Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Virtualienmarkt
Literarischer Hegemon
Von Rüdiger Wischenbart
15.03.2006. Als der französische Medienriese Hachette vor kurzem die Buchsparte von Time Warner übernommen hat, sind patriotische Abwehrreflexe in den USA ausgeblieben. Weil Europa ohnehin schon den globalen Buchmarkt dominiert.
Europa ist die Weltmacht in Sachen Buch! So hätte die Schlagzeile unlängst lauten können - die zum Glück nirgendwo erschienen ist -, als die nächste Übernahme eines US amerikanischen Großverlags durch einen europäischen - diesmal sogar einen französischen - Verlags- und Waffenkonzern angekündigt worden ist.
Doch während die drohende Übernahme von sechs großen amerikanischen Häfen durch "Dubai Ports World" in Washington als eine feindliche Übernahme amerikanischer Schlüsselinteressen wahrgenommen wurde und letztlich sogar gegen das grüne Licht aus dem Weißen Haus am breiten politischen Widerstand gescheitert ist, krähte kein patriotischer Hahn, als der französische Medien- und Waffenkonzern Lagardere / Hachette die schon länger zum Verkauf angebotene Buchsparte von Time Warner übernahm.
Immerhin 537,5 Millionen Dollar legt Lagardere nun auf den Tisch, und die International Herald Tribune notierte, dass hier ausnahmsweise eine Feder mehr wog als eine Langstreckenrakete - zugegeben eine anschauliche, wenngleich auch überzogene Metapher für den Strategiewechsel des am europäischen Rüstungskonsortium EADS maßgeblich beteiligten Konzerns Lagardere, der aller militärischen Konjunkturen zum Trotz zunehmend sein Medienstandbein ausbaut und dabei ausgerechnet aufs althergebrachte Buch setzt.
Seit 1998 der deutsche Bertelsmann Konzern durch die Übernahme von Random House zum größten amerikanischen Publikumsverlag gewachsen ist, hat Europa mächtig zugelangt in der Welthauptstadt des Buches, in New York. Die nahezu zeitgleiche Einkaufstour des biederen Hauses Holtzbrinck aus Stuttgart hatte damals noch Reporter von Vanity Fair zu einer ausholenden Analyse der familiengeschichtlichen Verwicklungen deutscher Verlage im Dritten Reich provoziert. Später gab es dann gerade noch in der New York Times ein ätzendes, wenngleich folgenloses Porträt des Random House Statthalters Peter Olson - der vom Times Square aus auch die deutschen Buchverlage von Bertelsmann regiert, darunter Goldmann, DVA, Heyne oder Luchterhand. Seit Bernhard Schlinks USA-Bestseller "Der Vorleser" aber sind "books from Germany" wieder gute Bücher und gelten neuerdings, mit Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt", sogar als frei von allem sauertöpfischen Schwermut der 'Krauts?.
Solch eine Karriere Europas als globaler Buchmacht schafft ein seltsames Bild, umso mehr als die überwiegende Mehrzahl der internationalen Bestseller mehr denn je von US amerikanischen Autoren dominiert wird und der amerikanische Markt wie eh und je zu erst einmal auf sich selbst fokussiert ist - so sehr, dass die Einladung der deutschen Kanzlerin Merkel an Präsident Bush für einen Auftritt der USA als Gastland zur Frankfurter Buchmesse selbst den amerikanischen Fachmedien nur ein paar skeptische Zeilen wert war.
Dennoch, gerade auch wichtige Literaturverlage in den USA schicken ihre Bilanzen an Headquarters in Europa - Random House nach Gütersloh, Farrar Strauss & Giroux oder St. Martin?s Press nach Stuttgart, Penguin nach London, ganz zu schweigen von den Bereichen Fachbuch und Wissenschaft. Springer ging unlängst von Bertelsmann an eine gemischte britisch-internationale Investorengruppe. Reed Elsevier - mit Gewinnen von gut 33 Prozent, die eine Menge kontroverser Debatten in Wissenschaftszirkeln entfachten - ist ein holländisch-britisch-amerikanisches Konsortium. Mit VNU und Wolters Kluwer sind zwei weitere europäische Konzerne weltweit führend im Geschäft. Schulbücher von England über Südafrika, Indien, Australien bis Russland und Zentraleuropa sind eng verwoben mit Pearson Education, deren Leiterin der Rechte- und Lizenzabteilung eine Doyenne der Branche ist, deren Rat auch die Europäische Kommission gerne nachfragt. Pearson Education und Penguin sind gemeinsam etwa so groß wie Random House plus die Buchclubs von Bertelsmann.
