Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 12.02.2012, 08.37 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Mord und Ratschlag

Geliebte Mörderin

Die Krimikolumne. Von Ekkehard Knörer

04.12.2003. In Graham Swifts Roman "Das helle Licht des Tages" bleibt sich der Mensch ein Rätsel. Er liebt, er tötet und versteht sich selbst nicht. In Bodo Kirchhoffs "Schundroman" bleibt er dagegen ein Abziehbild trivialliterarischer Vorbilder.

Graham Swifts "Das helle Licht des Tages" ist ein Roman mit einem Privatdetektiv als Ich-Erzähler, aber es ist kein Detektivroman. In seinem Zentrum stehen ein Mord, über den man erst nach und nach Einzelheiten erfährt, und - klassische Noir-Konstellation - die Liebe des Detektivs zur Klientin, die zugleich die Mörderin ist, aber ein Krimi ist das Buch keineswegs. Denn Swift interessiert sich nicht für die Dramaturgie eines "Falles" und seiner Auflösung, noch weniger für die psychologische Erläuterung eines Mordmotivs. Das Rätsel, um das der Roman sich dreht, und zwar mit großer, mitunter etwas aufdringlicher Insistenz, ist der eine Satz, der die einfache und kaum begreifliche Wahrheit zusammenfasst, mit der George Webb, der Detektiv, sich konfrontiert sieht: "Irgendwas ist über dich gekommen." Es ist dies der erste Satz des Buches und was über den Detektiv gekommen ist, ist nicht weniger als die Liebe. Die Liebe zu der Frau, die einen Mord begangen hat, ohne sagen zu können, wie ihr geschah. Denn Sarah Nash tötet ihren Mann in dem Moment, in dem er die Frau, mit der er sie betrog, auf immer verabschiedet hat. Eine Tat, die sich der naheliegenden Erklärung entzieht. "Irgendwas ist über dich gekommen."

Swift baut der Geschichte, die er erzählt, der Geschichte, an der ihn das Rätseln interessiert, nicht das Enträtseln, das Staunen, nicht das Erklären, er baut dieser Geschichte einen Gegenwartsrahmen. Zwei Jahre sind vergangen seit der Tat, George Webb, der Detektiv, macht sich auf, erst das Grab des Opfers, dann die Täterin aufzusuchen, im Gefängnis. Alle zwei Wochen fährt er hinaus, das erfahren wir bald, am Anfang will sie nichts wissen von ihm, glaubt nicht an jene Gewissheit, die ihn wiederkommen lässt, immer wieder, bis sie ihn doch akzeptiert, ihn und die Gewissheit, dass es Liebe sein muss, nichts anderes.

Eine amour fou, ohne Frage, und ein Begehren, dessen Erfüllung um acht Jahre aufgeschoben ist. Der Roman einer Liebe, und doch kein Liebesroman. In den Gegenwartsrahmen, diese schlichte Bewegung eines Tages, fügt Swift an Stelle der Evokation der Liebe Erinnerungsfragmente, die zwar kontinuierlich fortlaufen, sich jedoch stets unterbrechen, ins Wort fallen, und damit jeden Fluss, die Aufrundung zur geschlossenen Erzählung verhindern. Mosaikstein um Mosaikstein wird eingefügt, es ergibt sich ein Bild, aber es bleiben Leerstellen. Leer bleibt, genauer gesagt, das Zentrum des Romans und darin liegt seine eigentliche Pointe. Die Lücke des Rätsels, das der Mensch sich bleiben muss, gerade da, wo er Staunen macht, sich und die anderen, will Swift nicht füllen. Das wird immer deutlicher gerade in der stockenden Annäherung des Erzählers an sich selbst und seinen sonst so geregelten Alltag. Zwischen dem Mann, den er kannte, und der blendenden Gewissheit einer verrückten Liebe vermittelt nichts: Kein Wort, keine Erklärung, keine Psychologie. "Irgendwas ist über dich gekommen" - die ersten Worte des Romans könnten auch die letzten sein.

***

Die Liebe kommt auch, falls der Tod nicht schneller ist, über mehr oder weniger alle Figuren in Bodo Kirchhoffs "Schundroman", der nun im dem Genre gemäßen Format erschienen ist, als Taschenbuch. Freilich kommt die Liebe hier in ungleich weniger subtiler Manier über die Menschen als bei Swift, was, siehe den Titel, nur recht und billig ist, sollte man denken. Jedenfalls ist Kirchhoffs Werk, bei allem mit Gusto inszenierten Mord-, Tod- und Wundenschlag rund um die Frankfurter Buchmesse, und dem authentischen Pulp-Titelbild zum Trotz, nicht nur ein Hardboiled-Kriminal-, sondern auch ein dem Sentiment nicht abgeneigter Liebesroman. Die amour fou und jede Menge Liebeswollen sind die Luft, die die Figuren atmen, zur Liebe glaubt der nicht näher bestimmbare Erzähler unentwegt seine eher neunmalklugen als tiefsinnigen Kommentare geben zu müssen. Wo hier die Geschwätzigkeit endet, die Parodie beginnt, ist oft schwer zu entscheiden, zumal, das muss gesagt sein, Kirchhoff im ganzen durchaus mit einigem Ernst an die ihm - naja, mehr oder weniger - fremde Sache des Grellen und Trivialen geht. "Ein Roman aus der Hüfte", schreibt er in einer kurzen Vorbemerkung, entschuldigend vielleicht, jedenfalls liegen die Hüfte, aus der man schießt, die Lende, aus der man vögelt, im als Männerphantasie verstandenen "Schundroman" weiß Gott nah beieinander.

