Perlentaucher - Das Kulturmagazin

Anmelden | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 22.03.2010, 09.20 Uhr

Essay

Multikulturalismus ist nicht gleich Kulturrelativismus!

Von Jesco Delorme

08.03.2007. Multikulturalismus ist nicht gleich Kulturrelativismus. Er könnte auch ein liberaler Kulturalismus sein, wie ihn der kanadische Philosoph und Politologe Will Kymlicka propagiert. Dann wäre die Frage, auf welcher Basis Minderheiten Gruppenrechte einfordern können.

Um es nun in aller Deutlichkeit zu sagen: Alle bisherigen Teilnehmer an der Perlentaucher-Debatte bejahen explizit den Glauben an bestimmte universell gültige Werte; nicht einer vertritt eine kulturrelativistische Position! Es ist - gelinde gesagt - unbegründet, dies Ian Buruma, Timothy Garton Ash und Stuart Sim zu unterstellen. Weshalb, Herr Bruckner, Frau Kelek, Herr Cliteur, Herr Gustafsson und Frau Ackermann, tun Sie es dennoch?

Die Antwort fällt aus meiner Sicht eindeutig aus: Sie begehen den Fehler, anzunehmen, die Position des Multikulturalismus impliziere notwendig eine kulturrelativistische Haltung oder gehe in dieser auf!

Betrachten wir die Überlegungen eines der prominentesten Vertreter des Multikulturalismus - des Kanadiers Will Kymlicka. Er fasst unter diesem Begriff alle Ansätze, die behaupten, es gäbe bestimmte Ansprüche ethnisch-kultureller Gruppen, die im Einklang mit den liberalen Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit stehen und es rechtfertigen, Minderheiten gesonderte Rechte zu gewähren. Multikulturalismus steht somit - im Unterschied zum Kommunitarismus - nicht in Opposition zum Liberalismus; die liberale Ordnung ist vielmehr auch seine Ermöglichungsbedingung. Daher bezeichnet Kymlicka die von ihm vertretene Position als "liberalen Kulturalismus". Der Multikulturalist fordert bestimmte Gruppenrechte als Ergänzungen der liberalen Ordnung, die bislang einseitig geprägt ist vom Bild des weißen, heterosexuellen Mannes mittleren Alters und ohne Behinderungen. Diese beansprucht jedoch universelle Gültigkeit, nicht relative! Der Multikulturalist vertritt ein monistisches oder pluralistisches Weltbild, kein kulturrelativistisches!

Die eigentliche Frage lautet nun: "Anhand welcher Kriterien lassen sich Ansprüche, die den Liberalismus ergänzen, von jenen unterscheiden, die ihn unterminieren?" Frau Ackermann und Frau Kelek mögen recht haben oder auch nicht, wenn sie sich dagegen wenden, aus Rücksicht gegenüber religiösen Gefühlen Sparschweine aus Banken zu räumen, Strände für muslimische Frauen abzusperren, muslimische Krankenhäuser zu gründen oder das Tragen von Kopftüchern zu erlauben. Sie müssen uns jedoch ihre Kriterien und Gründe nennen! Was unterscheidet etwa ein Stück abgeschirmten Strand, an dem muslimische Frauen unbeobachtet von Männeraugen baden können, von der örtlichen Sauna, die ihnen an bestimmten Tagen ähnliches ermöglicht? Inwiefern geht von dem einem eine Gefahr für unsere politische Ordnung aus, vom anderen jedoch nicht?

Um diese Frage zu beantworten, sollten wir zunächst darin übereinkommen, welches die für das liberale Gesellschaftsmodell wesentlichen Werte sind. Erst dann können wir überprüfen, ob bestimmte individuelle oder auch kollektive Handlungen diese bedrohen. Skizzieren wir also die Physiognomie genuin liberalen Denkens.

Die idee maitresse des Liberalismus ist der ethische Individualismus: der einzelne Mensch genießt Vorrang vor dem Kollektiv - er ist autonom. Zur politischen Willensbildung dürfen nicht überindividuelle oder metaphysische Größen wie Gott, die Geschichte oder das Volk herangezogen werden. Einzig individuelle Präferenzen sind legitime Grundlage politischer Entscheidungen.

