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Im Kino

Teuer gestaltetes Elend

Von Thomas Groh, Jochen Werner

14.08.2013. Noémie Lvovsky lernt in "Camille - Verliebt nochmal", dass die Zukunft auch im zweiten Anlauf nicht besser wird. Neil Blomkamp verlegt in "Elysium" Beverly Hills in den Himmel, während Matt Damon auf der Erde schuften muss.

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Camille ist 41 Jahre alt und Alkoholikerin, lebt getrennt von ihrem Ehemann, hat nur spärlichen Kontakt zu ihrer 25jährigen Tochter. Nach einer whiskeygeschwängerten Silvesterfeier im Kreis ihrer alten Schulfreundinnen wacht sie in ihrer eigenen Jugend wieder auf - irgendwann in den 1980er Jahren, als noch "Walking on Sunshine" aus den Boxen dröhnte, und "99 Luftballons" aus den Walkman-Kopfhörern, ohne dass das retronostalgisch wäre. Zunächst verwirrt ob der enigmatischen Zeitreise, beschließt sie bald, einige Weichen, die sie scheinbar schnurstracks in ihr zukünftiges, verpfuscht erscheinendes Leben führten, kurzerhand neu zu stellen.

Die Regisseurin und Schauspielerin Noémie Lvovsky erzählt eine Geschichte noch einmal neu, die zu den klassischen Grundkonstellationen des Kinos als Traumfabrik gehört. Mehr noch als der Zeitreisefilm ohnehin, der angesichts der Frage nach dem korrigierenden Eingreifen in die eigene Biografie (und/oder in die Biografien Anderer) bereits beeindruckende Schizophrenien hervorbrachte - man denke an Marty McFlys Beinahe-Affäre mit der eigenen zukünftigen Mutter in Robert Zemeckis' "Back to the Future" -, geht es um die Frage nach dem reflektierten Zugriff auf das eigene Leben. Und danach, ob er irgendetwas nützt, wenn das Gefühl übernimmt. Und schließlich danach, ob das überhaupt wünschenswert wäre.

Der zentrale Handlungsstrang von "Camille recouble", den der deutsche Verleih mit dem fürchterlichen Untertitel "Verliebt nochmal!" stigmatisiert hat, tritt in die Fußspuren von Francis Ford Coppolas "Peggy Sue Got Married", der vielleicht prominentesten Bearbeitung des Stoffes. Hier wie dort geht es darum, die Liebe zu einem Mann, die einen später einmal unglücklich machen wird, zuzulassen - oder eben nicht. Und hier wie dort scheitert die Protagonistin durch das Unbedingte, Brennende ihrer Gefühle an diesem vermeintlich umsichtigen Unterfangen.

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Die seltsame Zeitreise, die Camille - verkörpert von Regisseurin Lvovsky selbst, die keinen Gedanken an künstliche Verjüngung verschwendet hat, sondern nicht nur mit dem Bewusstsein, sondern auch dem (jedenfalls für uns sichtbaren) Körper der 41jährigen zurück in die Pubertät stürzt - durchlebt, ist ein Angriff der Zukunft auf die übrige Zeit, und ein Angriff, der scheitern muss. Alles, was zählt, ist der gelebte Augenblick und dessen Intensität, das Glück kann nur dann lichterloh brennen, wenn es das Unglück als Möglichkeit in sich trägt.

In die gleiche Kerbe schlägt das zweite zentrale Trauma ihrer Biografie, welches Camille auszumerzen versucht: einem plötzlichen Schlaganfall erlegen, verstarb ihre Mutter, ohne dass die erst 16-jährige Tochter ihr zuvor von ihrer Schwangerschaft erzählen konnte. Nachdem zunächst Camilles Versuche sämtlich fehlschlagen, ihre Mutter in Kenntnis ihres Todestages und ihrer Todesursache zu retten - der Tod lässt sich nicht im Vorhinein dingfest machen -, beschließt sie, ihr eigenes, traumatisch empfundenes Versäumnis nachzuholen und ihre zweite Chance zu nutzen, um das ein Vierteljahrhundert lang Unausgesprochene endlich zu verbalisieren. Mit ernüchternden und einigermaßen bitteren Folgen, führt doch das freudig vorgetragene Geständnis der Tochter nur zu einem Abschied in einer neuen, einer anderen Sprachlosigkeit - und in Distanz statt in Vertrautheit und Nähe.

Eigentlich löst sich keiner der Konflikte, mit denen sich Camille auseinandersetzt, in Wohlgefallen auf, und konsequenterweise ist das Ende, das Noémie Lvovsky ihrer Heldin (also: sich selbst) zugesteht, überhaupt kein Ende. Zwei Begegnungen gibt es noch, nachdem Camille zurück in der Zukunft, also: der Gegenwart, erwacht ist, eine mit der großen Liebe von einst, die ihr inzwischen das Herz brach. Und eine mit dem inzwischen greisen Physiklehrer, mit dem sie in ihrer Jugend 2.0 den Keim für eine Art unerfüllte Liebschaft legte. Eine eindeutige Perspektive, einen vorgezeichneten Weg oder gar ein Schicksal hat "Camille redouble" nicht zu bieten, wenn seine Heldin am abrupten Ende gen Horizont aus dem Film spaziert. Stattdessen bietet er ein Spektrum verschiedener Potenziale an und weiß genau: auf anderes kommt es nicht an, solange wir am Leben sind.

Jochen Werner

Camille recouble - Verliebt nochmal! - Frankreich 2012 - Regie: Noémie Lvovsky - Darsteller: Noémie Lvovsky, Samir Guesmi, Judith Chemla, Inida Hair, Julia Faure, Yolande Moreau, Michel Vuillermoz - Laufzeit: 115 Minuten.

