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Essay

Schlagt nicht die Postmodernen

Von Stuart Sim

21.02.2007. Das eigentliche Problem heißt Dogmatismus. In seinem Kern hinterfragt der Relativismus die Vorstellung von einer absoluten Wahrheit - eben dessen, worauf sich alle zum Fundamentalismus Neigenden berufen. Schlimmer noch, Fundamentalisten weigern sich sogar anzuerkennen, dass andere Standpunkte überhaupt Gültigkeit besitzen können. Mit ihnen kann man nicht reden - weder über Multikulturalismus, noch sonst etwas.

Der Multikulturalismus hat seine Nachteile und Widersprüche, aber solange verordnete kulturelle Gleichmacherei die Alternative ist, verdient er noch immer, verteidigt zu werden. Auf die Auslegung kommt es an. Zur Zeit wird er immer stärker als Argument für kulturellen Separatismus ins Feld geführt, wo er doch für friedliche Koexistenz und Austausch und Weitergabe geistiger Güter zu gegenseitigem Nutzen stehen sollte. Ließe sich dies vielleicht besser mit den Begriff Polykulturalismus beschreiben? Vor allem aber wüsste ich nicht, wie solch ein System in einer nicht-säkularen Umgebung fruchten könnte. Persönlich würde ich das Religiöse als Antriebskraft im Umgang der Menschen am liebsten langsam verschwinden sehen, aber das ist eine Utopie, ich weiß. Was uns nicht davon abhalten soll, danach zu streben, eines der Kernziele der Aufklärung zu erreichen: die Entfernung der Kirchen aus der Sphäre des Politischen. Wenn die Religionen in die Politik eingreifen, entwickeln sie einen deprimierenden Hang zur Theokratie. Und damit meine ich nicht nur den Islam: Christliche Fundamentalisten in den USA und jüdische Fundamentalisten in Israel werden von denselben Idealen angetrieben, auch wenn sie zur Zeit weniger erfolgreich in der Verwirklichung ihrer Wünsche sind als ihre islamischen Kontrahenten.

Ich spreche mich dafür aus, den Begriff des Skeptizismus in die Debatte über den Multikulturalismus einzuführen und möchte außerdem den Ruf des postmodernen Denkens verteidigen, das in meinen Augen durch Paul Cliteur ungerechte Behandlung erfahren hat. Brächte man den Multikulturalismus dazu, den Skeptizismus an Bord zu nehmen und anzuerkennen, dass alle Religionen und Glaubenssysteme aus ihrer Geschichte über ein skeptizistisches Element verfügen, dass sich gegen ihren eigenen Hang zum Dogmatismus aktivieren lässt, dann könnte er noch immer einen Beitrag an der Erzählung einer "neuen europäischen Geschichte" leisten. Weder der Islam, noch die Aufklärung, der Multikulturalismus, die Postmoderne oder der Relativismus sind hier das Problem: Es ist der Dogmatismus, und solange man ihn nicht angeht, behandeln wir nichts als Symptome.

Wie Ian Buruma fühle ich mich von Cliteur falsch verstanden, und ich stimme Burumas Klage zu, dass es im Verlauf dieser Debatte zu zahlreichen Verdrehungen gekommen ist, von Meinungen und Ideen gleichermaßen. Ein paar dieser Verdrehungen würde ich hier gerne entzwirbeln, in der Hoffnung, die Debatte damit voranzubringen. Polemik ist eine Sache, aber die Verzerrung von Gegenstandpunkten ist wieder eine ganz andere. Wir sollten noch einmal die Kernbegriffe betrachten, die wir alle verwenden.

