Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Essay

Hitlers Volksstaat

Anmerkungen zum Klassencharakter des Nationalsozialismus. Rede zur Verleihung des Heinrich-Mann-Preises der Akademie der Künste 2002. Von Götz Aly

22.05.2002. "Hitlers Volksstaat" - Götz Aly hat uns den ungekürzten Text seiner Rede zur Verleihung des Heinrich-Mann-Preises zur Verfügung gestellt.

Heute wird die Rassenideologie des Nationalsozialismus oft als pure Anleitung zum Hass und Vernichtung verstanden. Doch für Millionen Deutsche lag das Attraktive des neuen politischen Programms in dem nach innen gerichteten völkischen Gleichheitsversprechen. Für viele schien die Einebnung der Klassenunterschiede in der Staatsjugend, im Reichsarbeitsdienst, in den Großorganisationen der Partei und langsam selbst in der Wehrmacht fühlbar zu werden. Programmatisch verband die Nazi-Bewegung die soziale mit der nationalen Homogenisierung (ein nicht nur in Deutschland erfolgreiches politisches Konzept). Demnach durfte ein sogenannter Arier bald nach 1933 keine Beziehung mehr mit einer sogenannten Jüdin eingehen, aber erstmals in der deutschen Geschichte konnte ein Offizier ein Mädchen aus einer Arbeiterfamilie heiraten, vorausgesetzt beide Partner erwiesen sich nach erbhygienischen Kriterien als ehetauglich. In Anlehnung an die berühmte Köchin Lenins malte Hitler 1938 aus: "Es muss in diesem neuen Deutschland jedes Arbeiter- und Bauernkind bis zur höchsten Führung aufsteigen können."

In der Tendenz brach der Begriff Rasse den Begriff Klasse. Das - so meine These - machte den Nationalsozialismus immer wieder mehrheitsfähig. Hitler sprach von Volksgemeinschaft, Mussolini von democrazia totalitaria. Die Mehrheit der Deutschen empfand die Zeit als Epoche besonders schneller Veränderung, sozialer Umschichtung, breiter Aufwärtsmobilisierung, oft auch hoher individueller Verantwortung. In einer Orgie von Krieg und Expansion, Zerstörung und Selbstzerstörung erfüllten sich die gegen die Klassenschranken gerichteten Ziele der Volksgemeinschaft. Und das selbst noch in der Niederlage. Die Zeitgenossen bezeichneten sie treffend als "Stunde Null". Eine Stunde eben, in der viele Unterschiede verschwanden und die Chancen nach den Prinzipien des Zufalls, der Bildung und der sozialdarwinistischen Selektion neu verteilt wurden.

Mein Großvater beschreibt in seinen Lebenserinnerungen ausführlich seine Jahre im Ersten Weltkrieg. Er diente als Batteriechef an der Westfront und stützte sich dort 1917 auf einen "prächtigen" Vicewachtmeister: "Furcht kannte er nicht. Ich wollte ihn zum Offizier machen und forderte ihn auf, sich zu melden. Er antwortete mir: ?Mein Vater ist Schneidermeister. Ich möchte Unteroffizier bleiben. Ich passe nicht in diese Gesellschaft.' Aber das EK I hat er bekommen." Das ist die soziale Dynamik, die im Ersten Weltkrieg aufbrach und die die NSDAP mit großem Effekt aufnahm. Sie zog Tausende Gebildete an, die ihren Klassendünkel im Dreck des Stellungskriegs gelassen hatten. Sie integrierte den sozialistisch geprägten Arbeiter, den Handwerker, den kleinen Angestellten, die sich alle zusammen soziale Anerkennung und bessere Lebenschancen für ihre Kinder erhofften. Dazu stießen jene, die bereits von der Bildungsreform der Weimarer Republik profitiert hatten und den sozialen Aufstieg fortsetzen wollten. Sie verband nicht der Wunsch nach einer neuen Klassenherrschaft, sondern - neutral gesprochen und heute fast selbstverständlich - nach einem politisch-sozialen Zustand, in dem die Klassenposition zum Zeitpunkt der Geburt möglichst wenig den Lebensweg und die spätere gesellschaftliche Anerkennung eines Menschen festlegen sollte. Ein wesentliches Bindemittel bezog der neue nationale Binnensozialismus aus einem doppelten Antisemitismus: Er richtete sich gegen das "jüdische Spekulantentum", wie gegen den "jüdischen Bolschewismus", die bei aller Gegensätzlichkeit angeblich gemeinsam das Projekt der völkischen Einheit untergruben.

