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Im Kino

Haptisches Verstümmelungskino

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster, Thomas Groh
25.04.2013. Der Splatterfilm ist im Mainstream angekommen: Fede Alvarez' "The Evil Dead" wird nicht mehr auf Schulhöfen unter der Hand getauscht, sondern läuft in Multiplexen neben RomKoms und Pixar-Filmen. Neu auf DVD: Alma Har'els "Bombay Beach", ein ethnografischer Dokumentarfilm, dem der empathische Blick leider nicht genug ist.



Anmerkung der Redaktion: Der Start dieses Films wurde kurz nach Redaktionsschluss auf den 16. Mai verschoben. Lesen Sie den folgenden Text nicht. Sie werden es bis dahin nicht aushalten.

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"Tanz der Teufel" - lange bevor die Möglichkeiten von Privatimport, Onlinetauschbörsen und Videoplattformen die hiesigen Filmindizierungen und staatsanwaltschaftlichen Totalverbote endgültig zu zahnlosen Tigern machten, stand dieser Filmtitel für den heiligen Gral unter den auf Schulhöfen von pubertierenden, mutprobe-willigen Jungs mit Affinität zu eher drastischer Musik- und Filmästhetik gesuchten Filmen. Man raunte von nie gesehenen Gewaltexzessen und durch Mark und Bein gehenden Gruselqualitäten. Irgendwas musste an dem Film dran sein, wenn die Bundesprüfstelle den Film aus den Videothekenregalen holt und eine erzürnte Staatsanwaltschaft den Handel damit per § 131 StGB zur Straftat erklärte. So kam es, dass "Tanz der Teufel" für Heerscharen jugendlicher Filmfreaks zur goldenen Jugenderinnerung wurde: Das Triumphgefühl, endlich eine in dritter oder vierter Generation kopierte VHS - womöglich sogar, so ganz sicher konnte man sich in Prä-Internetzeiten nicht sein, ungeschnitten - mit nahezu schwarzweißem, stark vergrieseltem Bild in Händen zu halten, wurde höchstens noch von den ersten erfolgreichen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht übertrumpft: Dialektik eines irrsinnigen Jugendschutzes.

2013 ist "Tanz der Teufel", trotz aller herzigen Stopmotion- und Make-Up-Effekte, die heutige, aus dem Ausland importierte DVDs mit ihrer hervorragenden Bildqualität als solche erst wirklich erkennbar machen, noch immer justiziable Risikozone. Sein Regisseur, Debütant Sam Raimi, dreht mittlerweile familientaugliche Hollywood-Blockbuster von "Spiderman" bis zum "Wizard of Oz"-Prequel und die früher randständige, gegenkulturell angestrichene Splatterästhetik ist mittlerweile - in den USA mehr als hierzulande - Kernbestandteil der Mainstream-Industrie: Was früher einst in baufälligen Kinoklitschen lief, läuft nun im Multiplex neben RomComs und Pixar-Filmen. Im Zuge dessen wurden die alten, hierzulande freilich ebenso beschlagnahmten Splatterklassiker - von "Last House on the Left" und "Texas Chain Saw Massacre" über "Dawn of the Dead" bis zu "Maniac" - dem laufenden Kinobetrieb in Form von Remakes in drastisch schwankender Qualität zugeführt.

Und nun auch "Tanz der Teufel"; wobei das Remake, womöglich, um Staatsanwälte nicht unnötig auf den Plan zu rufen, nun unter dem Originaltitel  "Evil Dead" (bei Sam Raimi noch um ein "The" ergänzt) in die deutschen Kinos kommt. Versprochen wird im Werbematerial, im schönen Rückgriff auf die Legenden, die sich auf dem Schulhof um das Original rankten, "der schockierendste Film", den man jemals sehen wird - ungeschnitten, frei ab 18 und damit gemäß dem reformierten Jugendschutz kaum mehr indizierbar. Zeiten ändern sich.



Durchaus schön an dem Film ist, wie wenig er sich um neumodischen Schnickschnack kümmert: Die ohnehin fast archaische Geschichte von den jungen Leuten, die einige Tage in einer entlegenen und reichlich morschen Waldhütte verbringen wollen, wo sie auf ein geheimnisvolles Buch, das Necronomicon stoßen, und damit einen Dämon heraufbeschwören, der ihnen buchstäblich in die Knochen fahren wird, ist weitgehend deckungsgleich übernommen. Bei Raimi wollte man einfach nur ein Wochenende im Grünen verbringen, im Remake will eine Clique Erfolg versprechende Rahmenmöglichkeiten für den Entzug einer Freundin schaffen (wollte man, könnte man darin vielleicht wirklich eine Art Indiz dafür sehen, dass es Freizeit heute im Grunde nicht mehr gibt: freie Zeit muss schnellstmöglich einem Zweck zugeführt werden). Auch ansonsten alles reichlich bodenständig: Auf Meta-Spielereien (wie sie zuletzt der mit einer ähnlichen Prämisse beschlagene "Cabin in the Woods" auf bald recht langweilige Weise aneinanderreihte), künstlich angeführte Subtexte oder überbordende Zitate-Kaspereien wurde weitgehend verzichtet. Dass sich hinter der Teufelshütte ein hübsch verwahrloster Dodge befindet - jener Wagen, mit dem vor über 30 Jahren bei Raimi die jungen Leute in ihr Verderben fuhren - ist allenfalls eine schöne Reverenz ans Original und (womöglich) der Hinweis, dass beide Filme tatsächlich im selben Universum spielen. Schon jetzt häufen sich Gerüchte, dass mögliche Remake-Fortsetzungen sich eines Tages mit von Raimi geplanten Original-Fortsetzungen kreuzen könnten.

