Perlentaucher - Das Kulturmagazin

Anmelden | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 19.03.2010, 14.00 Uhr

Mord und Ratschlag

Fluch der Erinnerung

Die Krimikolumne. Von Michael Schweizer

10.12.2003. 1993 entführten zwei Zehnjährige aus Liverpool den zweijährigen James Bulger und folterten ihn zu Tode. In Anne Chaplets Krimi "Schneesterben" fragen sich Dorfbewohner und Städter was besser ist: vergessen oder erinnern?

Der kleine David Ferber stirbt während einer einfachen Operation. Offenbar ein Unglücksfall, aber Davids Eltern behaupten, der Kinderarzt Dr. Thomas Regler habe gepfuscht. Auch Reglers Team steht nicht mehr hinter ihm, und die Zeitung der hessischen Kleinstadt Feldern hat endlich einmal etwas Interessantes zu schreiben. Wenig später gesteht Reglers Frau Krista, ihren Liebhaber, den Kriegsberichterstatter Michael Hansen, erschlagen zu haben. Das ist gelogen, denn Krista kennt, anders als Thomas, die Tatwaffe nicht: einen roten Ziegelstein. Nach einem ebenso falschen Geständnis kommt Thomas in Untersuchungshaft. Hier gilt er als Kinderschänder - auch das stimmt nicht. Die Akten kennen aber noch einen anderen roten Klinker: Damit haben 1979 Thomas Regler und ein Freund einen kleinen Jungen getötet. Sie haben eine Jugendstrafe abgesessen und eine neue Identität bekommen. Wie hängt das alles zusammen?

Anne Chaplet, das Krimi-Ich der Publizistin Cora Stephan, geht in ihrem fünften Roman "Schneesterben" von einem bekannten historischen Fall aus: Robert Thompson und Jon Venables, zwei Zehnjährige aus Liverpool, entführten den zweijährigen James Bulger und folterten ihn zu Tode. Sie wurden vor ein Erwachsenengericht gestellt, dessen Verhandlung sie, wie wohl auch die Tragweite ihrer Tat, kaum verstanden. Nach acht Jahren Haft wurden sie im Jahr 2001 freigelassen. Ein Urteil garantiert ihnen, dass ihre neue Identität nicht aufgedeckt werden darf, auch nicht von der britischen Boulevardpresse. Aber im Internet wimmelte es von Morddrohungen selbst ernannter Rächer, die die Täter finden und töten wollten.

Damit hängt die Diskussion zusammen, für die "Schneesterben" ein Fallbeispiel liefert. Erinnerung gilt als nötig und gut, Vergessen und Beschweigen dagegen als Verdrängen, als individuelle Krankheit oder als Täterentlastung. Die Jugendlichen in "Schneesterben" waren aber keine Monster. Sie haben auf recht gewöhnliche Familien- und Schulprobleme recht durchschnittlich reagiert. Einen Tag lang lief alles furchtbar aus dem Ruder, danach wurden sie niemandem mehr gefährlich. Diesem Argument liegt die im Roman entwickelte Idee zugrunde, dass es keine geschlossene Identität gibt, Menschen sich nicht unbedingt kontinuierlich entwickeln, sondern mit unerklärlichen Katastrophen zu rechnen ist wie auch mit ebenso unerklärlichen Wandlungen zum Besseren. Wenn es aber richtig ist, solche Menschen vor Lynchjustiz zu bewahren, dann ist es auch richtig, die Erinnerung an ihre Tat amtlich zu behindern: Der Staat muss lügen, um Menschen zu schützen, die furchtbares Leid verursacht haben. Das ist schwer zu schlucken, und wo hört es auf?

Anne Chaplet verbindet dieses Problem mit dem Gegensatz von Stadt- und Landmentalität. Die Theoretiker und Freunde der Erinnerung arbeiten zum Beispiel als Professoren, Journalisten, Schriftsteller. Sie wohnen in der Stadt und können sich aus dem Weg gehen. Auf dem Dorf leben Menschen, die wissen, dass sie nie wegziehen werden. Sie müssen, egal was geschehen ist, miteinander auskommen. Also wird, was sie daran hindern würde, verschwiegen, erst recht gegenüber Fremden. Natürlich ist das falsch. Es anders zu machen kann aber unter Dorfbedingungen heißen, das eigene Leben zu ruinieren. Das ist leichter empfohlen als getan. Das Problem ist nur theoretisch lösbar. "Schneesterben" sät Zweifel, die man nicht so schnell wieder los wird, und zwar auf einem Gebiet, auf dem man als studierter Städter nie gezweifelt hat. Das muss ein Buch erst einmal schaffen.