Staatlicher Gewalt begegnet der Liberalismus stets mit Skepsis. Die Bürde der Rechtfertigung liegt auf Seiten derer, welche die Freiheit des Einzelnen einschränken wollen. Um staatlicher Bevormundung vorzubeugen dürfen zudem die tatsächlichen Wünsche erwachsener Menschen nicht mit Verweis auf ihre Emanzipation oder ihre "eigenen Interessen" ignoriert werden.

Schließlich gebührt allen Individuen ein Gleichmaß an Achtung und Rücksicht. Dies bedeutet übrigens keineswegs, blind gegenüber Unterschieden zu sein oder Gleichmacherei zu betreiben, Herr Sim! Bereits Aristoteles forderte, Gleichheit als proportionale Gleichheit zu verstehen. Personen im strikten Sinne gleich zu behandeln ist nur dann gerechtfertigt, wenn sie tatsächlich gleich sind. Unterscheiden sie sich hingegen in normativ relevanten Hinsichten, so ist es gerechtfertigt, ja mitunter geboten, sie proportional zu diesen Unterschieden ungleich zu behandeln.

Dem liberalen Staat kommt die vornehme Aufgabe zu, den Menschen bei der Verfolgung seines individuellen Lebensentwurfes vor Eingriffen Anderer zu schützen, sofern dieser Entwurf jedem Mitmenschen die gleiche Freiheit zuspricht. Ihm kommt jedoch nicht das Recht zu, festzulegen, wie dieser Lebensentwurf im Einzelnen aussehen soll.

Ich erkenne nun beim besten Willen nicht, inwiefern ein Badestrand für muslimische Frauen und auch die anderen oben genannten Beispiele den hier skizzierten Geist des Liberalismus notwendig in Zweifel ziehen sollen. Für den Badestrand gilt dasselbe wie für die Damensauna: es sollte frau freistehen, diesen oder jene zu besuchen. Erst wenn dies nicht ihrer freien Entscheidung obliegt, wird unsere politische Ordnung in Frage gestellt. Daraus folgt dann jedoch nicht, der Strand oder die Sauna müssten geschlossen werden. Dies wäre eine ungerechtfertigte Beschneidung der Freiheit eben jener, die sich freiwillig zu einem Besuch entschließen. Vielmehr muss derjenige, der auf die Betroffene Zwang ausübt, durch den Staat daran gehindert bzw. bestraft werden.

Bruckner, Kelek und die anderen Kritiker Burumas sind sich offensichtlich nicht darüber im Klaren, wie anspruchsvoll ihr eigenes politisches Denken ist. Wie sonst ist es zu erklären, dass sie sich einreihen in die Phalanx jener, die das Tragen eines (muslimischen) Kopftuches verdammen?

Das von ihnen implizierte Argument ist hinlänglich bekannt: Das Kopftuch sei Ausdruck des fundamentalistischen Islam - oder in der verschärften Fassung, nämlich jener der bayerischen CSU und ihres verlängerten Arms, dem Bayerischen Verfassungsgericht: es könne als Ausdruck einer fundamentalistischen Haltung verstanden werden. Als solcher stelle das Kopftuch unter anderem die Emanzipation der Frau in Frage und leiste dem Patriarchat Vorschub.

Liberale müssen sich über dieses Argument wundern bzw. sich über die bayerische Version empören. Der Liberalismus kennt keine Kollektivschuld oder Sippenhaft. Schuld ist immer individuell gefasst und muss anhand des individuellen Verhaltens zweifelsfrei nachgewiesen werden. Dabei reicht die bloße Möglichkeit einer bestimmten Interpretation nicht aus - hier ist ein Nachweis der Faktizität erforderlich! Was immer "der Islam" (gleiches gilt übrigens für "die Mehrheit" oder "die abendländische Kultur") nach Meinung von Frau Kelek für Ansichten vertreten mag - keiner Muslima, der nicht zweifelsfrei Proselytenmacherei nachgewiesen wird, darf verwehrt werden, ein Kopftuch umzubinden, wenn sie sich freiwillig dazu entschließt. Bedeutet Emanzipation nicht eben dies: eigene Entscheidungen treffen zu dürfen?

