Perlentaucher - Das Kulturmagazin

| Folgen Sie uns auf Twitter | Folgen Sie uns auf Facebook | Anmelden | Mobil | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 26.05.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Außer Atem: Das Berlinaleblog

Schweigt und brütet: Rafi Pitts in 'Shekarchi'

Von Ekkehard Knörer, 18.02.2010, 09:59

Bild zum Artikel

Zu den erstaunlichen und manchmal gelinde verstörenden Erfahrungen, die man im Sturm eines Festivals macht, gehört die, dass beinahe jeder Film, so sehr man selbst unter ihm leidet, seine Freunde, Anhängerinnen und Fürsprecher findet. Ein besonders eklatanter Fall ist da für mich der vorgestern im Wettbewerb gelaufene Rafi-Pitts-Film "Shekarchi". Ich saß in meinem Cinemaxx-Sessel und konnte, je länger er dauerte, desto weniger fassen, was mir da zugemutet wird. Den Saal verließ ich im Bewusstsein, eines der wirklich unerfreulichen Berlinale-Erlebnisse hinter mich gebracht zu haben. Die Lektüre der Kritiken, der Blick in den Kritikerspiegel belehrten mich dann - nun ja, nicht eines anderen, denn ich sehe den Film noch ganz genauso; ich bin jetzt aber doch um die Erkenntnis reicher, dass viele Kolleginnen und Kollegen in "Shekarchi" ein vollkommen respektables Werk sehen.

Gestern hatte ich mir erspart, über dies für jeden als solches doch sicher erkennbare Machwerk ein Wort zu verlieren. Nun, da der Film auch unter hoch geschätzten Kolleginnen und Kollegen seine Freunde gefunden hat, möchte ich doch noch erklären, was mich empört. "Shekarchi" erzählt die Geschichte eines Mannes. Der kommt aus dem Gefängnis, arbeitet als Nachtwächter in einer Fabrik. Seine Frau, seine Tochter sieht er aufgrund der verschobenen Rhythmen eher selten. Und eines Tages wartet er zuhause und sie kommen nicht. Er wartet und sucht und muss dann erfahren, dass sie bei einer Demonstration erschossen worden sind. Zuvor schon sahen wir den Mann mit Gewehr. Nun postiert er sich auf einer Anhöhe und schießt auf ein Polizeiauto auf der Autobahn, tötet dabei zwei Polizisten. Er verkauft seinen Wagen, kauft einen neuen, lässt das Gewehr im Kofferraum zurück. Man kommt ihm auf die Spur, er wird verfolgt, er flieht in einen Wald, zwei Polizisten jagen ihn, ergreifen ihn - und finden nicht mehr heraus aus dem Wald.

Eine etwas abstruse Geschichte, aber noch die abstruseste Geschichte lässt sich plausibel erzählen. Was Rafi Pitts aber tut: Er setzt diesen Mann, seinen Helden, einfach ins Bild. Meist schweigt er und brütet. Pitts spielt ihn selbst. Das ist schon der Beginn aller Probleme: Er ist eine Null-Präsenz und weder in der ersten noch in der gefühlt hundertfünfzigsten Großaufnahme seines Gesichts evoziert er überhaupt irgendwas. Es werden die Kompositionen gerühmt. Man sieht die sich schlingenden Stränge der Autobahn. Milchig-gelbes Licht über Teheran. Das Häusermeer der Großstadt. Die Straßen oft menschenleer. Das Auto auf einer Allee fährt aus dem Bild, gelegentlich ohne Ton. Wieder und wieder das Haus, in dem der Held wohnt: nüchtern, hässlich, wie tot.

Kein Leben ist in diesen Bildern, aber es ist ihnen mutwillig entzogen. Alles, was diese Bilder zeigen - die Leere, die Einsamkeit - ist keiner Wirklichkeit verdankt, die sie darstellen, sondern es ist in diese Bilder mit Absicht und kunstvoll und damit ohne Beweiswert fürs Reale von Anfang an hineingelegt. Die Bilder geben sich den Anschein des realistischen Modus, sind in Wahrheit aber auf einen einzigen Ton gestimmt und auf eine schlichte Aussage hin immer schon zugerichtet. Dass sie ausschließlich Klischees ohne innere Spannung zeigen (leere Großstadt, Mensch verlassen im Raum, brütendes Gesicht in Großaufnahme), kommt dazu. Soweit der noch nicht so ganz schlimme Teil.

