Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Aus dem Archiv
- Debatte "Islam in Europa": Mit Beiträgen von Pascal Bruckner, Ian Buruma, Necla Kelek, Lars Gustafsson, Adam Krzeminski, Bassam Tibi u.a.
- Der dänischer Karikaturenstreit: Eine europäische Presseschau
- Die Walser-Affäre: Der Streit um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers"
- Der 11.September: Eine Presseschau
- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
Perlentaucher-Autoren
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Im Ententeich: Redaktionsblog
Willi Winkler und der Mann der Tat
Von Thierry Chervel, 02.12.2009, 12:12
Dass es linken Antisemitismus gibt, hat sich inzwischen sogar bis in die Linke herumgesprochen. Und doch ist es bis heute bestürzend, wie asymmetrisch die Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist. Gerät eine Institution wie die Kirche in Verdacht, dann ist das Rauschen in den Blättern groß: Aber so empörend Benedikts XVI. Abwiegeln ist ? wen repräsentieren schon die Piusbrüder? Weit weniger Interesse erregte fast gleichzeitig der postkoloniale Stand-up-Comedian Dieudonné, der vor einem johlenden Massenpublikum den Holocaustleurgner Robert Faurisson mit einem selbstgeschaffenen Pres für political incorrectness auszeichnete.
Kommt der Pesthauch aus der eigenen Ecke, hat es damit immer eine Bewandtnis. Dann muss man erklären, verstehen und es auch mal ganz anders sehen. So heute auch Willi Winkler in der SZ in einer Besprechung von Aribert Reimanns Biografie des Kommunarden: Dieter Kunzelmann war Antisemit, Winkler will es ja gar nicht leugnen. Aber Kunzelmann war eben auch hochsympathischer "Großkasperl", der die Verhältnisse im Sinne Winklers zum Tanzen brachte und den man sich von Aufklärern wie Wolfgang Kraushaar, Gerd Koenen oder Götz Aly nicht kaputtmachen lassen will. So ein Mann der Tat lässt einen Mann des Wortes wie Winkler stets schon knieweich werden. Der "letzte deutsche Bohemien" sei Kunzelmann gewesen, schwärmt Winkler. Als wäre das ein Ehrentitel. Die Boheme ist genau jenes Terrain vague, in dem die rechten und linken Totalitarismen ihre ungeschiedenen Ursprünge haben. Hitler war auch ein Bohemien.
"Es gehört mittlerweise zum guten Ton, den großen Zampano schlechtzureden", klagt Winkler. Kraushaars Kunzelmann-Buch ist ? neben Gerd Koenens Buch "Vesper, Ensslin, Baader" und Götz Alys "Unser Kampf" - so epochal, weil es verdrängte Kontinuität unter den Brüchen offenlegt. "Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus" schildert, wie Kunzelmann mit seinen "Tupamaros" den "Judenknax" (so Kunzelmann) der 68er heilen wollte. Kein Buch zeigt besser, dass eine bestimmte Fraktion der 68er ? eine radikale, aber wie Winklers Beispiel bis heute zeigt, eine einflussreiche ? keineswegs über die Taten der Eltern aufklären wollte, sondern dass ihre Pathologie eine der Wiederholung war: Sie wollten die Geschichte der Eltern nachspielen, nur andersrum, mit sich selbst in der Rolle der Opfer und Resistants ? und den Amerikanern und Juden in der Rolle der Nazis.
Hinter den Rechtfertigungen eigener Morde und Mordgelüste steckte ein banaler Reflex unverarbeiteter Vergangenheit, eine unschöne Aneignung des Opferstatus, eine zweite Entsorgung der eigentlichen Opfer. Diese Mentalität kristallisierte sich in der Tat, die bis zu Kraushaars Buch so gut wie total verdrängt war, der Bombe im jüdischen Gemeindehaus. Sie sollte am 9. November 1969 hochgehen, während des Gedenkens an die "Reichskristallnacht", wo sich ein schütteres Häufchen Überlebender mit ein paar offiziellen Abgesandten des Staates und der Kirchen versammelte. Gelegt hatte sie Albert Fichter, offenbar auf Weisung Dieter Kunzelmanns, der bis heute leugnet.
