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Außer Atem: Das Berlinaleblog

Schweigt und brütet: Rafi Pitts in 'Shekarchi'

Von Ekkehard Knörer, 18.02.2010, 09:59

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Zu den erstaunlichen und manchmal gelinde verstörenden Erfahrungen, die man im Sturm eines Festivals macht, gehört die, dass beinahe jeder Film, so sehr man selbst unter ihm leidet, seine Freunde, Anhängerinnen und Fürsprecher findet. Ein besonders eklatanter Fall ist da für mich der vorgestern im Wettbewerb gelaufene Rafi-Pitts-Film "Shekarchi". Ich saß in meinem Cinemaxx-Sessel und konnte, je länger er dauerte, desto weniger fassen, was mir da zugemutet wird. Den Saal verließ ich im Bewusstsein, eines der wirklich unerfreulichen Berlinale-Erlebnisse hinter mich gebracht zu haben. Die Lektüre der Kritiken, der Blick in den Kritikerspiegel belehrten mich dann - nun ja, nicht eines anderen, denn ich sehe den Film noch ganz genauso; ich bin jetzt aber doch um die Erkenntnis reicher, dass viele Kolleginnen und Kollegen in "Shekarchi" ein vollkommen respektables Werk sehen.

Gestern hatte ich mir erspart, über dies für jeden als solches doch sicher erkennbare Machwerk ein Wort zu verlieren. Nun, da der Film auch unter hoch geschätzten Kolleginnen und Kollegen seine Freunde gefunden hat, möchte ich doch noch erklären, was mich empört. "Shekarchi" erzählt die Geschichte eines Mannes. Der kommt aus dem Gefängnis, arbeitet als Nachtwächter in einer Fabrik. Seine Frau, seine Tochter sieht er aufgrund der verschobenen Rhythmen eher selten. Und eines Tages wartet er zuhause und sie kommen nicht. Er wartet und sucht und muss dann erfahren, dass sie bei einer Demonstration erschossen worden sind. Zuvor schon sahen wir den Mann mit Gewehr. Nun postiert er sich auf einer Anhöhe und schießt auf ein Polizeiauto auf der Autobahn, tötet dabei zwei Polizisten. Er verkauft seinen Wagen, kauft einen neuen, lässt das Gewehr im Kofferraum zurück. Man kommt ihm auf die Spur, er wird verfolgt, er flieht in einen Wald, zwei Polizisten jagen ihn, ergreifen ihn - und finden nicht mehr heraus aus dem Wald.

Eine etwas abstruse Geschichte, aber noch die abstruseste Geschichte lässt sich plausibel erzählen. Was Rafi Pitts aber tut: Er setzt diesen Mann, seinen Helden, einfach ins Bild. Meist schweigt er und brütet. Pitts spielt ihn selbst. Das ist schon der Beginn aller Probleme: Er ist eine Null-Präsenz und weder in der ersten noch in der gefühlt hundertfünfzigsten Großaufnahme seines Gesichts evoziert er überhaupt irgendwas. Es werden die Kompositionen gerühmt. Man sieht die sich schlingenden Stränge der Autobahn. Milchig-gelbes Licht über Teheran. Das Häusermeer der Großstadt. Die Straßen oft menschenleer. Das Auto auf einer Allee fährt aus dem Bild, gelegentlich ohne Ton. Wieder und wieder das Haus, in dem der Held wohnt: nüchtern, hässlich, wie tot.

Kein Leben ist in diesen Bildern, aber es ist ihnen mutwillig entzogen. Alles, was diese Bilder zeigen - die Leere, die Einsamkeit - ist keiner Wirklichkeit verdankt, die sie darstellen, sondern es ist in diese Bilder mit Absicht und kunstvoll und damit ohne Beweiswert fürs Reale von Anfang an hineingelegt. Die Bilder geben sich den Anschein des realistischen Modus, sind in Wahrheit aber auf einen einzigen Ton gestimmt und auf eine schlichte Aussage hin immer schon zugerichtet. Dass sie ausschließlich Klischees ohne innere Spannung zeigen (leere Großstadt, Mensch verlassen im Raum, brütendes Gesicht in Großaufnahme), kommt dazu. Soweit der noch nicht so ganz schlimme Teil.

