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zuletzt aktualisiert 03.02.2012, 14.00 Uhr

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Außer Atem: Das Berlinaleblog

Das ganze Vokabular des Bewegungsfilmens

Von Ekkehard Knörer, 19.02.2010, 15:44

Der Berlinale-Wettbewerb bewegt sich schnurstracks in den Abgrund. Die letzten Jahre waren schlimm genug, in diesem ist die Katastrophe monumental. Unter den zwanzig zur Bärenvergabe präsentierten Filmen gab es, bei großzügiger Betrachtung, vielleicht eine Handvoll, die im Wettbewerb eines A-Festivals etwas verloren haben. (Bei Lichte betrachtet ist die Berlinale keins mehr.) Der Rest sind nicht etwa Werke, die Nobles im Gemüt gehabt hätten, das ihnen leider misslang. Sondern es ist konzeptuell, ästhetisch, intellektuell minderwertige Ware, für den Zustand des Weltkinos von vorneherein ohne jede Bedeutung.

Wenn ein Cannes- oder Venedig-Jahrgang einmal wenig zufriedenstellend ausfüllt, sagt man: Kein gutes Jahr für das Kino. Zwar steckt auch da eine gewaltige Hybris drin, aber niemand, der bei Verstand ist, glaubt, nach Ansicht eines Berlinale-Wettbewerbsjahrgangs auf den Zustand von irgendetwas anderem als dem Kunstverstand seiner Auswahlkommission schließen zu dürfen. Es ist nicht transparent, wie genau dessen Entscheidungswege verlaufen - in jedem Fall hat der Spielleiter Dieter Kosslick aber noch immer entscheidenden Einfluss. Man liegt wohl nicht falsch, wenn man sagt, dass er das Dumm-Erbauliche (exemplarisch in diesem Jahr: "Shahada", Kritik) und das Zynisch-"Komische" ("En ganske snill Man", Kritik) in offenbar gleichem Maß liebt, mit intellektuell und ästhetisch satisfaktionsfähigen Filmen aber nichts anfangen kann. Obwohl Kosslick nicht ganz zu Unrecht ein gewisses Geschick als Manager bescheinigt wird, ist das eine katastrophale Versäumnis seiner Amtszeit ein glasklarer Managerfehler: Er hat keinen künstlerischen Leiter neben sich geduldet oder selbst installiert, der den Wettbewerb nach den Regeln der Kunst kuratiert, von denen Kosslick nichts versteht.

Es lässt sich beim Anblick des in jeder Hinsicht verstörenden Ergebnisses dieser Auswahl nur rekonstruieren, dass in der Brust des nun real existierenden Wettbewerbsauswahlgremiums doch ein paar sehr verschiedene Seelen schlagen. Dass nämlich ein trocken radikales Werk wie Koji Wakamatsus "Caterpillar" (Kritik) in ein und demselben Menschenhirn für interessant gehalten werden kann, das auch - fast beliebiges Beispiel - eine Totalbelanglosigkeit wie Natalia Smirnoffs argentinischen Film "Rompecabezas" als wettbewerbswürdig betrachtet, ist schlicht nicht vorstellbar. Praktisch ist es wohl so: Das Auswahlgremium hat in der Mehrheit keine Ahnung, ein Fähnlein aus ein, zwei tapferen Aufrechten schmuggelt - gewiss gegen Widerstände - die wenigen Filme, die was taugen, als trojanische Pferde ins Wettbewerbsfeld.

