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Gott auf zwei Rädern: Koji Wakamatsus 'Caterpillar'
Von Ekkehard Knörer, 16.02.2010, 09:40

So abspannhaft nüchtern ist noch selten ein Vorspann über die Anfangsbilder eines Spielfilms getickert. Die Bilder, über die die Schriftzeichen laufen, sind Dokumentaraufnahmen von Kämpfen und Zerstörungen aus dem Zweiten Weltkrieg, allerdings nachträglich mit Kriegskampfkrach und Kriegsfeuerlärm synchronisiert. Vom Dokumentarfilmkriegsfeuerlärm schneidet in einer Art trockenem Match Cut Koji Wakamatsu dann hinüber ins Spielfilmbild. Man sieht: eine Vergewaltigung hinter mit billigem Digitaleffekt in die Bilder kopiertem Feuer. Der Effekt und das Geschehen gehen eine Verbindung ein, aber sie ist sichtlich künstlich. In diesem extrem sachlich dissoziierten Dokumentarbild-Spielfilmübergang setzt Koji Wakamatsu die Parameter, an die er sich fortan konsequent hält.
Der billige Digitaleffekt ist Absicht, wie der alles andere als slicke Digitalvideolook des Films überhaupt. Kein ästhetisches Jota geht Wakamatsu über das hinaus, was er für seinen Film braucht. Mit Historienfilmen, die Geschehenes für ihr Publikum in Illusionismus packen, hat "Caterpillar" absolut nichts gemein; vielmehr ist er das Nonplusultra des Widerspruchs zu dieser Form von erbaulichem Nacherlebenskitsch. Hier wird nicht nacherlebt. Hier wird nicht eingefühlt. Hier wird dem geneigten Publikum, so klar zutage liegt, was der Film sagt, auch keine Botschaft überbracht. "Caterpillar" ist vielmehr ein Vorschlaghammer, den Wakamatsu uns ohne Trara vor den Kopf rammt.
Ein Mann kehrt zurück aus dem noch andauernden Krieg. Oder nein, man muss sagen: Er wird zurückgebracht. Mit Orden, Fahnenschwenken, Gesang und Fanfaren. Seine Frau rennt, als sie ihn sieht, schreiend davon: "Das ist er nicht, das ist nicht er." Wakamatsu setzt den Mann an die Wand und rückt in drei vier Einstellungen wie Axthieben seine Verstümmelung ins Bild: Armstümpfe, Beinstümpfe, verschmurgelte Kopfhaut. Er ist taub, er kann nicht mehr sprechen. Da liegt er. Ein Fremdkörper, wenn es je einen gab. Ein Es eher als ein Er. Seine Augen starren, sein Mund formt gurgelnde Laute. Es will etwas von seiner Frau. Es muss pissen. Es ergreift wie ein wildes Tier mit den Zähnen den Gürtel der Frau. Es will Sex. Wieder. Wieder. Wieder. Es ist, was aus einem Menschen der Krieg macht. Ein heillos traumatisiertes Bündel aus Trieben. Die größte denkbare reductio ad absurdum des Kriegers als Held.
Wakamatsu ist ein Veteran des japanischen Kinos. Ein Pionier und ein Meister, um präzise zu sein, nicht zuletzt des pinku eiga, jenes einzigartigen Genres des von den großen Studios produzierten Softpornofilms. In den Sechzigern drehte er wie am Fließband. Allein für das Jahr 1965 verzeichnet die IMDB sieben Filme. Einer davon - "Affairs Within Walls" - lief, kaum zu glauben, im Wettbewerb der Berlinale. Wakamatsu produzierte auch Nagisa Oshimas "Im Reich der Sinne", den Ulrich Gregor einst, zum Entsetzen des Festivalleiters und -Gründungsdirektors Alfred Bauer, im Forum zeigte. Es ging eine Strafanzeige gegen ihn ein, der Film wurde beschlagnahmt. (Und Gregor zeigte ihn trotzdem. Es waren andere Zeiten.)
Wakamatsu war immer und ist bis heute ein radikaler Linker. Umso schonungsloser fiel in seinem letzten Film "United Red Army" (im Forum vor zwei Jahren zu sehen) die Abrechnung mit der radikalen japanischen Linken der Siebziger aus, die in Terror abglitt und Selbstzerfleischung. Die Radikalität, mit der er nun in "Caterpillar" das japanische Selbstbild destruiert, kennt in einem Land, das zu kritischer Aufarbeitung der Vergangenheit sowieso nie geneigt war, wohl kaum ihresgleichen.
An der Wand des Hauses, auf dessen Boden der heimgekehrte Stummelkrieger sich krümmt, ist eine Art Altar aufgebaut. Er versammelt die Insignien des erfolgreichen Soldaten: die Orden, das Bild des Kaiserpaars, ein Zeitungsausschnitt, der den Mann feiert. Insistent schneidet Wakamatsu wieder und wieder vom speichelnden, fickenden, von der Erinnerung geschüttelten Bündel zu diesem Altar. Er verhöhnt, man kann es anders nicht sagen, den Kaiser, das Heldentum, die Armee und den Patriotismus. Die Bewohner des Dorfes nennen ihn immer nur "Kriegsgott". In einem Wagen, den seine Frau zieht, macht er Ausflüge als Gott auf zwei Rädern.
Das Insistieren, das Wiederholen sind die Grundgesten des Films. Hier finden keine Entwicklungen statt. Zur Wiederaufnahme des Rückkehrers ins Leben kommt es nicht. Niemand wird errettet oder erlöst. Aus dieser Raupe wird nie ein Schmetterling schlüpfen. Es wird stattdessen ein Sachverhalt zu Ende gedacht. Der Krieg ist ein Monster, das Fremdkörper produziert, die in die symbolische Ordnung nicht mehr integrierbar sind. Oder, genauer, nur um den Preis der Verleugnung, und hier ganz konkret: der Selbstaufopferung der Frau für die Ideologie. Nicht mehr, nicht weniger zeigt der Film mit einer Konsequenz, die ihn auch für den Zuschauer zur Tortur macht.
Das hat einerseits seine Richtigkeit. Es besteht auch kein Zweifel, dass dieser ganz und gar verfinsterten Vision eine humanistische Haltung zugrundeliegt. Und doch gelingt es mir andererseits nicht, zu diesem Film vorbehaltlos Ja zu sagen. Vielleicht weil ich finde, dass er sich in seiner Konsequenz doch zu sehr einschließt. Vielleicht, weil der Spielfilm für die emblematische Anordnung, die er darstellt, in letzter Instanz nicht die passende Form ist. Was nichts daran ändert, dass "Caterpillar" das Nonplusultra des Widerspruchs gegen ein sozialdemokratisches Verständnis der Welt ist.
Koji Wakamatsu: "Caterpillar". Mit Shinobu Terajima, Shima Ohnishi, Ken Yoshizawa. Japan 2010, 85 Minuten (Wettbewerb, Vorführtermine)
Stichwörter:
16. februar 2010, caterpillar, japan, koji wakamatsu, sex, wettbewerb 2010
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