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Im Kino

Strudel. Schwindel. Schnitt

Von Elena Meilicke, Jochen Werner

26.09.2012. Ein sinnlicher Film über Menschen, die sich gegenseitig Verletzungen zufügen ist Mia Hansen-Løves "Un amour de jeunesse". In Terence Davies' "The Deep Blue Sea" bekommt man Liebe vorgeführt als starres Regime, das starke Subjekte produziert.

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"Tout est pardonné", alles ist verziehen, mit dieser Geste der Generosität leitete Mia Hansen-Løve, zuvor lediglich als Schauspielerin in zwei Filmen von Olivier Assayas aktiv, ihr bis heute drei Filme umfassendes Regie-Œuvre ein und von Anbeginn an war klar, dass das so einfach und so umfassend, wie es der apodiktische Titel einforderte, nur selten funktionieren würde. Obgleich der Erzählduktus von Hansen-Løves Filmen stets betont beiläufig ist, geht es in ihnen unablässig um Menschen, die sich gegenseitig Verletzungen zufügen.

In "Tout est pardonné" ist es nicht nur der drogenabhängige Vater, der nach Jahren der Abwesenheit erneut den Kontakt zu seiner Tochter sucht, im zweiten Film "Le père de mes enfant" nicht nur der (auf dem 2005 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Humbert Balsan basierende) Filmproduzent, der sich vor Konkurs, Depression und dem Scheitern seines Lebenstraums in den Suizid flüchtet und seine geschockte Familie zurücklässt. Nicht nur diese abwesenden Väter sind es, die im Kino von Mia Hansen-Løve die Verursacher des Schmerzes sind, der ihre Protagonistinnen immer wieder einholt. Das Leben, und zumal das Leben im durchglobalisierten Europa, in dem sich alle Figuren in ihren Filmen bewegen, ist kompliziert, und jede kleine Geste, jede Unachtsamkeit, Impulsivität, jede Verhärtung angesichts der Enttäuschungen, die man erfahren hat, kann einem anderen zur Verletzung gereichen.

Mia Hansen-Løves Filme sind von einer großen Schlichtheit und wunderbar unprätentiös, das ist unbedingt zu ihren allergrößten Stärken zu zählen. Oft schlagen sie große zeitliche wie räumliche Bögen, doch niemals, um einen globalen Gültigkeitsanspruch herauszuarbeiten, in dessen Schablonen ihre Figuren dann handlich zusammengeschrumpft einsortiert und somit letztlich verraten werden könnten. Vielmehr ist alles an ihnen ganz Evidenz, ganz Moment, und die Welt, in der sie leben und sich ständig bewegen, zwischen Frankreich, Deutschland, Österreich, Peru oder Dänemark stetig in Bewegung und immer auf dem Sprung nach anderswo, ist ihnen anders schlichtweg nicht vorstellbar.

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So ist es zunächst zwar eine räumliche Entfernung, die für die titelgebende Jugendliebe der fünfzehnjährigen Camille (Lola Créton) zum unwesentlich älteren Sullivan (Sebastian Urzendowsky) in "Un amour de jeunesse", Hansen-Løves drittem Film, zur Bedrohung wird: Sullivan möchte ein Jahr lang durch Südamerika reisen, ohne sie. Camille ist traurig, enttäuscht, eifersüchtig, beginnt zu klammern. Beide erleben einen gemeinsamen Urlaub in einem Ferienhaus auf dem Land, in einer sonnendurchfluteten, pastoralen Idylle. (Überhaupt ist "Un amour de jeunesse", in der Inszenierung von Räumen, Architekturen, Jahreszeiten ein ungemein sinnlicher, geradezu taktiler Film.) Danach ist, bald, Schluss. Sullivan schickt einen Brief aus der Ferne, voller Worthülsen. Dinge, die man eben sagt, wenn eine Beziehung zu Ende ist. Camille ist verzweifelt, überlebt einen Selbstmordversuch.