Kurzum, es ist hier von tatsächlichen Schwergewichten die Rede. Das Buch ist eine zunehmend europäische Sache. Die besondere Pikanterie dabei ist: Die Klage über die Bedrohung des Buches ist ebenso eine europäische Domäne.
Maßgebliche Repräsentanten der europäischen Buchkultur - vom Präsidenten der französische Nationalbibliothek über verschiedenste Verbände bis zu einflussreichen Politikern - reiben sich seit gut einem Jahr an der Suchmaschine Google und dessen Buch-Projekten mit dem Vorwurf, hier würde ein amerikanischer - und zudem branchenfremder - Informationskonzern die Vielfalt in den Wissensgesellschaften monopolisieren.
So hat sich der internationale Buchmarkt zwischen dies- und jenseits des Atlantiks auf eine eigenartige Art und Weise ausgemendelt. Das 'Buch? mit dem großen kulturellen 'B? schipperte, nach langem Hin und Her, zurück nach Europa, wohin es offenbar als eine in seiner kulturellen Vielfalt ein wenig schwierige Materie besser passt.
Das kleine 'b? jedoch, die 'bestseller?, als Verwertungskern für eine dramatisch wachsende Vielfalt an Verwertungsmöglichkeiten für 'intellectual property rights? - vom Buch zum Seller zum Film zum Game - ist ein genuines Treibmittel im multimedialen Power-Viereck zwischen New York (Verlage), Los Angeles (Film), Seattle (Amazon) und Mountain View (Google).
Das vergleichsweise geringe Interesse an der Übernahme von Warner Books durch Hachette ist natürlich bedauerlich, wenngleich ironisch nachvollziehbar. Wer interessiert sich schon im vergleichsweise weltlichen Europa für Bücher wie "101 Things You Should Do Before Going to Heaven?.
Wenn in diesen Tagen in Leipzig in zahlreichen Gesprächsrunden zur europäischen Literatur (und wohl auch in europäischen Lobbyisten-Gremien zu Google Book Search, dessen europäischem Gegenstück Quareo (mehr) und dem deutschen Pendant Büchersuche Online) die Debattenbeiträge und die Interessensbekundungen hoch gehen, dann wäre, neben den Punkten, die ohnehin auf der Tagesordnung stehen, auch dies eine zentrale Frage: Was tun jene europäischen Konzerne, die das "Buch" weltweit zu einem großen Teil kontrollieren, für das innovative und vielfältige Gespräch rund um die Kultur und das Buch? Anders formuliert: Was tun die europäischen Buchkonzerne für das europäische Buch?
Archiv: Virtualienmarkt
Auf den Kopf gestellter Zauberlehrling
17.04.2012. Wie konnte es geschehen, dass eine so abstrakte wie randständige Materie wie das Urheberrecht solch massive politische Wirkung entfaltet, mit Hebeln, die von den Rändern bis ins ideologische Zentrum der Gesellschaft einhaken? Ein Plädoyer für pragmatische Lösungen Mehr lesen
Das Ökosystem Buch und Lesen
13.03.2012. Urheberrecht, Ebooks, Konzentration und Identitätskrisen: Ein Rundgang durch eine verwirrte Branche vor der Buchmesse in Leipzig. Mehr lesen
Der Abschied vom Universum Buch
30.01.2012. Jürgen Neffe will einen anti-globalen Schutzwall um einen Markt ziehen, der sich bereits in völliger Auflösung befindet. Das wird nicht funktionieren. Trotzdem braucht der Wandel gute Rahmenbedingungen. Mehr lesen
Wenn Bischöfe einen Konzern abstoßen
25.11.2011. Wer Weltbild kauft, erwirbt 18 Prozent Umsatzanteil im zweitgrößten Buchmarkt der Welt - und angesichts der chaotischen Vorgaben seitens der Eigentümer mit guten Chancen auf einen attraktiven Preis. Mehr lesen
Neue kulturelle Aufklärung
24.05.2011. Allen Vorurteilen zum Trotz: Die gute heimische Dichtung wird nicht von geistlosen Beststellern aus dem Ausland bedroht. Eine Analyse der literarischen Übersetzungen zeigt vielmehr: Europas junge Autoren und die urbanen Lesermilieus befördern einen regen kulturellen Austausch und lösen die Literatur aus ihrer nationalen Verankerung. Mehr lesen
Wer ist hier extremes Geflügel?