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Längst hat diese Katastrophe mit Pech nichts mehr zu tun. Der Fisch stinkt vom Kopf, aber es gehört auch eine Kette an entweder devoten oder selbst mit Blindheit geschlagenen Scouts und Netzwerkern auf der zweiten Ebene zum Bild des Versagens. Was Filmemacher der ersten Garde in den Wettbewerb eines Festivals lockt, ist erstens dessen Ruf und zweitens dessen Fähigkeit, klug die richtigen Partner zu wählen und geschickt mit den großen Playern im Weltkinoproduktionsbetrieb und den Sales Agents als den obligatorischsten aller Passagepunkte zu verhandeln. Gewiss gibt es stets auch saisonale Einflüsse, ein Film wird eben früher oder später fertig, aber im Prinzip ist jeder Coup, der einem Festival gelingt, die Frucht harter und Jahre zurückreichender Beziehungsarbeit. Berlins Ruf, der nun schon lange nicht mehr der beste war, ist unter Kosslicks Ägide endgültig dahin. Die großen Player wie die stark unter Druck geratenen Pariser "Celluloid Dreams" schlagen ihre Problemkinder an Berlin los, wo eine Mediokrität wie Wang Quan'ans "Apart Together" dann peinlicherweise sogar zu Eröffnungsfilmehren und geldwerter Aufmerksamkeit kommt.

Und umgekehrt: Wer sich jahrelang von einflussreichen Größen des Weltmarkts jeden Schrott andrehen lässt, der macht sich auf Dauer zum Hampelmann der an ihm zerrenden Interessen. Die Berlinale hat sich in diesem Jahr offenbar willig den Einflüsterungen des Kölner Weltkinoverkäufers "The Match Factory" ergeben. Nicht weniger als fünf von diesem vertretene Produktionen fanden sich im Wettbewerb, eine einzige davon war seiner würdig (das war Semih Kaplanoglus in einem sehr schönen, sehr ruhigen Außenbezirk des Weltkinogeschehens angesiedelte Bergdorftrance "Bal", Kritik).

Daneben gab es so ziemlich alles, was den Wettbewerb seit Jahren ungenießbar macht: prätentiöse Todlangeweile von wenig begabten Epigonen (Rafi Pitts' "The Hunter", Alexei Popogrebsky endlose Arktis-Erstreckung "How I Ended This Summer"), inkompetenter Gutgemeintheitsschmarrn aus deutschen Landen ("Shahada") und dann noch amerikanisches Indie-Kino aus dem unteren Regal ("Greenberg", Kritik). Noch ihre Tugenden schlagen der Berlinale zum Nachteil aus. Treue zu Filmemachern ist eine feine Sache. Wenn das allerdings heißt, dass man Jahr für Jahr wieder das neue halbgebackene Brot einer in keiner Weltkinorangliste verzeichneten Größe wie Pernille Fischer Christensen ertragen muss, dann sei auf diese Tugend gepfiffen. "If I Want to Whistle, I Whistle!" (Kritik) übrigens war zwar auch nur rumänisches Gegenwartskino zu ermäßigten Preisen, in diesem Wettbewerb aber noch eines der besten Stücke.

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Reinhold Vorschneider (rechts) mit Assistent Andy Haas beim Dreh von "Im Schatten"

Und damit einfach auch genug des Schimpfens, Klagens und Leidens. Der Wille, etwas zu ändern, besteht offenbar auf keiner Seite, die Presse tut in ihrer übergroßen Mehrzahl einfach so, als sei, was man Jahr für Jahr erlebt, total normal. Ausgebuht wird dann ein zwar missglückter, aber wenigstens etwas mutigerer Film wie Oskar Roehlers "Jud Süß" (Kritik) - da habe ich zehn Filme gesehen, die hätten das viel eher verdient. Statt also weiter Missstandsanalysen zu treiben, mache ich etwas anderes und lobe und preise einen Mann, der mehr als jeder andere in diesem Jahr eigentlich einen Goldenen Bären verdient hätte.