Cliteur zaust mich dafür, dass ich mich in meinem Buch "Fundamentalist World: The New Dark Age of Dogma" als "postmoderner Nihilist" entlarve, was ich recht seltsam finde, weise ich doch ausführlich darauf hin, dass mein Ziel darin besteht, den besten Seiten der Aufklärung die besten der Postmoderne aufzupfropfen - "Aufklärung Plus", wie ich das nenne -, um so dem Dogmatismus entgegenzutreten. In einem darauf folgenden Buch, "Empires of Belief: Why We Need More Scepticism and Doubt in the Twenty-First Century", habe ich das Thema vertieft und werde auf dessen Argumentation unten zurückkommen. Ich stimme Buruma auch darin zu, dass "die Zurückweisung aller Dogmatismen eine der größten Leistungen der Aufklärung" sei, und Pascal Bruckner in seiner Beobachtung, die Aufklärung habe "sich als fähig erwiesen, auch ihre Irrtümer zu überdenken". Die Moderne mag sich mancher Sünde schuldig gemacht haben, die man ihr vorhalten kann, aber man sollte Moderne und Aufklärung - obwohl sie über eine Schnittmenge verfügen - nicht in einen Topf werfen. Wie ich durch meine Ablehnung des Dogmatismus zum Nihilisten werde, kann ich wirklich nicht verstehen.

Was Cliteurs Aufsatz am fragwürdigsten macht, ist, dass der Autor fortwährend Ideen in einen Topf wirft, um die Ansichten seiner Gegenspieler abzutun. Er scheint Skeptizismus und Relativismus für ein und dasselbe zu halten und setzt Relativismus mit Nihilismus gleich. Das ist eine Travestie dessen, was Skeptizismus und Relativismus tatsächlich umfassen. Der Skeptizismus kann in der westlichen Philosophie auf eine lange und ehrwürdige Geschichte zurückblicken (und taucht, wie ich in "Empires of Belief" anmerke, auch in der nicht-westlichen philosophischen Tradition auf, zum Beispiel im Islam). Seine Rolle als interne Kritik an den wilderen Spekulationen der Disziplin sollte man hochhalten, anstatt sich über sie lustig zu machen. Der Dogmatismus war schon immer der schärfste Gegner des Skeptizismus, der von uns verlangt, all jene Prämissen neu zu hinterfragen, von behauptet wird, sie seien über allen Zweifel erhaben: die Existenz Gottes; die Behauptung, unser Gott sei der einzig wahre und die Bibel - oder meinetwegen jede andere heilige Schrift - sei eine wörtliche Wiedergabe von Gottes Willen; die Behauptung, die freie Marktwirtschaft sei die einzig annehmbare volkswirtschaftliche Struktur etc..

Von den Gläubigen wird all das zum religiösen Dogma erhoben, und ihre jeweilige Weigerung, Gegenstandpunkte zuzulassen ist die Ursache zahlloser soziopolitischer Probleme unserer Zeit. Der Skeptizismus lehrt, dass wir uns mit Urteilen zurückhalten sollen, wo uns die Beweise für ihre Richtigkeit fehlen: Darin mag ich nichts falsches sehen, das kommt mir wie eine ganz und gar gesunde Einstellung vor. Blinder Glaube ist unter uns weit verbreitet und macht nichts als Ärger. Es wird doch wohl ein lohnendes Projekt sein, diese Tendenz einer genauen Prüfung zu unterziehen?

Auch ist es nicht nihilistisch, einzuräumen, dass verschiedene Interpretationen der Welt gültig sein können. Noch einmal, es ist der Dogmatismus, dem damit entgegengetreten werden soll. In seinem Kern hinterfragt der Relativismus die Vorstellung von einer absoluten Wahrheit - eben dessen, worauf sich alle zum Fundamentalismus Neigenden berufen (wobei sie natürlich die jeweils eigene Wahrheit meinen). Schlimmer noch, Fundamentalisten weigern sich sogar anzuerkennen, dass andere Standpunkte überhaupt Gültigkeit besitzen können. Mit ihnen kann man nicht reden - weder über Multikulturalismus, noch sonst etwas.