Der größte Fehler, den Kirchhoff begeht, ist jedoch die gleich doppelte Verbeugung vor Charles Willeford, der in der Vorbemerkung als Inspiration des Werks aufgerufen wird. In Willefords "Miami Blues" erwischt es an der Stelle, an der hier der Reich-Ranicki-Verschnitt Louis Freytag so früh wie unglücklich aus dem Leben scheidet, einen Hare Krishna - und in gewisser Weise liegt darin schon der entscheidende Unterschied. Denn selbst wenn man von Lakonie, Intelligenz, Witz und Präzision des Willefordschen Erzählens großzügig absieht - in keiner dieser Kategorien nämlich kann Kirchhoff Willeford auch nur im mindesten das Wasser reichen -, selbst dann muss man dem Möchtegern-Schundautor einen eklatanten Mangel an Bösartigkeit, wenn nicht gar Feigheit vor dem Feind bescheinigen.

Von der einzig für ihre Prominenz berühmten Gattenmörderin über das Privatdetektiv-und-am-Ende-doch-so-etwas-wie-Liebespaar bis hin zur vermeintlichen Femme Fatale und dem Auftragskiller und böse am Schwanz lädierten Schmerzensmann: Keine der Figuren ist, subtrahiert man das ungelenk Satirische, mehr als bloßes Abziehbild trivialliterarischer Vorbilder, und gerade die Reflexion über, die Darstellung der Liebe ist der Versuch einer Überschreitung des Trivialliterarischen, die, Präzision durch Geschwätzigkeit ersetzend, in Wahrheit seine Unterschreitung ist (nimmt man die Meisterwerke der Schundliteratur als Maßstab). Willefords große Kunst, tief ambivalente Charaktere als glaubwürdige zu entwerfen, mildert Kirchhoff ab ins nur schwach gepfeffert Satirische. Um Kompromisse und Absicherung ist das Unternehmen umso mehr bemüht, als es sich in vermeintlicher Kompromisslosigkeit groß tut. Seine Literaturbetriebskritik ist, durch Überspitzung verharmlosend, gänzlich literaturbetriebskompatibel. Im juste milieu jenes Betriebs, der sich mit der Diskussion um Idiotien wie Walsers bei Kirchhoff am Rande erwähnten "Tod eines Kritikers" in Schwung hält, sitzt der "Schundroman" wie die Made im Speck.


Graham Swift: "Das helle Licht des Tages". Roman. Aus dem Englischen von Barbara Rojahn-Deyk. Hanser Verlag, München 2003, 327 Seiten, gebunden, 19,90 Euro. Eine Leseprobe finden Sie hier. (Bestellen)

Bodo Kirchhoff: "Schundroman". Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2003, 316 Seiten, Taschenbuch, 9,90 Euro (Bestellen)

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern |

Archiv: Mord und Ratschlag

Erde im Blut

17.01.2012. In Parker Bilals "Die dunklen Straßen von Kairo" kämpft Privatdetektiv Makana für Aufklärung und bringt damit Magnaten und Sittenwächter gegen sich auf. In "Der achte Zwerg" lässt Ross Thomas einen Nazijäger durch das Deutschland im Jahre Null jagen. Mehr lesen

Hier ist alles Intelligenz

05.12.2011. In "Müllers Morde" setzt Monika Geier einen lebensuntüchtigen Historiker auf die Spur eines aus dem Ruder gelaufenen Hackers. Richard Stark lässt in "Verbrechen ist Vertrauenssache" ausschließlich professionelle Kräfte walten.
Mehr lesen

Kunst in Schwarzweiß

17.10.2011. Vom Lieben und Sterben in Padua singt Massimo Carlotto in seiner düsteren Mörderballade "Banditenliebe". In Dominique Manottis Politkrimi "Einschlägig bekannt" errichtet die Polizei in der Pariser Banlieue ein Besatzungsregime. Mehr lesen

Luxus und Kunst für jedermann

17.08.2011. Didier Daeninckx erklärt in seinem Historienkrimi "Tod auf Bewährung", für welche Verbrechen man sich einen Orden an die Brust heften darf. Uli Hufen erzählt in "Das Regime und die Dandys" von Odessa-Mama und seinen Gaunerchansons. Mehr lesen

Akte der Liebe

30.06.2011. "Manhattan Karma" eröffnet Walter Mosley neue Serie um den schwarzen Privatdetektiv und Ex-Boxer Leonid McGill, der rechtschaffen werden will, bloß nicht im Sinne des Gesetzes. In Patrick Pecherots Krimimärchen "Belleville - Barcelona" bilden Nestor Burma und Andre Breton eine surrealistische Waffenschmuggelfront für die spanische Republik. Mehr lesen

Darf ein Esel zum Pferderennen?