Ich meine natürlich Reinhold Vorschneider. Er ist der Kameramann in gleich drei der besten Filme des Festivals, die alle jenem Zusammenhang zugehören, der "Berliner Schule" genannt wird - und zu den Zusammenhängen, die es da tatsächlich gibt, gehört Vorschneider (Filmografie) nicht zuletzt. Auch er hat an der Berliner DFFB studiert, allerdings etwas früher als die Regisseurin und die Regisseure, mit denen er nun vorwiegend arbeitet. (Ein anderer Auteur, mit dem er zunächst und recht oft gedreht hat: Rudolf Thome.) Die drei erwähnten Vorschneider-Filme, die die Berlinale in diesem Jahr zeigt, sind Benjamin Heisenbergs "Der Räuber" (der einzige herausragende Beitrag im Wettbewerb), Angela Schanelecs "Orly" und Thomas Arslans "Im Schatten" (beide im Forum). Dass sie sich einen Kameramann teilen, heißt aber gerade nicht, sie wären in ihrem Stil kaum unterschieden. Das Gegenteil ist wahr und nicht zuletzt das macht die Qualitäten Vorschneiders aus.

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Dabei beginnen "Orly" und "Der Räuber" (Kritik) durchaus ähnlich. Die Kamera folgt im Schwenk einer Figur in Bewegung. (Dem einen aus größerer Nähe, der anderen mit Teleobjektiv aus einiger Entfernung.) Der eine rennt, die andere nicht. Beide beschreiben sie ungefähr einen Kreis, aber es dauert eine ganze Weile, bis man das begreift. Die Kamera gibt in dieser jeweils ersten Bewegung des Films den Raum-Figur-Zusammenhang (also das Wesen eines jeden Films) nicht sogleich und ohne weiteres preis. Er wird, könnte man auch sagen, überhaupt erst einmal hergestellt. Man schließt Bekanntschaft mit der Figur. Bei Heisenberg endet diese erste Bewegung (und nicht umsonst spricht man im Englischen in der Musik von "movements" für "Satz") mit einem Ausruf: "Rettenberger". Und Schnitt. Der Mann ist angerufen, identifiziert. Von hier an und bis zum Ende - es ist ein Verenden - sucht er dieser ersten Bewegung (im Kreis) durch Rennen und Laufen und dann zunehmend Fliehen und Lauern und gehetztes Harren, gar Verkriechen zu entrinnen.

Er kommt aus dem geschlossenen Raum par excellence (dem Gefängnis) und rennt ins Offene. Darum aber, was das ist, das Offene, geht es in allen drei der genannten Filme. Atemberaubend sind die Bewegungsformen, die Reinhold Vorschneider gemeinsam mit Benjamin Heisenberg für diese Jagd findet. Im taz-Interview mit Cristina Nord erklärt der Regisseur: "Die Kamera kann entweder mitschwenken, ihn durchs Bild laufen lassen, oder sie bewegt sich mit ihm mit. Von diesem Moment an hat man eine Aufgabe. Und dadurch, dass unsere Hauptfigur so viel läuft, hatten wir viele Aufgaben." Und jede einzelne davon wird bravourös gelöst. Zwischen der souveränen Totale-Außenposition, die etwa den Nachtstart eines Bergmarathons in ein Lichtspiel auflöst, und der gehetzten Handkamera, die dem Fliehenden durch Gänge, Räume wie durch einen Hindernisparcours folgt, beherrscht Vorschneider das ganze Vokabular des Bewegungsfilmens perfekt. Er kann Tempo machen, Harren ins Bild setzen, Zögern, er kann die Figur in der Bewegung empathisch begleiten und er kann sie mit der Kamera hetzen.

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Die zu Beginn von Angela Schanelecs "Orly" (Kritik) in einer sich nach und nach erst erschließenden Kreisbewegung gefilmte Figur lässt der Film vorläufig wieder fallen. Wie in einem Rondo schließt dieser Auftakt ohnehin ebenso an den Vorvorgänger "Marseille" (mit derselben Darstellerin als Protagonistin: Maren Eggert) an, wie er sich in Richtung des neuen Films öffnet. In dem es ins Geschlossene geht, ins Flughafengebäude von Orly. Ein ganz anderes Paradox als in "Der Räuber". Da geht es um einen Mann, der Räume am liebsten durchquert, als wären sie nichts. In "Orly" geht es um den transitorischen Raum schlechthin, den Nicht-Ort Flughafen, der aber etwas ganz anderes vorschreibt: temporäreres Verharren, Festgehaltensein. Hier gibt es nur gebahnte Wege, Schleusen. Man sitzt, geht, sitzt, während um einen herum Fremde sitzen, gehen und sitzen.

