Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Mord und Ratschlag
Logik der Assoziationen
Die Krimikolumne. Von Ekkehard Knörer
15.08.2003. Die Krimikolumne. Heute: Zwei Krimis des brasilianischen Autors Rubem Fonseca untersuchen das Verhältnis von Künstler, Tod und Frau. Vorgestellt von Ekkehard Knörer
Die Romane "Bufo & Spallanzani" und "Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken", von dem brasilianischen Erzähler Rubem Fonseca 1986 und 1989 geschrieben und vom Unionsverlag soeben wieder veröffentlicht, gleichen einander nicht wie ein Ei dem anderen, jedoch sind sie unverkennbar, könnte man sagen, des selben Geistes zweieiige Zwillinge. Erst einmal springt dem Leser, liest er sie hintereinander, die Ähnlichkeit ihrer Struktur ins Auge. Ein Ich-Erzähler - Schriftsteller der eine, Regisseur der andere, moralisch etwas fragwürdige Frauenhelden beide - sieht sich mit dem Tod einer Frau konfrontiert, die er geliebt hat. In "Bufo & Spallanzani" wird daraus der Kriminalfall, der im Verlauf der Geschichten, die schlingernd der Ermittlung dazwischenkommen, zuletzt seiner Auflösung zugeführt wird. Im zweiten Fall liegt, der Titel deutet das schon an, das Verhältnis von Künstler, Tod und Frau ein wenig komplizierter. Der Ich-Erzähler rückt mit der Sprache erst nach einer Reihe von Verwicklungen heraus, die mit anderen Frauen, darunter auch eine, die ganz zu Beginn ermordet wird, einem geheimnisvollen russischen Text und wertvollen Diamanten zu tun haben. Die Verhältnisse sind, das wird schon in der Andeutung klar, einigermaßen unübersichtlich, also der Reihe nach.
Die Frau, die zu Beginn von "Bufo & Spallanzani" getötet wird, ist Delfina Delamare, schön und auch reich, dank ihres Mannes. Gustavo Flavio, der Schriftsteller, der hier seine Geschichte erzählt - eine Geschichte, die er seine Memoiren nennt, die, auch, eine Art Beichte ist -, hatte ein leidenschaftliches Verhältnis mit ihr. Er gerät unter Verdacht, aber es findet sich ein anderer, der die Tat gesteht. In einer der ganz typischen Verschiebungen in Fonsecas Romanen folgt darauf jedoch Flavios eigenes Geständnis. Er gesteht, im rückblickenden Erzählen, eine Tat, die Jahre zurückliegt, mit einem Versicherungsbetrug und dem Gift einer Kröte zu tun hat. Die Kröte trägt den zoologischen Namen "Bufo" und wird später noch wichtig, in einer der weiteren Erzählstränge des Romans. Flavio nämlich fährt in die Berge - jetzt wieder in der Gegenwart -, um endlich mit seinem Roman, dessen Titel natürlich "Bufo & Spallanzani" lautet, voranzukommen. Dort, im Berg-Refugium, geschieht ein Mord in einem Setting, das in gespenstischer Manier an Agatha Christies genau abgezirkelte Szenarien erinnert. Es entspricht Fonsecas respektlosem (aber niemals herablassendem) Umgang mit den Formen der Kriminalliteratur, dass er dieses Christie-Szenario erst ganz überzeugend entwirft und dann mit leichter Hand wieder zerstreut, um zur ursprünglichen Geschichte um zu dem Mord an Delfina Delamare zurückzukehren. In einer letzten Geste wird der Roman im Roman, das ist bei all diesen Bewegungen des Vor und Zurück, des Aufbauens und Zurücknehmens, nur konsequent: gelöscht.
Auch in "Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken" folgt auf die Exposition des Kriminalfalls (wie gesagt: Juwelen, eine ermordete Frau) eine Abschweifung unerwarteter Art. Der Ich-Erzähler, ein Regisseur, der eine Erzählung Isaak Babels verfilmen will, fährt, um seinen deutschen Produzenten zu treffen, nach Berlin. Zweite Hälfte der achtziger Jahre, die Mauer steht noch und wird zum Zentrum eines Plots, der nun nicht a la Christie gebaut ist, sondern, dem Ort ganz gemäß, als Agentengeschichte. Verquickt werden die politische Situation - nämlich die Perestroika in der Sowjetunion - und die Obsession des Produzenten, die auch die des Regisseurs ist, nämlich die mit Isaak Babel. Aufgetaucht aus den Archiven sei, heißt es, das verschollene Manuskript des einzigen Romans, den Babel geschrieben hat, nicht lang vor seinem Tod in einem sowjetischen Lager. Es kommt zu einem Katz-und-Maus-Spiel zwischen Pergamon-Museum und Alexanderplatz, zum Austausch von Geld und Manuskript und eh' man sich's versieht, ist man zurück in Brasilien, zurück auch im Plot um die Juwelen, der nun allerdings eine Wendung zur Gewalttätigkeit nimmt, die den Roman noch einmal Tempo aufnehmen lässt. (Nicht, dass er das nötig hätte.)