Theodor Schieder erklärte 1946 vor der Entnazifizierungskammer in Kempten: "Als Historiker und sozialempfindender Deutscher musste es mich vor allem mit Genugtuung erfüllen, dass die verhängnisvolle Zurücksetzung des deutschen Arbeiterstandes im Volksganzen beseitigt zu werden und einer Einheit aller Stände Platz zu machen schien." Das war keine faule Ausrede, die dem besserungswilligen, von der Jugendbewegung geprägten Ex-Nazi erst jetzt eingefallen wäre. In seinem bevölkerungsgeschichtlichen Geheimgutachten zur Vertreibung von Polen und Juden hieß es Ende September 1939: "Auch wäre zu erwägen, wie weit das Projekt der Wiedereindeutschung der Nordostprovinzen mit dem Gedanken einer Flurbereinigung in den Gebieten des südwestdeutschen Zwergbesitzes verbunden werden könnte." Er forderte in den neuannektierten Provinzen "Landzuweisungen an deutsche Landarbeiter" und bezeichnete 1941 "die Gewinnung von Siedlungsland als Beitrag zur Lösung der sozialen Frage" (in Deutschland).

Das Konzept galt für den gesamten, zwischen 1939 und 1942 immer ausgreifender gedachten, Generalsiedlungsplan Ost. In seiner entwickeltsten Form sah der Plan die Vertreibung von 50 Millionen Slawen in Richtung Sibirien vor. Er implizierte also den Tod von Abermillionen Menschen - ein technokratisch durchdachtes, DFG-gefördertes Großverbrechen. Nach innen muss derselbe Generalplan Ost jedoch als Projekt zur Beförderung einer aufsteigenden Klassenbewegung in Deutschland verstanden werden. Hitler schwärmte: "Aus Thüringen und aus dem Erzgebirge zum Beispiel können wir unsere armen Arbeiterfamilien herausnehmen, um ihnen große Räume zu geben." Die Deutsche Arbeitsfront wollte auf diese Weise "mindestens 700.000 landwirtschaftliche Klein- und Kümmerbetriebe beseitigt" sehen. Sämtliche wissenschaftlichen Untersuchungen über die sogenannten Siedlerreserven des deutschen Volkes wiesen auf die Marx'sche Reservearmee, auf die Modernisierungsbedrohten und -verlierer, wie man heute sagen würde. Himmler sprach vom "Sozialismus des guten Blutes".

Das alles wurde nicht zum Vorteil von Junkern und Monopolisten geplant, sondern als konkrete Utopie für einfache Deutsche. Ihre Kinder spielten 1942 "Wehrbauer im Schwarzerdegebiet", deutsche Soldatenbräute träumten zu Hunderttausenden von Rittergütern in der Ukraine und der brave Soldat Heinrich Böll, der gewiss kein williger Vollstrecker gewesen ist, schrieb noch am 31. Dezember 1943 aus dem Lazarett an seine Eltern: "Ich sehne mich sehr nach dem Rhein, nach Deutschland, und doch denke ich oft an die Möglichkeit eines kolonialen Daseins hier im Osten nach einem gewonnenen Krieg."

Die Anti-Hitler-Koalition verhinderte die Realisierung solcher Träume. Daher lässt sich der kurz angedeutete Generalsiedlungsplan Ost heute noch immer leicht als propagandistischer Schein, als wirklichkeitsfremde Phantasterei beiseite schieben. Um das Projekt einer massenhaften sozialen Aufwärtsmobilisierung, das die zentrale Triebkraft des Nationalsozialismus bildete, auch empirisch greifbar zu machen, empfiehlt sich ein Blick auf die reale Kriegsfinanzierung zwischen 1939 und 1945. Sie zeigt unwiderleglich, wie intensiv und in den Methoden rücksichtslos sich der NS-Staat um das materielle Wohl der schlecht und mäßig verdienenden Deutschen kümmerte.