Stattdessen betreibt Langfilm-Debütant Fede Alvarez mit Sam Raimis Segen eine lustvolle Textur- und Blessur-Eskalation, wie man sie im Horrorkino so schon lange nicht mehr gesehen hat. Die Hüttenlichtung etwa ist mit viel Liebe kunstvoll überwachsen, das Holz der Behausung angenehm HD-verschwiemelt, selbst noch das Porzellan des Klos wirkt so sorgfältig auf verwahrlost getrimmt, dass man sich sogar im Kinosaal vor Infektionen fürchtet. Auch das der Legende nach in Menschenhautleder gebundene Necronomicon sah nie grindiger und nie mehr nach einer Edel-Deluxe-Verpackung einer ziemlich guten Metal-Platte aus.

Dazu lässt es Alvarez auf eine Weise splittern, spritzen und krachen, dass es eine Art hat. Das im Vorfeld vollmundig angeführte Versprechen, auf digitale Spezialeffekte zugunsten traditioneller Make-Up- und Protheseneffekte zu verzichten, darf als weitgehend eingelöst betracht werden: Rückkehr des haptischen Verstümmelungskinos, mit Segen der FSK - man fasst es in seiner (zugebenen retro-pubertären) Beglückung nicht. Am Ende geht es gar wie bei den Slayer-Metal-Proletengöttern zu: Raining Blood vom dämonisch glühenden Himmel. Horror darf auch abseits von dümmlichem Funsplatter endlich wieder Spaß machen.

Ein paar Überraschungen und Abwandlungen, die insbesondere den glühenden Fans der Kultfigur Ash (Bruce Campbell) aus dem Original und dessen beiden Fortsetzungen vielleicht nicht unbedingt gefallen werden, hat Alvarez dann doch eingebaut. Macht nix - dieses neue Ende mischt die Karten im "Evil Dead"-Universum neu. Demnächst hoffentlich mehr in diesem Kino.

Thomas Groh

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"In der Wüste wohnen viele arme Leute", heißt es einmal in "Bombay Beach". Was man dem Film lassen darf: Seine unbedingte, weil nicht klassentheoretisch oder anderweitig bedingte Empathie mit den Armen, den Ausgetoßenen und Abgehängten, ist keine bloße Behauptung. Es gibt ganz im Gegenteil ergreifende Bilder für eine solche Empathie, zum Beispiel, wenn ein Mann gefilmt wird, der sich einfach so, draußen, am Straßenrand, auf den Boden gelegt hat und wenn es dem Film dann nicht darum geht, diesen Mann zu aktivieren, sondern darum, ihm erst einmal sein Recht zu lassen, sich einfach so auf den Boden zu legen. Umso schlimmer, wenn ein Film, der solche großartigen Momente enthält, im Ganzen dann doch reichlich fragwürdig ist.

"Bombay Beach", der Debütkinofilm der Musikvideo- und Werbefilmerin Alma Har'el, ist eine Art dokumentarisches Ergänzungswerk zum letztjährigen Arthaus-Überraschungshit "Beasts of the Southern Wild" von Benh Zeitlin. In beiden Filmen geht es um einerseits vormodern und peripher vor sich hin existierende, andererseits irgendwie befreit anmutende communities, die auch im meteorologischen Sinn an den Rändern des Erträglichen situiert sind. An einander gegenüberliegenden Rändern, allerdings, Zeitlins fiktionales "Bathtub" ist in einem Sumpfgebiet in Louisiana verortet und von allen Seiten von Wasser umzingelt, in "Bombay Beach" geht es dem Titel zum Trotz um eine Gegend, die von Wassermangel gezeichnet ist.