Mancherlei verschränkt sich in Fonsecas Texten. Es wimmelt von literarischen, aber - im zweiten Roman - auch filmgeschichtlichen Anspielungen, die mitunter direkt den Text kommentieren. So gibt es in "Bufo & Spallanzani" kurz vor dem noch einmal mehrere Volten drehenden Schluss Überlegungen zu Romanenden, die, als Auflösungen, notwendig fade seien, gefolgt von einer Liste berühmter erster Sätze der Weltliteratur. Vom Ende zum Anfang ist es für den Erzähler ein kleiner Sprung, einer von vielen. Die Logik des Erzählens ist keine der Stringenz, sondern eine der Assoziation. Hals über Kopf wird hier, scheint es, Einfällen gefolgt, die sich durchaus zu zusammenhängenden Geschichten entfalten, um dann aber von einem anderen Einfall unterbrochen zu werden. Es entsteht so ein Hin und Her von Spannungs- und Entspannungs-, von Überraschungs- und Aufschubmomenten, das den Romanen im Verhältnis zur in der Regel auf Geschlossenheit zielenden Kriminalliteratur ungewöhnliches Tempo, einen Rhythmus ganz eigener Art verleiht. Keineswegs fransen die Stränge ins Beliebige aus. Was die Bücher zusammenhält, ist aber nicht ein durchgehender Spannungsbogen, der Drang zur Auflösung eines Falls, sondern die große Kunst des Autors, eine Vielzahl von Motiven und Subplots in Balance zu halten, bis zum Schluss, an dem der Sack voller Geschichten zugeschnürt wird, ohne dass das Ende die Brechungen und Brüche im resümierenden Abschluss vergessen machen wollte. Vielmehr bekommt man auf der Stelle Lust weiterzulesen, zum nächsten Buch des großartigen Erzählers Fonseca zu greifen - man kann nur hoffen, dass der Unionsverlag diesem Doppelschlag der Wiederveröffentlichung weitere Bände folgen lässt.
Rubem Fonseca: "Bufo & Spallanzani". Roman. Taschenbuch, 256 Seiten, 10,90 Euro (Bestellen)
ders.: "Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken". Roman. Taschenbuch, 320 Seiten, 9,90 Euro (Bestellen)
Beide Unionsverlag, Zürich 2003, beide aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner.
Archiv: Mord und Ratschlag
Das ist also Reichtum
14.05.2012. Oliver Harris holt mit "London Killing" den englischen Krimi zurück in die Metropole und lässt seinen Detective Belsey sehr riskant, aber vornehm gegen die City zocken. Giancarlo de Cataldo und Mimmo Rafele decken in "Zeit der Wut" den Plan zur Abschaffung Italiens auf. Mehr lesen
Schönheit in den Gesten
02.04.2012. In Oscar Urras Madrid-Trilogie raffen sich erschöpfte Männer noch einmal auf, um gegen die Mafia, einen korrumpierten Apparat und ihre Abschiebung aufs Abstellgleis zu kämpfen. Fred Vargas lässt in ihrem neuen Roman "Die Nacht des Zorns" die Wilde Jagd durch die Normandie reiten. Mehr lesen
Verbrechen und Erlösung
06.03.2012. In Georg M. Oswalds Roman "Unter Feinden" versuchen ein Junkie und ein Spießer, ihre Haut und ihren Polizistenjob zu retten, während Dealer, Terroristen und eine Staatsanwältin hinter ihnen her sind. Yves Ravey erzählt in "Bruderliebe" von einem kalten, aber sehr eleganten Verbrechen. Mehr lesen
Erde im Blut
17.01.2012. In Parker Bilals "Die dunklen Straßen von Kairo" kämpft Privatdetektiv Makana für Aufklärung und bringt damit Magnaten und Sittenwächter gegen sich auf. In "Der achte Zwerg" lässt Ross Thomas einen Nazijäger durch das Deutschland im Jahre Null jagen. Mehr lesen
Hier ist alles Intelligenz
05.12.2011. In "Müllers Morde" setzt Monika Geier einen lebensuntüchtigen Historiker auf die Spur eines aus dem Ruder gelaufenen Hackers. Richard Stark lässt in "Verbrechen ist Vertrauenssache" ausschließlich professionelle Kräfte walten.