An diesem Ort muss, wer Geschichten erzählt, herausgreifend arbeiten. Genau das tut, mit zwei Kameras meist, Reinhold Vorschneider hier. Für den Film wurde nichts abgesperrt, "Orly" greift Figuren aus der Umgebung heraus, indem er sie in sie bettet. Die Kameras stehen entfernt, die Paare, Passante, Passagiere die sitzen, gehen und warten, sind im Bild, ohne recht zu begreifen, was geschieht. Sie kümmern sich um die Kamera nicht. Die verhält sich, ganz anders als in "Der Räuber", selbst wie ein Raubtier. Eines aber, das zwar aufmerksam, wach, aber gerade nicht auf Beutejagd ist. Sie fokussiert einzelnes, das wichtig ist, überscharf aus der Umgebung heraus. Dann fokussiert sie zurück zur Umgebung. (Fantastisch ist auch der Ton, den man direkt als Ambient-CD pressen könnte. Mehr als nur eine lobende Erwähnung auch für den Tonmann Andreas Mücke-Niesytka.)

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Auch die erste Einstellung von Thomas Arslans "Im Schatten" (Kritik) ist unglaublich toll. Anders als bei den beiden anderen Filmen ist sie statisch. Ein Blick auf eine Straßenkreuzung, Friedrichstraße, Berlin. Buchstäblich ein Bild, das man sich eine halbe Stunde ansehen könnte, so reich ist es an Details, Bewegung, Verteilungen von Licht und Lichtern auf seiner Oberfläche. Fast, als enthielte es den ganzen Film schon in sich, der sich in der Folge entfaltet, um am Ende (das auch großartig ist) an einen Nullpunkt des Licht-Figur-Raum-Zusammenhangs zurückzukehren. Mit dem, was zwischen dem ersten und letzten Bild liegt, habe ich meine Probleme; die aber sind dem Buch (Plot wie Dialoge) geschuldet, ganz gewiss nicht der Vorschneiderschen Stadterschließungsarbeit.

Das bevorzugte Bewegungsmedium des Films ist die Autofahrt. Ich weiß nicht, ob ich je so großartige Autofahrtsequenzen gesehen habe wie in diesem Film. (Wenn es zwischen dem ersten und dem letzten Bild nichts weiter gäbe als dies: Autofahrsequenzen mit Reinhold Vorschneiders Kamera, er wäre ein makelloses Meisterwerk.) Die Kamera gleitet durch die Stadt, sie tastet in der Bewegung das Leben in ihr ab. Wiederum kann man an ein Tier denken - und liegt darin nicht etwas Richtiges: die Kamera gibt im besten aller Fälle als scharfer und geschärfter Sinn zu sehen, ohne zu denken; sie blickt nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Tier: gerichtet, in einem von den Reizen der Außenwelt bestimmten Zustand höchster Aufmerksamkeit -, aber hier vielleicht eher: ein Alligator? Freilich auf Rädern. Aus den Augen eines Alligators auf Rädern gleitet in Arslans "Im Schatten" unser Blick durch Berlin. Durchs Fenster des Autos wird die Stadt zum Terrain. Genre heißt hier Verfremdungsarbeit: Es zählen nur ganz bestimmte Details. Verfolgerblicke, Beobachtungsblicke. Geheftete Blicke.