Was die Postmoderne angeht, kann ich ihre Auslegung durch Cliteur einfach nicht anerkennen. Die Postmoderne fordert Autoritäten in all ihren Erscheinungsformen heraus und hinterfragt die Prämissen unserer Wertordnung. Es handelt sich dabei um eine taktische Übung, die uns dazu führen soll, die Ideale zu überdenken, die der Moderne zugrunde liegen und von denen viele mit der Zeit einen oft widrigen Einfluss auf unsere Welt entfaltet haben. Aber damit agiert die Postmoderne für mein Dafürhalten ganz im Geiste der Aufklärung: Sie weigert sich, etwas anzuerkennen, nur weil es vom ganzen Gewicht der Tradition beglaubigt wird. Und wenn Cliteur meint, die Postmodernen enthielten sich politischer Kritik, weigert er sich, das Werk Jean-Francois Lyotards zur Kenntnis zu nehmen, vor allem dessen leidenschaftliche Faschismuskritik in "Heidegger und 'die Juden'". Die längste Zeit seiner philosophischen Laufbahn über hat Lyotard nach Wegen gesucht, politisch aktiv zu werden, in einem linken Sinne, ohne den unhinterfragten Prämissen anheimzufallen, mit denen Ideologien zur Selbstrechtfertigung arbeiten.

Auch Cliteurs Behauptung, für mich sei "jede Idee, die nicht vollkommen relativistisch ist, fundamentalistisch", kann ich nicht gelten lassen. Erstens weiß ich nicht, was "vollkommen relativistisch" bedeuten soll; zweitens verpflichte ich mich in "Fundamentalist World" ausdrücklich dem, was man, das gebe ich zu, "universelle Werte" nennen könnte: "der Chancengleichheit, dem Ende kultureller Unterdrückung und der Tyrannei der Tradition (religiös oder sonst wie inspiriert) und der Ausrottung aller Diskriminierung auf der Grundlage von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, sozialer Stellung oder sexueller Präferenz." Das klingt in meinen Ohren kaum nach Nihilismus, und ich gehe diese Verpflichtung gerade deshalb ein, weil die verschiedenen Fundamentalismen, die ich behandle, die Gültigkeit dieser Werte ablehnen. Wenn die Ablehnung von Diskriminierung einen universellen Wert darstellt, mache ich ihn mir nur zu gern zu eigen.

In "Empires of Belief" argumentiere ich, dass wir Skepsis und Zweifel als Methode stärken müssen, der Ausbreitung von Dogmatismus und blindem Glauben entgegenzutreten. Fast immer gibt es mehr Gründe, an den eigenen Überzeugungen zu zweifeln, als sie für unangreifbar zu halten. Die Unterdrückung abweichender Meinungen liegt in der Natur aller Weltreiche des Glaubens und ist heute ein viel zu übliches Vorkommnis. Wenn Multikulturalismus irgendetwas bedeuten soll, dann muss er in jedem Glaubenssystem abweichende Meinungen erlauben, ja, fordern. Der Islam wird nicht verschwinden, aber die Nicht-Gläubigen sollten ihr Möglichstes tun, im Islam zu Diskussionen anzuregen und Informationen über die Traditionen des Widerspruchs, ja, des expliziten Skeptizismus im Gedankengebäude des Islam so weit wie möglich zu verbreiten. Der Islam wird sich von innen her wandeln müssen, aber das bedeutet nicht, dass man ihn nicht gleichzeitig leidenschaftlich durch Gedanken von Außen in Frage stellen sollte. Bruckners Plädoyer, wir sollten die oppositionellen Stimmen innerhalb des Islam nach Kräften unterstützen- Künstler zum Beispiel, die bewiesen haben, dass ihr Einfluss auf das Gewissen der Öffentlichkeit groß ist -, kann ich mich nur anschließen.

Und so ist es nicht die Postmoderne, die wir bei der Arbeit an einer ""neuen europäischen Geschichte" fürchten müssen, sondern der Dogmatismus. Timothy Garton Ash sagt: "Lieber Pascal als Pascal Bruckner"; aber ich würde es ganz anders formulieren: Lieber mehr Skepsis und Zweifel als Glaube.

Aus dem Englischen von Robin Detje

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Stuart Sim ist Professor für Kritische Theorie an der University of Sunderland. Letzte Veröffentlichung: "Empires of Belief: Why We Need More Scepticism and Doubt in the Twenty-First Century" (Edinburgh University Press, 2006)

Pascal Bruckner hat mit seiner Polemik gegen Ian Burumas Buch "Murder in Amsterdam" und einen Artikel Timothy Garton Ashs eine internationale Debatte ausgelöst. Alle Artikel zu dieser Debatte finden Sie auf Deutsch hier, auf Englisch hier.

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