Mehr lesen
Kunst in Schwarzweiß
17.10.2011. Vom Lieben und Sterben in Padua singt Massimo Carlotto in seiner düsteren Mörderballade "Banditenliebe". In Dominique Manottis Politkrimi "Einschlägig bekannt" errichtet die Polizei in der Pariser Banlieue ein Besatzungsregime. Mehr lesen
Luxus und Kunst für jedermann
17.08.2011. Didier Daeninckx erklärt in seinem Historienkrimi "Tod auf Bewährung", für welche Verbrechen man sich einen Orden an die Brust heften darf. Uli Hufen erzählt in "Das Regime und die Dandys" von Odessa-Mama und seinen Gaunerchansons. Mehr lesen
Akte der Liebe
30.06.2011. "Manhattan Karma" eröffnet Walter Mosley neue Serie um den schwarzen Privatdetektiv und Ex-Boxer Leonid McGill, der rechtschaffen werden will, bloß nicht im Sinne des Gesetzes. In Patrick Pecherots Krimimärchen "Belleville - Barcelona" bilden Nestor Burma und Andre Breton eine surrealistische Waffenschmuggelfront für die spanische Republik. Mehr lesen
Darf ein Esel zum Pferderennen?
18.05.2011. In seinem großartigen Thriller "Wahrheit" zeigt Peter Temple, mit welcher Geschmeidigkeit das Geld sich die Politik kauft, und Medien und Polizei gleich mit. In John Harveys Krimi "Das Fleisch ist schwach" untersucht der melancholische Inspector Charlie Resnick noch einmal soziale Grundsatzfragen. Mehr lesen
Er kämpfte fair. Ich nicht.
30.03.2011. In Stuart Nevilles Nordirland-Thriller verlieren sich alte IRA-Kämpfer zwischen Terror und Politik, Wahnsinn und Vernunft, Alkohol und Drogengeschäft. In Ken Bruens "London Boulevard" verliert ein ausgekochter Profigangster gegen eine alternde Diva und ihren ungarischen Butler. Mehr lesen
Wer öffnet heute noch nackt die Tür?
17.01.2011. Thomas Willmann zeigt in seinem Alpenwestern "Das finstere Tal", dass man einen Kampf nicht aufgeben darf, bevor er begonnen hat. Ross Thomas führt mit seinem Thriller "Der Yellow-Dog-Kontrakt" hinab in die höchsten Kreise des Wahlkampfmanagements. Mehr lesen
La Muerte, Die Knochige, Die Magere
25.11.2010. Seine Hauptfiguren sind zwar etwas grob geschnitzt, aber in der Schilderung des mexikanischen Drogenkriegs ist Don Winslows Thriller "Tage der Toten" präziser und wahrhaftiger als eine ganze Jahresproduktion deutscher Regionalkrimis. Mehr lesen
Literat und Leser
18.10.2010. Silvina Ocampos und Adolfo Bioy Casares' Krimi "Hass der Liebenden" dekliniert die verschiedensten Arten des Giftmords durch. Guillermo Orsi liefert mt "Im Morgengrauen" einen aktuellen Politthriller, der wirr genug ist, dass man seinen Staatsstreich selbst planen muss.
Mehr lesen
Die Farbe von Kopfweh
26.08.2010. Louise Welsh zeichnet in ihrem Krimi "Das Alphabet der Knochen" ein wenig charmantes Bild vom Universitätskader. Selbst Kindermörder sehen besser aus. Jedediah Berry pflanzt uns das "Handbuch der Detektive" ins Unterbewusstsein. Mehr lesen
Wie man eine Lerchenpastete backt
08.07.2010. Dominique Manottis Wirtschaftsthriller "Letzte Schicht" verarbeitet in bester Costa-Gavras-Manier die Affäre um die Privatisierung des französischen Riesenkonzerns Thomson. In Domingo Villars Krimi "Strand der Ertrunkenen" ermittelt ein empfindsamer galicischer Inspektor gegen den Geist eines alten Kapitäns. Mehr lesen








