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Im Kino

Die Welt ist zu groß

Von Lukas Foerster, Thomas Groh
19.06.2013. Zwei Supermänner: Zack Snyders Blockbuster "Man of Steel" ist eine Übung in gigantomanischer Traumabewältigung. Und Jean-Pierre Bekolos "Le président", den man auch in Deutschland eher im Internet als im Kino zu sehen bekommen dürfte, entwirft einen kontrapräsidialen Möglichkeitsraum.

"Die Welt ist zu groß", jammert der kleine Junge, der sich unter einer Sintflut nicht mehr verarbeitbarer Sinneseindrücke mitten im Schulunterricht erst in einen Nervenzusammenbruch und dann in eine Abstellkammer gerettet hat. Der Junge ist Kal-El vom Planeten Krypton, der von seiner Herkunft und Schicksal noch nichts weiß, also Clark Kent, der später einmal Superman sein wird, beziehungsweise der titelgebende "Mann aus Stahl". Sinneswandel als Herausforderung: Dem (beinahe) letzten Überlebenden einer außerirdischen untergegangenen Hochkultur verhilft unsere mutagene gelbe Sonne zur Vollimplementierung jener "extensions of man" im Sinnesapparat, für die unsereins auf Technologie angewiesen ist. Röntgenblick und überempfindliches Gehör - Trademarks des Superman - sind keine Fähigkeiten, die der zentralsten Figur der modernen Superheldenmythen schmerzfrei in den Schoss gefallen wären, von ihrem souveränen Gebrauch ganz zu schweigen. Vielmehr stellen sie eine Form der sinnlichen Überwältigung dar, die einen aus der Welt zu drängen droht. "Die Welt ist zu groß", weint der Superjunge in deren letzten WiInkel, irgendwo in Kansas. Wie dieser Junge über diese Welt hinauswächst, davon handelt der Film.

Diese Melancholie des guten Jungen ist der Superman-Figur eigen. Ob sich Regisseur Zack Snyder, seit "300" (2007) und "Watchmen" (2009 - unsere Kritik) auf wuchtige Comic-Opern mit Hang zum Stock im Arsch abonniert, bewusst war, dass er mit dieser Szene auch die Situation seiner Zuschauer illustriert, sei dahingestellt. In schlechtem, da nachträglich konvertiertem und dementsprechend ästhetisch dämlich unnützem 3D haut einem "Man of Steel" jedenfalls im Dauerfeuer die Kataklysmen um die Ohren, dass es sich gewaschen hat, bis man slightly shell-shocked aus dem Kinosaal wankt. Was den Film mit großer Autorenfilmkunst anbändeln lässt - eine zumindest unter den Bedingungen eines klassischen Sommerblockbusters erstaunlich komplex in der Zeit springende Erzählweise - entpuppt sich rasch als Entschuldigung dafür, die ärgerlichen dramaturgischen Füllsel der Geschichte, wie der Superman in die Welt kam, auszusparen und stattdessen ohne Reue einen Weltenbrand an den anderen zu reihen: Krypton steht in Flammen und geht darnieder, wenig später nimmt es ein junger Superman mit einer ganzen kollabierenden Bohrinsel auf, Schnitt in die Kindheit, wo ein Schulbus aus den Fluten gerettet werden muss. Es ist ein bisschen so, als hätte Terrence Malick seine Nase tief in raue Mengen besten Kokains gesteckt und einen hyperaktiven "Tree of Life" gedreht, in dem sich ein nostalgisch verklärter Alter Westen der USA - mittendrin als Supermans Adoptivater: ein alter Kevin Costner - mit dem urban-apokalyptischen Blockbuster der letzten Jahre vermählt. Und Komponist Hans Zimmer setzt dazu Donnerschläge ab, mit Anweisung an den Vorführer: Alles bitte extra laut.


