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Essay
Das Schicksal der Ironie
Zum Ende der Berliner Seiten der FAZ. Von Thierry Chervel
29.06.2002. Die Berliner Seiten der FAZ sind am Ende - ein Einschnitt in der Geschichte des deutschen Journalismus.
Das Ende der Berliner Seiten der FAZ ist ein Einschnitt in der Geschichte des deutschen Journalismus. Es markiert zugleich das Ende jener Popironie, die die deutschen Medien in den neunziger Jahren prägte und die möglicherweise schon das Symptom jener Krise war, die nun ausbricht. Sie war die späte Blüte eines alternden, erstarrten, aber immer noch sehr soliden Systems der Bundesrepublik, zu dem auch die großen Medien gehören. Ihre prägnanteste Formel fand sie in dem verschmitzt gepfiffenen Schicksalsmotiv aus Beethovens Fünfter, mit dem das ZDF-Kulturmagazin Aspekte seine Themenblöcke unterbricht. Es ist das Pfeifen im Dickicht unabsehbarer, dunkel geahnter Veränderungen. Das bestehende System glaubt nicht mehr an sich selbst. Die panische Fröhlichkeit, mit der die Medien in den letzten Jahren ihre Fassade renovieren wollten, war die Begleitmusik zur Verdrängung.
In den Printmedien hatte die Popironie ihre Bastionen im SZ-Magazin, im Leben der Zeit und in den Berliner Seiten der FAZ, alles Unterabteilungen "breit aufgestellter", fest verwurzelter Institute, die allerdings sowohl in ihrer Leser- als auch in ihrer Mitarbeiterschaft ein Problem der Überalterung spüren. Hier sind die Medien ein Spiegel der Gesellschaft, nur passiver, vom Symptom betroffener, als sie es in ihren Leitartikeln wissen lassen. Wer einmal die Redaktionsräume der SZ, der FAZ oder der Zeit besucht hat, weiß, dass sie vom Drehkreuz vor den Portierslogen bis zum bescheidenen Inventar der Leitungsetagen am ehesten Behörden ähneln. Hier herrscht die Atmosphäre der siebziger Jahre, eine unerschütterliche existenzielle Sicherheit, die die Medien - wie sie es der Politik vorwerfen - von den Realitäten des Landes längst entfernt hat.
An den Hebeln sitzt hier seit eh und je eine Generation, die selbst schon ein Erbe verwaltet. Andere hatten vor ihnen diese Institute aufgebaut und durch den Sturm des Zeitungssterbens in den fünfziger und sechziger Jahren getragen. Die heutige Leitungsebene konsolidiert das Bestehende und spürt natürlich auch die Defizienzen, die sich in den Altersstatistiken der Leserschaft deutlich genug abzeichnen. Aber wie erneuert man das Bestehende, ohne es - und vor allem sich - zu gefährden?
Man ließ Neue dran und schuf ihnen Spielwiesen, wo sie sich austoben konnten, ohne den Betrieb zu stören. Selbstverständlich wurden damit auch ökonomische Hoffnungen verknüpft: Aber hier haben SZ-Magazin, Leben und Berliner Seiten kläglich versagt. Sie hielten allenfalls den Status quo, in der Regel aber waren sie reine Verlustbringer, ein "Luxus", wie es in den Nachrufen auf die Berliner Seiten hieß. Dass zwölf Redakteure die Berliner Auflage dieser Zeitung um gerade mal 1.500 Exemplare steigerten, ist ein deutliches Zeichen für die Losgelöstheit dieser Spielwiesen von tatsächlichen Interessen der Leserschaft. In erstaunlich naiver Sechzigerjahre-Prosa geißelte Hans-Magnus Enzensberger in seinem Abschiedsbrief für die Berliner Seiten den Zynismus des Kapitals, das solche Seiten nun einstellt, und die Dummheit des Berliner Publikums, das sich von ihrer berühmten Ironie nicht verführen ließ. Aber vielleicht spielten diese Seiten ja vor allem ein internes Spiel, das das Publikum gar nicht berühren konnte.
Das Spiel der Popironie im Journalismus ist ein Spiel mit den Formen. In den manipulierten Interviews des SZ-Magazins wurde dabei seinerzeit sogar eine "Borderline" überschritten. In der Regel aber war die Popironie unaggressiv. Zuweilen hatte man den Eindruck dass sich ein Scherflein von Jungaristokraten und Einser-Abiturienten die Krawatten lockerte. Sein Humor besteht im Prinzip darin, dass man aus Anlass des Berliner Bankenskandals eine Kollektion mit Köfferchen präsentierte: Transportiere ich mein Schwarzgeld in Vuitton oder unauffälliger in Samsonite? Auch diese Jungjournalisten vermittelteten so den Eindruck, in absoluter existenzieller Sicherheit zu operieren. Die Information war immer schon da und abgehakt, als käme sie automatisch aus dem Ticker. Sie löste auch keine größere Emotion aus. Entscheidend war, was für ein Sträußchen man dazu band. In einem Moment, als sich die dummen Berliner vielleicht doch eher für die Sache interessierten, die sie Milliarden kostete, als für die Sträußchen, beteuerten die Popironiker immer wieder, dass es nicht ernst sei - mit den bekannten Folgen für die Auflage.