08.04.2011. Der arabische Booker-Preis für Raja Alem wäre mehr als schnöselige Meldungen mit dummen Überschriften wert.
Mehr lesen
Warnung vor dem Chaos
29.03.2011. Das Scheitern des Google Books Settlement hat zu Unrecht Begeisterung ausgelöst: Schließlich waren Verlage und Autoren an der Formulierung beteiligt - auch Holtzbrinck. Richter Danny Chin ruft nach dem Gesetzgeber. Der muss auch in Europa aktiv werden. Mehr lesen
Print minus 20 Prozent
09.02.2011. Zwischen den USA und Europa tut sich ein großer Graben auf: der eBook-Graben. Während in Amerika schon in drei Jahren mit digitalen Bücher ebenso hohe Umsätze erwartet werden wie mit gedruckten, versucht Kontinentaleuropa den digitalen Wandel durch hohe und festgefügte Preisdämme aufzuhalten.
Mehr lesen
Kleine Verschiebung, große Dynamik
20.12.2010. Wer eBooks kaufen will, auf den wartet das Chaos - und nicht nur in preislicher Hinsicht. Wer eBooks verkaufen will, hat es aber ebenfalls nicht leicht. Rundgang über einen schwer durchschaubaren Markt. Mehr lesen
Ebooks unterm Weihnachtsbaum
09.12.2010. Der Markt für digitale Bücher ist immer noch chaotisch. Und er kompliziert sich, weil zwischen Buchhandel, Antiquariaten und Bibliotheken kaum mehr zu unterscheiden ist. Der Google Bookstore bietet drei Millionen Titel! Mehr lesen
Die stärksten Triebkräfte bei Büchern
16.03.2010. Vor der Leizpziger Buchmesse: Ein Blick auf europäische Bestsellerlisten zeigt, dass keineswegs nur die angloamerikanischen Dampfmaschinen ziehen. Übersetzt wird trotzdem zu wenig, und es fehlen Übermittlungskanäle. Mehr lesen
Achtzig Prozent Gut: Moses, der iPad und ich.
09.02.2010. Plötzlich ist die universale digitale Weltbühne nur noch von diversen Kaisern mit ihren Allmachtsansprüchen besetzt, und Steve Jobs führt die Truppen der Gegenreformation. Für alle anderen bleibt nur noch Platz in den Ritzen. Mehr lesen
Der Staat, das Internet und Europa
16.12.2009. Wenn es um die Kultur im Internet geht, dann soll es meist der Staat als Großer Regulator richten. Genauer gesagt der Nationalstaat. Vor allem Europa scheint sich von den einstigen universalistischen Vorstellungen des WorldWideWebs zu verabschieden. Mehr lesen
Angst ist eine schlechte Lehrerin
14.10.2009. Wir haben eine hoch politisierte Debatte um digitale Buchformate und ihre mögliche illegale Nutzung. Aber wir haben keine Ahnung, welche Titel wann, wie und warum kopiert werden. Wir brauchen die Zahlen. Und deswegen brauchen wir endlich eine europäische "Tools of Change"-Konferenz. Mehr lesen
Vier politische Variationen auf Jorge Luis Borges
25.09.2009. Fast alle der großen alten Bibliotheken wurden zerstört - aber nicht durch neue Formen und Technologien des Wissens, sondern durch politische Macht Mehr lesen








