Stöbern nach Themen

Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Essay

Erstaunliche Nonchalance

Von Matthias Küntzel

10.06.2013. Die Zeit ist liberal - besonders im Umgang mit dem iranischen Regime. Gegen die beschönigende Wahlberichterstattung aus dem Gottesstaat, der die Opposition seit den Aufständen vor vier Jahren brutaler unterdrückt als je.

Haben wir etwas übersehen? Ist Iran doch eine Art Demokratie? Wer sich die Iran-Seite in der laufenden Ausgabe der Zeit ansieht, könnte diesen Eindruck gewinnen. "Gefährliche Macht des Volkes" lautet die Überschrift eines Beitrags über die bevorstehende Präsidentschaftswahl in Iran. "Das iranische Regime sieht sich als Speerspitze der Demokratie" heißt eine Zwischenüberschrift. Ulrich Ladurner, seit vielen Jahren für die Iran-Berichterstattung des Wochenblattes zuständig, schreibt: "Acht Männer treten zur Präsidentenwahl an. Der sogenannte Wächterrat hat sie zugelassen, nachdem er sie sorgfältig auf ihre Eignung geprüft hatte." (Zeit, 6. 6. 2013)

Wen der Wächterrat nicht zugelassen hat - darüber findet sich in der Zeit kein Wort. Dabei sind es gerade jene Nicht-Zulassungen, die den Charakter dieser Scheinwahlen prägen. Von vornherein ausgeschlossen ist, wer die Anweisungen des Revolutionsführers Ali Khamenei nicht bedingungslos befolgt. Pluralismus gilt im Iran als Teufelswerk, die Unterwerfung unter die Scharia als sakrosankt. Von den 686 Kandidatinnen und Kandidaten, die sich dennoch bewarben, wurden 678 ohne Begründung ausgeschlossen, darunter die mit Abstand prominentesten: der Ahmadinejad-Freund Esfandiar Rahim Maschai sowie der ehemalige Präsident Haschemi Rafsandschani.

Doch selbst bei den acht verbliebenen Parteigängern Khameneis wird nach Kräften manipuliert: Sei es, dass ihre Wahlbüros durchsucht und ihre Anhänger festgenommen werden (wie im Falle der Kandidaten Aref und Ruhani), sei es, dass die Ergebnisse nicht durch Stimmenzählung ermittelt, sondern in Hinterzimmern beschlossen werden, wie im Jahre 2009.

Wir sehen: Auch wenn es unterschiedliche Gesichter und einen Stimmzettel gibt, kann von einer "Wahl" keine Rede sein. Doch eben diesen Eindruck erweckt die Zeit, wenn sie unter der Schlagzeile "Der Iran wählt: Diese Männer treten an" die verbliebenen Khamenei-Getreuen mit farbigen Porträtaufnahmen und Kurzbiografien präsentiert, über das Zustandekommen dieser Auswahl aber schweigt.

Besonders unbegreiflich ist der Umstand, dass Ladurner die Kaltstellung des Kandidaten Rafsandjani nicht erwähnt.

Rafsandjani ist als Urgestein der islamischen Revolution nicht nur berühmt, er ist als Initiator des Atomprogramms und als rechtskräftig verurteilter Befehlshaber von Terrormorden auch berüchtigt. In diesem Jahr aber wurde seine Kandidatur von einem großen Teil des religiösen Establishments und der Reformislamisten unterstützt, denn er ist der Hoffnungsträger derer, die eine moderatere iranische Außenpolitik fordern: Ihm war es 1988 gelungen, den Iran-Irakkrieg zu beenden, indem er Revolutionsführer Khomeini von der Notwendigkeit eines Kompromisses mit den Vereinten Nationen überzeugte.

Rafsandjani bekleidet hohe Ämter in der islamischen Republik und ist mit seinem religiösen Status selbst dem Revolutionsführer Khamenei überlegen. Die Tatsache, dass selbst einem Mann wie ihm die Möglichkeit zu kandidieren verweigert wird, bedeutet auch für viele Regimeanhänger ein Schock und kennzeichnet eine neue Stufe der Repression. Mit ihm als Präsident hätte Khamenei den Atomkonflikt deeskalieren können. Rafsandjanis Kaltstellung macht hingegen klar, dass das Regime diese Deeskalation nicht will. Es traf damit eine Entscheidung, die nicht nur Syrien berührt, sondern die Welt.