Dieser Humor richtete sich ohnehin nach innen, an die Branche und die eigenen Hierarchien und nicht so sehr an die Außenwelt. Er hat seine tragische Seite. Die jetzige Leitungs-Generation erbte in einem Moment der Dynamik und Expansion und konnte sich weitaus größere Frechheiten erlauben. Die Generation Golf erbt in einem Moment des Niedergangs, und ihr fällt die unmögliche Aufgabe zu, auf Geheiß der Leitungsetagen die Oberfläche aufzurauhen, ohne sie anzukratzen. Wir leben in Zeiten, wo es sehr viel schwerer ist als seinerzeit, noch Aufnahme in die bestehenden und so alternativlos wirkenden Institutionen der Bundesrepublik zu finden. Die Popironie ist die Ironie derjenigen, die es gerade noch hinein geschafft haben und sich nun mit der - trügerischen - Perspektive des Fortkommens innerhalb der Hierarchien des Systems befassen müssen.
Die Zeitungen hatten in den neunziger Jahren ja schon einiges durchgemacht. In zahllosen Layoutreformen wurde der immer gleiche Inhalt immer greller geschminkt. Die Fotos wurden größer und bunter, die Überschriften flapsiger. Die Jungen wurden bei diesen Fitnessübungen der Altvorderen dazu abkommandiert, einen Eindruck wirklicher Bewegung zu vermitteln. Das Verhältnis zu den Oberen ist stets prekär. Die Hierarchen wollen sich im Glanz ihrer Jugendlichkeit spiegeln, die sie zugleich fürchten. Die Jungjournalisten selbst aber, die inzwischen wacker auf die vierzig zumarschieren, müssen sich dabei beständig fragen: Wie falle ich auf, ohne als inkompatibel gelten? Wie gelte ich als originell, ohne mit Ideen die bestehende Routine zu verstören? So blieb das Spiel mit den Formen, deren Unterhöhlung überdies als subversiv galt, als Aufklärung der Medien über ihre eigenen Wirkungsweisen.
In Wirklichkeit aber artikuliert es den Zweifel des Journalismus an seiner eigenen Relevanz und ist ein typisches Symptom mächtiger, aber an sich zweifelnder und um sich kreisender Institutionen. Ist es Zufall, dass in den Feuilletons immer noch jene Theorien gewälzt werden, die ihre große Zeit in den so festgefügten siebziger und achtziger Jahren hatten - eine Zeit, die auch unsere bestehenden Institution so tief geprägt hat? Demnach sind Systeme unüberschreitbar, und die Wirklichkeit ist ihr bloßes Konstrukt. Wer sich drin befindet, dem erscheinen die Wirklichkeit als Simulation und die journalistischen Formen, die sie vermitteln, als leere Hüllen, denen nur durch spielerische Arrangements ein wenig Nachleben eingehaucht werden kann.
Zugleich aber geht es dabei stets um die höchstpersönliche "Anschlussfähigkeit", denn das Spiel hat durchaus Grenzen, wie die Affäre um das SZ-Magazin zeigte. Darum ist die Hauptobsession der modernen Ironie auch immer die der Korrektheit: Was darf man noch sagen, was schon nicht mehr? Political Correctness möchte man um Himmels willen vermeiden, aber andere Codices sind in Umlauf, die strikteste Beachtung verlangen. So mag man sich schon mal über Grüne, Türken oder Feministinnen mokieren, sollte aber Ethikprofessoren verschonen, die ab der zweiten Zelle Menschenwürde postulieren, falls diese Position von der Leitungsebene geteilt wird. Die Freiheit der Spielwiesen ist eine konzedierte. Was gerade Code ist, erfährt man von Stichwortgebern, die für ihre Intuition, vor allem aber für ihren wirtschaftlichen Erfolg bewundert werden, denn er beweist, dass das Spiel mit den Formen tatsächlich angesagt ist. Also Florian Illies, der mit dem Bekenntnis, seinen Müll nicht immer normgerecht zu trennen, den Buchmarkt in Trance versetzte. Und Harald Schmidt, die größte moralische Autorität in dem Gebiet.
Schmidt ist ja keineswegs ein Mann des "Anything Goes". Selten, aber deutlich legt er die Grenzen fest: Die Nazizeit ist tabu. Nach dem 11. September ging er vom Sender. Und als sein Konkurrent Johannes B. Kerner nach dem Erfurter Massaker seine Talkshow flugs an die Stätte des Grauens verlegte, holte er sich von Schmidt einen Rüffel: Bei ernsten Anlässen soll man schweigen. Das ist die Ironie des ironisierten Schicksalsmotivs: Wenn es ernst wird, fehlt dieser Generation die Form.
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