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Die Bewerbung Richtung Hollywood, als die ich Neil Blomkamps Überraschungshit "District 9" vor knapp 4 Jahren an dieser Stelle deutete, ist offensichtlich angekommen: Mittlerweile dreht der südafrikanische Regisseur im Tentpole-Segment der aktuellen US-Filmproduktion und genießt einen zuvor kaum denkbaren Zugriff auf Stars wie Matt Damon und Jodie Foster, die er als Antipoden ins Bild setzt: Hienieden Damons eigens auf bullig getrimmter Streetfighter-Körper in der Rolle eines zur ewigen Subalternität verdammten Arbeiters im totalverslummten Los Angeles des 22. Jahrhunderts - sehr augenfällig droben, am Himmel, Jodie Foster als aasig-kultivierte Sicherheitschefin von Elysium, einer gated community, die sich vollends aus ihrer sozialen Eingebettetheit gelöst und über den Wolken eine Kolonie des Wohlstands mit gepflegten Gärten, erstklassiger medizinischer Betreuung und einem bestens geregelten Klima bezogen hat. Beverly Hills ist jetzt eine Raumstation, während die nach einer ökologischen Katastrophe kaum mehr bewohnbare Erde in Schmutz und Rohheit versinkt, von einer Armada - mit Verlaub - richtig geil animierter Cop-Robots und einer vollautomatisierten Verwaltung eher weniger rechtsstaatlich moderiert.

Was sich in "District 9" bereits zeigte, erweist sich hier neuerlich als gültig: Blomkamp ist ein Meister des dystopischen World Buildings - den Moloch eines flächendeckend pauperisierten urbanen Settings (kurios: auch in 140 Jahren bildet DubStep den Sound der Straße) setzt derzeit kein zweiter mit so einem Gespür für teuer gestaltetes Elend ins Bild. Viel erzählt sich in "Elysium" alleine schon durch den lebensweltlichen Kontrast einer faszinierend rohen, ihre Bewohner auf blanke Kreatürlichkeit zurückwerfenden Welt zur Apple-glatten Elysiumwelt, in der noch schlimmste Gebrechen durch Knopfdruck zu regeln sind. Aus diesem ganz buchstäblich in einen kosmonautischen Vektor übersetzten Wohlstandsgefälle erwächst die am Ende ganz allgemeine Konfliktlinie dieses Films: Flüchtlingsraumschiffe von der Erde versuchen verzweifelt ins Paradies zu gelangen und schließlich dreht sich alles um die Frage, wie Wohlstand gesellschaftlich zu organisieren, also zu verteilen ist: Krankenkasse statt Abfall für alle - Matt Damon, Hollywoods knuffigster Wohlfühl-Sozialist, dürfte bei der finalen Message wohl einiges mitgeredet haben.

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Matt Damons Körper
bildet die unmittelbare Verhandlungszone dieses Konflikts: Bei der Fabrikarbeit - er baut an den Cop-Robots mit, die ihn im Alltag gängeln - lebensgefährlich verstrahlt, bleiben ihm bei ständig tickender Uhr nur die - für ihn unzugänglichen - Heiltechniken auf Elysium. Zeit fürs Body-Upgrade: Schmierige Datendiebe - Subtextforscher rufen: Prism! - rüsten Damon mittels Exoskelett-Applikation auf hygienisch zweifelhafte Weise zum Cyborg und wandelnden USB-Stick auf, dem nach erfolgreichem Einsatz auf Leben und Tod ein Ticket ins himmlische Wohlstandsparadies winkt: Maschinenstütze für den Muskelkörper im Moment seines biologischen Siechgangs.

Doch ähnlich wie "District 9" ist auch "Elysium" lange Zeit zwar faszinierend anzusehen, um dann aber aus dem Ruder zu laufen. In die toll vermüllte Welt von "District 9" fuhr der Action-Beelzebub, in "Elysium" ist es der Virus der Story Gravity, unter dem der aktuelle Blockbuster zu leiden hat (erhellend dazu dieses Gespräch mit Damon Lindelof im New York Magazine): In "Elysium" kann man schon fast dabei zusehen, wie auf eine im Kern überschaubar gedachte Geschichte nach und nach immer noch mehr schweres Fleisch aufgetragen wird - bis am Ende einmal mehr die Welt zu retten gewesen ist, die in diesen Monaten wie nichts zweites im Ganzen unter Beschuss steht, und Exo-Skelett Matt Damon unter all der Last nurmehr der Zusammenbruch bleibt.

Das ist, einmal mehr, schade um Blomkamps Kernkompetenz. Was man sich nach einem Brummer wie "Elysium" dringend wünscht: Dass der Mann die Rolle des (ohnehin recht dürftigen) Politkommentators für einmal ablegt und einen - gerne ein, zwei Klassen tiefer angesiedelten - atmosphärisch dichten, dystopischen Film dreht, der sich ganz auf Textur und Grimmigkeit konzentriert.

Thomas Groh

Elysium - USA 2013 - Regie: Neill Blomkamp - Darsteller: Matt Damon, Jodie Foster, Sharlto Copley, Alice Braga, Diego Luna, Wagner Moura, William Fichtner - Laufzeit: 109 Minuten.

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Außerdem startet diese Woche Thomas Arslans Berliner-Schule-Western "Gold". Hier unsere Kritik zur Berlinale-Fassung, die für die Kinoauswertung allerdings nochmal umgeschnitten wurde.

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