Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 10.24 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Mord und Ratschlag

Der Wolkenschaufler

Die Krimikolumne. Von Ekkehard Knörer

29.03.2007. Auch in ihrem neuen Roman "Die dritte Jungfrau" beweist Fred Vargas eine unbedingte Liebe zu allem, was neben der Spur ist: Kommissar Adamsberg ermittelt in Sachen Unsterblichkeit.

Zwei Leichen tauchen auf, es scheint ein klarer Fall - und zwar fürs Drogendezernat, nicht für die Mordkommission. Kommissar Adamsberg aber spürt gleich, dass etwas nicht stimmt mit den Toten. Und wo Adamsberg etwas spürt, da muss man ihm weder mit Augenschein noch mit Logik kommen. Umgekehrt gilt: Wo die Logik nicht weiterhilft, da kommt Adamsberg erst richtig in Fahrt. Dieser doppelte Sachverhalt, die Logikferne Adamsberg, die Adamsbergferne der Logik, macht das Beschreiben der Handlungen und Plots von Fred Vargas' Romanen immer ein wenig schwierig. Sie klingen nämlich, nacherzählt, manifest absurd. So geht es in "Die dritte Jungfrau" um Knöchelchen an seltsamen Stellen von Tierkörpern (Schweinerüssel, Katerpenis, Hirschherz), um ein Unsterblichkeitselixier und, das ist noch das Normalste, um dissoziierte Persönlichkeiten, bei denen die eine Hälfte nicht weiß, was die andere tut.

Zusammen bringen all diese Ingredienzen wie immer nur die ums Entlegene nicht verlegene Fantasie der Autorin und die "wolkenschaufelnde" Intuition des Kommissars, dessen Verhalten oft mehr von Eigensinn als Realitätstüchtigkeit zeugt; oder etwas komplizierter: dessen Eigensinn so enorm ist - und oft genug auch enorm enervierend -, dass die Realität sich ein ums andere Mal mit einem resignierenden Seufzer beugt. Fast scheint es manchmal, als bringe nicht Adamsberg, wie es des Detektivs ehrwürdige Aufgabe ist, rekonstruierend die Zeichen und Spuren mit der Wirklichkeit zur Deckung - vielmehr kann einem scheinen, er bedränge die Realität so lange mit seinen weit hergeholten Einfällen, bis das Reale der Idee sich fügt. So viel ist auf jeden Fall an einer solchen Vermutung richtig, dass Fred Vargas unbedingt das Absurde dem Wahrscheinlichen, das Hergeholte dem Naheliegenden und das Fantastische dem Banalen vorzieht. Das ist ihr Programm und Figur für Figur macht sie klar, dass sie es mit ihrer unbedingten Liebe zu allem, was neben der Spur ist, sehr Ernst meint.

Was nicht heißen soll, dass sie es ihren Figuren, Adamsberg zu allererst, jemals leicht macht. Der Kommissar bekommt es diesmal gleich mit mehreren Gegnern zu tun. Der härteste von ihnen scheint der neue Kollege Veyrenc, mit dem ihn sofort ein in der Vergangenheit begründetes, in der Gegenwart freilich sofort genauso viel Anlass findendes Konkurrenz-Verhältnis verbindet. Sogar die ihm sonst fast blind ergebene skurrile Schar seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter droht, zum seltsam attraktiven neuen Mann überzulaufen, dessen hervorstechende Eigenart die Spontanverfertigung von nicht perfekten, aber ganz ordentlichen Versen ist; sowas wie ein Tourette-Syndrom für gehobene Schichten.