9 Kommentare

Stichwörter: abschlusstext, angela schanelec, benjamin heisenberg, der räuber, dieter kosslick, im schatten, kamera, orly, reinhold vorschneider, thomas arslan, wettbewerb 2010

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JoergH

22.02.2010 um 07:37:58 Uhr

@EK:

Der vergleich mit dem Corolla trifft es gut: Ein gutes Auto, aber kein Formal1-Renner. Shahada ist eben auch ein ordentlicher bis guter, aber kein herausragender Film und wäre im Panorama oder der Perspektive Deutsches Kino sicherlich besser aufgehoben gewesen. Andererseits, wenn ich die allgemeinen Klagen über die Mittelmäßigkeit des Wettbewerbs höre - warum den Film nicht dort lassen.
Mir scheint es, dass Shahada die geballte Frust der Kritiker abbekommen hat, die den ganzen Wettbewerb darauf gewartet haben, endlich ein einziges herausragendes Kunstwerk geboten zu bekommen und dann doch nur durchaus schmackhafte Hausmannskost vorgesetzt kriegten. Wenn ich ehrlich bin, erscheint mir das doch ein wenig unfair, diesem einen Film die gesammelte Frustration über den uninteressanten Wettbewerb aufzubürden. Wäre Shahada am zweiten Wettbewerbstag gelaufen, wäre das Urteil sicherlich milder ausgefallen.
Wenn man dann auch noch dem Gerede, es sei ein großer Film zur Islamdebatte, auf den Leim geht und die drei Geschichten um Alltagsprobleme mit politischem Popanz aufgeladen werden, nervt es natürlich nur noch. Mag ja sein, dass Kosslick da seine Vorlieben hat. Aber lassen sie uns doch den Regisseur ernstnehmen, wenn er sagt, es sei kein Film über Religion.
Ich als glücklicher Filmamateur kann mich jedenfalls über einen gelungenenen Abend drei ruhigen Alltagsgeschichten freuen, statt mich darüber zu ärgern, dass ich schon wieder kein herausragendes Kunstwerk gesehen habe. Das ist das Privileg desjenigen, der nur gelegentlich ins Kino geht und auf der Berlinale nur fünf Vorstellungen besucht. Und wenn ich Kunst will, schaue ich mir in den nächsten Tagen nochmal die "Drei Farben"-Trilogie an.

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Ekkehard Knörer

21.02.2010 um 18:52:18 Uhr

@JoergH: Danke für Ihren Kommentar, und zwar ganz ausdrücklich. Ich bin zwar nicht Ihrer Meinung, aber ich finde Ihre Erwiderung auf die "Shahada"-Kritik höchst angenehm im Ton und in der Bereitschaft, sich auf die Argumente des Texts einzulassen. Wollte ich erst einmal einfach so sagen.

Das Problem mit dem Film ist für mich einfach: Es ist kein guter Film. Er versucht sich an sehr schlichter Aufklärung über Muslime in Deutschland. Mich ärgert das, denn ich finde das eine Geringschätzung des Kinos als Kunst. Und das ist auch nicht einfach so ein Spleen von mir, wenn ich immer wieder sage: Kino ist Kunst und Kunst gibt es nicht ohne eine gelungene Einheit von Inhalt und Form. Ich will nicht das Kino als Volksbibel (bzw. Volkskoran) und nicht als Geschichtenförmigmachung von Dingen, die man auch in klaren Sätzen sagen kann. Kunst funktioniert nicht so, dass man einen Inhalt und Thesen und eine zu überbringende Botschaft hat und dann überlegt, wie mach ich daraus jetzt ein kleines Fernsehspiel.

Und was mich ärgert: Im Berlinale-Wettbewerb wimmelt's von Filmen, die immer nur genau das und nichts anderes tun. Die fallen damit einfach hoffnungslos und komplett hinter alle Errungenschaften des Kinos als Filmkunst zurück. Sie sind vom aktuellen Stand der Dinge Welten entfernt. Und es muss doch bei einer solchen Wettschau darum gehen, das Tollste, das Avancierteste vorzuführen; das wo man Ah und Oh sagt und ja, auch und gerade das, was viele erst einmal nicht begreifen. Das gehört doch zum Respekt vor der Kunst - damit zu rechnen, dass da jetzt ein Objekt kommt, mit dem man vorderhand erst einmal nichts anfangen kann. Das Inkommensurable (jetzt gibt es gleich wieder Schelte) ist doch ein enorm wichtiger Aspekt des Kunstwerks.

