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Kultur, Globalisierung und Vielfalt
Ein kurzer Führer durch die Wirklichkeit von Büchern und Übersetzungen zum Inkrafttreten der Unesco Konvention zur kulturellen Vielfalt. Von Rüdiger Wischenbart
16.03.2007. Von Globalisierung oder einer unaufhaltsam wachsenden Dominanz des Englischen kann auf den Buchmärkten keine Rede sein. Die Zahl der Übersetzungen hat in den vergangenen zehn Jahren rapide abgenommen. Anmerkungen zur Unesco-Konvention zur kulturellen Vielfalt, die am Montag in Kraft tritt.
Die Zahl der Übersetzungen von Büchern aus dem Englischen hat sich innerhalb eines Jahrzehnts halbiert. Während 1995 noch 7815 Titel (von rund 80.000 Neuerscheinungen gesamt) ins Deutsche übersetzt worden sind, waren es 2005 nur noch 3.691. Dabei wird in Deutschland mehr übersetzt als in den meisten anderen Ländern.
Diese erstaunliche Zahl, vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels veröffentlicht, doch kaum beachtet wurde, steht im krassen Gegensatz zu allen Debatten über die wachsende Dominanz der angelsächsischen Kultur. Die These von der "Homogenisierung" der Kulturen wird durch solche und ähnliche Fakten erst einmal ad absurdum geführt. Je genauer man hinsieht, desto verwirrender wird es.
Natürlich stimmt es, dass in der Summe heute zwischen 50 und 60 Prozent aller Übersetzungen von englischen Originalen stammen. In kleinen Märkten liegt der Anteil noch höher. Ausgerechnet im anti-amerikanischen Serbien sind es, nach Zählung eines dortigen Buchhändlers, auf der Basis von Zahlen der Nationalbibliothek, sogar 70 Prozent. Umgekehrt gehen nur magere 3 bis 6 Prozent aller weltweit veröffentlichten Buchübersetzungen zurück ins Englische. Aber dies zeigt gerade, wie stark, neben der verbindenden Kraft des Englischen, umgekehrt die entgegen gesetzten Zentrifugalkräfte, die Lokalisierungen und Fragmentierungen sind.
Die britische Tageszeitung The Guardian schrieb unlängst: "Was die Menschen in Regionen wie dem Balkan denken, bleibt oft genug ein Geheimnis. Britische Autoren reisen durch diese Gegenden und erzählen britischen Lesern, was von diesen Regionen zu halten ist, und die einheimische Bevölkerung liefert dazu gerade einmal Wortspenden."
Noch viel drastischere Beispiele lassen sich aus der arabisch-muslimischen Welt finden. Hier geht es nicht einmal mehr um Geheimnisse, sondern um scheinbar verbotene Zonen mit unzugänglichem Wissen. Kaum ein (insbesondere literarisches) Buch wird, ungeachtet der globalen Konfliktstrukturen, aus dem Arabischen übersetzt, schon gar nicht ins Englische. Und als ich mich nur einen Monat nach den Anschlägen vom 11. September 2001, auf der Frankfurter Buchmesse bei den arabischen Verlagsständen umsah, musste ich zu meiner Überraschung bemerken, dass die Gänge leer waren und sich so gut wie niemand für deren Bücher zu interessieren schien.
Arbeitet man sich durch eine größere Anzahl von internationalen Statistiken zum Thema Übersetzungen, Lesepräferenzen, Bestseller und Buchexporte - um also die Buchmärkte in ihren grenzüberschreitenden Vernetzungen zu verstehen -, so gelangt man zu einer sehr nüchternen Einsicht: Übersetzungen folgen keinen kulturellen Idealen und sind auch so gut wie nie ein Dialog auf gleicher Augenhöhe. Vielmehr folgen sie den Strukturen der Macht. Sie vermitteln das Bild einer Kaskade, wo deutlich aus stärker vertretenen Sprachen in gewissermaßen nachgereihte übersetzt wird. So wurden Polnisch und Chinesisch im vergangenen Jahrzehnt zu den stärksten Zielsprachen für Übersetzungen aus dem Deutschen, während umgekehrt nur ganz vereinzelt aus diesen Sprachen ins Deutsche übersetzt wird.
All die heroischen Bemühungen nach dem Zweiten Weltkrieg, die verfeindeten Nachbarn Frankreich und Deutschland auch mittels Büchern einander näher zu bringen finden in den Buchmärkten von heute kaum noch einen Niederschlag. 2005 stammten gerade noch 9,4 Prozent aller Übersetzungen ins Deutsche von französischen Originalen - das ist weniger als die Zahl der insgesamt in diesem Jahr ins Deutsche übersetzten Kinderbücher. Dennoch liegt Französisch damit immer noch an der zweiten Stelle, vor Italienisch mit 2,7 Prozent, Holländisch mit 2,5 Prozent, oder Spanisch mit 2,3 Prozent.