Bild zum Artikel

Das Paradoxe und ganz Unsinnige ist: "Shekarchi" versteht sich als Gesellschaftsdiagnose. Die Tagespolitik holt Rafi Pitts mit dem Tod von Frau und Kind bei einer Demonstration sehr gezielt in seine in den Bildern hermetisch gegen den Alltag und überhaupt jede Gesellschaftspolitik abgedichteten Räume hinein. Das ist die Ausgangs- und Grundcrux des Films: Er spielt in einem in sich noch einmal spannungslosen luftleeren Raum, behauptet aber ständig, durch das, was er in diesem Raum vorführt, etwas Gültiges über den Iran der Gegenwart zeigen zu können. Von Anfang an ist klar, dass es nicht um psychologische Plausibilität geht. Auch nicht um ein Verhältnis von Figur, Bewegung, Gesellschaft und Raum. (Wie fabelhaft vorgeführt in Benjamin Heisenbergs "Der Räuber".) Jeder mögliche Bezug des Gezeigten auf Reales lässt sich deshalb einzig im Gegenmodus des Realistischen (das dennoch ständig angetäuscht wird) stiften: im Modus des Parabolischen.

Und hier gerät der Film endgültig in Teufels Küche. Für eine lange Strecke schickt er seinen in jeder Hinsicht unterbestimmten und von Anfang an aus allen Koordinaten des Sozialen sorgfältig herausgetrennten Helden mit zwei Polizisten in den Wald. Das Parabelhafte als unweigerlich sich aufdrängender Lektüremodus setzt alles, was hier geschieht, unter massiven Überinterpretationsdruck. So stehen die Polizisten für mindestens die staatliche Ordnungsmacht, wenn nicht den Staat selbst. Einer der beiden ist vergleichsweise ein Guter, der andere nicht. Die Macht- und Bindungsverhältnisse der drei (der Held inzwischen endgültig katatonisch) wechseln, aber wie immer man sie liest: als Darstellung von Herr und Knecht, Bürger und Staat, Delinquent und Ordnungsmacht bleibt, was geschieht, so hoffnungslos unterkomplex, dass es irgendwann nur noch lächerlich ist.

Drei Männer im Wald belauern einander, misstrauen einander, betrügen einander, zwingen einander unter vorgehaltener Waffe zu diesem und jenem. Der längst stiften gegangene Sinn lässt sich nur unter Inkaufnahme seiner totalen Beliebigkeit wieder ins Bild holen. Man müsste schon sagen: "Shekarchi" zeigt die iranische Gesellschaft als eine, in der alles Zwischenmenschliche sich verflüchtigt hat. In der es nur noch ums blanke Überleben geht und in der am Ende auch völlig egal ist, wer jetzt wen erschießt. Das ist als Diagnose einer sehr konkreten politischen Situation eine Unverschämtheit. Wer als Reaktion auf eine politisch-soziale Lage weltabgeschiedene Endspiele in nebligen Wäldern inszeniert, ist ein Mystifikator von Graden. Dass in "Shekarchi" auch intern nichts stimmig ist, verwundert dann auch nicht mehr.

Bild zum Artikel

P.S.: Gestern saß ich zwei verzweifelt endlose Stunden lang in Alexei Popogrebskys Wettbewerbsfilm "How I Ended This Summer". Er jagt seine zwei Figuren abseits aller gesellschaftlichen Wirklichkeit und psychologischen Plausibilisierungsversuche auf einer arktischen Insel komplett sinnlos durch die Gegend. Es ist wie eine "Lost"-Folge ohne Rätsel, ohne Spannung und in zehnfacher Verlangsamung abgespielt. Aber auch nicht so, dass die komplette Leere als konzeptuell zu begreifen wäre. (Eher, fürchtet man, als existenziell.) Ich litt wie ein Hund und konnte mich immerhin damit trösten, dass ganz gewiss alle, die das mit mir durchlitten, das im Bewusstsein taten, gerade eines der wirklich unerfreulichen Berlinale-Erlebnisse hinter sich zu bringen. In die Kritikerspiegel blicke ich bis zum Ende des Festivals lieber nicht.