Danach wird der Erzählrhythmus sprunghafter, mehrere Zeitsprünge, oft nur beiläufig vermittelt, folgen Camilles Weg ins Erwachsenwerden, ins Architekturstudium, in die Beziehung zu ihrem viel älteren Dozenten Lorenz (Magne-Håvard Brekke). Und dann, acht Jahre nach dem Ende ihrer Jugendliebe, zurück zu Sullivan - jedenfalls vorläufig. Plötzlich ist dieser wieder im Lande, beginnen die beiden sich heimlich zu treffen. Während einer Forschungsreise nach Florenz beginnen sie eine Affäre, in deren Verlauf die Unbedingtheit der ersten Liebe vorübergehend wieder aufzuflammen scheint - und doch ist im Grunde klar, dass auch dieser zweite Versuch zum Scheitern verurteilt sein muss.

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Wie dieses Scheitern sich zuträgt, das überrascht - und macht "Un amour de jeunesse" im gleichen Zug nachhaltig faszinierend. So mag man zunächst, wohl reflexhaft, meinen, hier einem Bildungsroman zuzusehen, in dem Erfahrung, Schmerz, Enttäuschung die Persönlichkeit der jungen Camille immer weiter anreichern, bis diese zum "erwachsenen" Umgang mit den eigenen emotionalen Konflikten fähig(er) sein, den Verlust Sullivans endlich ganz verarbeiten mag. Die Wankelmütigkeit, die Unbeständigkeit, die Egozentrik des Teenagers wie - später im Film - des Twens zu erkennen, das trauen wir Camille im Grunde zu. Ohne nun allzu genau in die Details der Charakterentwicklung einzudringen: es kommt nicht unbedingt so.

Überhaupt bleibt vieles in Bezug auf die Figuren bei Hansen-Løve im Dunkel, unlesbar: es geht nicht darum, dass das Handeln von Figuren nachvollziehbar werden soll. Im Gegenteil: die Protagonisten in den Filmen von Mia Hansen-Løve sind Menschen durch und durch, deren Agieren mal auf simple Impulse ausgerichtet scheint und dann wieder komplexesten, irrationalen Schemata folgt. Das alles bleibt, und das weiß die Regisseurin nur zu genau, meist im Vagen, und so bleibt ihr wie uns nichts, als diesen einmal um Verständnis, Mitgefühl, gar unsere Liebe heischenden, dann wieder Unverständnis oder Rage provozierenden Menschen bei ihrem oftmals undeutbaren Tun zuzusehen, immer mal wieder für Momente Teil ihrer Leben zu werden, sie dann wieder - für lange Zeiträume - allein zu lassen und sie am Ende, unweigerlich, immer nur von Außen betrachtet zu haben.

Jochen Werner

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"The Deep Blue Sea" ist ein Schmachtfetzen, aber ein sperriger. Die längste Zeit kennt man sich nicht richtig aus in diesem Film, der mit einer wundersamen Ouvertüre beginnt. Da sieht man Handlungen in Vorbereitung auf einen Selbstmord, ein Abschiedsbrief wird verlesen und auf der Anrichte deponiert, der Gashahn aufgedreht. Zischelnd strömt das Gas aus, und andere Bilder drängen heran, Erinnerungen verwirbeln und verwirren sich, begleitet von einem Violinkonzert, das immer noch einen und noch einen und noch einen Höhepunkt erklimmt, schwelgerisch und pompös. Fragmentarisch, fluide, fast ohne Worte erzählt dieser Prolog von einem Kennenlernen und Verlieben. Er kulminiert in einer kreiselnden Kamera-Bewegung: ein Zirkeln über zwei verschlungenen nackten Körpern, kalt und marmorglatt und straff und fest. Strudel. Schwindel. Schnitt. Die Kamera dreht sich weiter, im Bild nicht mehr zwei nackte Körper, sondern ein bekleideter, Hester, halbtod.

