Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 11.22 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Essay

Recht auf Blasphemie

Ein Kommentar zum Karikaturenstreit.

14.02.2006. "Das Einhauen auf Pfaffen gehörte hierzulande doch lange zu den Lieblingssportarten der Nation!" Heute pochen in Le Monde elf französische Schriftsteller auf ihr Recht zur Blasphemie.

Zur Zeit der "Satanischen Verse", als auf den Kopf eines bekannten Schriftstellers eine Fatwa ausgesetzt wurde, fanden sich hier und dort - im Rundfunk, bei Abendessen, zwischen den Zeilen der Leitartikel - Feingeister, die über die Frage dozierten, ob dies ein gutes Buch sei. Die Grobgestrickteren sprachen von Provokation. Und in Provokation schwingt das Wörtchen "unnötig" immer schon mit.

Heute bittet man uns zu bedenken, dass die Karikaturen eines Propheten, die vor fünf Monaten in einer dänischen Zeitung erschienen sind, vielleicht keine guten Karikaturen seien. Ehrlich gesagt sind uns die Karikaturen und die Frage, ob sie gut oder schlecht sind, ziemlich schnuppe. Man sagt uns, dass sie den Hass schüren. Auch hier würden wir antworten, dass der Hass nicht in unseren Sitten und nicht in unsren Herzen liegt. Warum sollten wir verantwortlich für den Hass von anderen sein, der Hass nährt sich aus sich selbst.

Die Älteren unter uns haben bestimmt das Gefühl eines Deja-Vu. Es scheint ja, dass die Feingeister zur Zeit des Münchner Abkommens vor allem eines nicht wollten, nämlich das deutsche Volk demütigen, den nationalen Stolz der 1918 gedemütigten großen Nation verletzen - und so weiter. Es war schon eine komische Rücksicht, die wir da unseren deutschen Brüdern erwiesen. Wir ließen sie in den Armen einer Macht, die sie unterdrücken, sie in endlosen Kriegen verheizen, sie zu Scheußlichkeiten anleiten, aus ihnen zuerst Monstren, dann Opfer machen und sie am Ende wörtlich in zwei schneiden würde, denn der Teufel ist der große Spalter.

Man fordert uns auf, ein ästhetisches, moralisches und emotionales Urteil zu fällen, wo es um Grundprinzipien unserer Demokratie geht: Das Recht der Frauen und Männer, frei zu leben ist bestimmt nicht das Credo der Religionen und wird es niemals sein.

Es geht nicht nur um das Recht zu irren. Die Wahrheit ist, dass wir die Freiheit zur Blasphemie haben. Es ist reichlich irritierend, im Frankreich des Jahres 2006 ans das Recht zur Blasphemie zu erinnern. Das Einhauen auf Pfaffen gehörte hierzulande doch lange zu den Lieblingssportarten der Nation! (...)

Nichts rechtfertigt die überzogenen Reaktionen der ernsthaft in ihrem Glaube Gekränkten, der Politiker, die allzu gern auf diesen Zug aufspringen, und der neuen Kriegspropheten. Wenn der Präsident einer Menschenrechtsorganisation mit dem Argument eines "antimuslimischen Rassismus" Klage erhebt gegen Zeitungen, die sich der Komplizenschaft mit den Gotteslästerern schuldig machten, dann fragen wir uns: Um welche Rasse handelt es sich hier? Wird der Islam durch die Gene übertragen? Was sollen Hunderttausende Frauen und Männer darüber denken, die hier eingewandert sind, und die mal wieder mit einer Religion identifiziert werden, die sie häufig genug gar nicht mehr ausüben?

Wir sind doch nicht dumm: Einerseits die Zeichnungen, die vor sechs Monaten fast unbemerkt blieben, andererseits die ultrareligiöse Partei, die die Wahlen in Palästina gewinnt, und die Drohungen des Iran (wie sollen wir die iranische Provokation nennen - nötig? unnötig?)

Wir sind Schriftsteller. Unsere Horizonte sind unterschiedlich, so wie unsere geographische Herkunft, unser soziales Milieu, unsere religiösen Traditionen, unsere Einzelschicksale, unsere tiefsten Überzeugungen und - pardon - unsere sexuellen Vorlieben.

Es ist kaum zu übersehen, dass in dem Krieg zwischen christlichen Fundamentalisten aus den USA und muslimischen Fanatikern aus dem Nahen und Mittleren Osten der Zorn auf die laizistischen und gemäßigten Länder niederprasselt.

Demnächst wird uns allen in Frankreich oder Dänemark die Pressefreiheit im Namen dieses oder jenes Gotts verwehrt. Wenn wir es zulassen, dann wird man als nächstes die Bibliotheken mit den Werken Voltaires, Sades, Ovids, Omar Khayyams, Prousts und all der anderen anstecken. Um dieses große Autodafe werden die Päpste, die Großrabbiner und Großmuftis gemeinsam ihre Freudentänze aufführen.

Salim Bachi, Jean-Yves Cendrey, Didier Daeninckx, Paula Jacques, Pierre Jourde, Jean-Marie Laclavetine, Gilles Leroy, Marie N'Diaye, Daniel Pennac, Patrick Raynal, Boualem Sansal.*

Der Aufruf erschien im Original am 14. Februar 2006 in Le Monde.