Ihren einstigen Brotberuf, die Archäologie, hat Fred Vargas, wie zu lesen ist, angesichts ihres erstaunlichen Erfolgs als Kriminalromanautorin erst einmal ruhen lassen. Dafür sind Grabungen in "Die dritte Jungfrau" umso präsenter. Was jemand nämlich in Gräbern bei Unfällen ums Leben gekommener Jungfrauen zu suchen haben könnte, bleibt lange das bestimmende Rätsel des Romans. Die archäologischen Ergebnisse führen auf direktem Weg freilich nicht zur Antwort. Also muss erst ein geheimnisvolles Buch ins Spiel kommen, in dem vom erwähnten Unsterblichkeitselixier die Rede ist. Natürlich ist, wer daran buchstäblich glaubt, manifest verrückt - und mordsgefährlich. So droht Adamsberg gar seine geliebte Kollegin Retancourt zu verlieren und muss seine ganze Hoffnung auf die apathische Revierkatze mit dem sprechenden Namen Kugel setzen, die dann aber eindrucksvoll zeigt, was in ihr steckt. Überhaupt geht es bei Fred Vargas genau darum ja eigentlich immer: Menschen (und Tier), die auf den ersten Blick nicht viel hermachen, erweisen sich als Helden des Geistes und der Tat. Oder, das ist die Kehrseite, auch andersherum: Die attraktivsten Figuren begehen die schrecklichsten Taten.


***

Stets an den Rändern der Gesetze und Konventionen der Kriminal- und Genreliteratur bewegt sich der Argentinier Pablo de Santis. So steht bei seinen vertrackten Denk-Rätsel-Ideen-Romanen der große Jorge Luis Borges mindestens ebenso Pate wie die englischen Klassikerinnen und Klassiker des Mystery-Genres. Dies gilt auch für "Die sechste Laterne", sein jüngstes Werk (hier eine Leseprobe). Auf den ersten Blick wird hier, mehr oder weniger chronologisch, die Geschichte eines Lebens erzählt, nämlich die des in Italien geborenen Silvio Balestri, der im Jahr 1914 in die USA - genauer: nach Brooklyn, New York - auswandert und dort eine Karriere als Architekt macht. Oder gerade nicht. Denn zwar wird er in eine der angesehensten Architekturfirmen New Yorks aufgenommen, zuständig für den gerade in schwindelerregender Weise einsetzenden Wolkenkratzerbau in Manhattan. Zwar arbeitet er sich vom Kellergeschoss - in dem die Kellergeschosse entworfen werden - immer weiter nach oben, wird sogar einer der drei Teilhaber des florierenden Unternehmens. Sein ganzer Ehrgeiz gilt jedoch dem Bau eines beinahe unermesslichen Turms, nach dem Vorbild des Turms zu Babel, im Roman meist beim mesopotamischen Namen "Zikkurat" genannt. Diesem Werk der Hybris widmet er Tage und Nächte; er verliert seine Frau, ohne dass es ihn sonderlich bekümmerte; er verfasst theoretische Schriften zur Architektur und ihrem vielfachen Sinn und gerät in Konflikt nicht nur mit den vor allem mit dem Niederreißen (in Gedanken) beschäftigten Futuristen, sondern auch mit allen funktionalistisch orientierten Vertretern der Baumoderne. So erhebt auch der geheimnisvolle Club der sechsten Laterne scharfen Einspruch gegen den neuen Zikkurat, und zwar im Namen der Bedeutungslosigkeit der Architektur.