Bereits am 4. September 1939 erging neben der Verordnung zur Lebensmittelrationierung die ebenfalls längst vorbereitete Kriegswirtschaftsverordnung. Sie sollte "dem, durch die Kriegsverhältnisse bedingten Finanzbedarf des Reiches Rechnung tragen". Während im Ersten Weltkrieg nur 13 Prozent der Staatsausgaben aus regulären Staatseinnahmen gedeckt werden konnten, der Rest über Anleihen, konnte im Zweiten Weltkrieg bis in den Herbst 1944 hinein eine von Finanzfachleuten so bezeichnete "goldene Deckungsquote" von 50 Prozent erzielt werden. Die Finanzierung gestaltete sich rein äußerlich sehr viel solider. Zu diesem Zweck wurde neben einer drastischen Gewinnabführung für Unternehmer ein Kriegszuschlag von 50 Prozent auf Lohn- und Einkommensteuer erhoben. Allerdings nur für Jahreseinkommen von mehr als 3000 RM - eine extrem hohe Freigrenze. Nach den Zahlen für das Jahr 1937 blieben sämtliche 15,5 Millionen Arbeiter im Deutschen Reich unter dieser Grenze, von den 3,7 Millionen Angestellten immerhin 53 Prozent. Überstunden-, Nacht- und Feiertagszuschläge mussten seit dem Sieg über Frankreich nicht mehr versteuert werden. Hinzuzuzählen wären die kleinen Beamten, damals bei Post und Bahn in großem Umfang beschäftigt, und die Bauern: Sie lebten in einer "besonderen Steuer-Oase", wie einer der führenden Finanzfachleute des Dritten Reichs 1943 klagte. Obwohl sich das deutsche Steueraufkommen im Zweiten Weltkrieg bis 1942 ungefähr verdoppelte und dann stagnierte, erhöhte sich das Steueraufkommen der Landwirtschaft zwischen 1938 und 1945 um nicht einen Pfennig (wohingegen die staatlich subventionierten Erzeugerpreise um bis zu 30 Prozent stiegen).

Wessen Steuern aber erhöhten sich dann? In den ersten 30 Monaten lenkten die Kriegssteuern knapp zwölf Milliarden Reichsmark zusätzlich in die Reichskasse. Betrachtet man die Verteilung zwischen den sozialen Schichten, dann belastete allein die Zusatzsteuer auf Tabak und Alkohol die große Mehrheit der Einkommensbezieher mit etwa 2,5 Milliarden Mark, während die restlichen mehr als 9 Milliarden Mark auf Unternehmen und Bezieher hoher Einkommen entfielen. Noch deutlicher wurde diese Tendenz im Haushaltsjahr 1942/43, als sich auch die deutsche Finanzpolitik auf einen langwierigen Krieg umstellte: "Eine überschlägige Schätzung dürfte ergeben", so schrieb Bernhard Benning, der die Volkswirtschaftliche Abteilung der Reichskreditgesellschaft leitete, "dass die im Jahre 1942 eingeführten zusätzlichen Abschöpfungsmaßnahmen bei den unternehmerischen Einkommen eine Höhe von 15-17 Milliarden RM erreichten gegenüber nur 1 Milliarde RM zusätzlicher Stillegung bei den sonstigen privaten Einkommen." Die geringfügige Erhöhung der Einnahmen aus der Masse der deutschen Werktätigen hatte eine zweite und letzte Erhöhung der Tabak- und Alkoholsteuer bewirkt. Gleichzeitig war die Körperschaftsteuer auf 50 Prozent gestiegen und die Einkommensteuer auf ausgeschüttete Gewinne auf 65 Prozent. Die Hausbesitzer waren Ende 1942, bei absolutem Mietstop, zu einer einmaligen Abgabe von 7,75 Milliarden Reichsmark herangezogen worden - zur "Hauszinssteuerablösung". Damals erbrachten 13 Prozent der Steuerzahler 80 Prozent des gesamten Steueraufkommens.