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Das Paradoxe und ganz Unsinnige ist: "Shekarchi" versteht sich als Gesellschaftsdiagnose. Die Tagespolitik holt Rafi Pitts mit dem Tod von Frau und Kind bei einer Demonstration sehr gezielt in seine in den Bildern hermetisch gegen den Alltag und überhaupt jede Gesellschaftspolitik abgedichteten Räume hinein. Das ist die Ausgangs- und Grundcrux des Films: Er spielt in einem in sich noch einmal spannungslosen luftleeren Raum, behauptet aber ständig, durch das, was er in diesem Raum vorführt, etwas Gültiges über den Iran der Gegenwart zeigen zu können. Von Anfang an ist klar, dass es nicht um psychologische Plausibilität geht. Auch nicht um ein Verhältnis von Figur, Bewegung, Gesellschaft und Raum. (Wie fabelhaft vorgeführt in Benjamin Heisenbergs "Der Räuber".) Jeder mögliche Bezug des Gezeigten auf Reales lässt sich deshalb einzig im Gegenmodus des Realistischen (das dennoch ständig angetäuscht wird) stiften: im Modus des Parabolischen.

Und hier gerät der Film endgültig in Teufels Küche. Für eine lange Strecke schickt er seinen in jeder Hinsicht unterbestimmten und von Anfang an aus allen Koordinaten des Sozialen sorgfältig herausgetrennten Helden mit zwei Polizisten in den Wald. Das Parabelhafte als unweigerlich sich aufdrängender Lektüremodus setzt alles, was hier geschieht, unter massiven Überinterpretationsdruck. So stehen die Polizisten für mindestens die staatliche Ordnungsmacht, wenn nicht den Staat selbst. Einer der beiden ist vergleichsweise ein Guter, der andere nicht. Die Macht- und Bindungsverhältnisse der drei (der Held inzwischen endgültig katatonisch) wechseln, aber wie immer man sie liest: als Darstellung von Herr und Knecht, Bürger und Staat, Delinquent und Ordnungsmacht bleibt, was geschieht, so hoffnungslos unterkomplex, dass es irgendwann nur noch lächerlich ist.

Drei Männer im Wald belauern einander, misstrauen einander, betrügen einander, zwingen einander unter vorgehaltener Waffe zu diesem und jenem. Der längst stiften gegangene Sinn lässt sich nur unter Inkaufnahme seiner totalen Beliebigkeit wieder ins Bild holen. Man müsste schon sagen: "Shekarchi" zeigt die iranische Gesellschaft als eine, in der alles Zwischenmenschliche sich verflüchtigt hat. In der es nur noch ums blanke Überleben geht und in der am Ende auch völlig egal ist, wer jetzt wen erschießt. Das ist als Diagnose einer sehr konkreten politischen Situation eine Unverschämtheit. Wer als Reaktion auf eine politisch-soziale Lage weltabgeschiedene Endspiele in nebligen Wäldern inszeniert, ist ein Mystifikator von Graden. Dass in "Shekarchi" auch intern nichts stimmig ist, verwundert dann auch nicht mehr.

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P.S.: Gestern saß ich zwei verzweifelt endlose Stunden lang in Alexei Popogrebskys Wettbewerbsfilm "How I Ended This Summer". Er jagt seine zwei Figuren abseits aller gesellschaftlichen Wirklichkeit und psychologischen Plausibilisierungsversuche auf einer arktischen Insel komplett sinnlos durch die Gegend. Es ist wie eine "Lost"-Folge ohne Rätsel, ohne Spannung und in zehnfacher Verlangsamung abgespielt. Aber auch nicht so, dass die komplette Leere als konzeptuell zu begreifen wäre. (Eher, fürchtet man, als existenziell.) Ich litt wie ein Hund und konnte mich immerhin damit trösten, dass ganz gewiss alle, die das mit mir durchlitten, das im Bewusstsein taten, gerade eines der wirklich unerfreulichen Berlinale-Erlebnisse hinter sich zu bringen. In die Kritikerspiegel blicke ich bis zum Ende des Festivals lieber nicht.

