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Im Ententeich: Redaktionsblog
FAZ enteignet den Papst
Von Anja Seeliger, 02.04.2009, 17:23
"Enteignet die Enteigner" schallte es uns neulich aus den Zeitungen entgegen. Böse ist immer das Internet. Die Enteigner sind Schüler, die ein Musikstück downloaden. Oder Google. Oder auch der Perlentaucher. Oder ruft da jemand "Haltet den Dieb"? Zeitungen spielen sich gerne als Hüter des Urheberrechts auf, das vom Internet ausgehöhlt werde. Die eigentliche Enteignung der Urheber findet aber in Zeitungen statt. Nach der Sache mit dem Hürlimann-Zitat habe ich noch ein bisschen bei Genios recherchiert. Genios ist eine Online-Datenbank, gegründet von FAZ und Handelsblatt, die unter anderem ein zahlungspflichtiges Archiv für die deutsche und internationale Tages- und Wochenpresse anbietet. Hier werden Artikel aus den Archiven der FAZ, Süddeutschen, Zeit, taz, Guardian etc. gegen Entgelt zum Lesen angeboten.
Das Angebot enthält zum Beispiel die Artikel von Thomas Hürlimann (FAZ: 3,75 Euro), Alex Capus (Süddeutsche: 3,21 Euro) und Urs Widmer (FAZ: 3,75 Euro) über den Streit Schweiz vs. Steinbrück, Martin Mosebachs Büchnerpreisrede (FAZ: 3,75 Euro), Ralf Rothmanns Dankesrede zur Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung (FAZ: 3,75 Euro), George-Arthur Goldschmidts Polemik gegen die Aufnahme Ernst Jüngers in die Pleiade (Frankfurter Rundschau: 2,38 Euro), Thomas Brussigs Artikel über den Schießbefehl (Tagesspiegel: 2,38 Euro), Daniel Kehlmanns Schrift gegen das Verbot von Maxim Billers Roman "Esra" (FAZ: 3,75 Euro), Monika Marons Plädoyer gegen Gesine Schwan als Bundespräsidentin, Günter Grass' Essay zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes (Die Zeit: 2,38), die Nobelpreisreden von J.M. Coetzee (FAZ: 3,75 Euro) und Orhan Pamuk (Süddeutsche: 3,21 Euro), Imre Kertesz' Rede über das Jahrhundert von Auschwitz (Süddeutsche: 3,21 Euro), Martin Walsers Besprechung der Briefe von Lilli Jahn (Süddeutsche: 3,21 Euro), Jürgen Habermas' Antwort auf Günter Verheugen (Süddeutsche: 3,21 Euro), Uwe Tellkamps Essay über die DDR (FAZ: 3,75 Euro), die Regensburger Rede des Papstes (FAZ: 3,75 Euro) und die Rede des Bundespräsidenten Horst Köhler zum Kriegsende (FAZ: 3,75 Euro)
Vielleicht haben einige dieser Autoren tatsächlich ihre Verwertungsrechte an die Zeitungen abgetreten. Aber der Papst? Bundespräsident Horst Köhler? Von einigen Autoren weiß ich, dass sie sie nicht abgetreten haben. Thomas Hürlimann hat das für seinen Artikel dem Perlentaucher bestätigt (Nachtrag 18.50 Uhr: Gerade erhalte ich eine Mail von Thomas Hürlimann, den die FAZ darüber informiert hat, dass er 2004 einen Vertrag unterschrieben hat, mit dem er die Rechte an den Texten, die er für die FAZ schreibt, abgetreten hat. Er hatte das vergessen.), auch Monika Maron hat es uns bestätigt. Die Verwertungsrechte für die Nobelpreisreden liegen ausschließlich bei der Nobelstiftung. Von Imre Kertesz weiß ich es auch, denn wir haben ihn gefragt, ob wir seine Rede für signandsight.com übersetzen dürfen. Auch Günter Grass tritt seine Verwertungsrechte nicht ab, das hat 2007 seine persönliche Assistentin Hilke Ohsoling dem Perlentaucher gegenüber erklärt: "Wir geben grundsätzlich keine Genehmigung dafür, dass Zeitungen Veröffentlichungsrechte an Texten von Günter Grass weitervertreiben". Martin Walser tritt seine Rechte an Artikeln nicht ab: "Diese Sachen werden ja meistens ohne jeden Vertrag gemacht", erklärte er Ilja Braun, der darüber im Perlentaucher schrieb.
