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Essay
Warum Martin Scorseses 'Departed' keine infernalische Affäre ist
Von Ekkehard Knörer
22.12.2006. Martin Scorseses Film "Departed" kann sich nicht entscheiden, was er sein will: Genrefilm oder Psychodrama. An die aufwandlose Flüssigkeit und Eleganz der Vorlage, des Hongkong-Klassikers "Infernal Affairs", reicht er nicht heran. (Bild: Andy Lau in "Infernal Affairs")
Martin Scorseses "Departed - Unter Feinden" ist die Geschichte zweier Polizisten als spiegelverkehrter Doppelgänger. Der eine, William Costigan (Leonardo di Caprio), lebt als Spitzel in einer Mafia-Organisation, der andere, Colin Sullivan (Matt Damon) arbeitet als Spitzel des Mafia-Bosses bei der Polizei. Bald wissen sie voneinander und kommen einander doch nicht auf die Spur. Der Film spitzt das Doppelporträt nicht auf die ethische Differenz, sondern auf Ähnlichkeiten zu. Vaterfiguren hier wie da: der Gangster Costello (Jack Nicholson), der Polizist (Martin Sheen). Die Spitzel gleichen sich in ihren Kommunikationsmethoden: per Handy schleusen sie Informationen von innen nach außen. Sie stehen beide mächtig unter Druck, medikamentenabhängig wird der eine, Erektionsstörungen hat der andere. Und sie verlieben sich in dieselbe Frau, die Polizeipsychologin Madolyn Madden (Vera Farmiga).
"Departed - Unter Feinden" ist selbst ein Doppelgänger, ein Remake. Zugrunde liegt der Hongkong-Film "Infernal Affairs" von Andrew Lau und Alan Mak, nicht minder spektakulär besetzt als Scorseses Version. Tony Leung und Andy Lau, Eric Tsang und Anthony Wong: Jeder dieser vier trägt sonst alleine einen Film als Star. "Infernal Affairs" war in seiner Heimat ein riesiger Erfolg und eine der wenigen auch international beachteten Produktionen aus Hongkong in den letzten Jahren. "Departed - Unter Feinden" hält sich in den groben Zügen und in vielen feinen Details an das Original. So wird, nur ein Beispiel unter vielen, am Ende eine Leiche auf der Schwelle eines Fahrstuhls liegen; die Fahrstuhltür kann sich nicht schließen, fährt mehrmals halb zu und wieder auf. Das Motiv ist in beiden Filmen dasselbe, der Kamerawinkel ist ein anderer. Martin Scorsese hat behauptet, er habe sich die Vorlage vor dem Dreh des eigenen Films gar nicht angesehen.
Das mag man kaum glauben, denn Martin Scorsese ist, wie jeder weiß, vom Kino besessen. Er kennt die Geschichte seiner Kunst bis ins letzte Detail. Und er übt sie mit dem Bewusstsein dessen, der alles gesehen hat. Man merkt es seinem Kino an, es ist nicht das Kino eines Klassizisten, der die Mittel, die er hat, über Ockhams Rasiermesser springen lässt, so dass nur das bleibt, was die Funktion im Ganzen erfüllt. Das wäre viel eher Clint Eastwood, der vom Genre-Film kommt und von seinem Meister Don Siegel gelernt hat, die einfachen Lösungen zu suchen, den direkten Weg zu gehen und ohne Tricks und Schnörkel Wirkungstreffer zu erzielen. Dabei kommt auch Martin Scorsese vom Genre-Film, er hat angefangen als Lehrling in der B-Movie-Fabrik des Roger Corman, dem es in erster Linie um die Kohle ging, nicht um Kunstanspruch. Bei Corman mag Scorsese das Handwerk gelernt haben, aber nicht seine Kunst. Denn es ist zum wichtigen Teil seiner Kunst geworden, die Eigenwirkung des Handwerks zu suchen und mehr zu tun, als zu tun wäre, wollte man einfach nur Geschichten erzählen oder Genre-Regeln erfüllen. Scorseses Kino ist von diesem Anfang an auf dem Weg zur Manier, zum Überbordenden, zur schieren Virtuosität eines Könnens. In "Departed - Unter Feinden" erweist sich, dass unter diesen Vorzeichen das Remake eines Genre-Stoffs nicht gelingen kann.