Rafi Pitts: "Shekarchi - Zeit des Zorns". Mit Rafi Pitts, Mitra Hajjar, Ali Nicksaulat, Hassan Ghalenoi. Deutschland, Iran 2010, 92 Minuten. (Wettbewerb, Vorführtermine)

Alexei Popogrebsky: "Kak ya provel etim letom - How I Ended This Summer". Mit Grigory Dobrygin, Sergei Puskepalis u.a.. Russische Föderation 2010, 124 Minuten. (Wettbewerb, Vorführtermine)





Stichwörter: 16. februar 2010, 17. Februar 2010, alexei popogrebsky, how i ended this summer, iran, rafi pitts, russland, shekarchi, wettbewerb 2010

zurück zum Blog

| Empfehlen auf Facebook | Twittern |

Blogtags

11. februar 2010, 11. september 2001, 12 sisters, 12. februar 2010, 13. februar 2010, 14. februar 2010, 15. februar 2010, 16. februar 2010, 17. februar 2010, 19. februar 2010, 3d, a dream of iron, a somewhat gentle man, a woman, a gun and a noodle shop, abschlusstext, actionfilm, afghanistan, afrika, al qaida, alain gomis, albanien, alexander mindadze, alexei popogrebsky, alkohol, all divided selves, allen ginsberg, altersheim, an einem samstag, andreas baader, andres veiel, angela schanelec, animationsfilm, anime, anja salomonowitz, anna fenchenko, antipsychiatrie, antonio banderas, arbeitskultur, argentinien, Art History, asghar farhadi, atomkatastrophe, auf der suche, aujourd'hui, auschwitz-prozesse, australien, bal, bankraub, banksy, bären 2011, bela tarr, belgien, ben kingsley, ben stiller, bence fliegauf, benjamin heisenberg, benoit jacquot, berlin, berlin, panorama 2010, Berlinale 2010, berlinale 2011, berlinale special, berlinale special 2012, berlinale-jury 2010, berliner schule, bernward vesper, bestiaire, beyond the hill, billy bob thornton, biopic, blood simple, blutrache, bollywood, boris jelzin, bosnien-herzegowina, brasilien, brian m. cassidy, bromance, burhan qurbani, burkina faso, carlo's vision, caterpillar, Cave of Forgotten Dreams, chauvet-höhlen, cheonggyecheon, china, christian petzold, christoph hochhäusler, christoph terhechte, clemence ancelin, come rain, come shine, constantin popescu, coriolanus, dänemark, dante lam, database cinema, david zellner, ddr, dear oyongjang, debra granik, denis cote, der preis, der räuber, der tag des spatzen, deutschland, deutschland: drittes reich, diane krüger, dies und das, dieter kosslick, dogma, dokumentarfilm, dokumentarfilme, dominik graf, dreileben, drogen, ehre, el premio, elke hauck, emin alper, entwicklungshilfe, erika und ulrich gregor, ernst jünger, eröffnungsartikel, espoir voyage, ethan coen, eva sussman, everybody in our family, ewan mcgregor, exit through the gift shop, familie, fernsehen, film noir, film on demand, fin, finnland, florin serban, folter, forum, forum 2010, forum 2011, forum 2012, forum expanded 2012, francine, frankreich, französische revolution, fritz bauer, fukushima, funahashi atsushi, futaba, gangster, gangsterfilm, geister, generation 14plus 2010, gentlemen broncos, gespenster, gina carano, glaube, liebe, tod, Goldene Bären 2010, greenberg, greta gerwig, großbritannien, guantanamo, gudrund ensslin, guy maddin, guy moquet, habiter/construire, hanna schygulla, hans peter molland, headshot, heaven's story, heist-movie, hiroyuki tanaka, hoffnung, hommage 2010, homosexualität, hongkong, how i ended this summer, howl, i'm in trouble!, if i want to whistle, i whistle, ilona ziok, im schatten, Independent, indien, indiewood, internet, irak, iran, isabella rosselini, islam, israel, jafar panahi, jakow kuper, james franco, jan krüger, japan, jared hess, Jasmina Zbanic, jaume collet-serra, jaures, Jazz, jean-francois caissy, jeff bridges, jeffrey friedman, jemen, jerzy skolimowski, Joe Swanberg, joel coen, joel und ethan coen, johann