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Im Kino

Enter Computertiger

Von Lukas Foerster, Thomas Groh

27.12.2012. Ang Lees Bestsellerverfilmung "Schiffbruch mit Tiger" beginnt im Zoo und versteigt sich in kosmologische Allegorien. "Red Dawn" von Dan Bradley lässt ausgerechnet die nordkoreanische Armee in die USA einfallen.

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Viel ist schön an diesem Film; zum Beispiel die ersten Bilder: eine Villa in subtropischem Ambiente, am Rand der Leinwand steht nonchalant eine Giraffe herum. Flamingos spazieren an einem Wandgemälde vorbei, einer wendet den Kopf. Auch andere Tiere tauchen auf, Affen, Vögel, Elefanten, allesamt eingefügt in dreidimensionale Tableaus, die nie einfach nur abfotografiertes wild life sind, sondern von Anfang an, in ihren Schichtungen, auf jene spezielle Artifizialität verweisen, die tierisches Leben für den menschlichen Blick aufbereitet: als Zoo. Pi Patel (Suraj Sharma in seiner ersten Filmrolle), die Hauptfigur des Films, wächst in eben diesem Zoo auf: in einem indischen Zoo, der seiner Familie gehört, aber alsbald verkauft wird. Die Familie will nach Kanada übersiedeln, samt Tierbestand, auf dem Weg dahin (an dieser Stelle hat Gerard Depardieu einen amüsanten Kurzauftritt) kommt es zu jenem Schiffbruch, der dem Film seinen Titel gibt und den außer Pi niemand überlebt - zumindest kein Mensch.

Enter Computertiger. Zum ersten Mal taucht die komplett und durchaus beeindruckend digital animierte Raubkatze noch in Indien, also in Gefangenschaft, auf, sucht da gleich Blickkontakt mit Pi und der Kamera in einer Art, wie es auch dem bestdressierten echten Tiger nie gelungen wäre. Anschließend reißt sie vor Pis Augen eine Ziege, das ist von seinem Vater als Lektion gedacht für den versponnen-verträumten Sohn: Irgendwann muss Schluss sein mit Spiritualität, irgendwann muss der blutige Ernst der physischen Existenz beginnen. Aber da hat er die Rechnung ohne Yann Martel gemacht, den Autor der bestsellenden Romanvorlage.

Ich habe versucht, die Vorlage zu lesen, aber habe schnell bemerkt, dass wir uns nicht viel zu sagen haben, ich und dieses (noch dazu ziemlich geschwätzige, regelrecht dampfplaudernde) Buch, das schon im Prolog behauptet, eine Geschichte erzählen zu wollen, die den Leser an Gott glauben lassen wird. Oder: an Götter, denn so genau festlegen will sich Martel, der Pi gleichzeitig zum Hindu, zum Christen und zum Moslem werden lässt, nicht. Ein kindlicher Privatsynkretismus ist das vorderhand, der die Religion ohne deren Zwangscharakter und Ausschließlichkeitsanspruch will und sich darüber freut, dass drei Religionen mehr Feiertage bedeuten als eine; soweit kann man da auch als atheistischer Filmkritiker noch mitgehen. Allerdings verdichtet sich das doch sehr bald zu einer Parabel von unangenehm kosmologischen Ausmaßen. Zumindest im Film nistet sich der Glaube am Ende dann, das ist eine interessante, aber schon ziemlich perfide Pointe, nicht in einem spezifischen religiösen Inhalt, sondern eher in einer narratologischen Pointe ein.

