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Essay

Nur intellektuell reicht nicht

Von Arno Widmann
06.10.2005. Die Prospect-Liste der 100 wichtigsten Intellektuellen gibt Auskunft über die Provinzialität der wenigen bereits weltweit agierenden Medien, aber keineswegs über die Ideen der globalen Gegenwart.
Die 100 wichtigsten, besten öffentlichen Intellektuellen der Welt listen die beiden Zeitschriften Prospect (hier) und Foreign Policy (hier) auf. Nein, das wäre eine falsche Übersetzung. Es geht nicht um die besten oder wichtigsten, es geht um "the world's top 100 public intellectuals". Eine dumme Liste. Denn wer genau liest, kann jetzt aufhören, weiter zu lesen. Er weiß schon: Aus dieser Liste wird er nichts Neues erfahren.

Wer "top" ist, darüber entscheidet hier der Bekanntheitsgrad. Niemand kann diese Liste ernst nehmen. Nicht einmal die Listenmacher selbst haben das getan. Hätten sie ihre Kriterien angelegt, sie wären nicht auf einhundert Namen gekommen. Aus einem einfachen Grund: Es gibt weltweit wahrscheinlich nicht einmal ein halbes Dutzend Intellektuelle, deren Äußerungen überall auf der Erde in den unterschiedlichsten Milieus wahrgenommen werden. Wendete man das Kriterium der top public intellectuals an, auf dieser Liste fände ein Massaker statt, das außer dem Papst kaum jemand überleben würde.

Selbst wer bereit ist, in dem Papst - einem professionellen Dogmatiker - einen Intellektuellen zu sehen, wird doch Mühe haben, ihn auf diese Liste zu setzen. Benedikt XVI. verdankt doch seine Topstellung gerade nicht seinem Status als Intellektueller, sondern seinem davon Lichtjahre entfernten Amt. Vor ein paar Monaten hätte er noch nicht auf dieser Liste gestanden.

Thomas Friedman ist eine journalistische Größe in der schönen, übersichtlichen Welt der New York Times-Leser. Ist der brillante Leitartikler wirklich einer der Top-Intellektuellen der Gegenwart? Wer liest Abdolkarim Soroush? Wer wartet auf neue Aufsätze oder gar Bücher von ihm zum Thema Islam und Demokratie? Soroush, der auf der Liste steht, belegt ihre Unsinnigkeit. Seine Bedeutung liegt nämlich gerade darin, dass er mit seinen Überlegungen am Rande steht. Er hat auf keiner top public intellectual Liste etwas zu suchen. Nicht im Iran, nicht in den USA und nicht in Deutschland. Ein Blick auf seine Auflagenzahlen, auf seine reale öffentliche Beachtung macht das sofort klar.

Dass er genannt wurde, zeigt, dass die Liste von Prospect und Foreign Policy nach einer anderen Liste schielt. Nach einer viel spannenderen Liste nämlich, nach einer, die die einhundert wichtigsten Ideengeber der Gegenwart nennt. Stellte man diese Liste auf, wäre man freilich mit einem Schlag all die aus der New York Times und ein paar anderen Medien in die Liste der top public intellectuals verschobenen Herren los und wir befänden uns in einer Auseinandersetzung darüber, was die Ideen der Gegenwart sind, der globalen, der sich globalisierenden Gegenwart. Wir hätten es nicht mehr mit den immer gleichen Gesichtern zu tun, sondern mit Männern und Frauen, die unsere so verschiedenen Weltbilder zentral bestimmen. Nicht dadurch, dass sie das ihre uns in Leitartikeln jeden Tag vorhalten, sondern weil sie geforscht und nachgedacht, weil sie etwas herausbekommen haben, das unsere Leben und/oder unsere Sichten auf es radikal verändern.

Wir feiern das Einstein-Jahr. Vor einhundert Jahren hat ein kleiner Angestellter im Berner Patentamt unser Weltbild revolutioniert. Mehr als seine Zeitgenossen Stalin, Hitler, Keynes, Joyce oder Picasso. Aber war Einstein ein Intellektueller? Er war zunächst einmal Wissenschaftler und erst durch seine wissenschaftliche Arbeit ein öffentlicher Intellektueller. Man wird Ähnliches über Jean-Paul Sartre sagen können. Der war zunächst Philosoph und wurde dadurch zu einer öffentlichen Figur. Einer, der nur ein Intellektueller ist, und auf dieser Liste wimmelt es von ihnen, ist einer, der nichts herausbekommen hat, der es aber versteht, was andere herausbekommen haben, an die große Glocke zu hängen. Das ist verdienstvoll und nichts spricht dagegen, auch diese Menschen in einer Liste - von mir aus von einhundert Menschen - zu erfassen, aber sie sind uninteressant. Sie sind es, weil wir sie schon kennen.

In den Medien aber verkehrt sich diese Logik. Hier ist das interessanteste der Star, also der, den alle sehen und über den man schon alles weiß. Wer schon zehntausend Mal fotografiert wurde, auf den stürzen sich die Fotografen. Diesem Prinzip huldigen Prospect und Foreign Policy. Das ist dumm nicht nur für deren Leser, sondern auch für sie selbst. Sie treiben die Autorenpreise damit in die Höhe. Beim nächsten Text, den sie von Vargas Llosa abdrucken, wird der sie daran erinnern, dass er auf ihrer Liste steht. Das Verhängnisvolle an der Liste von Prospect und Foreign Policy ist: Je mehr Leute sich an der Liste beteiligen, desto enger wird die Auswahl werden. Diese Liste nutzt nicht das weltweit verstreut produzierte Wissen und führt es einem globalen Publikum zu. Diese angeblich auf Globalisierung angelegte Liste reproduziert die Provinzialität der wenigen bereits weltweit agierenden Medien.
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