Über dieser Abstraktionsschicht, auf der Wer-war's-Ebene, ist "Schneesterben" technisch so konservativ erzählt wie die meisten Krimis. Der Erzähler weiß genau, was passiert ist, und verteilt sein Wissen mit Hilfe von allerlei Tricks so, wie es der Spannung dient. Das ist geschickt gemacht. Über einige Einzelheiten kann man streiten. Warum stirbt der kleine David? Für den Plot ist es unnötig. Warum Kristas falsches Geständnis?

Der Roman ist nicht so düster wie sein Thema. Den Leser wärmen die vier Weisen, die er seit Chaplets erstem Roman "Caruso singt nicht mehr" (1997) kennt: Paul Bremer, früher Werbetexter in Frankfurt, jetzt Schriftsteller in Klein-Roda in der hessischen Rhön - den komischen, schlimmen, rührenden Dorfalltag sieht der Leser überwiegend durch seine Augen; Staatsanwältin Karen Stark, Frankfurt, nach langer Pause nun mit Liebhaber; Kriminalhauptkommissar Gregor Kosinski, ein faltiger Lurch vom Land; die weltverbessernde Politikerin Anne Burau. Nicht dass ihnen ihre Weisheit so viel helfen würde. Aber sie haben schon altershalber einiges erlebt und räsonnieren darüber vortrefflich. Zum Beispiel über die Nähe schöner Worte zur Lüge und insofern die Fähigkeit der Sprachbegabten, besonderes Unglück zu verbreiten; oder über Liebe als den Zustand, in dem man sich für nichts zu schade ist. Und immerhin gibt es für Burau und Bremer ein Happy End, kein geschenktes, sondern eines aus Einsicht.


Anne Chaplet: "Schneesterben". Roman. Verlag Antje Kunstmann, München 2003, 319 Seiten, gebunden, 19,90 Euro (Bestellen)

Archiv: Mord und Ratschlag

Emotional labiler Federfetisch

19.01.2010. Wäre Inspektor Jensen nicht von einem Feticheur mit einem Fluch belegt worden, dann wäre er nicht nach Island gefahren, nicht von einer Fremden im Bett gebissen worden und würde nicht von einem Psychopathen verfolgt. Dies alles und noch etwas Quantenphysik findet man in Linus Reichlins "Assistent der Sterne". Jochen Schmidt präsentiert mit "Gangster, Opfer, Detektive" eine 1.100 Seiten starke Typengeschichte des Kriminalromans. Mehr lesen

Kein Schlaf, nur Albträume

02.12.2009. In seinem Roman "Tokio im Jahr Null" lässt David Peace neben allen anderen Untätern auch noch einen Serienmörder umgehen. Das ergibt einen einzigen Albtraum. Die Frage ist allerdings: wessen? Mehr lesen

Papa war doch einfach der Beste

09.10.2009. In Neapel brennt der Müll, im Nordosten Italiens wird das schmutzige Geld in respektable Geschäftsgewinne verwandelt. Massimo Carlotto beschreibt in seinem Krimi "Wo die Zitronen blühen" die Anmaßungen einer Patrizierschicht, die ganze Städte ihrem Privilegiensystem unterworfen hat. Mehr lesen

Der Tod ist ein Meister aus Schottland

25.02.2009. Kräfte des Widerspruchs messen sich in "Das Zeichen des Widders", dem gemeinsamen Werk von Krimiautorin Fred Vargas und Comiczeichner Edmond Baudoin. Und Kommissar Adamsberg ist auch dabei. Kate Atkinsons zeigt in "Lebenslügen" ihre schwarze Seele. Mehr lesen

Riverrun Raskolnikow

23.10.2008. In "Citizen Sidel", dem zehnten Teil von Jerome Charyns grandioser fantasmagorischer Saga ist Isaac Sidel auf dem Sprung zur Vizepräsidentschaft und kämpft mit seiner Glock und einer zugelaufenen Ratte namens Raskolnikow gegen das Böse, um sein Leben und natürlich die mythische Geliebte Anastasia. Mehr lesen

