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Virtualienmarkt
Der globalisierte Buchmarkt
Von Rüdiger Wischenbart
09.05.2006. Die Frankfurter Buchmesse eröffnet eine Konkurrenzmesse zur London Book Fair. In Serbien kommen 75 Prozent aller Übersetzungen aus dem Englischen. Und in der osteuropäischen Literaturszene entsteht eine Open-Source-Bewegung nach den Regeln der "Creative Commons": Globalisierung im Buchmarkt.
Das Tolle an Büchern und Buchmachern ist, wie beharrlich und stur beide sind. Vorige Woche, am Eröffnungstag der Buchmesse in Prag, konnte man das wieder einmal spüren, an den Lippen von Christopher Maclehose hängend, der seit mehr als 20 Jahren für Harvill in England Bücher macht und dabei, mehr als irgend jemand sonst im "unglaublich langsamen und engstirnigen britischen Verlagswesen" (Maclehose), sich um Übersetzungen und damit um Autoren anderer Sprachen als dem Englischen kümmert. Und er macht dies sehr selbstbewusst, erfolgreich und ganz ohne kulturpessimistisches Zucken. Sein Verlag, Harvill, gehört zum weltweit siebtgrößten Buchverlag, Random House, der immerhin knapp zehn Prozent Umsatz zur Mediengruppe Bertelsmann beisteuert.
Man hing natürlich auch an seinen Lippen, weil er aufs Vollkommenste die Lippen beim Reden, in guter britischer Manier, nur so wenig wie irgend möglich bewegte, während er von jenem großartigen Übersetzer schwärmte, der einst eine Übersetzung von "Doktor Schiwago" abgelehnt hatte, weil der Roman, im Vergleich mit Pasternaks Gedichten, ein schlapper Abklatsch sei. Und als dieser Übersetzer, Jahrzehnte später, angesprochen wurde auf eine Neuübersetzung - des Schiwago, nicht der Gedichte - überlegte er kurz, um auf die genialste Übersetzung aus dem Russischen zu verweisen, die er kannte - nicht ins Englische, sondern ins Walisische. Wer aber kann, ehrlich, behaupten, Übersetzungen aus dem Russischen ins Englische, Deutsche, Spanische, was auch immer (plus ins Walisische) auf deren poetische Wahrhaftigkeit hin beurteilen zu können.
Nicht einmal Klaus Wagenbach, dem dieser Tage eine Ausstellung in Wien, an der Stadt- und Landesbibliothek, gewidmet ist. Wagenbach glänzt dabei mit der Schnurre, dass bei ihm bis heute nur Bücher ins Programm kämen, die alle in seinem Lektorat auch im Original gelesen hätten - was den Gesichtskreis bedauerlicherweise auf englische, französische, spanische und italienische Originale einschränke (und nur ein Schelm würde anmerken, dass all diese Sprachregionen, abgesehen von England, auch guten Rotwein hervorbringen - aber Australien, Neuseeland und schlimmstenfalls die USA könnten selbst diesen Regelbruch wettmachen).
Der Buchmarkt formt sich, selbst in globalen Zeiten, nur in kleinen Schritten: Jeweils ein Buch, ein Autor und, gewiss nicht oft genug, ein Übersetzer (oder eine Weinregion) auf einmal. Das lässt sich nicht beschleunigen, und genau darin ruht auch ein gutes Stück der Kraft für die Renitenz, die Bücher ausmacht.
Das Überraschende an dem halböffentlichen Gespräch zwischen Buchmachern aus West- und Osteuropa am Eröffnungstag der Prager Buchmesse - das zu moderieren ich das Vergnügen hatte - war jedoch die Erkenntnis, wie selbstverständlich vor unseren Augen diese schöne Welt der Bücher auseinander fällt. Vergebens sucht man auch nur nach einer Geschichte - oder einer fortlaufenden Chronik - dieser Veränderungen.
In Prag erzählte etwa Janek Sowa von Ha!Art (und ich weiß nicht recht, ob ich ihn Buchmacher nennen soll) über verschiedenste Experimente in Polen, den aus der Software Entwicklung gut eingeführten Gedanken der Open-Source-Kooperation vieler Urheber auf Bücher und deren Übersetzung zu übertragen. Warum, fragt er, sollte man nicht wie im Lexikon Wikipedia, eine offene Plattform für Übersetzungen von Literatur und Büchern schaffen! Eben habe sein Verlag erste Anthologien verlegt, deren Beiträge nicht nach herkömmlichem Urheberrecht geschützt sind, sondern nach den Prinzipien der "Creative Commons", die jedem einzelnen Autor freistellen, die Spielregeln für Nachdrucke selbst zu definieren.