Jetzt erst, nach gut 10 Minuten, verstummt die Musik, kommt der rauschhafte Bilderbogen zum Stillstand, kristallisieren sich allmählich Dialoge, Figuren, Szenen, ein Plot heraus, jetzt erst findet der Film zu einer konventionelleren Form. London, um 1950: Lady Hester Collyer (Rachel Weisz) hat ihren Ehemann, einen angesehenen Richter, verlassen, aus leidenschaftlicher Liebe zu dem schmucken Ex-Airforce-Piloten Freddie Page (Tom Hiddleston). Freddie und Hester leben zusammen in einer kleinen Wohnung, er vergisst ihren Geburtstag. Vor der Wohnungstür liegen Trümmer und Kriegsreste und im Kopf die Erinnerungen an Bombennächte im U-Bahn-Schacht. Freddie sehnt sich nach den Intensitäten des Krieges, Hester nach Intensitäten anderer Art. Oft sieht man Hester doppelt im Bild, erfasst von Spiegelbildern, die ihr irgendwie Gewalt antun, sie verblassen lassen und zusammenstauchen: Hester, die Hans-Bellmer-Puppe.

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Eine unglücklich Liebende und eine verfahrene Situation, dennoch eine Augenweide. Die Bilder von "The Deep Blue Sea" - gefilmt hat sie der dffb-Absolvent Florian Hofstatter - haben eine fast malerische Qualität, es gibt viel Dunkel, viel Schwarz, stets im Kontrast mit Lichteinfall und Lampenschein: Chiaroscuro. Ein melancholischer Glanz, ein nostalgisches Funkeln liegt auf den alten braunen Möbeln, den dunkelgelb leuchtenden Tapeten, den Leder- und Wollstoffen, aus denen die Kostüme gefertigt sind. Austattung, Beschreibung einer Welt. Die Farben sind warm und die Konturen weich: Ein Netz habe man über das Kameraobjektiv gelegt, um diesen Look hinzubekommen, erzählt Regisseur Terence Davies in einem interessanten Interview in Filmcomment.

Aber was ist das für eine Liebe, die so liebevoll ins Bild gesetzt wurde, die so gut aussieht? Warum schaut man sich solche Lieben so gerne im Kino an? "Beware of passion, Hester. It always leads to something ugly," mahnt Hesters aristokratische Schwiegermutter an einer Stelle und steht damit stellvertretend für einen ganzen Repressionsapparat aus Konvention und Anstand, einen Repressionsapparat, dem Hester sich voll Leidenschaft und Opfermut entgegenstellt (entgegenstellen darf). "The Deep Blue Sea", basierend auf einem Theaterstück von Terence Rattigan aus dem Jahr 1952, zeichnet ein verführerisches Schwarz-Weiß-Bild von der Liebe. Er entwirft die Liebe als klar und einfach strukturierten Konflikt (kein Weichzeichner auf dieser Ebene): hier Leidenschaft (Freddie), dort bestenfalls Freundschaft und Vertrautheit, letztlich aber Selbstverleugnung (Ehemann). Einem Kinopublikum von heute, dem vielleicht weniger die Repression von Leidenschaften als vielmehr der ständige Appell zum Genuss Leiden schafft, muss das attraktiv erscheinen. Statt endloser Partnerwahlmöglichkeiten und totaler Permissivität ein starres Regime, das große Gefühle und starke Subjekte produziert: Hester, die weiß, was sie will, selbst wenn es sie ins Verderben stürzt.

Elena Meilicke

Un amour de jeunesse - Frankreich / Deutschland 2011 - Regie: Mia Hansen-Løve - Darsteller: Lola Créton, Sebastian Urzendowsky, Magne-Håvard Brekke, Valérie Bonneton, Serge Renko, Özay Fecht - Länge: 110 min.

The Deep Blue Sea - USA / Großbritannien 2011 - Regie: Terence Davies - Darsteller: Rachel Weisz, Tom Hiddleston, Simon Russell Beale, Ann Mitchell, Jolyon Coy, Karl Johnson, Harry Hadden-Paton, Sarah Kants - Länge: 98 min.

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