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Ich kann Martels Erzählprinzip nur von der Verfilmung her erschließen. Mir scheint, es geht da um einen Geschichtenerzählapparat, der kein Außen und keine prinzipiellen Unterscheidungen kennt, sondern auf der unbedingten Kombinierbarkeit von allem mit allem besteht: Religion mit Religion mit Religion, Theologie mit Zoologie, Mensch mit Tier, postmoderner knowingness mit naiver Predigt und so weiter. Ein Beispiel: Buch wie Film nennen den Tiger Richard Parker und schon dieser Name steht ein für ein Fiktionalisierungsprinzip - Gleich mehrere Richard Parkers wurden Opfer von Schiffsunglücken, teilweise im echten Leben, vor allem aber auch in einer Erzählung Edgar Allen Poes. Der Computertiger wird von Anfang an zum literarisch eingehegten Papiertiger, gezähmt durch Benamung sozusagen.

Was der Film aus all dem macht, ist gar nicht so einfach zu sagen. Ang Lee ist ein zweifellos kluger Regisseur mit einer allerdings nicht immer sicheren Hand bei der Auswahl seiner Projekte. In dem sehr schönen "Taking Woodstock" war er zuletzt auf interessanter Halbdistanz zu seinem Sujet geblieben. In "Schiffbruch mit Tiger" gelingt ihm das eher nicht, obwohl man durchaus einen Eindruck davon bekommt, was ihn an Martels Roman interessiert haben könnte und was dann doch eher nicht so. Der Film hat seine stärksten Momente im langen Mittelteil, in dem sich nach dem Schiffbruch Pi und Richard Parker miteinander arrangieren müssen. Beeindruckende, buchstäblich vielschichtige Bilder findet er für diesen Zweikampf, der langsam zu einer freilich stets asymmetrischen, nie ganz stabilen Koexistenz wird. Viele dieser Bilder scheinen regelrecht von der ihrerseits nie stabilisierend wirkenden, sondern andauernd neue Konflikt- und Kommunikationslinien zwischen Mensch und Tier, Himmel und Meer eintragenden 3D-Technik her gedacht zu sein. Die Technik will sich da gerade nicht an die Alltagswahrnehmung anschmiegen, sondern etwas über die Welt herausfinden. Um diesen faszinierenden Kern herum jedoch sind all die pantheistischen, narratologischen und dann auch noch interkulturellen Rahmungen drapiert, die aus dieser Begegnung auf hoher See das allegorische Potential regelrecht herausprügeln. Mit weit weniger filmischem Aufwand tun sie das, aber doch so raum- und zeitgreifend, dass zumindest ich mich beim Verlassen des Kinos nach einem Kino gesehnt habe, in dem ein Tiger - und sei es ein digitaler - einfach nur ein Tiger sein darf.

Lukas Foerster

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In den Achtzigern war die Welt zwar nicht in Ordnung, aber zumindest klar und übersichtlich: Hier Uncle Sam, dort der Ivan. Hier Reagonomics, dort Reich des Bösen. Dass sich John Milius vor diesem geopolitischen Grobraster als Vertreter des reaktionären Flügels von "New Hollywood" in seine 80s-Guerilla-Fantasie "Red Dawn" sonderlich hätte reinreden lassen müssen, ist schwer vorstellbar. Wenn in seinem Film die "Rote Flut" über die USA zieht, wenn also stramme Sowjets über Nacht das Land übernehmen und sich ausgerechnet in der Provinz eine versprengte Schar von Teenies sammelt, die sich dem entgegenstellen (darunter Patrick Swayze und Jennifer Grey bevor sich beide dreckig in aller Herzen tanzten), dann entsprach dies dem Zeitgeist und stellte in solch ironiefreier Zuspitzung angesichts einer unmissverständlich aufgeteilten globalen Wirtschaftslage auch keine Rendite in Zweifel.

Ungleich verzwickter ist die heutige Lage, will man ein Remake des Stoffs in die Kinos bringen. Nicht nur bieten sich die Sowjets aus naheliegenden Gründen ganz gewiss nicht mehr für die Rolle der Bösen an. Auch müssen sich amerikanische Filme heute mehr als früher am internationalen Markt beweisen, um am Ende eine stimmige Bilanz vorzuweisen. Und beim großen Gegenspieler auf internationalem Parkett stehen die USA heute selbst in der Kreide, so dass er sich für den großen Buhmann schlechterdings nicht anbietet. So erklärt sich denn auch, wenn im nun nach langen Jahren in der production hell endlich vorliegende "Red Dawn"-Remake noch auf der Zielgeraden aus den chinesischen Invasoren nordkoreanische gemacht und deren Embleme und Insignien im Nachhinein digital in den Film eingepflegt, bzw. über die alten drüber geklebt wurden.