Das könnte als Spielerei einiger marginaler Weltverbesserer durchgehen, hätte nicht Yana Genova eingehakt, die sich seit rund einem Jahrzehnt für die Soros-Stiftungen mit Buchmachern in Ost- und Südosteuropa und neuerdings auch im arabischen Raum beschäftigt.
Für die Mehrzahl der Verlage in Ost- und Südosteuropa, wenigstens für jene außerhalb der Europäischen Union, sei die Teilnahme am professionellen internationalen Buchmarkt nie eine reale Option gewesen, resümiert sie. Die anfangs noch gehegte Hoffnung, nach einigen Professionalisierungsschritten ein paar lokale (nationale) Autoren international zu platzieren und darüber auf die "europäische Landkarte" zu kommen, ging nicht auf. Stattdessen bleibt die Einbahnstraße, Lizenzen der neuesten internationalen Bestseller einzukaufen, gegen teures Devisen-Cash.
Es sei, so Yana Genova, pragmatisch notwendig für diese Buchmacher, sich Gedanken zu machen über Alternativen zum traditionellen Verlagsmarkt, in dem ein Autor einen Verleger hat, der sich nebenher auch müht, den Autor auch international zu vermitteln. Internationale Verlage haben zudem auch kaum noch Grund, sich mit lokalen Buchmachern zusammenzutun. Stattdessen versuchen sie die neuen internationalen Talente direkt anzusprechen - oder über Agenturen. Ob jemand aus Mazedonien sei, oder aus Kerala, ist einerlei. Es ist ein internationaler Markt der Talente. Die Kehrseite ist dabei natürlich, dass dies für Talente aus Mazedonien (oder woher auch immer) nur ein schwacher Trost sein kann - wenn sie grade nicht ihren Weg gefunden haben.
Ich bin bislang bei Übersetzungen von der - auf Unesco-Daten basierenden - Faustregel ausgegangen, dass rund die Hälfte aller Übersetzungen weltweit aus dem Englischen stammt, dass mit Deutsch und Französisch ein weiteres Viertel abgedeckt wird, so dass für alle weiteren Sprachen noch ein Viertel verbleibt.
Ein Kollege aus Serbien sprach nun, auf der Basis offenbar recht solider Erhebungen, von rund 75 Prozent Übersetzungen aus dem Englischen für sein Land. Ohrenzeugen aus anderen kleinen Sprachen und Ländern teilten seinen Befund. Die Zahl der Übersetzungen, etwa zwischen den verschiedenen slawischen Sprachen (denen in Prag ein eigenes Podium gewidmet war), lässt sich meist besser an einer Hand abzählen als sie in Prozentzahlen zu berechnen.
Die Konsequenz ist deutlich: Das Buch als Medium für den sprach- und grenzüberschreitenden Gedankenaustausch funktioniert nicht mehr.
Wahr ist allerdings auch, dass dieser Befund nur mit argen Verrenkungen der Dominanz der US-amerikanischen Kultur zuzuschieben ist. Denn, wie schon im Virtualienmarkt unlängst vermerkt: Die globale Vormacht in Sachen Buchmarkt ist Europa.
Die Verlage aus dem alten Europa - noch vor der Ost-Erweiterung - setzten rund 26 Milliarden Euro um. Dem stehen nicht einmal 20 Milliarden Euro Umsatz durch die US-Buch-Verlage gegenüber. Und dies berücksichtigt noch nicht einmal den starken Anteil europäischer Verlage am US-Buchmarkt. Klare Zahlen gibt es dazu nicht. Aber selbst vorsichtige Schätzungen gehen dahin, dass rund 15 Prozent der Buchumsätze in den USA von europäischen Verlagshäusern ausgehen, und diese Zahl ist für den Bereich Belletristik und allgemeines Sachbuch wohl noch kräftig nach oben zu korrigieren.