Die schwelgerischen Panoramen, das Innehalten im Moment glückseliger Erhabenheit, wenn Superman die ihm erreichbaren Perspektiven auf den Globus austestet - jene Inseln, in denen Superman eins mit sich (oder allein bei sich) ist und die man aus früheren Superman-Adaptionen kennt, weichen einem allumfassenden Modus hektischer Dringlichkeit, der sich auch an der unstet verwackelten Kameraführung ablesen lässt. Wie kein anderer Superman-Film porträtiert dieser seine Titelfigur als Jungen vom Land, der erst ganz zum Schluss als bebrillter Clark Kent in der Großstadt ankommt - vom geruhsamen Landleben aber keine Spur. "Man of Steel" fetischisiert in einer sonderbaren Mischung aus Lust und Kasteiung die Untiefen machistischer Allmachtsfantasien.

Nicht, dass dieses neue Niveau eines modernen Affektkinos ohne Reiz wäre: Wohl noch nie zuvor in der Filmgeschichte hat ein Superheldenfilm derart plausibel ästhetisch auf den Punkt gebracht, was es heißt, wenn Kräfte, wie sie Superman eigen sind, auf eine Welt treffen, die nach Maß des Menschen eingerichtet ist (nicht, dass dies wirklich neu wäre: Gerade im Superman-Fandom und in Underground-Comics trifft man immer wieder auf wilde Spekulationen, welche Folgen welche körperliche Entgleisungen - vom Husten über Furzen bis hin zur Ejakulation - für die übrige Menschheit hätten): Wenn dieser Franchise-Neustart das Wort "Superman" in Titel und Film auffällig umgeht, liegt das nicht allein daran, dass in der Bezeichnung "Superman" immer auch das peinliche, nicht zuletzt leicht schwule Erbe der Naivität frühester Superheldengeschichte mitschwingt, sondern auch daran, dass Snyder und sein Team den "Mann aus Stahl" als solchen vollkommen und wahrscheinlich zu ernst nehmen: Dieser Superman ist ein Geschoss, ein Bolide von nie gekannter Durchschlagskraft. Arktische Bergkuppen durchschlägt er noch im Taumelflug, wenn er von seinen Gegnern - bösartige Militaristen seines Heimatplaneten, die dessen Katastrophe in der Verbannung überlebt haben und sich nun, während sie ähnliche Kräfte entwickeln wie Superman, die Erde untertan machen wollen - mit aller Kraft durch die Welt geschleudert wird, schlägt das jede Abrissbirne ums Vielfache. Und man fragt sich, warum sich gerade der Erdboden angesichts solcher Wucht als so überraschend widerständig erweist, wo doch selbst die Meisterleistungen der Ingenieurskunst vor diesem Rammbock to end all Rammböcke zerstieben wie vom Windhauch aufgewirbelte Asche.


Snyders Hang zur Gigantomanie entgrenzt sich in "Man of Steel" endgültig in blanke Vanitas. War es noch als solcher goutierbarer alberner Käse, dass Superman in der ersten gültigen Stoffadaption von 1978 die Zeit alleine dadurch zurückdrehte, dass er im Affentempo um die Erde sauste und diese sich entgegengesetzt um die eigene Achse drehte, legt Synder mit maximaler Grimmigkeit - Produzent: Christopher Nolan, der mit ähnlicher Grimmigkeit gerade seine drei Batman-Filme in die Filmgeschichte gesetzt hat - die als New-York-Chiffre leicht erkennbare Superman-Stadt Metropolis auf eine vollumfängliche und durch Mark und Erdkern gehende Weise in Schutt und Asche, wie man das bislang selten - auch nicht vergangenes Jahr im dahingehend vergleichbaren "Avengers"-Film - gesehen hat. Ohne weiteres pflegt Snyder die Ikonografie vom Anschlag auf das World Trade Center ins Geschehen ein - nicht nur, wenn Hochhaus um Hochhaus in die Horizontale kippt, sondern auch, wenn Leute in Panik vor den durch die Straßenschluchten jagenden Staubwolken dieses Niedergangs fliehen und verschüttet werden.

Es sind vielleicht die verquersten Bilder, die das Blockbusterkino in diesem Jahr bislang zutage gebracht hat: Nicht nur ergibt Supermans Tragik - um zu siegen, muss er seinen Gegner töten, was ihm gar nicht in den Codex passt - herzlich wenig Sinn, da er wie irre eine ganze Stadt zerlegt, wenn er seinen Kontrahenten Zod (Michael Shannon) durch ganze Reihen von mutmaßlich nicht evakuierten Wolkenkratzern schleudert (vgl. auch diesen Essay), es handelt sich auch um den Fall ungeheurer Hybris: Nachdem man ausgiebig im Bilderkanon der frühesten Katastrophe des 21. Jahrhunderts gebadet hat, wird diese allumfassende Zerstörung noch zum historischen Sieg umgedeutet. Es hat den Anschein, als gelangt mit "Man of Steel" ein weiteres Kapitel der US-amerikanischen Traumabewältigung im Kino an ihr logisches Ende. Dafür sitzt der Schock der Überwältigung publikumseitig lange in den Knochen.