"Dass Kunzelmanns Untat antisemitisch war", will Winkler wie gesagt gar nicht bestreiten. Es ist ihm nur nicht so wichtig. Winkler scheint in der Tat einen fehlgeleiteten Akt mit an sich richtiger Intention zu sehen. Er ordnet sie in eine Tradition des Surrealismus und Situationismus ein, deren Legitimität für ihn bis heute nicht in Zweifel steht: "1969 mag es für (Kunzelmann) der ultimative surrealistische Akt gewesen sein, die Berliner Gedenkfeier in ihrem selbstzufriedenen Philosemitismus zu erschüttern. So grauenhaft und wenig verzeihlich das ist, so wenig sollte einem die Zerstörungslust fremd sein, die der Avantgarde seit je zugehört. Die Avantgarde war nie nett zu ihrem Publikum." Diese Sätze müsste man genauer auseinandernehmen: Sind die im Gemeindehaus versammelten Juden das "Publikum" einer Avantgarde, die nun mal nicht nett zu ihm ist? Sollten sie das Attentat im Namen der Kunstfreiheit über sich ergehen lassen? Kann man vom "selbstzufriedenen Philosemitismus" eines schütteren Häufchens Holocaustüberlebender sprechen?
Die Bombe ging nur wegen eines kleinen Konstruktionsfehlers nicht hoch. Sie war so explosiv, dass es unter den 250 Anwesenden zahlreiche Tote gegeben hätte. Dass der Berliner Verfassungschutz bei der Übergabe der Bombe an Fichter eine Rolle spielte, macht diesen verdrängten deutschen Moment nur noch grässlicher. An Kunzelmanns spontanem, tief gefühltem Antisemitismus ändert es nichts.
Winkler versucht dennoch eine Ehrenrettung der abscheulichen Figur ? zu konstitutiv scheint sie für seinen eigenen ideologischen Komfort. Die Empörung über Kraushaars nüchterne Rekonstruktion der Fakten klingt in seinem Artikel noch nach: "Wolfgang Kraushaar ist es mit seinem Buch 'Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus' gelungen, Kunzelmann als bete noire, als den allerschlimmsten Finger, zu denunzieren, der die bis dahin so ehrbare Linke zum Antisemitismus der Elterngeneration zurückgeführt haben soll."
Winklers Artikel repräsentiert eine Tendenz in der kulturellen, intellektuellen und auch politischen Linken in Deutschland ? eine Tendenz zur Leugnung der Geschichte. Zurecht erinnert Winkler daran, dass die Berliner Alternative Liste Kunzelmann ohne den geringsten Skrupel in den achtziger Jahren zum Abgeordneten im Westberliner Parlament machte. Man sah darin eine weitere lustige Provokation des Establishments. In der Hausbesetzerszene und der taz gab es seinerzeit ganze Fraktionen von Verehrern, die stets an seinen Lippen hingen, wenn er Anekdoten aus der Politclownzeit der Kommune 1 zum besten gab.
Der Muff der tausend Jahre qualmt auch aus Haschichtüten.