Es gibt auch symbolische Akzente, die in die gleiche Richtung deuten. Vorigen Freitag kündigte die Frankfurter Buchmesse an, ab 2007 im Frühjahr eine eigene Messe in London auszurichten. Eine Frühjahrsmesse in London gibt es für das internationale Rechte- und Lizenzgeschäft bereits, seit mehreren Jahren mit guten Zuwächsen an Ausstellern, und ihr Erfolg am Buchmarkt gilt als gutes Indiz für die zunehmende Globalisierung im Buchgeschäft.
Die bisherige Koexistenz zwischen Frankfurt und London soll nun durch Wettbewerb abgelöst werden, und Frankfurts Direktor Jürgen Boos sagte gegenüber dem Virtualienmarkt noch am Freitag in einer großartigen Kombination aus Zuversicht und "Finger auf die Wunde des Problems legen": "Wir machen das aus eigener Kraft", weil man dies könne, "ohne gleich auf die Profitmargen schauen zu müssen", weil man glaube, es besser zu können als die internationalen Konzerne (denen auch die London Book Fair angehört), und weil man, so die Presseaussendung, in allen internationalen Märkten selbst dabei sein wolle. Kurzum, ein starkes Zeichen europäischer, gar deutscher Zuversicht auf einem zumindest symbolisch starken Schlüsselmarkt.
Wir Beobachter von den Seiten aber wundern uns, eben aus Prag zurück gekehrt, wie da einer schnell und langsam zugleich sein will.
Janek Sowa aus Polen, oder Yana Genova aus Bulgarien haben gelernt, wie das Spielfeld längst in Teile zerrissen ist, und sehen zu, wie sie ihren Schnipsel mit ihren Communities in Einklang kriegen können. Sie wissen für sich, dass das größere Tischtuch zerrissen ist.
Zwei Fragen - aus den vielen, die man sich nun stellen möchte - bleiben besonders akut:
Zu den spannendsten Momenten seiner Laufbahn als Buchmacher, erzählte Christopher Maclehose in Prag, gehörte es, wenn möglichst viele Autoren und Verleger irgendwo irgendwie in einem Raum zusammenkamen, immer wieder verbunden mit den Worten, dass man die Anwesenheit dieses oder jenes anderen Menschen nicht ertrage. Oder anders gesagt, als wir zur 50. Frankfurter Buchmesse lange nachdachten, worum es bei der Frankfurter Buchmesse eigentlich ging, kamen wir nur zu einem Kalauer, mit dem diese Veranstaltung schon lange, wenn auch nur vorsichtig für sich warb: "Alle kommen nach Frankfurt, weil alle nach Frankfurt kommen." Was aber, wenn nun künftig in London dieses bescheidene Prinzip durch eine Konkurrenz der Einladungen zersplittert wird? Egal welche Party gewinnt, der Konsens einer Branche ist dahin. (Anekdotischer Nachsatz: Christopher Maclehose verlässt Harvill, das zu Bertelsmann/Random House gehört, nach 21 Jahren und gründet im Sommer seinen eigenen Verlag.)
Zum zweiten: "Was es wiegt, das hat es" möchte man rufen. Nur, wir wissen, in Sachen Buch, in Europa nicht einmal, wie stark wir sind (von den realen - anstelle der eingebildeten - Schwächen gar nicht zu reden). Es gibt keine auch nur einigermaßen zuverlässigen - unabhängigen und weitgehend anerkannten - Statistiken selbst über den Kernbereich des Themas Buch - Buchmarkt, Gebrauchtbuchmarkt, Übersetzungen, Kultur und Markt, oder Innovation. Die meisten Zahlen, die hier zitiert wurden, beruhen auf sehr heterogenen Quellen und persönlichen Auswertungen. Paradoxerweise hat das Buch - als traditionell wichtiges historisches Medium - kein (institutionelles) Gedächtnis in Europa.
PS: Offenlegung und Hintergrund. Ich war Pressesprecher der Frankfurter Buchmesse 1998 bis 2001 und bin seit 2002 unter anderem Konsulent der BookExpo America. BookExpo America und London Book Fair sind Messen von Reed Exhibitions. Mit verschiedenen Buchmessen und Verlagen in Zentral- und Südosteuropa arbeite ich seit den frühen 1990er Jahren zusammen.
Archiv: Virtualienmarkt
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