Ob FAZ, Süddeutsche, Tagespiegel, Zeit, Frankfurter Rundschau oder taz, Zeit - sie alle machen bei dieser Enteignung der Autoren mit. Sie bieten Artikel feil, die ihnen nicht gehören. Der Urheber, also der Autor, sieht von den Einnahmen in der Regel keinen Pfennig. Und mehr noch: Genios bietet jedem Kunden an, diese Artikel gewissermaßen zu "mieten" und auf die eigene Webseite zu stellen. Wir haben das vor zwei Jahren am Beispiel von Günter Grass' Nobelpreisrede durchexerziert - allerdings nicht über Genios, sondern direkt über die FAZ: Für 265 Euro pro Monat hätten wir seine Nobelpreisrede im Perlentaucher veröffentlichen können. Die Bestellroutine funktioniert ähnlich wie bei Amazon. Da die FAZ keine Rechte an der Rede hatte, haben wir auf das Privileg der Veröffentlichung verzichtet.
Die Autoren wehren sich selten dagegen. Meistens wissen sie nicht einmal, dass ihre Artikel weiter verwertet werden. Oder es kümmert sie nicht. Martin Walser lebt von seinen Büchern, nicht von seinen Artikeln. Das Problem ist nur: Die Autoren tragen mit ihrem Desinteresse und Schweigen dazu bei, dass die Zeitungen still und heimlich ein Gewohnheitsrecht aus der Enteignung ALLER freien Autoren machen. Karlheinz Kroke, Geschäftsführer der Frankfurter Rundschau formulierte das gegenüber Ilja Braun so: "'Soweit es möglich ist', bemühe sich das Verlagshaus um schriftliche Verträge, gehe aber ansonsten davon aus, 'dass ihm diese Rechte auch dann eingeräumt werden, wenn nur mündlich Abreden erfolgen, die eine genaue Nutzung nicht präzise festlegen', erklärt Geschäftsführer Karlheinz Kroke in einem Schreiben. Die Online- und Archivnutzung sei den Mitarbeitern schließlich vor Auftragserteilung bekannt und 'mittlerweile absolut branchenüblich'." Schweigen macht die Enteignung "branchenüblich"!
Und der Leser? Er zahlt bei Genios oft genug für Artikel, die frei online stehen und durch eine einfache Google-Suche zu finden sind. Man kann zum Beispiel den Guardian, für den man bei Genios bezahlt, auch frei online lesen, denn der Guardian stellt seine gesamte Ausgabe frei ins Netz. Daniel Kehlmanns Artikel aus der FAZ, der bei Genios 3,75 Euro kostet, hat die FAZ gleichzeitig frei online gestellt. Ein Artikel aus der Times, der frei im Netz steht, kostet bei Genios 5,24 Euro.
Selbst für die FAZ-Blogs der freien Autoren wie Stefan Niggemeier oder Don Alphonso verlangt die FAZ über Genios vom Leser Geld: 3,27 Euro pro Blogeintrag. Beispiel Stefan Niggemeier und Beispiel Don Alphonso. Ich glaube nicht, dass die beiden davon etwas abbekommen. Mit einem Google-Abkommen wären sie besser gefahren.
Nachtrag vom 3.4.: Die Freischreiber haben einen Total-Buy-Out Vertrag der FAZ als pdf online gestellt.
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