Pascal Bruckner preist die französische Praxis der Laizität. Doch auch sie erweist sich bei genauer Betrachtung als eklatant illiberal: Atheisten und Agnostiker ignorieren die Frage nach dem Sinn des menschlichen Lebens weitgehend. Gläubige begegnen ihr durch religiöse Überzeugungen, die ihnen mitunter das Tragen bestimmter Kleidungsstücke vorschreiben. Zwei Reaktionen auf ein und dasselbe Phänomen. Beiden ist die gleiche Achtung entgegen zu bringen. Eine liberale Gesellschaft zwingt niemanden, bestimmte religiöse Praktiken auszuführen. Ebenso wenig darf sie es dem Menschen verwehren, wenn er sich dazu freiwillig entschließt!

Seine Gegner scheinen das Kopftuch als Prüfstein der liberalen Gesinnung ihrer Trägerinnen zu betrachten. Dem möchte ich entgegenhalten: Es ist vielmehr der Prüfstein unserer eigenen liberalen Überzeugungen. Diese verraten wir, wenn wir es verbieten!

Zurück zum Kulturrelativismus. Er schreckt uns zu recht - es droht ein "Anything goes!". Denn selbst wenn der Anspruch auf muslimische Badestrände meiner Ansicht gerechtfertigt ist, gilt dies sicher nicht für Forderungen wie jene, ethnisch-religiösen Gruppen ein Recht auf Familiengerichtsbarkeit einzuräumen - die auch in Deutschland zu so genannten "Ehrenmorden" geführt hat.

Anhand welcher Kritierien können wir legitime Ansprüche von Minderheiten identifizieren? Kymlicka nennt zwei: Sie müssen die Freiheit der Individuen - insbesondere die Assoziationsfreiheit - innerhalb der Gruppe wahren und der Gleichheit zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen dienen.

Lassen sie uns also den Multikulturalismus ernst nehmen und ausloten, wie viel Differenz der Lebensentwürfe unsere liberale Gesellschaftsordnung tatsächlich erlaubt. Wollen wir Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund in unsere Gesellschaft integrieren, stehen wir sodann vor einer dreifachen Herausforderung: Politisch ist ihnen die Moral des Liberalismus nahe zu bringen. Moralisch sind wir gefordert, uns dabei selbst an seine Grundsätze zu halten. Philosophisch stehen wir schließlich vor der Aufgabe, für seine Vorzüglichkeit gute Gründe zu liefern.

----------------------------------------------------------------------------

Jesco Delorme hat in Göttingen, Berkeley und Berlin Politikwissenschaft und Philosophie studiert und bereitet gerade eine Promotion über das Verhältnis von Liberalismus und Pluralismus vor.

Pascal Bruckner hat mit seiner Polemik gegen Ian Burumas Buch "Murder in Amsterdam" und einen Artikel Timothy Garton Ashs eine internationale Debatte ausgelöst. Alle Artikel zu dieser Debatte finden Sie auf Deutsch hier, auf Englisch hier.

Archiv: Essay

Neid und Gier in Darmstadt

11.03.2010. Seit 2004 veranstaltet der Pfarrer der Stadtkirche Darmstadt einen Predigtzyklus zu den zehn Geboten. Er lädt zu diesen Predigten prominente Autoren ein. Götz Aly deutet das Neunte Gebot am Beispiel der Judenverfolgung in Darmstadt: Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Mehr lesen

Und was ist mit Oak Island?

08.03.2010. Judith Schalanskys schöner "Atlas der abgelegenen Inseln" erzeugt eine Mischung aus Fernweh und Grauen. Dabei fehlen noch ein paar einsame Flecken auf der Weltkarte.
Mehr lesen

Die Globalisierung des Mahdi

26.02.2010. Mahmud Ahmadinedschad und Hugo Chavez werden zu Protagonisten eines "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" und ernten dafür die dumme Duldung aller Freiheitsfeinde im Westen. Ein Vorabdruck. Mehr lesen

Wo sind die deutschen Meinungsführer?