Rafi Pitts: "Shekarchi - Zeit des Zorns". Mit Rafi Pitts, Mitra Hajjar, Ali Nicksaulat, Hassan Ghalenoi. Deutschland, Iran 2010, 92 Minuten. (Wettbewerb, Vorführtermine)

Alexei Popogrebsky: "Kak ya provel etim letom - How I Ended This Summer". Mit Grigory Dobrygin, Sergei Puskepalis u.a.. Russische Föderation 2010, 124 Minuten. (Wettbewerb, Vorführtermine)



3 Kommentare

Stichwörter: 16. februar 2010, 17. Februar 2010, alexei popogrebsky, how i ended this summer, iran, rafi pitts, russland, shekarchi, wettbewerb 2010

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Irananders.de

28.04.2010 um 21:52:35 Uhr

Rafi Pitts ist ein mehrfach ausgezeichneter iranisch-britischer Filmregisseur, dessen letzter Film ?Zeit des Zornes? bei der Berlinale für den Goldenen Bären nominiert wurde. Das er diesmal keine Auszeichnung erhielt, ist aufgrund der falschen Prämissen und Erwartungen nicht überraschend. Der Verdacht verhärtet sich, dass allein wegen der Unruhen im Sommer 2009 sein Film zuvor Lorbeeren und gute Kritik erhalten hat.

Man ist gewohnt, iranische Filme die im Iran selbst nicht als politisch wahrgenommen werden, im Westen politisch gedeutet werden. Hinter jeder Aussage und jeder Gestik, ob lächeln oder weinen, und jeder Kulisse und Bewegung meint man ein politisches Symbol, eine politische Botschaft und Kritik gegen das Herrschaftssystem erkennen zu können.
Der Film ?Zeit des Zornes? reiht sich harmonisch in diese Logik. Die zufällige Farbe grün des Autos des Protagonisten wird von Kritikern und Feuilletonisten ausgeschlachtet als das politische Symbol der Grünen Bewegung. Es fällt nicht auf, dass der von den Protagonisten erschossene Polizist auf der Autobahn ebenfalls grün trägt. Mehr noch, die Bäume schmücken sich ebenfalls mit der Farbe grün.
Relevant zu wissen ist es, denn der Film wurde schließlich weit vor den Wahlen im Iran gedreht als Unruhen und Demonstrationen nicht vorhersehbar waren und grün keine politische Hoheit hatte. Darauf berufen sich zwar auch alle Kritikschreiber, aber dennoch wird versucht, aus einem Film, der über ein Einzelschicksal erzählt, eine politische Mission heraus zu erkennen.
Schon beim Lesen der Feuilletons fällt auf, dass keine Substanz für diese Einstufung geliefert wird. Augenfälliger wird es, dass in all den Lobeshymnen nicht das Ende des Filmes einer Reflektion unterzogen wird. Ein Kritiker verwahrt sich explizit sogar davor, in dem er schlicht es als nicht nennenswert bezeichnet. Gerade aber der letzte Teil verleiht dem Film das nötige Instrument zur Deutung.

Der Film ?Zeit des Zornes? trägt im Persischen den Titel ?Jäger?. In anderen Staaten, wie bei dem internationalen Filmfestival in Hong Kong, lief er ebenso unter diesem Titel. Ein Titel, der Bezug auf den Hauptdarsteller nimmt und somit ihn zum Objekt der Beschreibung macht, nicht die iranische Gesellschaft, nicht die politischen Verhältnisse und auch nicht die iranische Polizei. Dafür spricht, dass der Film mit der Person des Jägers beginnt und die Handlungen vollkommen von den äußeren Realitäten abgeschnitten sind. Der Film nimmt sehr überspitzt das Gezeigte ins Visier - abgeschottet von jeglicher Außenwelt. Zwar tauchen am Anfang ab und zu die Radioansprachen des iranischen Staatsoberhauptes Khamenei mit auf, und in einer anderen Szene berichtet das Fernsehen über die kommenden Wahlen, und wiederum in einer anderen hört man eine Demonstration gegen die Regierung. Doch alle diese Ereignisse nimmt Rafi Pitts, der den Jäger spielt, reglos, desinteressiert und unbeteiligt auf (sie geben lediglich die Zeit und Rahmen des Filmes wieder, weshalb die Familie stirbt, ab dann hört es auch auf).
Der Film zeigt sich fast durchgehend trostlos und deprimierend. In seiner freien Zeit geht er seinem Hobby, dem Jagen im Norden Irans nach. Dass er ein Familienmensch ist, zeigen die kurzen Szenen über das Glück und Freude der Familie beim Volksfest, fast reglos bleibt der Protagonist dennoch bei der Anteilnahme. Sein einziges Kind hat ihm während seiner Haft (vermutlich wegen Drogendelikte) die Hoffnung zum Leben wieder gegeben, dass es adoptiert ist erfährt er erst nach Entdeckung der Leichname (Ehefrau und Kind wurden von Unbekannten an einer unbeteiligten Demonstration erschossen). In diesem Moment geht etwas mit ihm durch, auch wenn es äußerlich nicht festzustellen ist (Pitts zeigt in seinen Film generell kaum Gesichtszüge).
Der Protagonist geht mit seinem Gewähr auf einen der Hügel Teherans mit dem Blick auf die weite Autobahn. Er verfolgt mit seinem Zielfernrohr, beliebig ohne Muster, die fahrenden Autos, als ein Polizeiwagen in seine Fadenkreuz gelangt, verfolgt er auch diesen bis er dieses Mal schisst. Einmal; der Fahrer ist tot. Dann ein zweites Mal, der ausgestiegene Beifahrer kommt um.
Dass das als ein gezielter Affront gegen das iranische Regime interpretiert wird, ist an den Haaren herbei gezogen. In einer weiteren Szene gibt ihm ein Polizist zu bedenken, dass das was ihm geschah, auch ihm passieren könnte

