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Harry Potter und die Bücher des Schreckens
Von Rüdiger Wischenbart
17.07.2007. Wie seine Vorgänger wird wohl auch der siebte Harry-Potter-Band das meistverkaufte Buch aller Zeiten werden. Dass auch der Buchhandel an dem Geschäft verdienen wird, ist nicht ausgemacht. Hohe Einstiegskosten und die ins Internet verlagerte Aufmerksamkeit machen die Gewinnchancen so unabwägbar wie beim Roulette.
Schon als die fünfte, in die Kinos gekommene Episode "Harry Potter und der Orden des Phoenix" erschien, seufzte ein deutscher Buchhändler laut auf: "Wir werden es noch schaffen, bei diesem größten Knüller aller Zeiten Geld zu verlieren!" Er meinte, dass viele, vor allem kleinere Buchhändler, all der Millionen verkauften Bücher zum Trotz, am Ende eher Löcher in den Hosensäcken haben würden - und hatte wohl Recht.
Aber wie geht das, beim größten Geschäft seiner Zunft am Ende blank dazustehen? Ein aufs Erste vielleicht gewagt wirkender Vergleich kommt in den Sinn, nämlich mit dem Platzen der Internet-Spekulationsblase, als sich um 2001 die Geschäfte rund ums Internet Schwindel erregend hochgeschraubt hatten, jeder, der einigermaßen bei Vernunft war wusste, dass diese himmelsstürmende Kurve auch wieder jäh runter kommen musste - und doch, als der Crash dann da war, viele auf ihre Konten starrten und bestürzt die Verluste abzählten.
Damals war bald klar, dass es gewaltige Verluste, aber auch einige Gewinner gab - vor allem aber, dass all die Dinge, die irgendwie mit Medien, Information und Kommunikation, kurzum mit wichtigen Aspekten des täglichen Lebens zu tun hatten, nie mehr sein würden wie zuvor. Wir wissen aber auch, zumindest heute, dass dies nicht das Ende aller guten Dinge war.
Wenn nun, mit dem siebten Band "Harry Potter and the Deathly Hallows" (unter Liebhaber "HP7" abgekürzt) die Zauberstory erst einmal an ihr Ende kommt, wird danach alles, was mit Büchern und mit Lesen zu tun hat, nie mehr sein wie bisher. Doch das ist nicht das Ende des Lesens oder der Bücher.
An den Zillionen, die HP1-7 wert ist und einbringt, verdienen die Autorin, ihr Originalverlag Bloomsbury, viele Marketingberater, die Grossisten und noch ein paar andere Leute.
Beim Buchhändler um die Ecke ist das schon nicht mehr so sicher, denn HP7 besorgen sich dessen Kunden oft lieber gleich auf Englisch oder im Kaufhaus, und da gibt es eine scharfe Rabattschlacht, in die selbst die Großen des Handels mit knappsten Margen und immensem Werbeaufwand hineingehen müssen, so dass die möglichen Gewinne mit höchstem Risiko verbunden sind. Die hohen Einstiegskosten für irgendwelche Lizenzen im Merchandising oder für Übersetzungen produzieren eine ähnliche Balance des Schreckens zwischen Spielgewinn und Absturz wie beim Roulette.
Bei uns Lesern wird es noch komplizierter. Wir katapultieren nicht nur HP7 bei Erscheinen der englischen Ausgabe schon an die Spitze der sonst deutschsprachigen Charts - es gibt weltweit bereits 1,6 Millionen Vorbestellungen bei Amazon! Wir haben uns angewöhnt, immer häufiger auch bei weniger gängigen Büchern nach der Originalausgabe zu fragen, oder ein paar Wochen zu warten und das Buch dann aus zweiter Hand, zum halben Preis zu besorgen. Zu vielen Themen und zur Unterhaltung greifen wir oft nicht mehr zum Buch, sondern surfen im Internet, spielen ein Game oder setzen ein Alias in Second Life in die Welt.
In solch einer turbulenten Welt mit Büchern zu handeln, bringt kein leicht verdientes Brot. Dabei meinen wir irgendwie in unserem kulturellen Unterbewusstsein, Bücher stünden für kulturelle Stabilität und solides Wissen (oder wertvolle Unterhaltung) in dieser unübersichtlichen Zeit!
Der Quantensprung an Aufmerksamkeit, den HP1-7 auf sich zog, ist ähnlich wie der von Google, wenn es ums alltägliche Suchen nach Informationen geht. HP1-7 ist oft nur noch ein Symbol, für Verwertungspipelines entworfen und gebaut, die nun nach anderen Inhalten schreien.
Die Vorstellung aber, ein Verlag - Bloomsbury, oder ein andrer - wollte nun "nach dem nächsten Harry Potter suchen" ist natürlich Unfug. YouTube oder MySpace waren kein 'zweites Google?, sondern wurden von Google beziehungsweise dem konservativsten, wenngleich wachsten Gralshüter der alten Medien (TV und Zeitung!) Rupert Murdoch gekauft. Zugleich stehen YouTube und MySpace für den radikalen Wandel, wie wir heute Medien nutzen, aber auch dafür, wie launisch und schwer berechenbar wir als Publikum heute sind. Kein Zufall, dass der britische Guardian, in Europa die Zeitung mit den wohl besten Medienseiten, unlängst Google Chef Eric Schmidt zur wichtigsten "Medienpersönlichkeit" des Jahres gekürt hat, und knapp dahinter Rupert Murdoch.
Die Globalisierung plus Digitalisierung befördert jedoch, neben den Blockbustern a la HP1-7, auch die Allzugänglichkeit und eine neue, flexible Neugierde von vielen unter uns, die wir vielleicht mehr lesen als je zuvor, jedoch, bunt gemischt Mangas, Fred Vargas und Daniel Kehlmann oder den neuen Jachym Topol, a la carte, durcheinander und unkalkulierbar.
Wenn HP1-7 so viel Aufmerksamkeit und Platz beansprucht, und auch noch, von Games bis Wellness, so viele andere Angebote unsere Berufs- wie Freizeitaufmerksamkeit ködern, bleibt für 'den Rest' immer weniger Platz und ein immer knapperes Kundenbudget. Aber das ist nicht das Ende, sondern mehr noch ein Neubeginn
Als der britische Verlag Bloomsbury vor rund 11 Jahren das zuvor von zahlreichen Verlagen abgelehnte Manuskript von JK Rowling - mit sehr moderaten Erfolgserwartungen - annahm, bewarb sich ein kleiner Verlag aus Vancouver namens Raincoast um die (Vertriebs-) Rechte für Kanada und orderte erst einmal 400 Exemplare.
Bislang wurden rund 10 Millionen HP Bücher allein in Kanada verkauft - und Raincoast wuchs erfreulich. Nach dem "neuen Harry Potter" sucht Raincoast Marketingchef Jamie Broadhurst allerdings nicht. Stattdessen baute er das Vertriebsnetz des anfangs sehr kleinen Unternehmens im flächenmäßig unendlich großen, dünn besiedelten Kanada kräftig aus. Heute, erzählt Broadhurst stolz, könne man von Vancouver an der Pazifikküste Bücher oft schneller nach Toronto im Osten liefern als mancher dort ansässige Konkurrent.
Raincoast rückte radikal an sein Publikum heran. Keine Story könnte deshalb besser illustrieren, wie nahe mittlerweile die schwierigen Vorlieben des Internet-Publikums auch dort gelten, wo, ganz traditionell, eine Seite nach der anderen umgeblättert wird. Nichts ist mehr, wie es einmal war.
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