Die Funktionäre der NSDAP, und allen voran Hitler, sorgten dafür, dass die niedrigen und durchschnittlichen Einkommen bis zum 8. Mai 1945 von jeder direkten Kriegssteuer verschont blieben und die indirekten Steuern höchst moderat ausfielen. Natürlich plädierten die Fachleute für breitenwirksame Steuererhöhungen, um die Staatsfinanzen zu konsolidieren und den extremen Kaufkraftüberhang abzubauen - sie versuchten seit dem Frühjahr 1940 die Jahreseinkommen von 1800 Reichsmark aufwärts für die Kriegssteuer zu erfassen. Aber schon im Juni 1940 bestand unter den Experten "Übereinstimmung darüber, dass zur Zeit überhaupt keine Aussicht sei, irgendwelche steuerlichen Dinge beim Generalfeldmarschall [Göring] und dem Führer durchzubringen". Im Frühjahr 1943 schlug der letzte Versuch des Reichsfinanzministeriums fehl, die unteren Einkommensschichten mit einem generellen Lohnsteuerzuschlag von 25 Prozent zu belasten. Göring lehnte das prinzipiell ab, Hitler wich der Entscheidung unter Hinweis auf seine "Inanspruchnahme mit vordringlichen militärischen Angelegenheiten" aus. Die für die Reichsfinanzen Verantwortlichen stellten resigniert fest, offenbar könne man sich "hinsichtlich der unteren Einkommensschichten, die gerade vom Abschöpfungsgesichtspunkt aus besonders interessant wären, zu keinen energischen Maßnahmen entschließen".

Gedanklich war in diesem politischen Verhaltensmuster auch für die spätere Rückzahlung der Kriegsschulden gesorgt. Der Finanzwissenschaftler Hero Moeller wies auf den "Verkauf von hinzugewonnenen freigewordenen Böden und sonstigem unentgeltlich anfallendem neuen Staatseigentum" hin, der eine "beträchtliche Entlastung schaffen" könne. Sein Kollege Benning sprach vom "Rückgriff auf ausländische Volkswirtschaften" und bezeichnete die "bedeutenden Sachwertkomplexe, die durch die Besetzung feindlicher Länder - insbesondere im ehemaligen Polen und in Russland - in das Eigentum des Reiches übergegangen" seien, als "zusätzliche Tilgungsquellen". Fritz Reinhardt, langjähriger NS-Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, dachte bereits an entsprechende Volksaktien. Die Rüstungsausgaben seien nicht unproduktiv, ihnen sei vielmehr "das gewaltige Sachvermögen gegenüberzustellen, das durch das deutsche Schwert gewonnen" werde. Deshalb, so gab er 1942 zu Protokoll, sollte "ein Teil des neuen Reichsbesitzes den Sparern zur Verfügung gestellt werden - Beispiel: Anteile an Industriewerken oder Gruben im besetzten Ostraum."

Auch das blieb pures Wunschdenken. Real jedoch wurden die laufenden Einnahmen des Reiches schon im Zweiten Weltkrieg in erheblichem Umfang mit dem Griff in fremde Kassen stabilisiert. Nur so nämlich ließ sich die Deckungsquote von 50 Prozent im Kriegshaushalt erzielen. Diese Einkünfte firmierten im Reichshaushalt unter "Sonstige Einnahmen" und erwiesen sich als der "eigentlich dynamische Faktor" (Reinhardt) der deutschen Kriegsfinanzierung. In dieser Position wurden (neben einigen anderen Einnahmen) die Besatzungskosten versteckt, die das deutsche Reich den unterworfenen Ländern auferlegte. Prinzipiell hatte jedes Land 50 Prozent seines letzten Friedenshaushaltes als sogenannte Besatzungskosten zusätzlich zu entrichten - eine ungeheure, von keinem wirklichen Besatzungsaufwand gedeckte Quote. Der schon mehrfach erwähnte Benning, der nach dem Krieg zum Bundesbankdirektorium gehörte, jubelte 1944: "Zu den Steuereingängen kommen als in ihrer Bedeutung ständig erhöhter Posten die sog. ?sonstigen Einnahmen'. Sensationell war die kürzlich von Reinhardt mitgeteilte neueste Ziffer von 26 Mrd. RM!" Tatsächlich beliefen sich die Einnahmen aus der massiven geldwirtschaftlichen Ausplünderung fremder Länder 1943 und 1944 nach den Berechnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel auf 28,1 bzw. 39,6 Milliarden Reichsmark, damit überstiegen sie in der zweiten Kriegshälfte die regulären inländischen Steuereinnahmen des Reiches.