Das Hongkong-Kino hat von den späten 70er bis in die frühen 90er Jahre seine Glanzzeit erlebt. Gewiss hatten die großen Regisseure dieser Epoche, von Tsui Hark (Filmografie) bis John Woo, viel von Hollywood gelernt - und nicht zuletzt von einem Meister seines Fachs wie Martin Scorsese -, sie gaben dem Action-Kino aber mehr als einen neuen Dreh. In hoch virtuosen Inszenierungen mal extrem beschleunigter, mal stark verlangsamter Bewegungs- und Gewaltchoreografien erfanden sie dem Kino eine Kinetik, die es so noch nicht gesehen hatte. Die Produktionsbedingungen waren ganz andere, als man sie aus Hollywood kennt. In den besten Filmen gelang es, mit viel weniger Geld, in viel kürzerer Zeit, mit oft sehr wenig ausgefeilten Drehbüchern die irrsten Spektakel auf die Beine zu stellen. Stimmung und Schnitt, Schusswechsel und Blutfontänen statt plausibler Plots und tief schürfender Figurenspsychologie. Während die muskelbepackten amerikanischen Action-Helden der 80er-Jahre mit dem hochgerüsteten Plattmachen von Feinden befasst waren, bewegten sich die Hongkong-Stars in filigranen Tänzen so rasant wie elegant durch lustvoll artifizielle Spiegelkabinette. Nach rund zehn Jahren aber setzte eine Erschöpfung der Mittel ein, die Übertreibungen und Wiederholungen vertrauter Muster gewannen die Oberhand. Mitte der 90er Jahre, koinzidierend mit der Rückgabe der Kronkolonie an China, wurde der Niedergang des Actionkinos aus Hongkong unübersehbar. Star-Regisseure wie John Woo und Tsui Hark gingen nach Hollywood und schufen seltsame, oft wenig überzeugende Hybride. Diesen war vor allem das eine abzulesen, dass zwischen Hongkong- und Hollywood-Action-Ästhetik Welten liegen. In ihrer Vermischung liegt kein Heil, sie bleiben einander fremd.
"Infernal Affairs" erfindet das Genre-Kino Hongkongs nicht neu. Der Film ist in seiner Ästhetik weit weniger innovativ als die besten Werke von Johnnie To ("The Mission", "PTU"), dem letzten verbliebenen Meisterregisseur der einstigen Kronkolonie. "Infernal Affairs" ist eine entschieden beruhigte Version früherer Hochfrequenzdramen, verkörpert aber doch viele der Tugenden der Hongkong-Tradition. Wie etwa eine kluge Erzählökonomie. Mit wenigen Worten und Einstellungen, in raschen Schnitten und kurzen Überblendungen, wird die Ausgangssituation etabliert. Während Scorsese erst einmal minutenlange - und angesichts seines Darstellers ja reichlich redundante - Dämonisierungsarbeit in seine Gangsterfigur steckt, mit dunklen Scherenschnitten von Jack Nicholsons Gesicht und Körper, vertrauen die Regisseure Andrew Lau und Alan Mak in einer kurzen Einführungsszene ganz der freundlich verschlagenen Rundlichkeit ihres Schauspielers Eric Tsang. Das zahlt sich aus: Ihr Gangsterboss Sam bleibt auf unheimliche Weise unberechenbar. Nicholson dagegen reiht Überdeutlichkeit an Überdeutlichkeit. Die Parallelisierungssequenzen, in denen die beiden Polizisten und ihre inverse Lage etabliert werden, ziehen rasch und knapp und ohne inszenatorischen Aufwand vorbei. Bei Scorsese dagegen ist die Kamera von Michael Ballhaus endlos damit beschäftigt, auf die Darsteller zu-, die Reihen der Polizisten entlang- und um ihre Gesichter halb herumzufahren. Das ist Bewegung im Bild, die zu nichts führt als ihrer ständigen Unterbrechung durch den Schnitt. Die aufwandlose Flüssigkeit des Originals ist ersetzt durch fortgesetzte Behauptung von Kinetik. Man könnte auch sagen: "Departed - Unter Feinden" tritt mit viel Energie auf der Stelle, während "Infernal Affairs" blitzschnell Wendung an Wendung fügt. Als Betrachter eilt man gespanntesten Sinnes jeder jüngsten Entwicklung hinterher, während man in "Departed" mehr als einmal aus dem Spannungszusammenhang gerissen wird und zurück in den Sessel plumpst, um den Dialog- und Psychokram-Einfällen des Drehbuchautors William Monahan zu lauschen.