Mit Bedeutungen spielt, wie sein Protagonist, auch Pablo de Santis. In hundert kurze und kürzeste Abschnitte zerfällt das Buch, in fast ebeno viele kleine und große Ideen und ihre Wendungen zerteilt de Santis das Leben und in der Praxis so erfolglose Wirken Silvio Balestris. "Die sechste Laterne" ist ein Buch wundersamer Erfindungen, von einem im Süden Manhattans gelegenen Museum der ungebauten Entwürfe bis zum Auftritt einer jungen Frau, die das Offene nicht erträgt und darum im aus unabsehbaren Innenflächen bestehenden Zikkurat ihr neues Zuhause erkennt. Noch ins beinahe Belanglose kerbt De Santis seine Bedeutungssuggestionen: So verschwindet etwa die lange namenlose Katze des Helden auf Nimmerwiedersehen, sobald sie auf den Namen "Zikkurat" getauft wird. Ideen, Figuren, Katzen, alles liegt bei De Santis auf ein- und derselben Ebene und zwischen allem zirkulieren Namen und Schicksale, ohne aber je auf den einen Sinn hinauszulaufen. Anders als sein Held zielt der Autor nämlich nie auf eine maßlose Gesamtbedeutung. Er baut weder an einem Wolkenkratzer noch an einem Turm zu Babel. Viel eher arbeitet er die großen Ideen klein. Schweifende intellektuelle Fantasie verbindet er mit Lakonie im Ausdruck. Kurz poliert er die einzelnen Gedanken bis sie funkeln. Zur Allegorie oder dem, was man tiefere Bedeutung nennen könnte, zieht es ihn nicht. "Die sechste Laterne" ist wie all seine Romane zuvor ein glitzernder Steinbruch abendländischer Ideengeschichte, fern aller - auch der magischen - Realismen. Der Leser muss seine eigenen Schlüsse ziehen - wenn er denn will. Oder er genießt Pablo de Santis' Kunststücke, die im Verstand perlen wie Champagner extra brut am Gaumen.


Fred Vargas
: "Die dritte Jungfrau". Roman. Aus dem Französischen von Julia Schoch. Aufbau Verlag, Berlin 2007, 474 Seiten, gebunden, 19,95 Euro (Bestellen)

Pablo de Santis: "Die sechste Laterne". Roman. Auzs dem Spanischen von Claudia Wuttke. Unionsverlag, Zürich 2006, 256 Seiten, gebunden, 19,90 Euro
(Bestellen)

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

Archiv: Mord und Ratschlag

Erde im Blut

17.01.2012. In Parker Bilals "Die dunklen Straßen von Kairo" kämpft Privatdetektiv Makana für Aufklärung und bringt damit Magnaten und Sittenwächter gegen sich auf. In "Der achte Zwerg" lässt Ross Thomas einen Nazijäger durch das Deutschland im Jahre Null jagen. Mehr lesen

Hier ist alles Intelligenz

05.12.2011. In "Müllers Morde" setzt Monika Geier einen lebensuntüchtigen Historiker auf die Spur eines aus dem Ruder gelaufenen Hackers. Richard Stark lässt in "Verbrechen ist Vertrauenssache" ausschließlich professionelle Kräfte walten.
Mehr lesen

Kunst in Schwarzweiß

17.10.2011. Vom Lieben und Sterben in Padua singt Massimo Carlotto in seiner düsteren Mörderballade "Banditenliebe". In Dominique Manottis Politkrimi "Einschlägig bekannt" errichtet die Polizei in der Pariser Banlieue ein Besatzungsregime. Mehr lesen

Luxus und Kunst für jedermann

17.08.2011. Didier Daeninckx erklärt in seinem Historienkrimi "Tod auf Bewährung", für welche Verbrechen man sich einen Orden an die Brust heften darf. Uli Hufen erzählt in "Das Regime und die Dandys" von Odessa-Mama und seinen Gaunerchansons. Mehr lesen

Akte der Liebe

30.06.2011. "Manhattan Karma" eröffnet Walter Mosley neue Serie um den schwarzen Privatdetektiv und Ex-Boxer Leonid McGill, der rechtschaffen werden will, bloß nicht im Sinne des Gesetzes. In Patrick Pecherots Krimimärchen "Belleville - Barcelona" bilden Nestor Burma und Andre Breton eine surrealistische Waffenschmuggelfront für die spanische Republik. Mehr lesen

Darf ein Esel zum Pferderennen?

18.05.2011. In seinem großartigen Thriller "Wahrheit" zeigt Peter Temple, mit welcher Geschmeidigkeit das Geld sich die Politik kauft, und Medien und Polizei gleich mit. In John Harveys Krimi "Das Fleisch ist schwach" untersucht der melancholische Inspector Charlie Resnick noch einmal soziale Grundsatzfragen. Mehr lesen

Er kämpfte fair. Ich nicht.