Nun muss nach aller finanzpolitischen Erfahrung jedes Land währungspolitisch zusammenbrechen, dem zugemutet wird, seinen Haushalt innerhalb kürzester Frist um fünfzig Prozent zu erhöhen, um damit die angeblichen Besatzungskosten für eine fremde Macht zu bezahlen. Die Deutschen hatten daran kein Interesse, weil eine unkontrollierte Inflation, wie sie nur im besetzten Griechenland auftrat, die systematische Ausbeutung und eine möglichst kooperative Besatzungsverwaltung sofort erschwert, wenn nicht verunmöglicht. Die Besatzungsmacht sah sich also von Anfang an gezwungen, die Währungen in den besetzten Ländern gleichzeitig zu stabilisieren. Und diese Stabilisierung geschah überall, in höchst geheimer und möglichst spurloser Weise nach demselben Prinzip: Sie bestand in der Verstaatlichung und anschließenden Reprivatisierung des den Juden genommenen Vermögens zugunsten der besetzten Länder Europas.

Zufällig sind die einschlägigen Akten für das kleine Gebiet des Militärbefehlshabers Serbien erhalten. Zunächst sollten danach, die Erträge aus der Arisierung als Anzahlung auf eine spätere "Kriegsentschädigung" Serbiens an den Aggressor Deutschland konfisziert werden. Das jedoch korrigierte ein Erlass Görings vom 25. Juni 1942: Von nun an war "das jüdische Vermögen in Serbien zu Gunsten Serbiens einzuziehen. Die Deutschen beabsichtigten mit dieser Maßnahme - und das war das Entscheidende - "eine finanzielle Hilfe für den durch die Last der Besatzungskosten ohnehin stark beanspruchten serbischen Staatshaushalt". Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Besatzungskosten monatlich etwa 500.000 Dinar betragen. Das Gesamt-Vermögen der serbischen Juden belief sich auf drei bis vier Milliarden Dinar. Zum Zeitpunkt der Berliner Entscheidung reichte es also, um die Besatzungskosten für ein gutes halbes Jahr zu decken, oder dafür, über einen längeren Zeitraum den Inflationsdruck auf die serbische Währung zu mindern.

Die griechischen Juden wurden während der Hochinflation in Griechenland deportiert. Das Deutsche Reich versuchte damals die Drachme mit einer Doppelstrategie zu stabilisieren: Einerseits - Sie hören ganz richtig - lieferte die Reichsbank Gold an die Nationalbank in Athen, andererseits forcierten die Deutschen die Hellenisierung des Vermögens der Juden von Saloniki, die nunmehr sehr schnell deportiert wurden. Der im Auswärtigen Amt dafür verantwortliche Legationsrat Eberhard von Thadden gab für seine mehrwöchigen Dienstreisen zur Vorbereitung der Deportation nach Auschwitz den folgenden Zweck an: "Sonderauftrag des Führers betr. Stabilisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Griechenland".