06.02.2010. Von Vaclav Havel bis zum amerikanischen PEN: Viele unterstützen die Nominierung Liu Xiaobos für den Friedensnobelpreis. In Deutschland aber bisher nur Herta Müller. Und sonst regt sich kaum ein Hauch.
Mehr lesen

Zementierung der Misere

06.01.2010. Die Journalistengewerkschaften haben sich überraschend  mit Zeitungsverlegern auf eine "Vergütungsregel" für freie Journalisten geeinigt. Lassen sich djv und Ver.di die Absicherung kümmerlicher Honorare mit ihrer Zustimmung zu den Forderungen der Verleger nach Leistungsschutzrechten abkaufen? Mehr lesen

Einmischung in innere Angelegenheiten

22.12.2009. Aktualisierung vom 25. Dezember, 8 Uhr: Liu Xiaobo ist zu elf Jahren Gefängnis verurteilt worden. // Auch wenn die deutschen Feuilletons es kaum zur Kenntnis nehmen: Dem bekanntesten chinesischen Dissidenten, Liu Xiaobo, drohen 15 Jahre Haft. Aktualisierung vom 23. Dezember. Das Urteil fällt am Freitag. Stainless Steel Mouse solidarisiert sich. Mehr lesen

Überirdisches Licht

10.12.2009. "Die rumänische Revolution ist das wichtigste historische Ereignis meines Lebens." Mircea Cartarescu über seine Romantrilogie "Orbitor", das absurde Leben im Kommunismus und das Fortwirken der Securitate. Ein Cargo-Interview. Mehr lesen

Kreative Dissidenz

10.12.2009. Die liberale Idee gilt den Deutschen als kalt und kalkulatorisch. Ein Irrtum: individuelle Freiheit kann sich nur entfalten, wenn sie ihre irrationale Seite einbegreift. Und nur ihr Widerstand gegen die Trägheit der Masse führt aus der Krise Mehr lesen

Aus Hass auf gemeinsame Feinde

25.11.2009. Ist sich die westliche Linke eigentlich ihrer Mitverantwortung am klerikalfaschistischen Regime im Iran bewusst? Mehr lesen

Bis zum bitteren Ende durchklagen

23.11.2009. Das Google Book Settlement schließt deutsche Werke nun aus. Aber Unterzeichner des Heidelberger Appells sind immer noch nicht zufrieden und plädieren jetzt für eine Klage gegen Bibliotheken, die mit Google kooperieren. Eine Erwiderung auf Burkhard Hess. Mehr lesen

Verteidigung der Gier

12.11.2009. Die Finanzkrise lässt moralische Instanzen wie Hans Küng gern nach Mäßigung rufen. Aber eine Gesellschaft, die auf Luxus verzichtet, wird nichts als Not produzieren Mehr lesen

Für die gleiche Augenhöhe

02.11.2009. Aktualisiert: Jetzt mit Link zur Rede von Precht. Richard David Precht befürchtet eine Fragmentierung der Öffentlichkeit durch das Internet - und fällt mit seiner Kritik am Internet sogar hinter Jürgen Habermas zurück. Allzu simpel ist sein Begriff von Öffentlichkeit. Eine Replik Mehr lesen

Die Freiheit, die ich meine

22.10.2009. Haneke ist für mich ein Geist, der stets verneint. Seine Filme sind Exerzitien, die die Freiheit leugnen. Eine sehr grundsätzliche Erwiderung auf Wolfram Schüttes Kritik an meiner Haneke-Kritik.  Mehr lesen

Eine deutsche Psychose?

21.10.2009. Ich kenne - außer manchen Ausfällen gegen die Straubs - keinen Autor, der von deutschen Filmkritikern mit mehr Hass und Hohn kontinuierlich verfolgt wurde als Michael Haneke. Eine Replik auf Ekkehard Knörer Mehr lesen

Die doppelte Zukunft des Buchs

16.10.2009. Die Folgen der Digitalisierung haben Film und Musik schon vor Jahren zu spüren bekommen. Jetzt - mit Kindle und iPhone - trifft es mit Wucht auch die Bücher. Was wird sich dadurch verändern? 13 Thesen zur Zukunft des Buchs. Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Essay