Übersetzung aus dem Französischen: Thierry Chervel

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

blog comments powered by Disqus

Archiv: Essay

Selbst ist der Autor

08.02.2012. Die entscheidenden Akteure im Buchmarkt sind die Leser und die Autoren. Sie können nun direkt zueinander finden. Weitere Regulierungen braucht es nicht. Eine Antwort auf Jürgen Neffe Mehr lesen

Gemeinsam einsam: Havels Beispiel

29.12.2011. Der Dissident ist nicht tot. Vaclav Havel verkörperte diese Figur wie kein anderer. Er demonstrierte die Macht der Ohnmacht - und war siegreich. Mehr lesen

Small Town, Big Government

19.12.2011. Jedes Scheitern ist eine neue Chance: In der amerikanischen Fernsehserie "Parks and Recreation" beweist eine ambitionierte Provinzbürokratin, dass keine Bühne zu klein für einen großen politischen Auftritt ist. Solange es dem öffentlichen Wohl dient. Mehr lesen

Gutenberg und die Brandstifter

19.12.2011. Nun kommt es doch: Das elektronische Buch revolutioniert den deutschen Markt. Wenn er sich nicht schützt, gerät er in die Hände übermächtiger Akteure Mehr lesen

Ecce Pontifex

12.12.2011. Wie Nanni Moretti mit dem weißen Zauber der Improvisation den Papst zum Menschen macht. Und wie er seine Botschaft so elegant an der Oberfläche versteckte, dass sie für die Kritik undurchdringlich wurde. Mehr lesen

Nichts, das ist kein schlechter Slogan

23.11.2011. Der Zufall wollte es, dass sie in Cannes gegeneinander antraten, Terrence Malicks "Tree of Life" und Lars von Triers "Melancholia": zwei Filme, absolut heterogen, die sich doch auf irritierende Weise gleichen. Was unterscheidet den Hypersymbolismus eines Lars von Trier so radikal von Malick? Mehr lesen

Man muss sie nicht hassen

22.11.2011. Die Piraten sind ein Interessenclub für das neue WLan-Bürgertum. Ihr Wahlerfolg in der "Kreativhauptstadt" Berlin ist plausibel. Ein neues Bürgertum auf der Suche nach sich selbst. Mehr lesen

Das Dilemma der Wirklichkeitsverweigerer

06.09.2011. Lässt sich Anders Breiviks Attentat tatsächlich als "spiegelsymmetrische Entsprechung" zu 9/11 betrachten? Und warum wird ausgerechnet Henryk Broder dafür in Haftung genommen? Eine fällige Nachbetrachtung aus Anlass eines Jahrestags Mehr lesen

Der schlüpfrige Puritanismus der USA

29.08.2011. Die Häme der amerikanischen Medien im Fall DSK ist das Symptom einer ans Unheimliche grenzenden sexuellen Verklemmtheit, für deren Durchsetzung Feministinnen mit der religiösen Rechten paktieren. Wir können viel von Amerika lernen, aber bestimmt nicht die Kunst zu lieben. Mehr lesen

Boykottiert Durban 3!

22.08.2011. Aktualisierung vom 4. September: Deutschland boykottiert Durban 3. Auf der Durban-Konferenz kurz vor dem 11. September 2001 wurde Israel im Namen des Antirassismus für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht. Die UNO droht zum Jahrestag mit einer neuen Durban-Konferenz - unweit von Ground Zero. Demokratische Länder sollten sie boykottieren. Mehr lesen

In hoc signo vinces!

03.08.2011. Die nach Utoeya kursierende Kritik an "Islamkritikern" verdrängt den gefährlichsten Aspekt an Breiviks Tat: Sie ist selbst infiziert vom Gift, das sie bekämpft Mehr lesen

Drei Schlote, zwei Krokodile, ein Fisch

25.07.2011. Terrence Malicks Cannes-Gewinner "Tree of Life" ist kein mit harmloser Eso­terik kosmologisch überhöhtes Familiendrama, sondern ein nach Form und Inhalt hyper­reaktio­näres Manifest. Seine christlich-fundamentalistische Botschaft will verstanden werden. Wieso tut das niemand? Mehr lesen

Hätte Freud Emails geschrieben...

09.05.2011. Archive konstruieren nicht nur die Vergangenheit. Sie strukturieren auch das Denken. Was verändert sich durch ihre Digitalisierung? Mehr lesen

Leistungsschutzrechte schaden - auch den Verlagen

30.03.2011. Bis heute haben die Verlage keinen Gesetzentwurf für das seit langem herbeigebettelte Leistungsschutzrecht vorgelegt. Wenigstens hierfür verdienen sie Dank. Ein Vortrag Mehr lesen

Für eine Intervention in Libyen

16.03.2011. Wir dokumentieren einen Aufruf französischer Intellektueller für eine Sperrung des libyschen Luftraums. Lanciert wurde er unter anderem von Jane Birkin, Andre Glucksmann und Claude Lanzmann Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Essay