Ein Jahr später wandten die Deutschen in Ungarn, das sie am 19. März 1944 besetzt hatten, dasselbe Verfahren an. Wieder wurden die Besatzungskosten mechanisch auf 50 Prozent des durch den Krieg ohnehin schon aufgeblähten ungarischen Staatshaushaltes festgelegt. Demnach wurden erst 200 Millionen, bald jedoch 300 Millionen Pengö monatlich auf den Normaletat aufgeschlagen. Am 31. Mai vermerkte der für Ungarn zuständige Beamte im Reichswirtschaftsministerium, Oberregierungsrat Schomaker: "Die ungarische Judengesetzgebung ist inzwischen weiter vervollständigt worden. Die ungarische Regierung rechnet damit, dass die großen finanziellen Anstrengungen, die im Rahmen der gemeinsamen Kriegsführung notwendig werden, weitgehend aus dem Judenvermögen bestritten werden können. Die Vermögen sollen mindestens ein Drittel des Nationalvermögens betragen." Der für die Enteignung zuständige ungarische Beamte teilte mit, "dass die beschlagnahmten Judenvermögen zur Deckung der Kriegskosten und zur Wiedergutmachung der durch Bombenangriffe verursachten Schäden verwendet werden". Die "Neue Zürcher Zeitung" beobachtete am 3. August 1944 in Budapest: "Bei der Arisierung jüdischer Unternehmen ist der behördlich festgesetzte Kaufpreis sofort in bar zu bezahlen, was zeigt, dass die Aktion wie seinerzeit in Deutschland eine gewisse fiskalische Bedeutung (Erleichterung der Kriegsfinanzierung) besitzt."

Genauso funktionierte die Arisierung überall in Europa. Vordergründig wurde sie als Hungarisierung, Hellenisierung, Tschechisierung, Polonisierung oder Romanisierung betrieben. Die nationalen Administratoren und die Millionen europäischer Käufer wurden zu Miträubern und Hehlern. Jedoch flossen die Erträge aus dem Verkauften den nationalen Finanzministerien zu und von dort - ganz bewusst und sehr verdeckt organisiert - an die jeweiligen Wehrmachtsintendanten. Sie verwalteten die Konten, auf denen die Besatzungskosten eingingen. Sie standen am Ende eines perfekten Systems der Geldwäsche.

Wenn man sich klar macht, dass deutsche Soldaten den Hauptteil ihres Soldes in der Währung des Landes erhielten, in dem sie stationiert waren, um den Inflationsdruck auf die Reichsmark zu mindern, wenn man sich zudem klar macht, dass Lazarettaufenthalte deutscher Verwundeter in Ungarn, Polen oder in Böhmen in der jeweiligen Landeswährung bezahlt wurden, ebenso die Lieferung von Abermillionen Tonnen Lebensmitteln, von Dienstleistungen, Industrieprodukten und Rohstoffen an das Reich und an die Wehrmacht, dann wird klar, wo das Vermögen der ermordeten Juden Europas letztlich geblieben ist. Es wurde zu Gunsten und zum Vorteil von Millionen Deutschen verwertet. Ihnen mutete das Regime geringe Kriegslasten zu und zahlte ihren Sold indirekt aus dem Verkauf des Eigentums von Millionen enteigneter und zum großen Teil ermordeter europäischer Juden. Diese Soldaten deckten sich mit dem Geld auf den Schwarzmärkten Europas ein, kauften sich Zigaretten und schickten Millionen Feldpostpäckchen in die Heimat. Der Päckchen- und Paketverkehr in diese Richtung ist auf ausdrücklichen Wunsch Hitlers niemals beschränkt worden.

Damit ist die Frage nach dem Klassencharakter des Nationalsozialismus beantwortet. Wer die klassenbewusste Verteilung der Kriegslasten im Deutschland des Zweiten Weltkriegs betrachtet, kommt zwingend zu dem Ergebnis: Die NSDAP verstand sich als Sachwalterin der kleinen Leute, sah sich dem Egalitarismus der Volksgemeinschaft verpflichtet und vor jeder Zwangsmaßnahme, etwa dem Zwangssparen, und vor jeder breitenwirksamen Steuererhöhung zurück. Hitler-Deutschland wurde im Krieg zum Umverteilungsstaat par excellence. So erklärt sich die hohe innere Stabilität, eine Stabilität allerdings, die - wie in jedem Umverteilungsstaat - immer wieder neu erkauft werden musste. So entwickelte sich eine volkstümliche Einheit von Wirtschafts-, Sozial- und Rassenpolitik. Nicht wenige Ns-Funktionäre sahen im Kriegskommunismus bereits einen Vorgriff auf die Gesellschaftsordnung nach einem deutschen Siegfrieden. Daraus bezog die Sozialutopie des Nationalen Sozialismus ihre politische Schubkraft.