So erhält man sich zwar die Stimmung beim großen Gläubiger, tut sich aber selbst nicht den allergrößten Gefallen: Dass ausgerechnet der große Hungerleider-Staat unter den verbliebenen altkommunistischen Regimen mit zupackender Hand die USA kassiert, bleibt - allem Internet- und Vernetztheits-Hokuspokus, den "Red Dawn" anfangs als Erklärung für die totale Niederlage der USA bemüht, zum Trotz - doch äußerst unwahrscheinlich. Lediglich die Lager, in denen sich bald weite Teile der Bevölkerung wiederfinden, nimmt man dem Film ab: Aufs Lagerbauen versteht sich das nordkoreanische Regime.

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Auch wirkt der Plot um die Hinterlandjugendlichen, die aus dem Paradies zwischen Schulsport, erstem eigenen Auto und fröhlichen Abenden in der Kneipe ziemlich jäh in die Dringlichkeit eines Guerillakriegs gegen die Besatzer im Land stürzen, merkwürdig gehemmt. Ein Krawallmacher wie Michael Bay hätte ein Lehrstück an Stars'n'Stripes-ploitation gedreht, Dan Bradley zeigt unterdessen eher Flagge, was Rechte und Freiheiten des Individuums betrifft. Viel Raum nimmt die Schilderung von Entbehrungen ein, um "America, fuck yeah" geht es allenfalls am Rande. Wohl auch, weil sich Filme heute auf stark heterogenen Märkten behaupten müssen, sucht der Film eher das Universelle: Der Errichtung einer de facto faschistischen Diktatur samt aller damit einhergehenden Strapazen und Zumutungen dürften nur die wirrsten Zeitgenossen indifferent gegenüberstehen. Seine stärksten Momente hat "Red Dawn" denn auch immer dann, wenn es gerade um den Widerspruch einer soldatisch verbindlichen Einschwörung auf die Gruppe und den eigenen Individualanspruch geht.

Nur ist "Red Dawn" kein Drama, sondern ein Actionfilm. Als solcher macht er - was sehr verwundert, da Regiedebütant Dan Bradley von Haus aus Stuntchoreograf ist - eine gerade mal mäßige bis schlechte Figur. Wirkliche Wucht erreicht der Film selten, stattdessen geht er nach Schwenk- und Schunkel-Methode vor: Wenig Orientierung, aber viel Geschubse. Fatal wird dies in einem wichtigen Set-Piece, in dem es um die Einnahme eines für die Logistik der Invasoren zentralen Gebäudes geht, das im Grunde sämtliche Voraussetzungen für eine atemberaubende Actionchoreografie mitbringt, hier aber für erratische Baller-Marmelade glatt versch(w)enkt wird. Die Welt ist auch hier unübersichtlich geworden.

Thomas Groh

Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger - USA 2012 - Originaltitel: Life of Pi - Regie: Ang Lee - Darsteller: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Tabu, Rafe Spall, Gérard Depardieu, Adil Hussein, Ayush Tandon, Shravanthi Sainath, Andrea Di Stefano - Prädikat:besonders wertvoll - Länge:125 min.

Red Dawn - USA 2012 - Regie: Dan Bradley - Darsteller: Chris Hemsworth, Josh Hutcherson, Josh Peck, Adrianne Palicki, Connor Cruise, Isabel Lucas, Edwin Hodge, Alyssa Diaz, Will Yun Lee, Jeffrey Dean Morgan, Brett Cullen - Länge: 93 min.

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