Thomas Groh


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Präsident Paul Biya regiert Kamerun seit 1982. Er wird regelmäßig wiedergewählt, mindestens mit satten Zweidrittelmehrheiten. Dass es dabei mit rechten Dingen zugeht, kann sich im Land kaum jemand vorstellen. Aber vermutlich ist es mindestens ebenso schwer, sich in Kamerun ein Leben ohne Paul Biya vorzustellen, wenn man selbst als Dreißigjähriger ein solches nicht einmal als Kindheitserinnerung kennt. Selbst der Gedanke, dass es in nicht allzu ferner Zukunft schon aus Gründen der Biologie ein gemeinschaftliches Leben nach dem bald Achtzigjährigen Biya geben muss, ist, meinte der kamerunische Regisseur Jean-Pierre Bekolo anlässlich der Deutschlandpremiere seines Films "Le président" im Berliner Kino Arsenal, im Land keine Selbstverständlichkeit.

Nun springt das Kino ein und schlägt den Kamerunern vor, sich genau das doch einmal vorzustellen: Ein Leben ohne Präsident; ohne diesen, vielleicht: ohne irgendeinen. "Le président", der vierte Langfilm Bekolos (sein erster nach der großartig durchgeknallten Science-Fiction-Groteske "Les saignantes" aus dem Jahr 2005), ist dabei kein Anklage- oder Problemfilm, kein kritisches, dokumentarisches Präsidentenportrait; streng genommen geht es noch nicht einmal um Paul Biya selbst, Bekolos Präsident, der zu Filmbeginn aus heiterem Himmel seinen Amtssitz verlässt, hat gar keinen Namen. "Le président" ist ein fiktionaler Film im stärksten aller Sinne: Er öffnet die Gegenwart hin auf einen imaginären Möglichkeitsraum. (Gleichzeitig eröffnet Bekolos hybrid-fröhlicher, den Oberflächenreizen des Populären durchaus empfänglicher Modernismus, nebenbei bemerkt, auch einen Möglichkeitsraum fürs westafrikanische Kino - einen Raum jenseits des didaktischen Festivalrealismus der französischsprachigen Produktionen vor allem aus Kamerun, Senegal und Burkina Faso einerseits und generischer, englischsprachiger N/Ghollywood-Massenproduktion aus Nigeria und Ghana andererseits.)

Bekolos Präsident bindet sich ein Tuch um den Kopf und kurvt mit seinen Chauffeurs in einem blankpolierten Renault durch die Gegend; beziehungsweise hauptsächlich die immergleiche staubige Landstraße rauf und runter, bis zu einer Kreuzung, bei der es eigentlich gelten würde, eine Entscheidung zu treffen: rechts oder links. Die Präsidentenlimousine fährt lieber im Kreis, verweigert sich der Entscheidung; oder vielleicht genauer: suspendiert sie für die Dauer des Films. Während der Präsident im Niemandsland rotiert und anschließend sein Heimatdorf, vielleicht sogar seine verstorbene Ex-Frau im Jenseits aufsucht (allerdings: lässt man einen wie diesen Präsident tatsächlich in den Himmel hinein?), öffnet sich der Blick für alles Mögliche und das eine oder andere Unmögliche. In den nicht mehr von der präsidialen Ordnung vorgeprägten Bildraum dringen, angetrieben von einem bestechenden audiovisuellen Gesamtrhythmus, hypothetische Vergangenheiten ein, wenn ein inhaftierter ehemaliger Mitstreiter des Präsidenten über dessen hehre Jugendideale berichtet; oder miteinander konkurrierende Zukunftsvisionen, die emanzipatorischen Hoffnungen mal mehr, mal weniger entsprechen.