30.03.2011. In Stuart Nevilles Nordirland-Thriller verlieren sich alte IRA-Kämpfer zwischen Terror und Politik, Wahnsinn und Vernunft, Alkohol und Drogengeschäft. In Ken Bruens "London Boulevard" verliert ein ausgekochter Profigangster gegen eine alternde Diva und ihren ungarischen Butler. Mehr lesen

Wer öffnet heute noch nackt die Tür?

17.01.2011. Thomas Willmann zeigt in seinem Alpenwestern "Das finstere Tal", dass man einen Kampf nicht aufgeben darf, bevor er begonnen hat. Ross Thomas führt mit seinem Thriller "Der Yellow-Dog-Kontrakt" hinab in die höchsten Kreise des Wahlkampfmanagements. Mehr lesen

La Muerte, Die Knochige, Die Magere

25.11.2010. Seine Hauptfiguren sind zwar etwas grob geschnitzt, aber in der Schilderung des mexikanischen Drogenkriegs ist Don Winslows Thriller "Tage der Toten" präziser und wahrhaftiger als eine ganze Jahresproduktion deutscher Regionalkrimis. Mehr lesen

Literat und Leser

18.10.2010. Silvina Ocampos und Adolfo Bioy Casares' Krimi "Hass der Liebenden" dekliniert die verschiedensten Arten des Giftmords durch. Guillermo Orsi liefert mt "Im Morgengrauen" einen aktuellen Politthriller, der wirr genug ist, dass man seinen Staatsstreich selbst planen muss.
Mehr lesen

Die Farbe von Kopfweh

26.08.2010. Louise Welsh zeichnet in ihrem Krimi "Das Alphabet der Knochen" ein wenig charmantes Bild vom Universitätskader. Selbst Kindermörder sehen besser aus. Jedediah Berry pflanzt uns das "Handbuch der Detektive" ins Unterbewusstsein. Mehr lesen

Wie man eine Lerchenpastete backt

08.07.2010. Dominique Manottis Wirtschaftsthriller "Letzte Schicht" verarbeitet in bester Costa-Gavras-Manier die Affäre um die Privatisierung des französischen Riesenkonzerns Thomson. In Domingo Villars Krimi "Strand der Ertrunkenen" ermittelt ein empfindsamer galicischer Inspektor gegen den Geist eines alten Kapitäns. Mehr lesen

Siegelringzellen-Krebs

12.05.2010. In seinem grandiosen Noir-Krimi "Der sichere Tod" lässt  Adrian McKinty einen Kleingangster, der Yeats, Koestler und die Frankfurter Schule zitiert, gegen seinen eifersüchtigen Boss antreten. In Josh Bazells Krimi-Comedy "Schneller als der Tod" nimmt es ein ehemaliger Profi-Killer mit der Mafia und dem amerikanischen Gesundheitssystem zugleich auf. Mehr lesen

Gehobene Koks-Klasse

07.04.2010. Eigentlich wollte Roxanne Palmer nur ihren miesen Mann loswerden. Leider tritt sie mit ihrem kleinen Mord auch einigen Gangsterbossen auf die Füße und deshalb einen veritablen Bandenkrieg in Kapstadt los. Zwischen die Fronten geraten in Roger Smith' Thriller "Blutiges Erwachen" außerdem Huren, Tik-Junkies, Zulu-Zauberer und Kannibalen. Mehr lesen

Emotional labiler Federfetisch

19.01.2010. Wäre Inspektor Jensen nicht von einem Feticheur mit einem Fluch belegt worden, dann wäre er nicht nach Island gefahren, nicht von einer Fremden im Bett gebissen worden und würde nicht von einem Psychopathen verfolgt. Dies alles und noch etwas Quantenphysik findet man in Linus Reichlins "Assistent der Sterne". Jochen Schmidt präsentiert mit "Gangster, Opfer, Detektive" eine 1.100 Seiten starke Typengeschichte des Kriminalromans. Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Mord und Ratschlag