Der strenge Besänftiger

01.09.2008. Still ruht der See in Heinrich Steinfests neuem Roman "Mariaschwarz". Scheint es. Schnell kommt aber Unruhe auf. Eine Leiche taucht auf, eine Symbiose wird gestört, das ganz normale Unheil nimmt seinen Lauf. Kommissar Lukastik muss verhindern, dass die Inkongruenzen überhand nehmen, und der Erzähler schreibt noch auf geraden Linien krumm. Mehr lesen

Slowakische Berggoralen

23.06.2008. In der ostösterreichischen Provinz kämpft Manfred Wieningers Diskont-Detektiv Marek Miert - ohne viel Schlag in der Damenwelt - mit seinen "Rostigen Flügeln" gegen das Unrecht der Welt und scheut dabei weder Kalauer noch Polizei. Mehr lesen

Sex und Reinfall

08.05.2008. Der Rotbuch-Verlag übernimmt eine der aufregendsten amerikanischen Krimireihen - die Pulp Fiction Revival-Unternehmung "Hard Case Crime". Dazu gehört Mut, denn der deutsche Buchmarkt liebt das Hartgesottene in der Regel eher nicht. Leider sind die ersten drei Bände qualitativ eher gemischt, immerhin "Abschied ohne Küsse" des Schotten Allan Guthrie kann überzeugen. Mehr lesen

Wahnsinn der Vernunft

07.04.2008. In Robert Littells um ein Weniges in eine mögliche Zukunft versetztem Roman "Die Söhne Abrahams" steht der Frieden im Nahen Osten unmittelbar bevor. Andrew McGahan dagegen blickt mit "Last Drinks" zurück auf einen Skandal aus dem Brisbane der späten Achtziger Jahre. Mehr lesen

Heil in der Flucht

12.03.2008. Von Brüssel nach Mexiko, vom Polizeialltag in Grenzbereiche des Absurden geht die wilde Jagd in Linus Reichlins Romandebüt "Die Sehnsucht der Atome" - erstaunlicherweise folgt man da gerne. Die beste Gelegenheit, Bekanntschaft mit einer der erfolgreichsten japanischen Krimiserien zu schließen, bietet der zweite Band um Arimasa Osawas "Hai von Shinjuku". Mehr lesen

Schopenhauer zur Nacht

31.01.2008. Nord-Idaho ist ein schöner und einsamer, in C.J. Box' vielschichtigem Thriller "Stumme Zeugen" aber auch ein mordsgefährlicher Landstrich. Kein bisschen heiler ist die Welt in den englischen Midlands, wie Iain McDowall sie in "Zwei Tote im Fluss" schildert: Im Provinznest Crowby sind nämlich die Neo-Nazis los. Mehr lesen

Die Unerbittlichkeit des Schnees

02.01.2008. Russische Gegenwart: Monster tauchen auf, Menschen verschwinden, der Held bekommt eine Kugel in den Kopf - und über alles legt sich in Martin Cruz-Smiths Roman "Stalins Geist" der Schnee. In "Das Gesetz der Ehre", Gianrico Carofiglios drittem Roman um den Avvocato Guido Guerrieri, ist das Leben bittersüß und die Wahrheit relativ. Mehr lesen

Winter im Gemüt

10.12.2007. Auf den ersten Blick gleichen sich die verwitweten Helden von Brian Freemans "Doppelmord" und Peter Temples "Vergessene Schuld" - dennoch gibt es einen Unterschied zwischen den Büchern: Das eine taugt was, das andere nicht. Mehr lesen

Driver und Dronten

09.11.2007. James Sallis destilliert in seinem knappen, klaren Roman "Driver" berauschende Noir-Essenzen, Heinrich Steinfest verknüpft in "Die feine Nase der Lilli Steinbeck" einen actionreichen Plot, gezielte Abschweifung und die Sehnsucht nach Stille Mehr lesen

Blondes Gift

15.10.2007. Duane Louis setzt seinen Helden im rasanten Thriller "Blondes Gift" unter heftigen Zeit-, Raum- und Sozialdruck. Und Giwi Margwelaschwili lässt in "Officer Pembry" das "Schweigen der Lämmer" zukünftige Wirklichkeit werden. Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Mord und Ratschlag