Die deutsche Synchronisation hat ihre liebe Not, dem fortgesetzten englischen "fucking" immer neue Variationen von "verschissen" und "verfickt" abzuringen. Es klingt freilich im englischen Original schon reichlich übertrieben und bleibt fern von aller sprachlichen Alltags-Realität. Nun müssen Dialoge im Kino wie in der Literatur nicht nach Wirklichkeit klingen, um gut zu sein; das führen Fernsehserien wie "Deadwood" und "The Wire" vor, deren Dialog- und Sprachkunst alles übertrifft, was Hollywood im Moment zu bieten hat. Das Problem von "Departed - Unter Feinden" liegt denn auch nicht in der Künstlichkeit der Dialoge, sondern darin, dass Drehbuch und Regie sich einfach nicht recht entscheiden können, ob sie einen Genre-Film machen wollen oder ein realitätsnahes Psychodrama. So laufen Hardboiled- und Gangster-Klischees und gebrochene und verwundete Charaktere auf allen Ebenen des Films durcheinander. Man kann den Polizisten Dignam (Mark Wahlberg) mit seinen Fluchtiraden und bad-cop-Mätzchen lächerlich finden oder auch komisch, keinesfalls aber als Ernst zu nehmende Figur betrachten. Der Kontext, ja, der Film, in den er gehört, ist ein ganz anderer als der, in dem sich Sullivan (Matt Damon) mit Erektionsstörungen konfrontiert sieht. Abrupt setzt "Departed - Unter Feinden" von Szene zu Szene sich unterschiedliche Rahmen. Mal sind die Figuren rund, mal sind sie flach, mal ballern sie, mal schütten sie ihre Seele aus. Zwischen diese beiden bei Lichte besehen unvereinbaren Kontexte setzt der Film als Spiegelachse seine unwahrscheinlichste Figur, die Polizeipsychologin, die das Genre und das Drama ebenso miteinander vermitteln soll wie die spiegelverkehrten Doppelgänger. Drum hat sie mit beiden Sex - und nach der verqueren Logik des Films darf man wohl annehmen: Sie ist auch von beiden schwanger.
Was Martin Scorsese und William Monahan verkennen, sind die Möglichkeiten des Genre-Kinos. Statt sich, wie das Original, das sie entsprechend unterschätzen, auf das Spiel mit den Regeln, von denen Genres leben, einzulassen, ignorieren sie sie. "Infernal Affairs" lebt von der Raffinesse seiner Variationen des gänzlich Vertrauten. Seine Macher begreifen sehr zu recht den Polizisten, der ein Spitzel des Bösen ist und sich danach sehnt, trotzdem ein Guter zu sein, als den interessantesten Charakter. Um ihn herum bauen sie Situationen, in denen das Klischee dieser Figur auf dem Prüfstand steht. Es geht dabei nicht darum, die Figur als Charakter psychologisch tiefer zu legen, sondern die Erwartungen, die das Genre vorgibt, mit Finten und Abweichungen auszureizen. Als Garant der Genrehaftigkeit des Ganzen fungiert der Plot in seiner glorreichen Unwahrscheinlichkeit. Er ist hier nichts als Mittel zum Zweck und der Zweck ist die Produktion einer minutiös ausgetüftelten Spannungs- und Genremechanik. "Departed - Unter Feinden" aber will, bei Beibehaltung der Ausgangssituation, mehr als nur Mechanik. Da schlägt freilich immer wieder der Plot zurück, dessen Unwahrscheinlichkeit den angestrengten Bemühungen um Ernsthaftigkeit in den Rücken fällt. Die Figuren werden ausbuchstabiert und bleiben doch zuletzt im Klischee gefangen. Nur ist es am Ende ein ausgewalztes Klischee. Die Dialoge klingen wie Hardboiled-Literatur minderer Güte, das aber im Breitwandformat. Packend wird Scorseses Film erst im letzten Drittel, wenn er sich auf die Konfrontationslogik der Spiegelsituation besinnt, eine Figur nach der anderen aus dem Spiel nimmt und die feindlichen Lager und die Ratten im Innern des Feindes unter Hochdruck gegeneinander hetzt. Ganz zuletzt hat er dem Original eine Volte und eine Ratte hinzugefügt. Die Volte ist schmählicher Verrat an der Amoral der Vorlage. Die Ratte dagegen eine ironische Schlusspointe, die hübsch ist, aber zum Film nicht passt, dem der Sinn für die Notwendigkeit des spielerischen Umgangs mit seinem Plot über weite Strecken leider fehlt.
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