Auch in Frankreich sieht es nicht viel anders aus, mit 58 Prozent Übersetzungen aus dem Englischen gegenüber 7,2 Prozent aus dem Deutschen und mageren 0,2 Prozent aus dem Polnischen (nach Zahlen von Livres Hebdo).
Viel drastischer ist die Situation für kleinere Sprachen und Märkte. Zwischen Nachbarländern wie Polen, Tschechien oder Ungarn machen die Übersetzungen wechselweise jeweils gerade einmal ein bis zwei Prozent aus, was zeigt, dass solche Nachbarn kulturell kaum noch über Bücher miteinander kommunizieren.
Nicht einmal das kulturell interessierte Publikum nimmt davon freilich Notiz. Übersetzungen werden höchstens zum Thema, wenn wie zurzeit in Deutschland über die Kosten gestritten wird. Über mehrere Jahre zieht sich nun schon der medial wie gerichtlich ausgetragene Streit zwischen der Übersetzerin Karin Krieger und dem Piper Verlag über den Überraschungserfolg von Alessandro Bariccos "Seide". Die Übersetzerin wollte am Erfolg prozentuell beteiligt werden, was der Verlag ablehnte. Übersetzer rechnen vor, dass sie oft nicht mehr als 1.000 Euro im Monat aus ihrer anspruchsvollen Tätigkeit verdienen können. Verlage halten dem entgegen, dass noch höhere Kosten die Zahl der Übersetzungen noch weiter drücken würde.
Es ist ein absurder Kampf, der hier von den falschen Parteien ausgefochten wird. Übersetzer und - überwiegend kleine bis mittelgroße - Verlage sind jene beiden Akteure, die ohnedies schon das jeweils größte Risiko tragen, ohne in den meisten Fällen eine realistische Aussicht auf wirtschaftliche Belohnung für ihr Engagement zu haben. Nun wo ihr Terrain am Buchmarkt insgesamt zunehmend beschnitten wird, kann keine Seite gewinnen, denn kulturelle Vielfalt kann nicht zwischen den beiden schwächsten Gliedern durchgesetzt werden.
Tatsächlich ist das kulturelle Umfeld im vergangenen Jahrzehnt - also seit die Übersetzungen von Büchern so spürbar unter Druck geraten sind - durch das Internet insgesamt nicht nur globaler, sondern auch ganz selbstverständlich vielsprachig geworden. Ein offenes Lexikon wie Wikipedia ist mit hunderttausenden Einträgen in Deutsch ebenso wie in Polnisch oder Japanisch das beste Beispiel.
Vorangetrieben wurde diese sprachliche Öffnung jedoch nicht von Firmen und Organisationen, die auf Inhalte spezialisiert sind - wie etwa Verlage -, sondern von jenen, die sich gezielt am Publikum, an den Usern orientieren, wie Google, Amazon oder eBay.
Das Problem ist wohl weniger, dass Übersetzungen oder übersetzte Bücher zu teuer sind, sondern dass sie das unter den neuen Bedingungen zerstreute Publikum nicht erreichen.
Dass es solch ein Lesepublikum gibt, ist ein Fakt. Darauf deuten internationale Bestsellerlisten hin, auf denen neben den Harry Potters und Dan Browns eine Vielfalt von lokalen Erfolgsbüchern zu finden sind, oder der Erfolg von unabhängigen Musiclabels oder Filmfestivals mit Werken aus aller Welt - oder auch von Internetseiten wie Words Without Borders. Nur wird auch das Buchpublikum bald selbstverständlich erwarten, Bücher so einfach und von überall her einsehen und beziehen zu können wie digital aufbereitete Kultur.
Die spektakulären Geschichten der wenigen globalen Bestseller verstellen oft den Blick dafür, dass der ungehinderte Austausch bei Büchern zunehmend eingeschränkt ist. Dabei geht ein zentrales Element der Buchkultur verloren, ihre über Jahrhunderte gewachsene Universalität und Vielfalt. Ein Stellungskrieg zwischen Verlagen und Übersetzern bringt nicht die Lösung für einen Handel mit Rechten und Lizenzen für Übersetzungen, der allein diese Vielfalt nicht mehr aufrecht zu erhalten vermag. Vermutlich muss man sich eingestehen, dass es für Übersetzungen zur Zeit gewiss viele lohnende Bücher und auch ein - wenngleich fragmentiertes - Lesepublikum, jedoch kein ausreichendes wirtschaftliches Modell gibt, so dass diese Vielfalt bei Übersetzungen allein marktwirtschaftlich nicht zu gewährleisten ist.
Das bedeutet, auf absehbare Zeit zumindest, gewiss nicht das Ende für Bücher und Übersetzungen, aber die Notwendigkeit, sich neue, grundlegend innovative Gedanken zu machen, wie ihr Zusammenspiel besser funktionieren kann.
Rüdiger Wischenbart
Eine ausführlichere Fassung dieses Essays, mit zusätzlichen Daten und Quellen, findet sich unter www.wischenbart.com: "A Global Culture and its Bottleneck"
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