Dennoch findet sich von dieser eminenten Weichenstellung bei Ladurner nicht ein Wort. Doch damit nicht genug. Während Ladurner zwar darauf hinweist, dass sich auch heute die Herrscher und ein großer Teil des Volkes "in einer Mischung aus Misstrauen, Angst und Unversöhnlichkeit gegenüber(stehen)", sucht man bei ihm  vergeblich einen Hinweis auf die furchtbare Unterdrückung der Demokratiebewegung, mit der sich derzeit das Regime für den demokratischen Aufstand von 2009 rächt.

Diese Unterdrückung beginnt beim Internet: "Dies gibt es nur im Iran", hieß es in einer Twitter-Meldung, "Die Wahlen kommen, aber das Internet verschwindet." In der Tat ist der Gebrauch des Internets - auch in Betrieben, Banken und staatlichen Organisation - für die Dauer der Wahlkampagne lahmgelegt. Programme, die eine Umgehung der Zensur bislang noch möglich machten, wurden zerstört. Das Regime etablierte eine Sondereinheit zur Überwachung sozialer Netzwerke. Der Herausgeber einer Online-Zeitung wurde verhaftet, andere Internet-Journalisten wurden ins Geheimdienstministerium zitiert und verwarnt.

Daneben wird der Druck auf Journalisten und deren Familien erhöht: 600 Journalisten ließ Geheimdienstminister Heydar Moslehi zu Staatsfeinden erklären, fünfundvierzig wurden seit letzten Dezember vorsorglich inhaftiert, um, wie es hieß, jede Form von Aufwiegelung zu verhindern und um Kontakte  zu Exiliranern zu unterbinden. Einem Bericht des "Committee to Protect Journalists" zufolge wurden innerhalb der letzten Jahre zwei Journalisten, Omidreza Mirsayafi und Sattar Beheshti hinter Gittern zu Tode gefoltert, mehrere wurden ausgepeitscht. Oftmals werden Familienbesuche oder eine ärztliche Versorgung verwehrt. (Hier ein sehr ausführlicher Bericht des CPJ zum Thema.)

Last but not least beschloss das Regime unmittelbar vor den Wahlen ein neues Strafgesetz, das es nach Artikel 286 möglich macht, "Unruhestifter", die die "nationale Sicherheit" gefährden, hinzurichten (mehr zum verschärften Stafgesetz in der Jungle World und hier in einer AFP-Meldung).

Über all dies erfahren wir in der Zeit, dem liberalen Flaggschiff, kein Wort. Ulrich Ladurner legte hinsichtlich des iranischen Staatsterrors allerdings schon in früheren Artikeln ein erstaunliches Maß an Nonchalance an den Tag.

So schrieb er über das Jahr 1988: "Nach acht Jahren Krieg ohne Sieger war das Land [Iran] zwar restlos erschöpft, aber im Inneren stabilisiert." (Zeit, 12. 2. 2009) Mit Sicherheit weiß auch er, dass seit dem Juli 1988 Tausende politische Gefangene, Männer wie Frauen, hinter Gefängnismauern erhängt wurden, was seiner anerkennenden Bezeichnung "stabilisiert" eine besondere Färbung gibt. 

Über die Zerschlagung der "grünen Bewegung" anlässlich der Präsidentschaftswahl 2009 äußerte sich Ladurner wie folgt: "So groß auch die Proteste der vergangenen Wochen waren, die Revolution von 1979 wankt, aber sie fällt nicht." Ist hier so etwas wie Bewunderung herauszuhören? Die Islamische Republik, heißt es in diesem Artikel weiter, "hat sich bis heute als eine in Maßen 'lernende Maschine' erwiesen, das zeigt sich an der ebenso brutalen wie effektiven Niederschlagung der Proteste durch die Polizei, es zeigt sich daran, wie es ihr gelingt, ihr Innerstes zu schützen." (Zeit, 2. Juli 2009).

Empathie mit den vom Regime Misshandelten hört sich anders an. Die Zeit veröffentlichte Ladurners Kompliment für die "effektive Niederschlagung" zwölf Tage nach der Erschießung von Neda Aga Soltan, zu einem Zeitpunkt also, als das Regime bereits Dutzende Protestierende erschossen, Hunderte verhaftet und Ungezählte gefoltert hatte.

Es steht also in einer gewissen Tradition, wenn Ulrich Landurner die gegenwärtige Repression gegen die iranische Demokratiebewegung der Erwähnung nicht für würdig hält.

