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zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

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Außer Atem: Das Berlinaleblog

Lokaler Konfliktbewältigungsfilm: Joshua Marstons 'The Forgiveness of Blood'

Von Ekkehard Knörer, 18.02.2011, 12:00

Bild zum Artikel

In Albanien, auf dem Dorf. Mit Handys mit Videofunktion und Computerspielen ist alles dem Anschein nach auf dem Gegenwartsstand der westlichen Zivilisiertheit. Auch Kamera und Erzählweise sind mit technisch halbwegs versierter Middlebrow-Vorhersehbarkeit zugange. Ein paar Menschen lernt man, teils bei ihnen zuhause, teils in der Kneipe kennen und begreift sofort: Hier wird ein Knoten geschürzt. Eine Wegerechtsstreitigkeit führt zu einem Mord oder Totschlag und der Umgang mit der Tat lehrt, dass in diesem Dorf in Albanien ein aus westlicher Sicht etwas problematisches funktionales Äquivalent des kodifizierten und ausdifferenzierten Rechtssystems herrscht, das wir kennen und lieben: der Kanun.

Aus dem Wikipedia-Artikel: "Grundlage des Kanuns ist das Leben in der Großfamilie, in welcher in der Regel drei Generationen unter der Anführerschaft des ältesten Mannes unter einem Dach wohnten. Die Gesetzessammlung regelt die Bereiche Schuldrecht, Ehe- und Erbrecht, Strafrecht sowie Kirchen-, Landwirtschafts-, Fischerei- und Jagdrecht ziemlich umfassend. Im Strafrechtsbereich ist der Kanun noch von der Ehrverletzung geprägt, wobei der Begriff des Gottesfriedens als Teilaspekt der Besa bereits bekannt ist. Da der Kanun bis heute tief im Denken der nordalbanischen Gegen verwurzelt ist, entsteht oft ein Konflikt zwischen modernen Gesetzen und dem Kanun. Die Frauen spielen im Kanun eine marginale Rolle und haben kaum Rechte. Sie gelten als 'Schlauch' (shakull), 'in dem die Ware transportiert wird', sind aber auf der anderen Seite unverletzlich, wenn es zu Ehrverletzungen kommt." (Hier gibt es den Kompletttext des Kanun.)

Diese recht unerfreulichen Zusammenhänge unter Rücksicht auf Darstellbarkeit im Berlinale-Wettbewerbs-Mediokritätsumfeld fassbar zu machen, dahin geht das Trachten von Joshua Marstons "The Forgiveness of Blood". Sein Film ist im Grunde die Verfilmung des Wikipedia-Artikels, nur dass der genauer, spannender und sehr viel informativer ist, obwohl er doch ohne eine Liebesgeschichte zwischen zwei Adoleszenten und ein Pferd namens Klinsmann (willkommen im Berlinale-Zoo!) auskommen muss. Ein Phänomen für sich ist Regisseur Joshua Marston, der sich zuletzt unter dem Titel "Maria voll der Gnade" mit mexikanisch-amerikanischen Drogenschmuggelproblemen beschäftigt hat. Ein Globetrotter des lokalen Konfliktbewältigungsfilms: Sachen gibt's, von denen man nicht wusste, dass es sie gibt. Es ist erstaunlich, wie zuverlässig uns unsere geliebte Berlinale unter der Überschrift "politischer Film" auf den Stand von Dingen bringt, von denen wir nicht ahnten, wie wenig sie uns interessieren.

"The Forgiveness of Blood". Regie: Joshua Marston. Darsteller: Tristan Halilaj, Sindi Lacej, Refet Abazi, Ilire Vinca Celaj u.a., USA, Albania, Denmark, Italy 2010, 109 Minuten (Wettbewerb, Vorführtermine)



Stichwörter: albanien, blutrache, ehre, joshua marston, kanun, the forgiveness of blood, wettbewerb 2011

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