Gelegen ist der Bombay Beach am extrem salzhaltigen Saltonsee, in einer mondlandschaftsartigen Wüstenregion in Südkalifornien. Der Namensbezug zur Indischen Metropole ist nur auf den ersten Blick ein Zufall; auf den zweiten eine Chiffre für eine räumliche Paradoxisierung, ein remapping, das sich der Film auf die Agenda gesetzt hat. Der überlieferten Geografie, nach der die Gegend um den Saltonsee ein kleines, nebensächliches Stück Land nahe der mexikanischen Grenze mit einigem Abstand zu den weltbekannten kalifornischen Metropolen ist, setzt der Film seine eigene entgegen: Bombay Beach ist einerseits der grundlegende Bezugspunkt einer alternativen Kartographie - alle Orte, die im Film auftauchen, werden über ihre Entfernung zum Salzseestrand eingeführt - und andererseits ein halb imaginärer Raum, der in der Lage ist, Amerika auf paradoxe Weise mit Indien, in einer Szene sogar mit dem Irak kurz zu schließen: Einer der Portraitierten ist ein durchgeknallter Paramilitär, der nicht ins US-Militär aufgenommen wurde und deshalb im Niemannsland nahe der mexikanischen Grenze seine eigenen Manöver, einen feindlosen Krieg in eigener Sache, durchzieht; die Bilder dieser Aktionen kann man leicht mit jüngeren Aufnahmen aus dem Mittleren Osten verwechseln.



So ganz klar ist nicht, worauf der Film mit solchen Szenen hinaus will: Geht es um die verbreitete, aber fragwürdige Annahme, dass nationale Grenzen dieser Tage ihre Bedeutung weitgehend verloren haben (und das ausgerechnet in unmittelbarer Nähe einer der bestgeschützten Grenzen weltweit)? Oder eher um eine grundsätzlichere "Deessentialisierung" von Raum, die auf imaginäre Aspekte von Welterfahrung verweist? Oder doch nur um die Idee, dass "alles mit allem zusammenhängt", wie es auch in "Beasts of the Southern Wild" heißt? Freilich: Im Gegensatz zu jenem zivilisationsfeindlichen Machwerk ist der komplexer organisierte Dokumentarfilm nicht mit Haut und Haaren reaktionär; der Bombaystrand ist nicht das gute, nichtentfremdete Andere der modernen Lebenswelt, von dem aus man mit Angst und Verachtung auf die dunkel dräuenden Fabriken hinter dem Staudamm blickt. Sondern fast schon im Gegenteil ein Raum, der die Widersprüche der Moderne in sich aufnimmt und bearbeitet (ein Film, in dem der weise alte Mann mit der perfekten Voiceover-Stimme trotzdem ein Rassist sein kann; ein Film, der weiß, dass man auch auf kleinstädtischen Footballtrainingsplätzen Erfahrungen von Fremdheit machen kann).

Dass diese Bearbeitung im Detail mit unklaren Voraussetzungen operiert, ist das kleinere Problem. Das größere ist ein stilistisches. Eine unselige Allianz geht die theoretische Unschärfe mit der digitalen Verflüssigung des Bewegtbildes ein, die in "Bombay Beach" ein ähnlich fortgeschrittenes Stadium erreicht hat wie in "Beasts of the Southern Wild". "Bilderfluss" ist für derartige Filme tatsächlich der richtige Ausdruck: alles bewegt sich, wird mitgerissen, gleichförmig gemacht, entscheidend ist der flow. Kein Bild, das Widerstand leisten, das auf seiner Eigenheit, Nichtidentität beharren könnte. Das Pendeln eines Katzenschwanzes fügt sich in den Rhythmus der melancholisch-schummrigen Folk-Rock-Untermalung (Bob Dylan geht immer) genauso organisch, wie die dokumentarischen Beobachtungen bruchlos um fiktionale Liebesfilm- und Coming-of-age-Vignetten ergänzt werden.

In ideologischer Nähe zur Occupy-Bewegung scheint sich in Filmen wie "Beasts of the Southern Wild" und "Bombay Beach" ein neues amerikanisches ethnografisches Kino zu formieren; sein Blick richtet sich nicht nach außen, sondern aufs ausgeschlossene Innere der eigenen Gesellschaft. Das ist ehrenwert, nur leider bleibt es nicht bei dem Blick. Beide Filme behaupten gleichzeitig, von der Möglichkeit eines anderen Lebens zu sprechen. Und ebnen doch in jeder einzelnen Einstellung Differenz ein.

Der Film startete bereits 2012 in den Kinos; die DVD ist seit dem 19.04. erhältlich.

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Außerdem diese Woche neu in den Kinos:

"Bestiaire" von Denis Cote. Hier finden Sie unsere Kritik von der Berlinale 2012 und hier unseren Text zum Gesamtwerk des Regisseurs.

"Side Effects" von Steven Soderbergh. Hier finden Sie unsere Kritik von der Berlinale 2013.

Lukas Foerster

Evil Dead - USA 2013 - Regie: Fede Alvarez - Darsteller: Jane Levy, Shiloh Fernandez, Lou Taylor Pucci, Jessica Lucas, Elizabeth Blackmore, Jim McLarty - Laufzeit: 91 Minuten. (Der Filmstart ist auf den 16.5.2013 verschoben worden)

Bombay Beach - USA 2011 - Regie: Alma Har'el - Laufzeit: 80 Minuten.
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