Dieser Einsicht zum Trotz wird in der Publizistik immer wieder die grundverkehrte, weil in die verkehrte Richtung weisende Generalisierung Max Horkheimers bemüht: "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte vom Faschismus schweigen." So hat sich die öffentliche Diskussion in den vergangenen zehn Jahren anhand der Themen "Raubgold" und "Zwangsarbeit" auf die noch existierenden deutschen (auch österreichischen und schweizerischen) Banken und Industrieunternehmen regelrecht eingeschossen. Die Zielrichtung bleibt jedoch selbst dann falsch, wenn sie von den betroffenen Unternehmen zur Vermeidung größerer Imageschäden schnell akzeptiert wurde. Mit den Firmennamen Dresdner Bank, Allianz, Generali, Daimler-Benz, Deutsche Bank, Krupp, IG-Farben oder Thyssen lässt sich die geschichtliche Hintergrund der sogenannten "Entjudung" antikapitalistisch verschleiern, aber nicht auch nur entfernt erklären. In den Fängen der am kollektiven Raub nicht unbeteiligten Firmen blieb der weitaus kleinere Teil des Erbeuteten. In der Masse wurde die Beute so breit wie nur möglich umverteilt. Anders gesagt: Die Arisierung jüdischen Vermögens gehört in die Kette der Eigentumsrevolutionen des 20. Jahrhunderts; der Nationalsozialismus, einschließlich seiner ungeheuerlichen Verbrechen, steht im größeren Zusammenhang der egalitären Bewegungen und Utopien im 20. Jahrhundert. Nur so lässt sich die explosive politische Dynamik der zwölf kurzen Jahre zwischen 1933 und 1945 angemessen analysieren. Wenn man das tut, dann ist das Ende einer Geschichtsschreibung erreicht, die das Jahrhundert bequem nach Gut und Böse sortiert. Wer sich entschließt, die Ermordung der europäischen Juden als Teil einer Politik zu begreifen, die ihre Kraft aus der Gleichheitsidee bezog, der wird unweigerlich feststellen müssen, dass wir demselben Gleichheitsgedanken viele Selbstverständlichkeiten unseres Lebens verdanken. Er bedeutete und bedeutet für Millionen Europäer einen entscheidenden lebensgeschichtlichen Fortschritt - einen Fortschritt, der eben auch mit den Mitteln des Krieges, des Hasses und des Massenraubmords erreicht worden ist. Wer von den vielen Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen.

*

Götz Aly ist Historiker und Publizist. Zuletzt veröffentlichte er, zusammen mit Christian Gerlach, "Das letzte Kapitel - Der Mord an den ungarischen Juden".

Gustav Seibts Laudatio auf Götz Aly finden Sie hier.

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Essay

Ina Hartwig: Fesselt Euch nicht

10.04.2014. Bilder nackter Kinder haben gerade einen ganz schweren Stand. Sie sind zur politischen Obsession geworden. Plädoyer gegen ein Denkverbot. Mehr lesen

Ralf Bönt: Vom Frontalen ins Virale

27.03.2014. Das Netz versprach, uns zu Herren unserer Biografie zu machen. Nun werden unsere Daten an die Regierung verkauft. Das geht aber nur, solange wir es nicht wahrnehmen. Danach wehren wir uns, und an dieser Stelle sind wir jetzt. Mehr lesen

Ilja Braun: Für eine neue Netzökonomie

10.03.2014. Forderungen nach Datenschutz und Urheberrechten basieren beide auf der Vorstellung, dass man Eigentum an seinen Daten hat. Kann das bedingungslose Grundeinkommen eine Antwort auf die Krise des Urheberrechts und des Datenschutzes im Digitalzeitalter sein? Mehr lesen