Der Möglichkeitsraum, den der Film eröffnet, ist nicht um filmästhetische Klarheit bemüht, sondern medial maximal verunreinigt: Weite Teile von "Le président" entfalten sich über Split-Screen-Sequenzen, deren Ausgestaltung an Desktop-Oberflächen erinnert, sind unterlegt von pumpenden Hip-Hop-Beats, artikulieren sich über diverse Kommunikationsformen, deren dominante die Fernsehmoderation ist. "Wir kennen den Präsidenten nur aus dem Fernsehen", meint einer von mehreren fiktionalen TV-Kommentatoren; woraus allerdings in einer für den Film typischen dialektischen Volten gerade keine Entfremdung resultiert: "Er kommuniziert mit uns telepathisch über den Bildschirm."

"Le président" ist politisches Kino nach den Maßstäben einer Gegenwart, die vorsichtig geworden ist, gerade was seinen Bezug aufs "Volk", auf die "Masse" angeht. Die taucht in Bekolos Film fast überhaupt nicht auf, höchstens im Off des Bildes, als anonymisierter Addresat der Fernsehsendungen. Ein prägnantes Bild für das Verhältnis von Individuum und Politik liefert der Film in Gestalt eines Motorradfahrers, der durch die Straßen einer Großstadt rast und dabei einen agitatorisch-revolutionären Rap-Song hört - über einen Kopfhörer, der ihn auditorisch von seiner Umgebung abschirmt. Der Film ist zu klug, als dass man solche Szenen rein defätistisch lesen müsste; eher geht es um die Erkenntnis, dass die politische wie die kinematografische Praxis nicht hinter die mediale und gesellschaftliche Komplexität zurückfallen darf. Sollte sich in Kamerun demnächst, wie zuletzt in einigen arabischen Ländern und dieser Tage in der Türkei, eine Protestbewegung formieren, so wird sie, wie dort, ihre Bilder ohnehin selbst hervorbringen. Das Kino muss da nichts mehr präfigurieren; was es bestenfalls tun kann, ist, geistige Beweglichkeit einzufordern und anzuregen.

Was mit dem Film weiterhin geschehen wird, ist offen. Er wird sicherlich über einige Festivals touren, schon, um den europäischen Koproduzenten wenigstens eine kleine Chance zu geben, ihre Invesitionen zu refinanzieren; wichtiger ist dem Regisseur die Frage, wie seinem Film der Weg nach Kamerun gelingen könnte. Im eingangs erwähnten Publikumsgespräch gab es Andeutungen: das Internet, die Videopiraterie (ersteres wird auch in Deutschland vermutlich die realistischste Option sein, wenn man sich diesen großartigen Film in nicht allzu ferner Zukunft anschauen möchte); der informellen Proliferation digitaler Bilder wird die präsidilale Ordnung kaum gewachsen sein; erste hektische Reaktionen des kamerunischen Staatsapparats weisen darauf hin, dass "Le président", ein Film, der wie kein zweiter der letzten Jahre die Mächte des Fiktionalen zu mobilisieren versteht, durchaus als Gefahr wahrgenommen wird - und auch die französische Botschaft, die sich dafür in Grund und Boden schämen sollte, verweigerte Bekolo eine Aufführung seines Films in ihren Räumlichkeiten (mehr Hintergründe in diesem Interview). Von Anfang an ausgeschlossen ist der klassische Weg über die Kinodistribution, und zwar nicht nur aufgrund der kamerunischen Zensur: Es existiert schlicht und einfach kein einziges Lichtspielhaus mehr im ganzen Land.

Lukas Foerster


Außerdem startet heute Gus van Sants neuer Film "Promised Land": Hier unsere Berlinale-Kritik.

Man of Steel - USA 2013 - Regie: Zack Snyder - Darsteller: Henry Cavill, Amy Adams, Michael Shannon, Diane Lane, Russell Crowe, Antje Traue, Richard Schiff - Laufzeit: 143 Minuten.

Le président - Kamerun, Deutschland 2013 - Regie: Jean-Pierre Bekolo - Darsteller: Gérard Essomba, Valery Ndongo, Val Sero, Max Essouma, Hildegarde Nkodo, Jules Bertin Nyankam - Laufzeit: 63 Minuten.
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