Thierry Chervel
twitter.com/chervel
Kommentare
Archiv
- Februar 2012
- Dezember 2011
- November 2011
- Oktober 2011
- September 2011
- August 2011
- Juli 2011
- Juni 2011
- Mai 2011
- April 2011
- Januar 2011
- Dezember 2010
- November 2010
- September 2010
- August 2010
- Juli 2010
- Juni 2010
- Mai 2010
- April 2010
- März 2010
- Februar 2010
- Januar 2010
- Dezember 2009
- November 2009
- September 2009
- August 2009
- Juli 2009
- Juni 2009
- Mai 2009
- April 2009
- März 2009
- Februar 2009
- Januar 2009
Archiv: Presseschauen
Für Ohrfeigen geboren
11.02.2012. In der FAZ erklärt Michail Schischkin, warum Gogol der verzweifeltste aller russischen Schriftsteller war. In der NZZ erklärt Jennifer Eagan das Konzept ihres Romans über die Aushöhlung der Musikindustrie. Der eigentliche Stukturwandel der Öffentlichkeit findet jetzt erst statt, meint Volker Gerhardt in der Welt. In der taz erklärt Bazon Brock, warum man als Humanist gegen den Tod sein muss. In der FR beklagt Timothy Snyder das politsche links-rechts-Schema in der Wahrnehmung des Holocaust. Mehr lesen
Ewig lockt das Buch
10.02.2012. Josef Joffe meint: "Die Print-Zeitung wird vergehen, das Buch bleibt bestehen" - Leonard Novy fordert eine neue Medienpolitik für neue Medien - Wolfgang Michal fragt: Ist ACTA Ansgar Hevelings Kriegserklärung? - Blutgrätsche gegen Medienpläne: Bundesliga-Pläne der Telekom in Gefahr - Schöner debattieren? Vocer und Diskurs@Deutschlandradio. Mehr lesen
Morbid-intimes Sentiment
07.02.2012. Der Economist und Himal schildern die unerfreuliche Lage Homsexueller in islamischen Ländern. Wired porträtiert die Pariser Untergrundbewegung Urban eXperiment. Dem Guardian läuft in Wien ein Proustscher Schauer über den Rücken. Caffe Europa betrachtet die verführerische Unordnung in Japan. In Russland können Linke, Rechte und sogar Liberale Nationalisten sein, notiert Nicu Popescu in Open Democracy. Sony untergräbt die langsame Liberalisierung der indischen Zensur, fürchtet Outlook India. Die NYRB fühlt mit kleinen mutlosen Italienern. Mehr lesen
Karikaturen und Cartoons
27.01.2012. Vorbild Belgien. Mehr lesen
Archiv: Bücher
Uangenehm plausibel
11.02.2012. FAZ und taz sind höchst unterschiedlicher Auffassung über Christian Krachts neuen Roman "Imperium": Die eine erfreut sich an Krachts "prunkend exquisiter" Sprache, die andere meint: Pauschalreiseprosa. Die NZZ ist erschüttert von Drago Jancars Roman "Nordlicht". Der FR graust es in Benjamin Steins neuem Roman "Replay". Die SZ ist zwiespältig bei Zeruya Shalev. Die taz pisst außerdem mit Vergnügen in den Wind. Mehr lesen
Joan Didion: Blaue Stunden
09.02.2012. In "Blaue Stunden" erinnert sich die amerikanische Autorin Joan Didion an ihre Tochter, daran, wie es war, sie aufwachsen zu sehen und Abschied zu nehmen, als sie mit 39 Jahren starb. Es ist eine persönliche Bilanz über Erinnerung und Alter. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen
Maria Sonia Cristoff: Unbehaust
06.02.2012. Zum Glück erinnern sich die meisten Tiere nicht an das, was wir Menschen ihnen antun. Leseprobe Mehr lesen
Erde im Blut
17.01.2012. In Parker Bilals "Die dunklen Straßen von Kairo" kämpft Privatdetektiv Makana für Aufklärung und bringt damit Magnaten und Sittenwächter gegen sich auf. In "Der achte Zwerg" lässt Ross Thomas einen Nazijäger durch das Deutschland im Jahre Null jagen. Mehr lesen
Archiv: Magazin
Selbst ist der Autor
09.02.2012. Die entscheidenden Akteure im Buchmarkt sind die Leser und die Autoren. Sie können nun direkt zueinander finden. Eine Antwort auf Jürgen Neffe von Cora Stephan Mehr lesen
Selbst ist der Autor
08.02.2012. Die entscheidenden Akteure im Buchmarkt sind die Leser und die Autoren. Sie können nun direkt zueinander finden. Weitere Regulierungen braucht es nicht. Eine Antwort auf Jürgen Neffe Mehr lesen
Der Abschied vom Universum Buch
30.01.2012. Jürgen Neffe will einen anti-globalen Schutzwall um einen Markt ziehen, der sich bereits in völliger Auflösung befindet. Das wird nicht funktionieren. Trotzdem braucht der Wandel gute Rahmenbedingungen. Mehr lesen
FAZ und SZ gegen Perlentaucher: Das Urteil
01.11.2011. Nach fünf Jahren ist es jetzt amtlich: Der Perlentaucher darf 13 Abstracts zu FAZ- und SZ-Buchkritiken nicht mehr vertreiben, entschied heute das OLG Frankfurt. Mit ihren weitergehenden Anträgen sind die Zeitungen gescheitert. Mehr lesen