Insgesamt porträtiert der Film ein deprimiertes und verzweifeltes Einzelschicksal, und ruft eher zur Differenzierung, Besonnenheit und Versöhnung auf. Eine Kritik an dem politischen System ist der Film nicht, und von einem Kampfaufruf gegen das System ? wie einige ihn interpretieren - kann nicht die Rede sein. Am Ende des Filmes ist nicht mehr deutlich, wer der gute oder böse ist (der gute Polizist entpuppt sich in der letzten Szene als böser Polizist). Jeder kann der Böse sein, jeder kann für einen Moment der Jäger oder der Gejagte sein ? ohne es zu wollen.

Bezeichnenderweise hört man vom Hauptdarsteller, Regisseur und Drehbuchautor Rafi Pitts kaum politische Statements zu seinem Film. Auch auf der deutschen Homepage des Filmes vom deutschen Filmverlag Neue Visionen Filmverleih GmbH geht man in der Beschreibung des Filmes ebenfalls nicht auf die Politik ein. Der Film ist ohnehin im Iran erlaubt, die Kritiker die allesamt eine politische Dimension in diesem Film erkennen wollen, teilen es richtigerweise in ihren Essays und Kommentaren mit, beschreiben aber zugleich die Anrüchigkeit des Filmes im Iran, in dem sie ausführen, dass der Film in Kategorie C des iranischen Kulturministeriums aufgeführt wird, was bedeutet, dass der Film nicht subventioniert wurde. In der Regel werden brillante Filme entsprechend der Staatsziele vom Staat subventioniert, im Iran sind es meist religiöse Filme, wie der Film über den Propheten Yusuf, oder der heiligen Frau in Christentum und Islam Maria. Das der Film Shekarshi (pers. Jäger) künstlerisch nicht auftrumpft, kann man in der einmaligen Filmkritik des Kulturwissenschaftler Ekkehard Knörer beim Kulturmagazin perlentaucher.de nachvollziehen.

Umso erstaunlicher ist es, dass sämtliche Zeitungen, Kritiker und Feuilletonisten den Film bejubeln und feiern. Arte, das Goethe Institut, ZDF und viele andere sind Sponsoren des Filmes. Die Zeit hat es nicht gut gemeint mit Rafi Pitts im Film, doch sehr gut gemeint in der realen Welt namens Wunschdenken.

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Ekkehard Knörer

19.02.2010 um 10:06:47 Uhr

Nun, ehrlich gesagt traue ich der Jury in diesem Jahr alles zu. Auch Herzog, den ich seiner Verrücktheit wegen sehr mag; aber als Beurteiler von Filmen ist ein dermaßen idiosynkratischer Typ vielleicht doch nicht der rechte Mann. Insofern sind die Bärenentscheidungen diesmal auch eher ohne Relevanz.

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Berlinerin

18.02.2010 um 21:30:44 Uhr

Danke, danke, danke!

Mir ging es genauso: unfassbare Langeweile gepaart mit dem Gefühl, dass das doch nicht wirklich deren Ernst sein kann, uns das als politischen Film verkaufen zu wollen. Und dann, zu meinem Entsetzen, nach dem Abspann um mich herum Begeisterungsstürme.

Vielleicht sind wir einfach zu oberflächlich getrickt, um die Vielschichtigkeit dieses Meisterwerks zu erkennen.. ;-) Am Ende gewinnt der noh nen Bären, wetten?

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