Während selbst ein so treuer Regimegänger wie Rafsandjani, der New York Times vom 17. Mai 2013 zufolge, von der Gefahr eines "islamischen Faschismus" spricht, äußert sich Ladurner in der Zeit wenige Tage mit der frohen Botschaft, dass sich "die Iraner seit jeher als Speerspitze der Demokratie in der Region (sehen)" - ein Satz, der so klingt, als wolle er die oppositionelle Bewegung in Iran verhöhnen.

Warum all diese Auslassungen, all diese Desinformation? Dies ist meine Vermutung: Ulrich Ladurner will die Tatsachen nicht sehen, geschweige denn darüber berichten, damit sein Idealklischee von der islamischen Revolution und seine wohlwollendes Verständnis für die iranische Bombe keinen Schaden erleiden.

"Ganz gleich, ob der Iran den Besitz von Atomwaffen anstrebt oder nicht: Das Regime hätte Motive dafür", behauptet er in einem Aufsatz von Februar 2012. "Seit Jahrzehnten" habe "das Regime Grund dazu, sich bedroht zu fühlen." Insofern stelle die Bombe auch aus Sicht der iranischen Hardliner nichts anderes als "die finale Immunisierung gegen ein feindliches Umfeld" dar.

Wie manch anderer deutscher Journalist sieht Ladurner das eigentliche Übel woanders, nämlich in der "Dämonisierung" des Iran. Das iranische Regime sei "unberechenbar, ja geradezu verrückt" würde der Westen Teheran vorhalten. "Wahr ist das Gegenteil", schrieb Ladurner am 9. Mai 2012 auf seinem Blog. "Das iranische Regime verhält sich rational und ist berechenbar." Mehr noch: "Iran verhält sich wie jeder andere Staat auch. … Er versucht Anerkennung auf der internationalen Bühne zu bekommen."

Nun hätte ein Präsident Rafsandjani diese Anerkennung auf der internationalen Bühne vielleicht in die Wege leiten können. Indem der Revolutionsführer aber gerade ihn von der Wahlteilnahme eliminierte, hat er Ladurners These von dem vermeintlichen Wunsch des Iran, "Anerkennung auf der internationalen Bühne" zu finden, widerlegt. Anstatt aber die eigenen Prämissen mit der Wirklichkeit zu konfrontieren, macht es sich Ladurner leicht und lässt das, was seiner Iran-Schimäre widerspricht, einfach weg.

Wenn er dies allein auf seinem Blog praktizierte, wäre es mir egal. Anders verhält es sich mit der Zeit.

In Iran erwartet denjenigen, der die Wahrheit sagt, Folter und Tod. Wer hierzulande die Wahrheit sagt, hat nichts zu befürchten. Wenn das Blatt gleichwohl mit seiner verkauften Auflage von 520.000 Exemplaren die iranischen Verhältnisse beschönigt und der dortigen demokratischen Bewegung in den Rücken fällt, ist dies an Schäbigkeit kaum zu überbieten. Darüber hinaus hat es Auswirkungen - auf das Denken der deutschen Elite, auf Wirtschaft und Politik. Seit Februar 2013 steigen die deutschen Direktexporte nach Iran wieder an, berichtet soeben die Deutsch-Iranische Handelskammer in Hamburg.

Matthias Küntzel


Stichwörter

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Essay

Daniele Dell'Agli: Aufruhr im Zwischenreich - Teil 3

13.10.2014 . Man kann nicht permanent die Persönlichkeitsrechte des Individuums als höchste Errungenschaft des Rechtsstaates feiern und ihm dann die Bestimmung der Art und Weise, wie er sein Leben beenden will, vorenthalten. Mehr lesen

Jozsef A. Berta: Der weiße Ritter mit der flexiblen Seele

06.10.2014 . Tibor Navracsics brachte Ungarn als Justizminister auf den Weg zum autoritären Regime. Er beschnitt mit Viktor Orbán die Kompetenzen der Gerichte und  die Freiheit der Medien. Und ausgerechnet er soll EU-Kommissar für Kultur und Bürgerrechte werden? Mehr lesen

Daniele Dell'Agli: Aufruhr im Zwischenreich - Teil 2

01.10.2014 . Die Frage, wie wir leben sollen, um sterben zu können, stellt sich neu mit der längeren Lebenserwartung. Für eine neue Ethik des Sterbens jenseits des Bündnisses zwischen einer reaktionären Religion, einer progressiven Apparatemedizin und einer untätigen Politik. Mehr lesen