18.05.2011. In seinem großartigen Thriller "Wahrheit" zeigt Peter Temple, mit welcher Geschmeidigkeit das Geld sich die Politik kauft, und Medien und Polizei gleich mit. In John Harveys Krimi "Das Fleisch ist schwach" untersucht der melancholische Inspector Charlie Resnick noch einmal soziale Grundsatzfragen. Mehr lesen

Er kämpfte fair. Ich nicht.

30.03.2011. In Stuart Nevilles Nordirland-Thriller verlieren sich alte IRA-Kämpfer zwischen Terror und Politik, Wahnsinn und Vernunft, Alkohol und Drogengeschäft. In Ken Bruens "London Boulevard" verliert ein ausgekochter Profigangster gegen eine alternde Diva und ihren ungarischen Butler. Mehr lesen

Wer öffnet heute noch nackt die Tür?

17.01.2011. Thomas Willmann zeigt in seinem Alpenwestern "Das finstere Tal", dass man einen Kampf nicht aufgeben darf, bevor er begonnen hat. Ross Thomas führt mit seinem Thriller "Der Yellow-Dog-Kontrakt" hinab in die höchsten Kreise des Wahlkampfmanagements. Mehr lesen

La Muerte, Die Knochige, Die Magere

25.11.2010. Seine Hauptfiguren sind zwar etwas grob geschnitzt, aber in der Schilderung des mexikanischen Drogenkriegs ist Don Winslows Thriller "Tage der Toten" präziser und wahrhaftiger als eine ganze Jahresproduktion deutscher Regionalkrimis. Mehr lesen

Literat und Leser

18.10.2010. Silvina Ocampos und Adolfo Bioy Casares' Krimi "Hass der Liebenden" dekliniert die verschiedensten Arten des Giftmords durch. Guillermo Orsi liefert mt "Im Morgengrauen" einen aktuellen Politthriller, der wirr genug ist, dass man seinen Staatsstreich selbst planen muss.
Mehr lesen

Die Farbe von Kopfweh

26.08.2010. Louise Welsh zeichnet in ihrem Krimi "Das Alphabet der Knochen" ein wenig charmantes Bild vom Universitätskader. Selbst Kindermörder sehen besser aus. Jedediah Berry pflanzt uns das "Handbuch der Detektive" ins Unterbewusstsein. Mehr lesen

Wie man eine Lerchenpastete backt

08.07.2010. Dominique Manottis Wirtschaftsthriller "Letzte Schicht" verarbeitet in bester Costa-Gavras-Manier die Affäre um die Privatisierung des französischen Riesenkonzerns Thomson. In Domingo Villars Krimi "Strand der Ertrunkenen" ermittelt ein empfindsamer galicischer Inspektor gegen den Geist eines alten Kapitäns. Mehr lesen

Siegelringzellen-Krebs

12.05.2010. In seinem grandiosen Noir-Krimi "Der sichere Tod" lässt  Adrian McKinty einen Kleingangster, der Yeats, Koestler und die Frankfurter Schule zitiert, gegen seinen eifersüchtigen Boss antreten. In Josh Bazells Krimi-Comedy "Schneller als der Tod" nimmt es ein ehemaliger Profi-Killer mit der Mafia und dem amerikanischen Gesundheitssystem zugleich auf. Mehr lesen

Gehobene Koks-Klasse

07.04.2010. Eigentlich wollte Roxanne Palmer nur ihren miesen Mann loswerden. Leider tritt sie mit ihrem kleinen Mord auch einigen Gangsterbossen auf die Füße und deshalb einen veritablen Bandenkrieg in Kapstadt los. Zwischen die Fronten geraten in Roger Smith' Thriller "Blutiges Erwachen" außerdem Huren, Tik-Junkies, Zulu-Zauberer und Kannibalen. Mehr lesen

Emotional labiler Federfetisch

19.01.2010. Wäre Inspektor Jensen nicht von einem Feticheur mit einem Fluch belegt worden, dann wäre er nicht nach Island gefahren, nicht von einer Fremden im Bett gebissen worden und würde nicht von einem Psychopathen verfolgt. Dies alles und noch etwas Quantenphysik findet man in Linus Reichlins "Assistent der Sterne". Jochen Schmidt präsentiert mit "Gangster, Opfer, Detektive" eine 1.100 Seiten starke Typengeschichte des Kriminalromans. Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Mord und Ratschlag