Oder, um es mit einem etwas schmerzhaften Vergleich zu sagen: Ich schick doch auch keinen Toyota Corolla in ein Formel-1-Rennen. Gewiss, das ist auch ein Auto und kommt auch über die Runden. Bei Kosslick tuckert aber ein Corolla nach dem andren vorbei. Und ab und zu sogar mit krachendem Auspuff ein Audi aus den Achtziger Jahren. Das sieht sehr seltsam aus neben den wenigen Boliden und schnittigen Flitzern wie "Shutter Island" (kein großartiger Film, aber des Wettbewerbs wär er würdig gewesen) oder "Der Räuber". Ganz abgesehen davon, dass dann implizit auch noch behauptet wird, das seien irgendwie alles gleich tolle Autos.

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JoergH

21.02.2010 um 06:34:16 Uhr

@TPfanne & @EK:

Mich fasziniert dass "Shahada", trotz oder wegen der relativ breiten Verrisse, offenbar zu den mit am meisten diskutierten Filmen dieses Wettbewerbs gehört. Zumal ein großert Teil der Verrisse von deutschen FilmkriterInnen ohne Migrationshintergrund bei mir den Eindruck hinterlässt, was ihnen an dem Film vor allem nicht gefällt ist, dass ihr Bild, das sie von MuslimInnen in Deutschland haben, nicht bestätigt wird. Was sind schon Muslime filmisch wert, die weder Terroranschläge planen noch emanzipationswillige Frauen um ihr Leben bringen. Ein Verriss wie der von Lukas Foerster, der die sicherlich vorhandenen Defizite in Ästhetik und Dramaturgie klar benennt, bleibt da die löbliche Ausnahme.
Trotzdem halte ich Shahada für einen guten Film, weil er unter der Oberfläche, die vorgibt, etwas über "Muslime" sagen zu wollen, vor allem Geschichten über Zwang und Individualität, über Selbstfindung und gesellschaftliche Konventionen erzählt, die in jedem Film über junge Menschen in Berlin wieder auftauchen könnten. Vielleicht ist Shahada kein Film für den Wettbewerb eines internationalen A-Festivals, aber er ist sehr Berlin und wirklich gute Fernsehkost - in der ZDF-Fernsehspielreihe, für die er produziert wurde, wäre er ein Juwel. Dass der Titel "Shahada" als Bezug auf das muslimische Glaubensbekenntnis den völlig falschen Eindruck erweckt, der Film habe etwas allgemeingültiges über Muslime in Deutschland zu sagen, möchte ich dem Film dabei nicht anlasten. Dies mag auch der "Richtlinie zur gesellschaftlich relevanten und politisch Korrekten Betitelung von Fernsehspielen durch ZDF-Redakteure in der Version vom 11. Mai 1992" geschuldet sein.
Grüße,
JH

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Ekkehard Knörer

20.02.2010 um 15:48:57 Uhr

@tpfanne: Das ist mir jetzt eigentlich zu dumm. Aber trotzdem in aller Kürze: Wo hat denn irgendwer was von Inhaltslosigkeit gesagt? Es geht doch genau darum, dass und wie Inhalt und Form sich so verschränken, dass diese Unterscheidung uninteressant wird. Und während ich zwar keinem Film einen Inhalt vorschreiben will, sehe ich doch sehr gerne kluge Formen der Auseinandersetzung mit Gegenwartsphänomenen. Dass justament auch in dieser Hinsicht "Der Räuber" der viel interessantere Film ist als die von Ihnen genannten, will Ihnen bestimmt nicht in den Kopf, weil Sie Kunst irgendwie als Ratgeberbuch zu brennenden Themen missverstehen. Das ist aber so: weil "Der Räuber" nämlich hoch spannende Fragen stellt, indem er Mensch und Gesellschaft, Bewegung, Bild, Motiv und Aktion vs. Aktivität, Subjekt vs. Tierhaftigkeit etc. in einen alles andere als eindeutigen und umso faszinierenderen Zusammenhang bringt.