Daniele Dell'Agli: Aufruhr im Zwischenreich - Teil 1

26.09.2014 . Im Schatten weltpolitischer Aktualität schleicht eine Debatte durchs Parlament, die unsere Gesellschaft im Innersten betrifft: Sie handelt von Sterbehilfe und Suizid. Plädoyer für eine Befreiung dieses Themas aus dem Griff der Politik und mit ihr paktierender Verbandseliten, Teil 1: Reset und In wessen Namen? Mehr lesen

Ulf Erdmann Ziegler: Der berühmte gerupfte Riesenvogel

24.09.2014 . Bei der Vernissage waren Ropac und Gagosian. Sein Haus ist von Herzog und de Meuron. Auf dem Thron sitzt er zwischen Richter und Polke. Und schwankt zwischen konkret und abstrakt. Aber das ist nur ein Missverständnis. Georg Baselitz im Haus der Kunst.
Mehr lesen

Florian Kessler: Der Druck der nächsten feinen Sache

10.09.2014 . Neben dem Deutschen Buchpreis wirbt in Frankfurt auch die "Hotlist" der unabhängigen Verlage mit alternativen Lektüren um Aufmerksamkeit: Ein Streitgespräch zwischen Daniela Seel und Axel von Ernst über die Vermittlung von Literatur in Zeiten radikalen Wandels. Moderiert Mehr lesen

Gerbert van Loenen: Du sollst mich töten

30.07.2014 . Die Diskussion über Sterbehilfe in den Niederlanden in den letzten dreißig Jahren zeigt, dass eine Grenze immer schwieriger zu finden ist: Wie weit reicht die Liberaliserung? Mehr lesen

Ina Hartwig: Fesselt Euch nicht

10.04.2014 . Bilder nackter Kinder haben gerade einen ganz schweren Stand. Sie sind zur politischen Obsession geworden. Plädoyer gegen ein Denkverbot. Mehr lesen

Ralf Bönt: Vom Frontalen ins Virale

27.03.2014 . Das Netz versprach, uns zu Herren unserer Biografie zu machen. Nun werden unsere Daten an die Regierung verkauft. Das geht aber nur, solange wir es nicht wahrnehmen. Danach wehren wir uns, und an dieser Stelle sind wir jetzt. Mehr lesen

Ilja Braun: Für eine neue Netzökonomie

10.03.2014 . Forderungen nach Datenschutz und Urheberrechten basieren beide auf der Vorstellung, dass man Eigentum an seinen Daten hat. Kann das bedingungslose Grundeinkommen eine Antwort auf die Krise des Urheberrechts und des Datenschutzes im Digitalzeitalter sein? Mehr lesen

Daniele Dell'Agli: Die rhapsodische Kamera

05.02.2014 . Das einzige Kollektiv, das Miklós Jancsó mit utopischer Energie aufladen wollte, waren die Cinéasten. Sie lehrte der große Virtuose der Plansequenz, dass jede Veränderung der Verhältnisse mit einer Veränderung der Wahrnehmung beginnen muss. Dem großen ungarischen Regisseur zum Gedächtnis. Mehr lesen

Pascal Bruckner: Für eine wohlwollende Indifferenz

12.11.2013 . Der Begriff der "Islamophobie" rückt Kritik an einer Doktrin in Rassismus-Verdacht. Gestraft sind mit dem Begriff vor allem liberale Muslime. Mehr lesen

Peter Mathews: Freiheit als Leitkultur

07.11.2013 . In Deutschland und Europa interessiert man sich nicht mehr besonders für die Revolutionäre von 1848. In Amerika sind ihre Ideen dagegen noch präsent. Zum Beispiel an einem kleinen College in Iowa, wo vor kurzem über das "Vermächtnis von 1848" diskutiert wurde. Mehr lesen

Lea Kosch: Große Träume, leere Konten

05.11.2013 . Deutsche Theater kritisieren sehr gern den Kapitalismus. Die Arbeitsbedingungen an den Häusern zeigen aber, dass Ausbeutung auch ohne geht. Nun regt sich Unmut unter Künstlern. Mehr lesen

Hubertus Kohle: Für Open Access in den Geisteswissenschaften

16.09.2013 . Die Kulturzerstörer finden sich nicht unter denjenigen, die das Internet auch publizistisch verwenden, sondern eher unter denjenigen, die sich ihm unter dem Deckmantel des Bewahrenwollens verweigern. Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Essay