feindt, john hurt, john wayne, jonathan sagall, jose padilha, joshua marston, just the wind, kambodscha, kamera, kanada, kanikosen, kanun, karan johar, kawashima yuzo, kazoku no kuni, kelvin kyung kun park, ken jacobs, kernkraftwerk, kevin bacon, kid-thing, kiko goifman, kim sun, klaus lemke, koji wakamatsu, kommunismus, krieg, kriegsverbrechen, kunst, kurden, L'enfant d'en haut, la belle visite, la demora, La mer à l'aube, laura poitras, le depart, lea seydoux, lee tamahori, lee voon-ki, leonardo di caprio, Les contes de la nuit, Les Femmes du 6eme Etage, liebe, lisa cholodenko, look at me again, luis sampieri, luke fowler, ly lun yim, mad men, mamoru hosoda, margaret thatcher, marseille, marten persiel, martin scorsese, melanie shatzky, meryl streep, metin erksan, michael douglas, michael fassbender, michail chodorkowski, michel ozelot, michel zongo, miguel gomes, miranda july, misel maticevic, missing man, mohamed al-daradji, montevideo, Mumblecore, my name is khan, Na putu, nader and simin, nationalsozialismus, nazis, nenette, netzkultur, nicolas philibert, nina hoss, noah baumbach, nordkorea, nordostpassage, norwegen, nuclear nation, odem, oligarchen, orang-utan, orly, ornette coleman, oskar roehler, österreich, our grand despair, our homeland, ozarks, palästina, panaroma 2011, panorama 2010, panorama 2011, panorama 2012, paris, paula markovitch, pen-ek ratanaruang, perspektive deutsches kino 2011, perspektive deutsches kino 2012, peter kern, philip scheffner, philippe le guay, phyllida lloyd, pillow shot, pina, pina bausch, plein sud, polen, politisches kino, polizeifilm, portrait of the fighter as a young man, portugal, protest, przemyslaw wojcieszek, pulp, queer cinema, r.w. fassbinder, radu jude, raf, rafi pitts, ralph fiennes, reinhold vorschneider, retrospektive 2010, retrospektive 2012, revision, revolution, robert duvall, robert epstein, rodrigo moreno, rodrigo pla, roma, roman polanski, romuald karmakar, rosalind Nashashibi, roter teppich, rumänien, russland, sabu, schlafkrankheit, sebastien lifshitz, secret, seeking the monkey king, self referential traverse, semih kaplanoglu, senegal, sex, seyfi teoman, shah ruhk khan, shahada, shakespeare, shekarchi, shibuya minoru, shirley clarke, shutter island, Silver Bullets, skater, so goes my love, so sang-min, son of babylon, sona, the other myself, spanien, stationendrama, steven soderbergh, stop motion, strafprozess, street-art, submarino, südkorea, summer wars, tabu, taiwan, takahisa zeze, tamara trampe, tanz, tea lim koun, thailand, thaksin, the forgiveness of blood, the future, the ghostwriter, the iron lady, the kids are all right, the lights of asakusa, the oath, the snake man, the stool pigeon, the terrorists, the trio's engagement, the turin horse, this ain't california, thomas arslan, thomas vinterberg, thriller, thunska pansittivorakul, tiens moi droite, tiere, todesstrafe, trash, trockener sommer, trollsländor med faglar och orm, tropa de elite 2, true grit, tschernobyl, tuan yuan, türkei, Udai Hussein, udo kier, ufos, ulrich köhler, un mundo misteroso, ungarn, unknown, unter kontrolle, ursula meier, uruguay, usa, usa, forum, utopians, versailles, video on demand, videos, vietnam, volker sattel, volker schlöndorff, panorama 2012, wanderarbeiter, wang quan'an, wer wenn nicht wir, werner herzog, western, wettbewerb, wettbewerb 2010, wettbewerb 2011, wettbewerb 2012, whiteonwhite:algorithmicnoir, wiegenlieder, wim wenders, winter's bone, wladimir putin, wladimir schnejderow, wolfgang lehman, yang yong-hi, yang yonghi, yasujiro shimazu, zbigniew bzymek, zeitgeist and engagement, zhang yimou, zoé chantre, zoo, zwei ozeane