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tpfanne

20.02.2010 um 15:28:02 Uhr

Dass Kunst sich völlig von Können ablöst, ist hoffentlich eine Tendenz, die die Apologeten der Inhaltslosigkeit (nur die "Form" zählt) nicht bis in letzte Konsequenz auszuleben bereit sind ? Oder ist ihr Leben so langweilig, dass ihnen das Betrachten eines Aquariums "formal" perfekt - sogar 3 D in höchster Auflösung - als vollendeter Kunstgenuss erscheint ?

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Ekkehard Knörer

20.02.2010 um 11:47:12 Uhr

@Hagen Moll: Das mit der Kritik am Begriff "satisfaktionsfähig" verstehe ich nicht ganz; aus seinem ursprünglichen engen (Duell-)Kontext hat der sich doch schon ein ganze Weile ins Allgemeinere davongemacht. Und dass es Dinge und Menschen gibt, mit denen man sich, weil es einfach nicht lohnt, nicht mal schlagen und streiten will, naja, das scheint mir, ehrlich gesagt, evident.

Und natürlich ist das Kino Kunst, die im Kontext von Industrie und Unterhaltung steht. Aber da wo Unterhaltung eine spannende Form gewinnt, da ist sie Kunst. Bei Industrieprodukten dito. Nur so meine ich das. Interessanterweise verachtet Dieter Kosslick ja nicht nur die strengen Formen von Kunst, sondern auch die gelungenen Formen der Unterhaltung (wie anders ist zu erklären, dass er "The Kids Are Allright" und "My Name is Khan" gönnerhaft in den Wettbewerb nimmt, dann aber mit eisiger Verachtung so sinnlos außer Konkurrenz stellt?).

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Hagen Moll

20.02.2010 um 11:14:11 Uhr

Interessante Bewertung! Ich gehe schon seit Jahren nicht mehr in Wettbewerbsfilme und teile Ihre Einschätzung in puncto Kosslick. Die Berlinale ist viel zu aufgeblasen und unkonzentriert geworden. Jedes Jahr eine neue Sektion!
Es stört mich aber an Ihrem Vokabular der Begriff "satisfaktionsfähig". Das Assoziationsfeld ist einfach dumm. Auch wenn es gewiss ironisch ist, den Begriff im Perlentaucher zu verwenden ;-)
Und: Kino ist sicher Kunst, aber doch wohl auch Industrie, Konsum, Unterhaltung und - warum nicht - Ideologie.

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Ekkehard Knörer

20.02.2010 um 08:12:48 Uhr

Geschätzte/r Herr oder Frau T (wie Teflon?) Pfanne. Nur ein Satz: Film ist eine Kunst und darum geht es um Form, nicht um Gesinnung, Themen und Thesen. Punkt.

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tpfanne

20.02.2010 um 02:38:05 Uhr

Wenn so genanntes "Dumm-Erbauliche (exemplarisch in diesem Jahr: "Shahada"", gegen den völlig überflüssigen Zeitdiebstahl-Film "Räuber" zu Lasten des Ersteren gegenübergestellt wird, fragt sich, ob der Kritiker sich für gesellschaftliche Probleme interessiert; der für mich und die Verfasstheit unserer Berliner Gesellschaft relevanten Frage nachzuspüren, warum Autoren von Mohammed-Karikaturen Besuch von Moslems mit dem Hackebeil bekommen, gehen verdienstvoller Weise Filme wie der Erstgenannte oder "Na Putu" nach. Andere Filme, wie die vom Kritiker gelobten Langeweiler sind für Leute geeignet, die Zeit totzuschlagen haben und daher die innere Befindlichkeit bei der Betrachtung von Ergüssen politisch Desinteressierter für den Nabel der Filmwelt halten.
Loben kann ich an der Kritik nur die Verteidigung von "Jud Süß" - allerdings mit der falschen Begründung: Mutig ist der Film nicht, aber aufklärerisch: Wenn man aus dem Kino als besserer Mensch (vielleicht weniger konformistischerer) herauskommt, als man hineingegangen ist, das ist doch schon was !

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