Absender" versehen. Noch während der Wetterkarte, die er sich prinzipiell nicht ansah, hatte er den Fernseher abgeschaltet, war in die Küche gegangen, hatte dort den Löffel, mit dem er das Pistazieneis gegessen hatte, in die Spüle gelegt und begonnen, sich anzuziehen.

Sprenger zog Sommer wie Winter dasselbe an. Es lohnte nicht, auf die wechselnden Launen der Natur zu achten, da sein Interesse sein mußte, möglichst wenig mit ihr in Berührung zu kommen. Von Mai bis August fürchtete er Sporen und Pollen, die wild wuchernde Sexualität der Pflanzenwelt. Von Oktober bis April drohten Erkältungen. Zum Genuß war nur der September freigegeben. Kein Wunder also, daß er Tag für Tag, nachdem er sein seidenes Nachthemd ausgezogen hatte, zunächst eine seiner buntkarierten amerikanischen Unterhosen aus dem "PX" anzog, dazu ein weißes T-Shirt, darüber Hemd, Rollkragenpulli, Weste und Jackett, während der Teil seines Körpers, der unter seinem Bauch lag - seinen Blicken entzogen im riesigen toten Winkel seines Horizontes -, nur mit Hose und Socken geschützt wurde. Er war der Auffassung, daß seine Bekleidung, so wichtig ihm der Schutz vor allem, was von außen kam, war, doch in erster Linie seine Umgebung vor der Monstrosität seines Anblicks schützen sollte. Über alles kam darum bei jedem Wetter ein weites, mehr als knielanges Lodencape aus einem angesehenen Münchner Geschäft, das schon in der dritten Generation expandierte, ohne den Ruch der Exklusivität verloren zu haben.

Nun kam die Treppe. Sprenger wohnte im vierten Stock eines häßlichen alten Mietshauses in Charlottenburg. Es gab keinen Fahrstuhl. Wieder dachte er, als er die Treppe hinunterzugehen begann, über die Mühen der Ebenen nach. Bei den Zeilen, da war sich Sprenger ganz sicher, hatte dieses Filou unter seiner exklusiven Proletariermütze zwar nicht an ihn, aber doch an Charles Laughton gedacht. Bis zum zweiten Stock ging Sprenger ohne Pause. Dort angekommen, stellte er sich in die Mitte des Treppenabsatzes, ganz frei, ohne sich auch nur mit einer Hand festzuhalten, und atmete. Nein: Er japste nach Luft, gierig, in kurzen Stößen, dann begann Sprenger tief durchzuatmen, und endlich schien er die Luft aus der Tiefe des Bauches zu holen. Er pumpte weiter, auch wenn es längst nicht mehr nötig war. Er genoß das Gefühl, im Treppenhaus zu stehen und spürbar zu wachsen. Es gab Tage, da pumpte er so lange, daß er die restlichen zwei Treppen wie im Fluge nahm. Wenn er dann unten aus dem Haus trat, erschraken die Passanten, wichen zur Seite, und in besonders glücklichen Fällen erreichte Sprenger, so beflügelt, den Bäcker einhundert Meter weiter.

Für solche Spitzenleistungen war er heute zu nervös. Schon beim Luftholen im zweiten Stock hatte er sich nicht Zeit gelassen, hatte es nicht genossen, sondern kaum wieder bei Atem, war er weitergegangen. Bald mußte er sich am Geländer festhalten, und bevor er die Haustür erreichte, hatte er gegen das schmerzhafte Stechen in den Seiten ankämpfen müssen.

So stand er unten, das Lodencape um sich geschlagen, und stützte sich mit beiden Händen auf den Geländerknauf. Die Tasche mit dem Manuskript war auf den Boden gefallen, und Sprenger blasebalgte. Er wußte genau, das Wichtigste war, daß er zu Atem kam. Jetzt tat er, was er schon im zweiten Stock hätte tun müssen: Er pumpte, bewußt, beharrlich, immer konzentrierter und endlich nur noch aus Freude darüber, wieviel Kubikmeter Sauerstoff er aus diesem dunklen, vermieften Hausflur in seine Lungen heben konnte. Jetzt mußte er aufhören; ihm begann zu schwindeln. Längst hatte er das Geländer losgelassen, stand frei, hatte die Schultern gehoben: ein riesiger lodengrüner Ochsenfrosch.

Teil 2

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