Daniele Dell'Agli: Die rhapsodische Kamera

05.02.2014. Das einzige Kollektiv, das Miklós Jancsó mit utopischer Energie aufladen wollte, waren die Cinéasten. Sie lehrte der große Virtuose der Plansequenz, dass jede Veränderung der Verhältnisse mit einer Veränderung der Wahrnehmung beginnen muss. Dem großen ungarischen Regisseur zum Gedächtnis. Mehr lesen

Pascal Bruckner: Für eine wohlwollende Indifferenz

12.11.2013. Der Begriff der "Islamophobie" rückt Kritik an einer Doktrin in Rassismus-Verdacht. Gestraft sind mit dem Begriff vor allem liberale Muslime. Mehr lesen

Peter Mathews: Freiheit als Leitkultur

07.11.2013. In Deutschland und Europa interessiert man sich nicht mehr besonders für die Revolutionäre von 1848. In Amerika sind ihre Ideen dagegen noch präsent. Zum Beispiel an einem kleinen College in Iowa, wo vor kurzem über das "Vermächtnis von 1848" diskutiert wurde. Mehr lesen

Lea Kosch: Große Träume, leere Konten

05.11.2013. Deutsche Theater kritisieren sehr gern den Kapitalismus. Die Arbeitsbedingungen an den Häusern zeigen aber, dass Ausbeutung auch ohne geht. Nun regt sich Unmut unter Künstlern. Mehr lesen

Hubertus Kohle: Für Open Access in den Geisteswissenschaften

16.09.2013. Die Kulturzerstörer finden sich nicht unter denjenigen, die das Internet auch publizistisch verwenden, sondern eher unter denjenigen, die sich ihm unter dem Deckmantel des Bewahrenwollens verweigern. Mehr lesen

Monotheismus-Debatte im Perlentaucher

10.09.2013. Alle Artikel der von Jan Assmann angestoßenen Debatte zu Monotheismus und Gewalt im Perlentaucher, aktualisiert am 10. September. Mehr lesen

Reinhard Schulze: Religion, Wahrheit und Gewalt

09.09.2013. Religion als Wahrheitsordnung übernahm ein Prärogativ der Götter, nämlich zornig zu sein und strafen und vergelten zu können. Der Islam ging hier einen eigenen Weg. Mehr lesen

Dorothea Weltecke: Müssen Religionen intolerant sein?

26.08.2013. Die "mosaische Unterscheidung" ist nicht statisch. In der Praxis haben Religionen gelernt, miteinander zu leben. Nur atheistische und religiöse Fundamentalisten suchen noch nach dem "Eigentlichen". Mehr lesen

Marie Luise Knott: Das Erhabene und das Schöne

12.07.2013. Beim Literaturfestival im Thermalbadeort Leukerbad wird die Kränkung des Schöpfers zum Glück des Lesers. Mehr lesen

Daniele Dell'Agli: Die Matrix und ihre Feinde

17.06.2013. Erstaunlich, mit welchem Aufwand davon abgelenkt wird, dass die Unterscheidung zwischen dem einen wahren Gott und den vielen falschen Göttern uns noch nach 2000 Jahren ihre finstere Exekutivlogik unter Beweis stellt. Wider die Entschärfung von Jan Assmanns These. Mehr lesen

Marie Luise Knott: Ein Turm aus sieben Eiern

11.06.2013. Biennale Venedig: Artur Zmijewski lässt Blinde sich selbst malen. Fischli-Weiss präsentieren kritische Momente der Weltgeschichte in ungebranntem Ton. Tino Sehgal arbeitet mit Tänzern in gleichem Rhythmus, ohne sich je zu vereinigen. Flüchtige Impressionen einer Kunst, die nie statisch sein will. Mehr lesen

Matthias Küntzel: Erstaunliche Nonchalance

10.06.2013. Die Zeit ist liberal - besonders im Umgang mit dem iranischen Regime. Gegen die beschönigende Wahlberichterstattung aus dem Gottesstaat, der die Opposition seit den Aufständen vor vier Jahren brutaler unterdrückt als je.
Mehr lesen

Gesamtes Archiv: Essay